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Montag, 18. Februar 2019

Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 9.5: Lauterstein-Nenningen - Weltkunst am Fuße der Alb - Die Nenninger Pietà

© Gabriele von Trauchburg



Die Nenninger Pietà entstand direkt nach der Überwindung einer großen Hungersnot und in deren Folge mit vielen Toten. Diese Figurengruppe, die großes Leid widerspiegelt und gleichzeitig aufzeigt, dass selbst die zentralen christlichen Figuren schweres Leid ertragen und überwinden konnten, spendet dem Betrachter Trost und Hoffnung. 

Pieta oder Vesperbild

Der italienische Fachbegriff ‚Pietà’ bedeutet übersetzt ‚Mitleid,  Frömmigkeit’. In der bildenden Kunst versteht man darunter die Darstellung Mariens als Mater Dolorosa (Schmerzensmutter) mit dem Leichnam des gerade vom Kreuz abgenommenen Jesus Christus.
Neben dem aus der italienischen Sprache abgeleiteten Fachbegriff wird auch oft die deutsche Bezeichnung Vesperbild verwendet. Bei der Zuordnung der Horen (Stunden im Stundengebet) des Breviers zu bestimmten Stationen der Passion Christi wurde die Kreuzesabnahme der abendlichen Vesper zugeordnet. So kam es für die Darstellung des Moments nach der Kreuzesabnahme zur Bezeichnung ‚Vesperbild’.


Pietà-Darstellungen im Laufe der Geschichte

Seit dem 14. Jahrhundert setzten sich zahlreiche berühmte Künstler mit diesem Thema auseinander. Das 14. Jahrhundert war in seinem gesamten Verlauf von sehr viel Leid geprägt: Zwischen 1315 und 1317 litt das nördliche Europa unter der ‘Großen Hungersnot’.
Eybacher Pietà, um 1320 - © GvT
Ab den 1330er Jahren bis 1347 wurde wegen der Auseinandersetzungen zwischen dem Papst und Kaiser Ludwig dem Bayern der Gottesdienst in den Regionen seiner Anhänger verboten. Die frühen Pietà-Skulpturen lassen sich somit als Beleg für die politische Zugehörigkeit zum kaiserlichen Lager in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts anführen.
Kaum war der umstrittene Kaiser Ludwig d. Bayer 1347 verstorben, wurde Europa zwei Jahre später von der ersten Pestepidemie heimgesucht. Wenige Jahre später kam es zu einem erneuten Ausbruch dieser Seuche. Wieder wurden die Kirchen geschlossen. Damit die Bevölkerung dennoch ihren Glauben leben konnte, wurden besondere Schwerpunkt für die tägliche Verehrung geschaffen: die Pietà-Gruppe oder die Nothelfer (vgl. Teil 6.3.).  
Gerade das Bild von der Muttergottes, die ihren sterbenden Sohn im Arm hält, spricht Menschen in allen Schichten und jeden Alters an. Man kann sich damit identifizieren und am Ende Trost aus dem Wissen schöpfen, dass selbst Maria nicht vor schmerzhaften Lebenslagen gefeit gewesen war.
Es ist daher kein Wunder, dass sich selbst die wichtigsten Künstler in der Vergangenheit bis in die Gegenwart mit dieser Thematik auseinandergesetzt haben, darunter Michelangelo Buonarroti, Giovanni Bellini und Vincent van Gogh. 

Die Nenninger Pietà

Unwillkürlich fragt man sich, weshalb ausgerechnet ein bayerischer Künstler den Auftrag erhalten hatte, für ein kleines schwäbisches Dorf eine derartig monumentale Gruppe anzufertigen - gab es etwa keinen schwäbischen Bildhauer, der ein ähnliches Werk hätte schaffen können?
Bozzetto, vermutlich von der Nenninger Pietà, Bayerisches Nationalmuseum München - © GvT
Ganz offensichtlich wollte Maximilian Emanuel von Rechberg einen ihm bekannten Künstler, aus welchen Gründen auch immer. Die Pietà sollte die ansonsten schmucklose neue Kapelle ausfüllen und den Betrachter entsprechend beeindrucken. Es ist nicht bekannt, ab welchem Zeitpunkt der Kontakt zwischen Auftraggeber und Künstler begann - wahrscheinlich schon 1773, als die alte Kapelle abgerissen wurde.
Es scheint einen längeren Entscheidungsprozess bis zur endgültigen Ausführung gegeben zu haben, denn zwei Bozzetti, die zur Nenninger Pietà gehören dürften, sind überliefert - einer in Stuttgart und einer in München.
Franz Ignatz Günther schuf mit der Nenninger Pietà eine aus Lindenholz geformte Figurengruppe, deren Größe von den Aus-maßen des Chores der Kapelle bestimmt wurde. Aus diesem Grunde sind beide Figuren über-lebensgroß. Der Fass-maler, mit dem Günther hier zusammengearbeitet hat, ist nicht überliefert. Das Ergebnis der Zusammenarbeit beider Künstler ist jedoch berührend, beeindruckend, ausdrucksstark.  
Man sieht die imaginäre, nicht in der Bibel überlieferte Szene  direkt nach der Kreuzabnahme von Jesus. Man stellte sich vor, dass Christus - bevor er zu seinem Grabmal gebracht wurde - noch einmal seiner anwesenden Mutter in den Schoß gelegt worden war. In der von Günther gestalteten Szene lässt er die Muttergottes den Kopf und die linke Hand ihres Sohnes stützen. Dabei gleitet er seiner Mutter langsam aus dem Schoß, sein linkes Bein schwebt in der Luft.
Franz Ignatz Günther, Nenninger Pietà, 1774 -  © GvT
Die untröstliche Maria weint. Ihr Blick ist auf ihren gerade verstorbenen Sohn gerichtet. Ein lebengider Hauch von rosa liegt auf ihrem Gesichts. Bei Jesus Christus ist diese lebendige Hautfarbe bereits in ein für Tote typisches blau unterlaufenes weiß übergegangen. Diese besondere Farbwahl nimmt die sichtbare Gestaltung des Herabgleitens aus dem Schoß der Mutter nun im übertragenen Sinne für das Hinweggleiten vom Leben in Tod auf.
Franz Ignaz Günther hat in diese Figur all die schrecklichen Erfahrungen seiner Familie während der vorangegangenen Hungerkatastrophe in dieses Bildwerk eingebracht - mehrere seiner Kinder verstarben in dieser Zeit. Seine Frau starb, als die Nenninger Pietà an ihrem Bestimmungsort angekommen war. Kein Wunder also, dass diese Figurengruppe derart ausdrucksstark gelungen ist.
Der Künstler selbst war ebenfalls zu diesem Zeitpunkt bereits krank. Die Nenninger Pietà war sein letztes Werk, er starb nur wenige Monate nach deren Vollendung am 27. Juni 1775.

Der Weg der Pieta nach Lauterstein-Nenningen

Für das Zeitalter des Rokoko war die Feldkapelle kurz nach der Bebauung noch äußerst sparsam dekoriert. Deshalb sorgte der tiefgläubige Patronatsherr Maximilian Emanuel von Rechberg  für eine ausreichende Ausstattung, als er bei Franz Ignaz Günther in München die Pieta anfertigen ließ. Der Bildhauer erhielt 125 Gulden für seine Arbeit.
Ein Blick in die Rechnungsbücher der rechbergischen Herrschaften zeigt, dass im entsprechenden Zeitraum an keiner Stelle eine entsprechende Ausgabe vermerkt ist, ebenso gibt es keinen Brief oder eine Rechnung von Franz Ignaz Günther. Diese Beobachtung läßt nur einen einzigen Schluß zu: Maximilian Emanuel von Rechberg bezahlte die durchaus beachtliche Summe von 125 Gulden für Günther nicht aus den laufenden Betriebskosten seiner Herrschaften, sondern aus seinem Privatvermögen - von dem es keine Rechnungsbücher oder Kostenbelege gibt. 
Am 8. Dezember 1774 kam der Transport mit der Figurengruppe im Dorf an. In der Festschrift von 1871 heißt es dazu: Graf Maximilian Emanuel von Rechberg ließ auch das herrliche Vesperbild (Maria den Leichnam des Sohnes im Schoße haltend) in München fertigen. Am 8. Dezember 1774 kam das Bild hier an und wurde Herrn Ignaz Günther 125 fl dafür bezahlt.

Die kunsthistorische Bedeutung der Nenninger Pietà

Kunsthistoriker bezeichnen die Figurengruppe nicht nur als technisch, sondern auch in ihrer ausdrucksstarken Form und künstlerischen Potenz als vollendet. Sie ist die letzte der drei Pietà-Gruppen von Günther.
Dieses eindrucksvolle, überlebensgroße Kunstwerk markiert in der Bildhauerei den Endpunkt des süddeutschen Rokokos. Die Nenninger Pietà ist also nicht nur Günthers größtes Meisterwerk, sondern es markiert eine Epochengrenze in der Kunstgeschichte!!!
Der Umstand, dass es von einem bayerischen Künstler erschaffen und von einem schwäbischen Mäzen erworben wurde sowie bis heute an seinem Originalstandort verblieb, statt in einem bedeutenden Museum aufgestellt zu werden, bewirkte, dass es in der Forschung zwar bekannt, bisher aber kaum thematisiert wurde.
Bis heute wird der Wunsch des Stifters und der Erbauer der Kapelle respektiert. Zuerst eine Wegkapelle wurde sie am Beginn des 20. Jahrhunderts in eine Friedhofskapelle umgewandelt. Heute liegt die Kapelle in der Nähe einer stark befahrenen Bundesstraße - dennoch bietet sie seit rund 230 Jahren täglich den an ihr vorbeikommenden Menschen einen Ort der Besinnung und der Hoffnung für Trostsuchende sowie Raum für die Bewunderung einer einzigartigen Skulptur.

Quellen und Literatur

- GRFAD - Einschlägige Archivalien zur Pietà-Kapelle in Lauterstein- Nenninger
- Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg (Hrsg.), Dokumentation zur Untersuchung und Restaurierung der Pieta von Ignaz Günther in der Friedhofskapelle zu Nenningen, bearb. v. Anne-Kathrin Läßig, Stuttgart 2005

Mittwoch, 13. Februar 2019

Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 9.4: Franz Ignaz Günther, Bildhauer der Nenninger Pietà

© Gabriele von Trauchburg


Franz Ignaz Günther (1725-1775) entstammt einer Familie, die schon mindestens zwei Generationen vorher sich kunsthandwerklich betätigte. Seine ersten Erfahrungen in der Bildhauerei sammelte Günther in der väterlichen Schreinerei im Markt Altmannstein (Lkr. Eichstätt) in der bayerischen Hofmark Hexenagger.

München
Im Alter von 19 Jahren erhielt er die große Chance, bei dem renommierten und hochangesehenen Münchner Bildhauer, Johann Baptist Straub, seine Ausbildung fortzusetzen.
Johann Baptist Straub ist für unsere Region kein Unbekannter. Straub kommt aus bayerischen Herrschaft Wiesensteig. Er selbst, seine Brüder und Vettern beeinflussten die Entwicklung der Barockbildhauerei im gesamten südöstlichen Raum des Kurfürstentums Bayern und der Habsburger Monarchie. Von 1743 bis 1750 war Günther Schüler von Johann Baptist Straub in München. 

Wanderschaft
Nach Abschluss der Ausbildung bei Straub begab sich Günther ab 1750 auf die von der Berufsausbildung erwarteten Wanderschaft. Sie führte ihn zunächst nach Salzburg (1750), anschließend zum Hofbildhauer Paul Egell in Mannheim (1751/52). In Mannheim gab es damals die große Baustelle des Schlosses von Pfalzgraf und Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz sowie Herzog von Jülich-Berg. Hier begegnete er den besten Künstlern und Kunsthandwerkern seiner Zeit. Und er bekam die Gelegenheit zur Mitarbeit unter Egell. 
1752 findet man dann Günther in Olmütz in Mähren. Er arbeitete dort in der Werkstatt eines lokalen Bildhauers. Als dieser verstarb beendete Günther den Auftrag für einen Altar, der dann in das nahegelegene Geppersdorf (Kopřivnà, Tschechien) ausgeliefert wurde.

Wien, Akademie
Im folgenden Jahr begab sich Günther zur weiteren theoretischen Ausbildung in die Bildhauerklasse der Akademie in Wien (1753), die er mit 'Premium' abschloss. Bereits dort zeigte sich das umfassende Talent von Franz Ignaz Günther. Obwohl er seinen Abschluss in der Bildhauerklasse machte, zeigte er ebenso große Fähigkeiten beim Zeichnen. Er war also in der Lage, ein Werk vom Zeichenentwurf bis zum Abschluss der
Bildhauerarbeiten zu gestalten. Doch mit dem Abschluss der Arbeiten am Holz war für Günther die Arbeit noch lange nicht abgeschlossen. Bereits anhand seiner Entwürfe lässt sich erkennen, in welcher Form die farbige Fassung die Aussagekraft der Figur unterstützen sollte. Günther arbeitete später eng mit sogenannten Fassmalern - Maler, die die farbige Fassung eines Kunstwerkes vornahmen - zusammen und verdeutlichte dabei genau, welche Effekte er bei jedem einzelnen Werk wünschte. Deshalb spricht die Fachwelt in diesem Zusammenhang auch von der ‘Günther-Fassung’

München
Nach München kehrte Franz Ignaz Günther im Jahre 1754 zurück. Nachdem sich Bayern langsam von den Folgen des Österreichischen Erbfolgekrieges erholte, konnte er es wagen, sich selbstständig zu machen. Dazu ließ er sich vom Zunftzwang befreien und gründete seine eigene Werkstatt. Ab dieser Zeit war er hauptsächlich für kirchliche Auftraggeber tätig, schmückte mit seinen lebensgroßen Figuren aber auch die Münchner Adelspalais aus.

Hochaltar in St. Joseph, Starnberg - © GvT
Ab 1757 machte er eine gute Partie, als der Maria Magdalena Hollmayr, Tochter eines Silberhändlers aus Huglfing heiratete. Unter den Fachleuten geht man davon aus, dass ihm seine Frau bei weiblichen Figuren Modell stand, dann deren Gesichter ähneln sich stark. 
Das Paar hatte insgesamt neun Kinder hervor. 1761 erwarb die Familie ein Anwesen am Oberen Anger in München, das nur wenige hundert Meter vom Palais des Maximilian Emanuel von Rechberg entfernt lag.
Franz Ignaz Günther war schon bald nach seiner Rückkehr ein gefragter Künstler. Dies liegt daran, dass seine Figuren einen lebendigen und ausdrucksstarken Eindruck beim Betrachter hinterlassen. Diese Bildwerke gelten deshalb zurecht als Höhepunkt der Rokoko-Bildhauerei. Die Nenninger Pietà ist das letzte Werk von Franz Ignatz Günther. Sie wird deshalb in der Fachwelt als Höhe- und Endpunkt der Rokoko-Bildhauerei angesehen. Sie ist damit ein Kunstwerk, das eine Epochengrenze darstellt.

Quellen und Literatur

- Gerhard P. Woeckel, Ignaz Günther - Die Handzeichnungen des kurfürstlich bayerischen Hofbildhauers, Weißenhorn 1975
- Roger Diederen u.a. (Hrsg.), Mit Leib und Seele - Münchner Rokoko von Asam bis Günther, München 2014
- https://de.wikipedia.org/wiki/Ignaz_G%C3%BCnther
- http://www.pieta-nenningen.de/

Dienstag, 12. Februar 2019

Donzdorfer Kapellenweg - Teil 9.6: Die Nenninger Pietà - auf Ausstellungen und bei Restaurierungen

© Gabriele von Trauchburg


Wegen ihrer außerordentlichen Ausdrucksstärke fasziniert die Nenninger Pietà ihre Betrachter. Um diese Wirkung einem breiten Publikum erfahrbar zu machen, wurde sie seit den 1950er Jahren bei großen nationalen und internationalen Ausstellungen der Öffentlichkeit vorgestellt:


Nenninger Pietà mit Fassung im Stil des Historismus, Foto 1874 - © GvT
Nenninger Pietà mit purpurroter Farbprobe - © GvT
1951 - München
Für dieses Jahr hatte man in München die große Ausstellung ‘Franz Ignaz Günther’ geplant. Auch die Nenninger Pietà sollte Bestandteil dieser Ausstellung sein. Vor der Eröffnung wurde sie deshalb in München umfassend restauriert. Dabei nahm man ihre Fassung von 1855 ab.
Wie man auf dem Foto von 1874 erkennen kann, hatte der Schwäbisch Gmünder Maler Klein den Mantel der Muttergottes auf der Innenseite mit Ornamenten im Stil des Historismus dekoriert. Das Kleid der Maria war in leuchtendem Kardinalpurpurrot gestaltet (s. Foto rechts) und der Mantel in Ultramarinblau. 
Titelblatt des Katalogs von 1958
Nach der Farbabnahme kam die von Franz Ignaz Günther vorgeschriebene Originalfassung in zarten pastellartigen Farben wieder zum Vorschein. Diese Günther-Fassung konnte bis heute erhalten werden.

1951 - Stuttgart
Nach der Münchner Ausstellung zeigte das Württembergische Landesmuseum in Stuttgart ebenfalls die frisch restaurierte Pietà.

1954 - London und Paris
Dieses Jahr markiert die erste große Auslandsreise der Nenninger Pietà. Zuerst wurde sie in der National Gallery in London vorgestellt. Anschließend gastierte die Figurengruppe im Louvre in Paris.

1958 - Brüssel
Während der Weltausstellung wurde die Pietà im päpstlichen Pavillon zwischen anderen international bekannten christlichen Kunstobjekten gezeigt. Ihre Anwesenheit dort belegt der dazu erschienene Katalog.    

1960 - Anfrage aus New York
Im Jahre 1960 erreichte die Kirchengemeinde eine Ausleihanfrage aus New York. Doch der Kirchengemeinderat erteilte diesem Ansinnen einen abschlägigen Bescheid, weil das Gremium Angst um den Zustand der Figur bei einer derartig weiten Reise befürchtete. 

1981 - Bruchsal
Vom 27. Juni bis zum 25. Okt. 1981 fand im Schloss Bruchsal die Ausstellung ‘Barock in Baden-Württemberg. Vom Ende des 30jährigen Krieges bis zur französischen Revolution’ statt. Das Badische Landesmuseum Karlsruhe hatte diese Ausstellung unter der Schirmherrschaft des damaligen Ministerpräsidenten Lothar Spät organisiert.

2003-2004 - Stuttgart
In der Zeit zwischen 2003 und 2005 wurde die Pietà-Kapelle und zugleich die Nenninger Pietà einer gründlichen Renovierung bzw. Restaurierung unterzogen. Dazu kam die Nenninger Pietà in die Räume des Landesamtes für Denkmalpflege Baden-Württemberg. Im Verlauf der Arbeiten wurde die Figurengruppe intensiv untersucht. Und dabei kam erstaunliches zutage.
Erstmals wurde dabei untersucht, mit welchem Verfahren Franz Ignaz Günther die überlebensgroßen Figuren zu einem einzigen Bildwerk zusammengesetzt hatten. Mit Hilfe eines farbigen Schemas erläuterten die Restauratoren ihre Ergebnisse. Die Figurengruppe ist aus Lindenholz geschnitzt. Für das Gesamtergebnis verwendete Franz Ignaz Günther 18 verschiedene, kunstvoll miteinander verdübelte Holzblöcke (s. Schema, Landesamt f. Denkmalpflege Baden-Württemberg).
Schema - © Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg


2004-2005 - Stuttgart
Nach Abschluss der Restaurierungsarbeiten wurde die Nenninger Pietà von Oktober 2004 bis Mai 2005 im Alten Schloss in Stuttgart in der Ausstellung ‘Große Kunst im Kleinformat’ gezeigt.

2014 - Nenningen
Im Zuge der Vorbereitungen für die Ausstellung ‘Leid - Trost - Hoffnung. Marienklagen im Wandel der Zeit’ anlässlich des 240. Jubiläums der Nenninger Pietà in der Pietà-Kapelle beurteilte das Landesamt für Denkmalpflege deren Zustand. Aufgrund der Erkenntnisse von 2004 wurde beschlossen, dass die Nenninger Pietà zu wertvoll ist, um irgendwelchen zusätzlichen Belastungen ausgesetzt zu werden. Sie darf daher nicht mehr bewegt werden, keine Reise zu irgendeiner Ausstellung mehr antreten und nur noch im Kapellenraum selbst von Schmutz gereinigt und restauriert werden. 
Aus diesem Grund musste die Kirchengemeinde Nenningen schweren Herzens der Anfrage zur großen Ausstellung ‘Mit Leib und Seele - Münchner Rokoko von Asam bis Günther’ (Dez. 2014 - April 2015) ablehnen.

Quellen und Literatur

- Imago Christi, Katalog des päpstlichen Pavillions bei der Weltausstellung in Brüssel, Antwerpen 1958
- Adolf Feulner, Ignatz Günther - Der große Bildhauer des bayerischen Rokoko, Katalog, München 1951
- Gabriele von Trauchburg, Leid - Trost - Hoffnung. Marienklagen im Wandel der Zeit, Katalog, Donzdorf/Lauterstein 2014
- Gabriele von Trauchburg, Lauterstein. Weißenstein-Nenningen, Kirchenführer, Lauterstein 2015
- www.pieta-nenningen.de








Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 9.3: Der Stifter der Nenninger Pietà

© Gabriele von Trauchburg


Den Auftrag für die heute weltberühmte Pietà des bayerischen Hofbildhauers Franz Ignaz Günther hatte der damalige Nenninger Dorf- und Patronatsherr, Freiherr Maximilian Emanuel von Rechberg erteilt, der in München der bayerischen Kurfürstin Anna Maria Sophie als Oberhofmeister diente.


Franz Ignaz Günther, Nenninger Pietà, 1774 - © GvT

Maximilian Emanuel von Rechberg als Mäzen und Auftraggeber

Maximilian Emanuel von Rechberg, geboren 1736 in München ist der Auftraggeber und Stifter der Nenninger Pietà des Franz Ignaz Günther. Maximilian Emanuel war der Sohn von Johann Bero von Rechberg-Kellmünz-Osterberg und dessen Ehefrau Maria Theresia von Lösch-Hilgertshausen. Sein Vater war Oberst bei der bayerischen Kavallerie, seine Mutter war Obersthofmeisterin in München. Schon allein diese beiden Hinweise genügen, um zu erkennen, dass Maximilian Emanuel wohl mehr Bindungen nach Bayern hatte, als man das hier im Lautertal zunächst vermuten würde.
Die Familie lebte während des Winters in München und im Sommer in Weißenstein. Die Erklärung dafür ist einfach. Politik wurde nur von Oktober bis März oder April gemacht, im Sommer reisten die Hofmitglieder auf ihre Güter und überwachten die Arbeiten auf den Feldern - der daraus erwirtschaftete Ertrag war die notwendige Basis für das Leben im Winter am Hof.
Das Jahr 1745 war ein Schicksalsjahr für den damals 9jährigen Maximilian Emanuel. Er  verlor im gleichen Jahr seinen Vater und seinen älteren Bruder Bernhard.
Entsprechend den Familiengesetzen war nicht Maximilian Emanuel der Erbe seines Vaters, sondern sein Onkel Franz Xaver Leo, der jüngere Bruder seines Vaters. Dieser wurde nun Oberhaupt der Familie Rechberg und übernahm die Herrschaften Hohenrechberg und Weißenstein am Fuße der Schwäbischen Alb sowie Kellmünz, und Osterberg im Bereich des Illertals zwischen Ulm und Memmingen. Maximilian Emanuels Mutter, Theresia, und ihre Kinder wurden deshalb nur mit Geld abgefunden.
Doch Theresia scheint eine energische, weitsichtige und tatkräftige Frau gewesen sein. Mit der Abfindung und ihrem eigenen Vermögen erwarb sie die damals württembergische Hälfte von Donzdorf und sorgte auf diese Weise dafür, dass Maximilian Emanuel seine väterliche Heimat nicht vergaß und statt dessen sich langsam darauf vorbereiten konnte, hier als Erwachsener einmal die Herrschaft zu übernehmen.

Schloss Donzdorf - © GvT
Maximilian Emanuel wuchs überwiegend in München auf, wo er auch seine erste Ausbildung erhielt, dann studierte er Rechtswissenschaften in Ingolstadt, wo er mit Auszeichnung abschloss. Anschließend reiste er mit einem Erzieher durch Europa, studierte in Straßburg ein Semester lang Diplomatie und lernte Kunst und Kultur an den führenden Höfen in den Niederlande, Belgien und in Paris kennen. Danach bewarb er sich am Münchner Hof und auch dort bestand er die geforderte Aufnahmeprüfung.
Maximilian Emanuel war ein gutaussehender junger Mann, der auch noch über ein beträchtliches Vermögen verfügen konnte. Nach dem Tod seiner Großtante Maria Adelheid von Törring-Seefeld 1747 erhielt er das Erbe seines Großonkels Gaudenz von Rechberg. Er war also das, was man eine gute Partie nannte. Am 17. Oktober 1764 heiratete er Walburga Freifrau von Sandizell. Sie stammte aus einer ebenfalls eng mit dem Münchner Hof verbundenen Adelsfamilie.  
Der Alltag von Maximilian Emanuel von Rechberg, seiner Ehefrau Walburga und seiner Familie läßt sich gut verfolgen. Im Laufe der Jahre erblickten 15 Kinder das Licht der Welt, von denen 11 das Erwachsenenalter erreichten. Die Wintermonate verbrachte man in München. Dort arbeitete Maximilian Emanuel in verschiedenen Positionen innerhalb der Hofverwaltung. Schließlich wurde er oberster Verwalter der Kurfürstin Anna Sophie.

Herrschaftsübernahme in Weißenstein und Nenningen

Seine juristischen Kenntnisse wandte Maximilian Emanuel schon bald in seinen Herrschaften an - zuerst in der Herrschaft Donzdorf, die er seit 1764 regierte. Nach dem Tod seines Onkels Franz Xaver Leo von Rechberg im Dezember 1768 übernahm Maximilian Emanuel die Regierung der übrigen rechbergischen Herrschaften.
Ihm gehörten nun die Stammburg Hohenrechberg mit dem zugehörigen Besitz, die Weißensteiner Herrschaften, die nach dem Tod seines Vaters an den Onkel gefallen waren - also Kellmünz und Osterberg im Illertal und Weißenstein mit Nenningen, Degenfeld und Böhmenkirch im Lautertal und schließlich der 1745 zurückgekaufte halbe Teil von Donzdorf - die andere Hälfte gehörte der damals in Winzingen ansässigen Familie Bubenhofen.
Maximilian Emanuel ging seine neuen Aufgaben mit Elan an. Er organisierte die Verwaltung nach den neuesten Erkenntnissen und schuf für seine Untertanen die Möglichkeit, alte Lehen - eine Art Pacht - durch Kauf in privates Eigentum umzuwandeln. Ebenso brachte er die Handwerkerordnungen auf den neuesten Stand. Bildung war ein ganz wichtiges Thema für ihn. Zusammen mit seinem Vertrauten, dem Pfarrer und späteren Dekan Joseph Rink machte er sich daran, das Schulwesen neu zu organisieren.

Maximilian Emanuel und sein Verhältnis zur katholischen Kirche

Aufgrund der bisherigen Beschreibung der Person Maximilian Emanuel von Rechberg erkennt man keinen hinreichenden Grund, eine Pietà zu stiften. Der ergibt sich erst aus der Tatsache, dass Maximilian Emanuel von Rechberg als Herrschaftsinhaber auch die Rechte und Pflichten eines Patronatsherrn innehatte. Dabei beschäftigte sich Maximilian Emanuel mit Fragen der katholischen Kirche im allgemeinen ebenso, wie mit den Sorgen und Problemen der ihm zugehörigen Pfarreien im besonderen.
Die notwendigen Fähigkeiten besaß er als ausgebildeter Jurist beider Rechte, d.h. er hat weltliches Recht ebenso studiert, wie kirchliches. Durch seine Kenntnisse im kirchlichen Recht wurde er beispielsweise vom bayerischen Hof mehrfach beauftragt, die Wahl des Freisinger und Regensburger Bischofs zu beobachten und für den vom Hof favorisierten Kandidaten Werbung zu machen.
Privat unterhielt Maximilian Emanuel zahlreiche Kontakte zu Geistlichen - in München und in verschiedenen bayerischen Klöstern. In seiner Eigenschaft als Obersthofmeister der Kurfürstin-Witwe, d.h. er war deren oberster Verwalter, reiste er häufig mit ihr zum Augsburger Bischof Clemens Wenzeslaus von Sachsen, ihrem Bruder.

Maximilian Emanuel und seine Patronatspfarreien

Er beschäftigte sich intensiv mit den Bewerbungsschreiben der Kandidaten in seinen Pfarreien und pflegte einen engen Briefkontakt mit seinen Pfarrern. In seinen Sommerurlauben lud er sie häufig ins Donzdorfer Schloß ein oder besuchte sie in ihren Pfarrhöfen und brachte bei dieser Gelegenheit meistens eine Spende mit.
Zusammen mit seinen Pfarrern verbesserte er bzw. richtete er die Volksschulen in seinen Herrschaften ein. Er informierte sich über die neuesten Lehrmethoden und gab entsprechende Informationen an seine Pfarrer weiter. Für die besten Schüler gab es am Schuljahresende Preise.  Und die fleißigsten Schüler konnten auf Stipendien hoffen. So finanzierte er einem jungen Mann aus Weißenstein ein Medizin-Studium und die Einrichtung einer Praxis. Weiter ließ er Hebammen ausbilden. Weiterbildung in Tiermedizin wurde ebenfalls von ihm bezahlt, so dass seine Herrschaften mit fähigen Männern und Frauen ausgestattet waren.
Diejenigen Männer, die sich für eine Karriere als Priester entschieden hatten, unterstützte er ebenfalls mit Stipendien. Mehrere studierten an der bayerischen Universität Ingolstadt und berichteten regelmäßig über ihre Lernerfolge. Alles in allem war Maximilian Emanuel immer am Puls der Zeit und versuchte, die besten Voraussetzungen für seine Herrschaften zu schaffen.
Zu seinen Aufgaben als Patronatsherr gehörte auch die Baupflicht - d.h. er leistete damals seinen Beitrag zum Unterhalt derjenigen Kirchen und Pfarrhöfe, die unter seinem Patronat standen. Aus diesem Grunde finden sich zahlreiche Belege für Renovierungen von Pfarrhöfen und Kirchen im Gräflich Rechbergschen Archiv - beispielsweise für den Nenninger Pfarrhofe und die Donzdorfer Martinskirche.

Maximilian Emanuel und sein Verhältnis zur Nenninger Pfarrei

In einem Zeitraum von 90 Jahren war die Pfarrei Nenningen unbesetzt geblieben. Im Jahre 1768 traten dann die Vertreter der Bürgerschaft im Ort an Maximilian Emanuel mit der Bitte heran, erneut eine Pfarrei in Nenningen einzurichten. Maximilian Emanuel griff den Antrag auf, man begann mit dem Neubau des Pfarrhofes im Herbst 1768, und Maximilian Emanuel verabschiedete am 30. Januar 1769 in Absprache mit dem Bistum Konstanz einen Stiftungsvertrag über die Einrichtung der Pfarrei Nenningen. Anschließend präsentierte er Sebastian Kübler als neuen Pfarrer.
Nenningen ist nicht die einzige Pfarrei, die von Maximilian Emanuel gegründet wurde. Die nächste war die Pfarrei Hohenrechberg. Die Verhandlungen zu deren Gründung hatten noch unter seinem Onkel Franz Xaver Leo begonnen, doch Maximilian Emanuel brachte sie 1772 zum Abschluss. 

Maximilian Emanuel, der Kunstkenner und Mäzen

Doch wie war es dem Stifter gelungen, an den schon zu Lebzeiten renommierte Künstler Ignaz Günther heranzutreten und diesen für die Schaffung einer überlebensgroßen Pietà-Gruppe zu gewinnen? Von Maximilian Emanuel weiß man, daß er ein Kenner der damaligen - modern gesprochen - Münchner Kulturszene gewesen war. Kultur in sämtlichen Varianten und kulturelles Engagement gehörte so selbstverständlich wie Essen und Trinken zum alltäglichen Leben von Männern und Frauen, die in gehobenen gesellschaftlichen Positionen standen. Dazu zählten nicht nur Adelige, sondern auch Bürgerliche.
Für Maximilian Emanuel war die Kenntnis der Kulturszene von besonderer Bedeutung. Als Obersthofmeister der bayerischen Kurfürstin gehörte es zu seinen Aufgaben, die Kurfürstin über neue Strömungen in der Kunst und über neue Talente, die sich bei Hofe vorstellten, zu informieren.
Maximilian Emanuel profitierte von diesem Wissen auch in privater Hinsicht. Er selbst war weniger den bildenden Künsten als der Musik zugetan. Er war ein profunder Kenner der Rokokomusik und kannte namhafte Künstler persönlich. Er förderte sie beispielsweise dadurch, daß er Musikkompositionen in Auftrag gab oder sich Abschriften von Musikstücken bei den Künstlern direkt bestellte. Auf diese Weise wissen wir, daß Maximilian Emanuel Leopold Mozart und seinen Wolfgang persönlich gekannt und sein Sohn Aloys später bei Leopold Mozart in Salzburg Klavierunterricht erhalten hatte. Aber er belohnte auch weniger bekannte Musiker - seien es die durch das Lautertal fahrenden Musiker, die im Donzdorfer Schloß auftraten, oder die Musiker vor Ort.
Die beruflich wichtigen Kontakte zu Künstlern aller Kunstgattungen nutzte Maximilian Emanuel auch für seine persönlichen Zwecke, was außerdem bei Hofe gern gesehen wurde. So ließ sich beispielsweise Maximilian Emanuel und seine Frau Walburga wohl anlässlich ihrer Eheschließung von dem großen Porträtmaler am bayerischen Hof, Georges Demarée, porträtieren.
Des weiteren beauftrage Maximilian Emanuel auch für die Ausstattung seines Donzdorfer Schlosses und seines Gartens namhafte auswärtige Künstler und örtliche Kunsthandwerker. Auf diese Weise entstand im Lautertal ein differenziertes Handwerk, das sich bis heute fortsetzt. Kunst wurde damals als ein Bedürfnis betrachtet, das den Menschen zugute kam. Die Kosten dafür erachtete man nicht - wie oftmals heutzutage - als rausgeschmissenes Geld.
Für seinen Donzdorfer Garten ließ Maximilian Emanuel mehrere Entwürfe anfertigen, u.a. von dem Rokoko-Spezialisten in München, François Cuvillier d.Ä. Man vermutet zudem, dass Handwerker von Cuvillier bei der Rokoko-Ausstattung des Donzdorfer Schlosses mitgearbeitet haben. Nebenbei bemerkt: Cuvillier war der Architekt und Ausstatter des gleichnamigen Münchner Theaters, in dem Maximilian Emanuel eine eigene Loge besessen hatte und das vor kurzem nach einer langen Renovierungsphase wiedereröffnet hat.

Der Künstler Franz Ignaz Günther und die Verwandtschaft Maximilian Emanuels

Und jetzt stellen wir uns einmal folgende Situation vor: Maximilian Emanuel steht vor der Entscheidung, eine Skulptur für seine Nenninger Kapelle kaufen zu wollen. Für welchen Künstler sollte er sich entscheiden? Was würden Sie in einer derartigen Situation machen? Sie würden sich im Verwandten- und Freudeskreis umhören!
Maximilian Emanuel von Rechberg muss schon früh auf den noch sehr jungen Franz Ignaz Günther aufmerksam geworden sein. Günther war in dem Ort Altmannstein im Altmühltal aufgewachsen. Dieser Ort war der Fürstin Portia, eine Tante von Maximilian Emanuels Ehefrau Walburga, im Jahre 1731 vom damaligen Kurfürsten Karl Albrecht geschenkt worden. Als sich die herausragenden Talente des jungen Mann zeigten, vermittelte sie oder ihr Mann, Fürst Portia, die Kontakte zum damals führenden Münchner Bildhauer, Johann Baptist Straub. Dieser stammte aus der bayerischen Exklave Wiesensteig, die von der Familie Rechberg verwaltet wurde. Sowohl Straub, als auch Günther erledigten während ihrer künstlerischen Karrieren zahlreiche Aufträge für die eng miteinander verwandten Adelsfamilien Rechberg, Portia, Preysing, Törring-Seefeld und Törring-Jettenbach. Auffallend ist jedenfalls: Maximilian Emanuel hatte einen Schwager - August Joseph von Törring-Jettenbach (1728-1802), der mit einer Schwester von seiner Ehefrau Walburga verheiratet war. Dieser Schwager ließ seit 1768 die Pfarrkirche in München-Bogenhausen von zwei Künstlern - Franz Ignaz Günther und Joh. Baptist Straub - mit Skulpturen ausstatten - und war offenbar hoch zufrieden.
Wenn wir uns noch weiter umblicken, dann erfahren wir, dass einer der engsten Freunde von Maximilian Emanuel, ein Graf LaRosée, schon 1772 ein Werk bei Franz Ignaz Günther bestellt hatte. Und schließlich weiß man, daß Franz Ignaz Günther 1771-1772 zwei Grabmäler für den Reichsgrafen Johann Carl von Preysing in Ingolstadt geschaffen hatte. Und welch ein Zufall: dieser Graf Preysing war mit Maria Josepha von Rechberg, einer Cousine von Maximilian Emanuel verheiratet. Und dann ist noch etwas anderes bekannt: François Cuvillier d.Ä. hatte einen starken Einfluß auf das Schaffen und auf die Aufträge von Franz Ignaz Günther.
Es gab also genügend Fürsprecher für Franz Ignaz Günther bei Maximilian Emanuel. Zudem lag die Werkstatt von Günther nur wenige hundert Meter von Maximilian Emanuels Münchner Wohnhaus entfernt.
Aus all diesen kleinen Puzzle-Teilen ergibt sich also das Bild, dass durch die vielen direkten oder indirekten Empfehlungen und Beziehungen Maximilian Emanuel in Ignaz Günther den besten Künstler vor sein Vorhaben gefunden hat.


Sonntag, 8. Oktober 2017

Weltkunst am Fuße der Alb - Die Nenninger Pietà des Franz Ignaz Günther

© Gabriele von Trauchburg, Oktober 2017

In der Pietà-Kapelle von Lauterstein-Nenningen befindet sich seit dem 8. Dezember 1774 ein international bedeutendes Kunstwerk - die Nenninger Pietà von Franz Ignaz Günther. Ihre berührende Geschichte und ihre weitreichende Bedeutung als Grenzpunkt einer ganzen Kunstepoche stehen im Mittelpunkt dieses Posts.

Vorgeschichte - Entstehung nach großer Hungersnot    

Zwischen 1769 und 1772 ereignete sich eine Naturkatastrophe - vermutlich auf Island brach ein Vulkan aus. Die Nachwirkungen dieses Ausbruchs - eine große Menge an vulkanischer Asche gelangte in die Atmosphäre und verursachte einen sogenannten vulkanischen Winter. In der Folge drangen kaum noch Sonnenstrahlen auf die Erdoberfläche vor. Die Durchschnittstemperatur sank beträchtlich; in ganz Mitteleuropa verzeichnete man Schneefälle bis in den Monat Juni; gleichzeitig band die verschmutzte Luft große Mengen an Wasser, was zu vermehrten Niederschlägen führte.
Die Menschen damals waren von ihren eigenen Ernten abhängig, doch Kälte und Niederschlag sorgten für Ernteausfälle. Das führte dann zu einer über ganz Europa verbreiteten Hungersnot. Die Zahl der Todesfälle stieg 1771 stark an, blieb auch noch 1772 auf hohem Niveau und erreichte erst 1773 wieder durchschnittliche Werte. In jenem Jahr wurde die erste durchschnittliche Ernte wieder eingefahren und die gesamte wirtschaftliche Situation verbesserte sich allmählich.

Die Kapelle und ihre Bedeutung

Nachdem die Hungersnot überstanden war, beschlossen die Nenninger Dorfherrschaft und Kirchengemeinde, die alte Kapelle von 1582 abzureißen und durch eine neue zu ersetzen. Diese Kapelle lag außerhalb des Ortes in direkter Nähe zum Wasserfall der Lauter am Weg zu den Feldern und zu den Wiesen. Möglicherweise war sie durch Überschwemmungen beschädigt worden.
Sie war der schmerzhaften Jungfrau Maria und den Heiligen Florian und Wendelin gewidmet gewesen. Die beiden Heiligen Florian und Wendelin sind für die ländliche Bevölkerung von großer Bedeutung, wie weiter unten noch erklärt wird. 

Die Kapelle - ein Gemeinschaftswerk von Dorfherr und Dorfbewohnern

Die Kapelle ist ein großartiges Gemeinschaftswerk von Dorfherr und Dorfbewohnern. Den Grundstein zur neuen Kapelle legte 1774 der damalige Dekan von Geislingen und Donzdorfer Pfarrer A. G. Schroz. Den Entwurf für den Bau lieferte der damals hochangesehene Baumeister Johann Michael Keller aus Schwäbisch Gmünd. Die notwendigen Baumaterialien - Holz, Dachziegel und Kalk - spendete der Nenninger Dorfherr Maximilian Emanuel von Rechberg. Die Steine stammten wohl noch von der alten Kapelle. Die Bauarbeiten übernahmen die Dorfbewohner, teils im Hand- und Spanndienst, teils als persönliche Spende. Schon am 12. Juni 1774 weihten der Donzdorfer Pfarrer und Dekan Schroz sowie der Nenninger Pfarrer Kübler die Kapelle.

Die Pietà-Kapelle von 1774 am Ortsausgang von Lauterstein-Nenningen - © GvT

Die Patrozinien und ihre Bedeutung

Allein die Verehrung der beiden Heiligen Florian und Wendelin weist deutlich darauf hin, vor welchen Schicksalsschlägen die Bewohner Nenningens sich am meisten fürchteten und wofür sie beteten.
Der Heilige Florian, allen bekannt als Beschützer vor Feuer, steht den Menschen auch bei Unwetter, unfruchtbarem Boden und Trockenheit bei - Phänomene, die man am Rande der Schwäbischen Alb sehr wohl kennt.
Der Heilige Wendelin ergänzt auf ideale Weise die Wirkung von Florian. Wendelin ist der Patron der Hirten, Bauern und Schäfer, zudem des Viehs. Er hilft gegen Viehseuchen und sorgt für gutes Wetter und gute Ernte. 

Der Weg der Pieta nach Lauterstein-Nenningen  

Nach dem Neubau benötigte die Kapelle eine eigene Ausstattung. Dazu verhalf der tiefgläubige Dorf- und Patronatsherr Maximilian Emanuel von Rechberg. Seine Vorfahren und er selbst hatten hochrangige Stellen am kurfürstlichen Hof in München inne. Es gehörte unter anderem zu ihren Aufgaben, über sämtliche Facetten künstlerischer Entwicklungen und über die angesagtesten Künstler stets bestens informiert zu sein.
Die Entscheidung von Maximilian Emanuel von Rechberg, den Auftrag an den Münchner Hofbildhauer Franz Ignaz Günther zu vergeben, verwundert daher nicht. Zudem lag Günthers Werkstatt nur gute 200 Meter vom Rechberg-Palais entfernt.

Der Bildhauer erhielt 125 Gulden für seine Arbeit, die der Auftraggeber nicht aus den laufenden Betriebskosten seiner Herrschaften, sondern aus seinem Privatvermögen beglich. Am 8. Dezember 1774 kam der Transport mit der Figurengruppe im Dorf an.

Die Nenninger Pietà von Franz Ignaz Günther, 1774 - © GvT

Der Künstler

Franz Ignaz Günther  (1725-1775) sammelte seine ersten kunsthandwerklichen Erfahrungen in der väterlichen Schreinerei im Markt Altmannstein (Lkr. Eichstätt). Dieser Ort war der Fürstin Portia, einer Tante von Maximilian Emanuels Ehefrau Walburga, im Jahre 1731 vom damaligen Kurfürsten Karl Albrecht geschenkt worden. Als sich die herausragenden Talente des 19jährigen jungen Mannes zeigten, vermittelte sie oder ihr Mann, Fürst Portia, die Kontakte zum in jener Zeit führenden Münchner Bildhauer, Johann Baptist Straub.
Ab 1744 lernte Günther bei Straub. Anschließend begab er sich ab 1750 auf Wandschaft – zunächst nach Salzburg, dann nach Olmütz (Mähren, 1752) und schließlich zur weiteren theoretischen Ausbildung in die Bildhauerklasse der Akademie in Wien (1753), die er mit 'Premium' abschloss. Nach München kehrte er im Jahre 1754 zurück, ließ sich vom Zunftzwang befreien und gründete seine eigene Werkstatt.
Ab dieser Zeit war er hauptsächlich für kirchliche Auftraggeber tätig, schmückte mit seinen lebensgroßen Figuren aber auch die Münchner Adelspalais aus. Durch die familiären Verbindungen des Maximilian Emanuel von Rechberg mit den bayerischen Adelsfamilien Törring, Preysing und LaRosée muss er schon früh auf den noch sehr jungen Franz Ignaz Günther aufmerksam geworden sein. Zudem kannten die Rechberg die Künstlerfamilie Straub, die aus der bayerischen Exklave Wiesensteig - von der Familie Rechberg zwischen 1667 und 1803 verwaltet - stammte.

Die Nenninger Pietà als Höhe- und Endpunkt des Rokoko

Schriftliche Unterlagen zur Entstehung des Kunstwerks von Seiten des Auftraggebers oder des Bildhauers gibt es keine mehr. Es gab aber sicherlich intensive Gespräche zwischen beiden Männern, in deren Verlauf der Künstler dem Mäzen zwei Modelle der Pietà präsentierte. Diese werden heute im Bayerischen Nationalmuseum in München und im Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart gezeigt.
Die Nenninger Pietà besitzt eine außergewöhnliche Ausdrucksstärke. Sie entstand durch die exakten anatomischen Details, die Günther herauszuarbeiten verstand und durch die bewußt gestaltete Farbgebung.
Das Gesicht der Maria zeigt deren unendlichen Schmerz beim Verlust ihres Sohnes. Bei der Gestaltung der Muttergottes konnte der Künstler wohl auch den Tod der eigenen, während der Hungersnot verstorbenen sieben Kinder verarbeiten. 
Die vielschichtige Gestaltung Christi lässt sich erst in Verbindung mit der von Günther vorgegebenen Farbgebung entschlüsseln. Im Gegensatz zum roséfarbenen und damit Lebendigkeit signalisierenden Gesicht der Muttergottes ist der Leib Christi in eine bläulich-weiße Farbe gehüllt, die den kurz zuvor eingetretenen Tod Christis markiert.

© GvT

Was Günther mit dem Hilfsmittel Farbe gelang - die Darstellung vom Hinübergleiten vom Leben in den Tod - das setzte er auch in der Gestaltung des Körpers um. Christus gleitet aus dem Schoß seiner Mutter zum Boden hinab. Nur noch das Knie der Muttergottes, auf dem noch die Achselhöhle von Christus ruht, hält den Körper davon ab, vollständig auf die Erde zu gleiten. Auch das frei schwebende Bein Christi verstärkt diesen Eindruck.
Bei genauer Betrachtung erkennt man deutlich, dass im Körper von Christus ein Moment der Bewegung festgehalten ist. Christus entgleitet sowohl im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinne seiner Mutter. Mit seiner Darstellung überwand Franz Ignaz Günther die bis dahin statische Darstellung von Skulpturen zugunsten von scheinbar erstarrten Bewegungen seiner Figuren.

Was Maximilian Emanuel von Rechberg damals, als er den Auftrag an Franz Ignaz Günther erteilte, noch nicht ahnen konnte, war die Tatsache, daß er die dritte und letzte Pietà-Darstellung des renommierten Künstlers erwarb. Ein halbes Jahr nach ihrer Fertigstellung starb der Künstler.
Unter Spezialisten gilt dieses Werk als das eindrucksvollste und damit bedeutungsvollste von Günther und seinen Zeitgenossen überhaupt. Mit Günthers Tod endet die Epoche des süddeutschen Rokokos und die Nenninger Pieta wird zum Höhe- und Endpunkt einer ganzen Kunstepoche.

Früher auf großen Ausstellungen - heute nur noch vor Ort

Wegen ihrer außerordentlichen Ausdrucksstärke fasziniert die Figurengruppe ihre Betrachter bis heute. Um diese Wirkung einem breiten Publikum erfahrbar zu machen, wurde sie im Laufe der Zeit bei großen nationalen und internationalen Ausstellungen der Öffentlichkeit vorgestellt:
  • 1951 auf der großen Ausstellung ’Franz Ignaz Günther’ in München
  • 1951 im Landesmuseum in Stuttgart
  • 1954 in der National-Gallery in London
  • 1954 im Louvre in Paris
  • 1958 auf der Weltausstellung im päpstlichen Pavillon in Brüssel 
  • 1981 bei der Ausstellung ‘Barock in Baden-Württemberg’ im Schloß Bruchsal und 
  • von Okt. 2004 - Mai 2005 bei der Ausstellung ‘Große Kunst im Kleinformat’ im Landesmuseum Stuttgart (Altes Schloss).
Eine Anfrage für eine Ausstellung in New York im Jahre 1960 wurde aus Sicherheitsgründen abgelehnt. Doch aufgrund jüngster denkmalpflegerischer Begutachtung darf dieses Kunstwerk nicht mehr von seinem Platz bewegt werden. Nur wer nach Lauterstein-Nenningen kommt, kann diese Weltkunst am Fuße der Alb aus direkter Nähe betrachten.


Freitag, 12. Mai 2017

Der Barockmaler Joseph Wannenmacher im Lautertal

© Gabriele von Trauchburg, Mai 2017


Am 18. September 1722 wurde der Maler und Freskant Joseph Wannenmacher in Tomerdingen bei Ulm, einer katholische Enklave der Reichsabtei Elchingen, geboren. Sein Vater Johann Georg arbeitete als örtlicher Hafner, seine Mutter war Barbara Wannenmacher, geborene Schmid. Der Junge muss begabt gewesen sein, denn nach seinen ersten Schuljahren in Tomerdingen, ging er auf die Elchinger Klosterschule, wo er unter anderem Unterricht in Latein erhielt - und dieses in seinem späteren Leben auch immer wieder nutzte.
Seine ersten Kenntnisse in Sachen Kunst vermittelte ihm möglicherweise der im nahegelegenen Günzburg arbeitende Anton Enderle (1700–1761). Der Elchinger Abt Amadeus Schindele förderte Wannenmachers weitere Ausbildung in Rom zwischen 1741 und 1744, weshalb der Künstler unter anderem als ‘Accademico Romano pittore’ signierte. 1741, mit 19 Jahren, malte Wannenmacher das erste von ihm bekannte signierte Gemälde, die Verzückung der heiligen Teresa. Falls er damals schon in Rom zur Ausbildung war, diente ihm möglicherweise die Figurengruppe von Gianlorenzo Bernini in der Kirche Sant Andrea al Quirinal als Vorbild . Die Fachwelt betrachtet dieses Gemälde als sein Gesellenstück.

Die Werke Wannenmachers

Im Laufe der Zeit entwickelte Wannenmacher einen ganz eigenen Stil. Seine mit bauschigen Gewändern bekleideten Gestalten bewegen grazil ihre Arme und Beine. Seine Bilder besitzen nicht die üblichen heiteren Farben der süddeutschen Rokokomaler, sondern Wannenmacher bevorzugt eine dunklere Farbgestaltung. Er malte bevorzugt mit aschigen Erdfarben in Seccotechnik.
Die große Wertschätzung seiner Zeitgenossen erkennt man an den zahlreichen Orten, an denen er arbeitete, und an seinem breitgefächerten Nachlass. Hier einige seiner Stationen:


  • 1741             Verzückung der Heiligen Theresa.
  • 1747-1748    Straß, Pfarrkirche - Deckengemälde - gilt als der erste Auftrag
  • 1749             Oberelchingen, Klosterkirche - Arbeiten in der Kirche unter Abt Schindele, Ausführung  in Seccotechnik mit aschigen Erdfarben - sein erster bekannter Auftrag
  • um 1750/60  Tomerdingen, Pfarrkirche - Deckengemälde in der Taufkapelle
  • 1752             Schwäbisch Gmünd, St. Franziskus - Fresken im Chor, im Langhaus und an der Orgelempore
  • 1753             Schwäbisch Gmünd, Kapelle St. Katharina - Wand- und Deckenfresken
  • 1754             Deggingen, Ave Maria - Szenen zu Mariae Verkündigung, weitergeführt in folgenden Jahren
  • 1755             Rottweil, Predigerkirche - Ausmalung
  • 1758-1760    St. Gallen - Deckengemälde in der Stiftskirche
  • 1764-1766    St. Gallen - Deckengemälde in der Bibliothek, al secco in Kalkkasein, es entsteht einer der grössten Deckengemäldezyklen jener Zeit  
  • 1765              Suppingen, St. Brigitta - einige Gemälde
  • 1767              Scharenstetten, ev. Pfarrkirche - Leinwandbilder
  • um 1767        Eislingen, St. Markus - Deckengemälde im Langhaus, im 19. Jahrhundert abgebrochen
  • 1773              Mönchsdeggingen,
  • 1776              Schwäbisch Gmünd, Kapelle St. Leonhard - Fresken zur Leonhardslegende
  • 1777              Schwäbisch Gmünd, Kapelle St. Leonhard - Hochaltar mit Altarbild zu St. Leonhard
  • 1778-1779    Donzdorf, St. Martinus - Krönung Mariens im Chor und Szenen aus dem Leben von St.  Martin
  • 1780             Grünbach, St. Peter - Altarblatt

Wannenmacher hat in zahlreichen weiteren Kirchen und Klöstern im südwestdeutschen Raum und der Schweiz gearbeitet. Sein Werk umfasst 14 größere Deckengemäldezyklen. Er schuf unter anderem das Kardinalszimmer im Kloster Marchtal und die Deckengemälde der Kirche in Zollikon. Im Kloster Elchingen, zu dem der Geburtsort Wannenmachers Tomerdingen gehörte, sind mehrere Objekte seines Schaffens erhalten geblieben, so drei Zunftkerzen, eine große Handwerkerfahne (1775) und Leinwandbilder und Fresken in der Sakristei. Von den rund 100 Tafelbildern, die Wannenmacher im Laufe seines Lebens geschaffen hatte, finden sich heute Exemplare im Ulmer Stadtmuseum und im Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart.

Wannenmachers Donzdorfer Deckenbilder

Joseph Wannenmacher (1722-1780) war für den Donzdorfer Patronatsherren Maximilian Emanuel von Rechberg (1735-1819) sicherlich kein unbekannter Künstler gewesen. Zum einen war Rechberg der Administrator der bayerischen Herrschaft Wiesensteig, in der die Degginger Wallfahrtskirche Ave Maria liegt, zum andern kannte man sich im Hause Rechberg sehr wohl in der Schwäbisch Gmünder Kunstszene aus.
Offenbar gleich im Anschluss an die Arbeiten in Schwäbisch Gmünd übernahm Wannenmacher den Auftrag für zwei Deckengemälde in der Donzdorfer Pfarrkirche St. Martinus. Maximilian Emanuel von Rechberg hatte sich zum Ziel gesetzt, die ursprünglich gotische Kirche in eine frühklassizistische umzuwandeln. An der Decke sollten zwei Gemälde entstehen - im Chor die Krönung Mariens und im Langhaus  signifikante Szenen aus dem Leben des Kirchenpatrons.
St. Martinus, Donzdorf - © GvT

Am 12. Oktober 1778 war Wannenmacher in Donzdorf, um das Tor beim Schloss zu vergolden.
Im gleichen Jahr schuf Wannenmacher auch noch das Deckengemälde ‘Krönung Mariens’ im Chor. 

Joseph Wannenmacher, Krönung Mariens - Deckengemälde im Chor von St. Martinus, Donzdorf - © GvT

Signatur des Josef Wannenmachers im Deckengemälde im Chor, datiert 1778 - © GvT

Damals wurde wahrscheinlich auch schon über die Gestaltung für die Deckengemälde gesprochen, denn im Frühjahr 1779 übersandte Wannenmacher seinen Entwurf an Maximilian Emanuel von Rechberg nach München. Doch Rechberg war mit dem Entwurf des Gemäldes für das Langhaus nicht einverstanden, weil darauf seiner Meinung nach zu viele Figuren zu dicht gedrängt vorgesehen waren. Wegen seines Unbehagens hatte Rechberg den Entwurf mehreren führenden Münchner Kunstexperten gezeigt, die alle seine Ansicht bestätigten. Deshalb beauftragte Maximilian Emanuel von Rechberg den kurfürstlichen Hofmaler Augustin Demel, einen zweiten Entwurf anzufertigen. Dieser gefiel nun Rechberg.
Daraufhin bat Rechberg seinen Donzdorfer Pfarrer, den Dekan Schroz, dem Maler Wannenmacher folgenden Vorschlag zu unterbreiten: Maximilian Emanuel war bereit, das zuvor ausgehandelte Honorar in Höhe von 400 Gulden vollständig zu übernehmen, selbst wenn der Maler durch den neuen Entwurf weniger Material und weniger Zeit für seine Arbeit benötigen sollte.
Die Reaktion von Joseph Wannenmacher ist nicht überliefert. Sicherlich hatte ihn die Tatsache, dass man es wagte, ihm - dem akademisch gebildeten Künstler - den Entwurf zu korrigieren, schwer gekränkt. Aber Wannenmacher war auf seinen Verdienst angewiesen, was nichts anderes bedeutete, als das Angebot des Auftraggebers anzunehmen. Wannenmacher fertigte also das Deckengemälde mit signifikanten Szenen aus dem Leben des Heiligen Martin nach dem Entwurf des Münchner Hofmalers Augustin Demel (1724-1789). Demel war ein in München anerkannter Künstler, der vor allem die hohen Ansprüchen des Bildhauers Franz Ignaz Günther erfüllte, wenn er dessen Skulpturen in Farbe fasste.
Joseph Wannenmacher nach dem Entwurf von Augustin Demel, Szenen aus dem Leben des Heiligen Martin von Tours, 1779 - © GvT
Signatur des Joseph Wannenmacher im Deckengemälde des Langhauses von St. Martinus, Donzdorf - © GvT

Dieses Wissen aus dem Umfeld zur Entstehung des Deckengemäldes im Langhaus erklärt nun den offensichtlichen Unterschied zwischen dem farbenfrohen in sich geschlossenen Deckengemälde im Chor und dem Deckengemälde im Langhaus, das spontan den Eindruck von etwas Unfertigen beim Betrachter erweckt. Zwar entspricht die Farbgestaltung durchaus dem frühen Wannenmacher mit seiner ‘aschigen’ und erdfarbenen Gestaltung, jedoch liegt der Schwerpunkt des Bildes nicht im Zentrum, sondern unmotiviert auf die linke Seite verschoben.

Die Bedeutung des Donzdorfer Deckengemäldes vom Heiligen Martin

Dennoch besitzt das Deckengemälde im Langhaus der Donzdorfer Pfarrkirche St. Martinus eine besondere Bedeutung: Ein schwäbische Altmeister der Barockmalerei führte hier den Entwurf eines bayerischen Kollegen aus, der für den Übergang vom Rokoko zum Klassizismus steht.

Neu entdeckt: Hinweis auf ein bislang unbekanntes Altargemälde Wannenmachers

Bei der systematischen Durchsicht der Heiligenrechnungen von St. Peter in Grünbach (Stadt Donzdorf, Lkr. Göppingen) konnte ich etwas bisher vollkommen unbekanntes entdecken: In der Heiligenrechnung von 1780 ist unter den Baukosten zur Kapelle St. Peter  vermerkt, dass Joseph Wannenmacher ein Altarblatt für die zur Donzdorfer Pfarrei gehörende Grünbacher Kapelle geschaffen hatte.
Kapelle St. Peter in Donzdorf-Grünbach - © GvT


Und unter den Beilagen zur Heiligenrechnung befindet sich auch noch die vom Künstler eigenhändig geschriebene Quittung. Darin bestätigt Wannenmacher ein ‘Altarblättlein’ für die Kapelle St. Peter in Grünbach angefertigt zu haben und vom Heiligenpfleger Georg Mühleisen dafür 12 Gulden und 12 Kreuzer erhalten zu haben. Datiert ist die Quittung auf den 17. September 1779. Unterzeichnet ist sie mit Joseph Wannenmacher - Accad. Rom. und Kunstmahler mpria (= manus propria - eigenhändig).

Unterschrift des Barockmalers Joseph Wannenmacher - © GvT

Weder aus dem Text der Quittung noch aus dem Vermerk in der Heiligenrechnung geht hervor, welches Thema Wannenmacher für das Grünbacher Altarblatt gewählt hatte. Vermutlich war darauf der Kirchenpatron, der Heilige Petrus, dargestellt. Unbekannt ist auch, wann und wo dieses Altarblatt aus der Kirche gebracht wurde und ob es eventuell doch noch erhalten ist.

Am 6. Dezember 1780 verstarb Joseph Wannenmacher im Alter von 58 Jahren in seinem Heimatort Tomerdingen.

Quellen und Literatur

- Heiligenrechnungen von St. Martinus, Donzdorf und Heiligenrechnungen St. Peter, Grünbach
- Reistle, Michel und Joseph (Ill.) Wannenmacher, Joseph Wannenmacher - ein schwäbischer Kirchenmaler des 18. Jahrhunderts und sein Verhältnis zum Bildhauer Wenzinger, St. Ottilien 1990
- Hummel, Heribert, Wandmalereien im Kreis Göppingen, Weißenhorn 1978, S. 90
- http://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/s-z/Wannenmacher.html
- https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Wannenmacher
- https://www.deutsche-biographie.de/sfz128321.html




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