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Freitag, 25. Januar 2019

Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 6.4: Unterweckerstell - Die Ausstattung der Kapelle vom Barock bis zur Neogotik

© Gabriele von Trauchburg


Die Ausstattung der Spätgotik hatte über viele Jahrzehnte hinweg Bestand. Aus den Heiligenrechnungen, die ab 1570 einsetzen, enthalten keine Hinweise auf Veränderungen beim der Einrichtung der Kapelle. 

Barock und Rokoko

Ab der 2. Hälfte des 17. und während des gesamten 18. Jahrhundert finden sich immer wieder Belege für umfassende Renovierungen in der Kapelle St. Georg. Die erste fand schon 1658 statt. Damals wurde das Kirchengebäude mit Arbeiten an Mauern und Dach - u.a. mit Anbringung von Schindeln - wieder instand gesetzt. Zusätzlich erhielt die Kapelle ein vergoldetes Antependium für 9 Gulden. 1660 schuf ein Donzdorfer Schreiner einen Heiligenschrein. 1661 ließ man ein altes Wandelglöckchen in Schwäbisch Gmünd umgießen und bezahlte einen Kirchenbaumeister für einen Entwurf. Seine Vorschläge hatte man jedoch nicht umgesetzt, denn Bauarbeiten fanden 1662 und 1663 nicht statt. Stattdessen waren die Renovierungen 1663 abgeschlossen. Ein Donzdorfer Schreiner hatte einen neuen Altar für 7 Gulden angefertigt. Ein vergoldeter Kelch war für 9 Gulden und ein neues Messgewand von einem Welschen (= Italiener) im Tausch gegen Mehl gekauft worden. Ein Jahr später erwarb die Kapelle noch ein neues Messbuch für 5 Gulden.
Die Maßnahmen der Jahre 1658 bis 1664 kann man als Belege für die Überwindung der Folgen des 30jährigen Krieges betrachten. Ob damit jedoch bereits eine komplette Barockisierung einher ging, lässt sich nicht ermitteln, die einzelnen Elemente könnten jedoch den Beginn dieser neuen Stilart in der Region des Lautertales eingeläutet haben.

Das spanische Kreuz
In der Heiligenrechnung von 1685 wird die Kapelle Unterweckerstell als ziemlich ruinos bezeichnet. Wieder wird an der Kapelle gebaut, dieses Mal auch mit Handwerkern aus den umliegenden Städten und für insgesamt 140 Gulden. Drei Ausgaben stechen dabei besonders ins Auge: Der Donzdorfer Schreiner Michael Schmidt erhielt 24 Gulden - eine stolze Summe. Und gleich danach erhielt der Schwäbisch Gmünder Maler Johann Christoph Kazenstein für zwei Seithen Tafelen Unserer lieben Frauen Maria Hilf und St. Antoni - 7 Gulden. Diese beiden Ausgaben lassen vermuten, dass Unterweckerstell zu diesem Zeitpunkt einen neuen Choraltar oder zwei Seitenaltäre erhalten hatte. 
Ein unscheinbarer, dazu noch sehr schwer lesbarer Zettel von 1684, abgerechnet 1685, enthält einen  Hinweis auf ein für die europäische Geschichte markantes Ereignis. Da ist zu lesen: Ich, underzeichnender, hochfreyherrlicher Herrschaft in Dontz Dorff hab erstlich ein alte Kupferknopf verzinnt mit samt denen ..., hab daran verdient 2 Gulden 15 Kreuzer. Dem Schlosser für das Spanische Kreuz 1 Gulden 30 Kreuzer, dem Mahler für das Kreuz an zu streichen 12 Kreuzer in die Kapell zu Under Wecker Stell. Die drei Handwerker waren der Kupferschmied Hans Joachim Wagner, der Schlosser Andreas Schneck und der Maler Madtes (Matthäus) Schon und alle drei arbeiteten in Geislingen.

Das bemerkenswerte an dieser Rechnung ist die Anfertigung eines sogenannten Spanischen Kreuzes im August 1684. Der Name verweist auf das Caravaca-Kreuz, das in seiner Form einem Patriarchenkreuz ähnelt, aber eine ganz eigene Geschichte besitzt. Das Kreuz von Caravaca ist eine Reliquie des wahren Kreuzes von Christus, das der Erzbischof Robert von Jerusalem 1232 nach Caravaca brachte.
Um die Verbindung zwischen diesem Kreuz in Spanien und Unterweckerstell zu erkennen, muss man in die Geschichte der Grafen von Rechberg eintauchen. Zu Beginn der 1680er Jahre residierte Bernhard Bero von Rechberg gemeinsam mit seinem Sohn Franz Albert im Donzdorfer Schloss. Beide Männer waren hochrangige Hofbeamte in München und Offiziere in der bayerischen Armee. Bernhard Bero von Rechberg hatte sich während des Türkenkrieges 1663-1664 in der kaiserlichen Festung Neuhäusel in der Südslowakei aufgehalten, sein Sohn Franz Albert kämpfte bei der Befreiung von Wien 1683 an vorderster Front mit. Vor Beginn der Kampfhandlungen hatten die begleitenden Geistlichen dem bayerischen Heer das Caravaca-Kreuz gezeigt und sie nach einem Gebet unter dem Banner Mariens in die Schlacht ziehen lassen, die sie gemeinsam mit den anderen christlichen Heeren erfolgreich beendeten. 
Der Kampf gegen die Türken war von großer politischer Bedeutung gewesen. Hätten die Türken Wien erobert, wäre ihnen der Weg nach Zentral- und Westeuropa offen gestanden. Und die Zeitgenossen fürchteten sich vor den türkischen Eroberern. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass das bei Wien gezeigte Caravaca-Kreuz nach der gewonnenen Schlacht seinen Weg nach Altötting fand. Vater und Sohn Rechberg brachten die Verehrung des Caravaca-Kreuzes dann in ihre eigenen Herrschaften. Und tatsächlich wurde dieses besondere Kreuz erstmals in Unterweckerstell 1684, also ein Jahr nach der Schlacht bei Wien aufgestellt.
Da dieses Kreuz gemeinsam mit dem Turmknopf angefertigt wurde, darf man vermuten, dass es ein Ensemble aus Knopf und Kreuz für den Turm oder den Dachreiter bildete, ähnlich wie bei der Münchner Theatinerkirche. Heute ziert dieses Emsemble den Unterweckersteller Turm nicht mehr.
Das Unterweckersteller Spanische Kreuz blieb nicht das einzige in der Region. Nur wenige Jahre später konnte man drei derartige Kreuz an der von Bernhard Bero und seinem Sohn gestifteten Wallfahrtskirche Hohenrechberg sehen, zwei davon sind heute noch erhalten (Label: Hohenrechberg).

Spanisches Kreuz über dem südlichen Seitenschiff der Wallfahrtskirche Hohenrechberg - © GvT
Und völlig unscheinbar ist ein weiteres Spanisches Kreuz am Ende von Lauterstein-Weißenstein kurz vor dem Aufstieg der alten Steige auf einem Bildstock zu erkennen.


In die Zeit des Barocks fällt auch die Anschaffung einer neuen Kapellenglocke. Den Auftrag dafür hatte 1731 der Ulmer Gießer Gottlieb Korn erhalten. Die alte Unterweckersteller Glocke hatte man nach Ulm gebracht. Zum alten Material musste noch neues hinzugefügt werden, damit der neue Guss gelingen konnte. Anschließend kam die Glocke an ihrem neuen Platz.
Die nächste große Renovierung in Unterweckerstell musste 1745 in Angriff genommen werden, denn wieder einmal vermerkt die Heiligenrechnung den ruinosen Zustand der Kapelle. Dieser wurde von eindringendem Wasser hervorgerufen. Die Rechnungen zeigen umfangreiche Arbeiten. Allein der Donzdorfer Schlosser verdiente 51 Gulden bis 1751. Der Maurer und seine Gesellen kamen auf 25 Gulden, der Zimmermann auf 4 Gulden und der Glaser auf 19 Gulden. Doch geben die Rechnungen zwischen 1745 und 1751 noch keinen Hinweis auf eine barocke Ausstattung der Kapelle St. Georg in Unterweckerstell.
In den folgenden Jahren finden sich einige Belege für Neuanschaffungen. So erwarb die Kirchenverwaltung 1763/64 neue aus Holz gearbeitete Leuchter. Die Hungersnot Anfang der 1770er Jahre fand auch in der Kapelle St. Georg ihren Nachhall. Während man in Nenningen 1774 die neue Kapelle am Weg zu den Wiesen und Äckern erbaute  (Label: Pietà) und in Grünbach ab 1775 der gesamte Innenraum renoviert und neu gestaltet wurde (Label: Grünbach), ließ man in Unterweckerstell ebenfalls 1775 den vorhandenen Altar vom Waldstetter Maler Anton Betz neu fassen. 1781 schließlich wurde der Turm der Kapelle umfassend renoviert.
Doch lassen all diese Maßnahmen keine vollständige Umgestaltung von St. Georg im Stil des Barocks erkennen. Die Ursache hierfür lässt sich nur dadurch erklären, dass ein großer Teil der Geldmittel für den Umbau der Donzdorfer Kirche St. Martinus verwendet wurde (s. Teil 6.5)

Neogotik

Wie bereits bei der Grünbacher Kapelle St. Peter vorgestellt, konnte auch die Unterweckersteller Kapelle St. Georg seit der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts durch die Vergabe von Kleinkrediten ein gutes finanzielles Polster erlangen. Wie auch bei St. Peter in Grünbach musste St. Georg in Unterweckerstell das Kreditgeschäft zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgeben. Dadurch fielen die Einnahmen für Renovierungsmaßnahmen in und an der Kapelle weg. Kein Wunder also, dass die erste große Renovierung erst wieder 1861 vorgenommen wurde. 
Eine umfassende Renovierung der Kapelle muss damals unumgänglich gewesen sein. Dabei wurde das Kirchenschiff neu erbaut. Um Licht in das Gebäude zu bringen, wurden im Chor und im Langhaus rechteckige Fenster eingebaut.
Zur Zeit der Kapellenrenovierung war gerade der Stil des Historismus hoch modern, weshalb man ihn auch bei der Gestaltung des neuen Kapellenschiffs anwandte, als man ein rundbogiges Westportal einbaute.
Westportal von St. Georg - © GvT
Die regelmäßigen Proportionen, um die man von der Romanik bis Klassizismus bemüht war, konnte man beim Umbau von 1861 nicht vollständig umsetzen, wie man deutlich anhand des Paradiesbogens im Innern der Kapelle erkennen kann. Das Schiff wurde gerade einmal so hoch gebaut, dass die Spitze des Paradiesbogens für den Betrachter optisch einfach abgeschnitten wurde.

Der gekappte Paradiesbogen in St. Georg - © GvT
Dies mag wohl mit der Hanglage der Kapelle zusammenhängen. Zur Sicherung des Kapellenchors errichtete man damals die außen sichtbaren Strebepfeiler. Zudem kann man aus den Heiligenrechnungen herauslesen, dass die Kapelle immer wieder mit Feuchtigkeit zu kämpfen hatte und hat.
Bevor im Chor die viereckigen Fenster herausgebrochen wurden, wurden die spätgotischen Malereien auf Papier festgehalten und ihre Thematik bei der neogotischen Neugestaltung berücksichtigt. Der in München ausgebildete Wilhelm Traub hatte den Auftrag zur Ausgestaltung der Kapelle erhalten.
Vor dem Durchbruch zeichnete er die Motive ab. Auf seinen Zeichnungen vermerkte er genau, welche Figuren rechts und links von den alten Chorfenstern zu sehen waren. Er zeichnete ebenfalls die Darstellungen in den Gewölbesegmenten ab. Beim genauen Hinsehen auf seinen Zeichnungen kann man erkennen, dass es sowohl bei den Malereien an der Wand, wie auch im Gewölbe Fehlstellen gab. Kein Wunder also, dass man nach damaligem Verständnis endlich neue, vollständige Wandmalereien im Zeitgeschmack haben wollte. Anschließend fertigte Traub deshalb ein neues Konzept zur Ausgestaltung der Kapelle. Seine Zeichnungen von den spätgotischen Malereien wurden im Landesamt für Denkmalpflege aufbewahrt, sind jedoch heute verschollen.
Die gegenwärtig in Unterweckerstell sichtbaren Malereien wurden in zwei rund 20 Jahren von einander getrennten Phasen aufgebracht. Beide Male hieß der Maler mit Familiennamen Traub, 1861 war Wilhelm Traub in St. Georg tätig. Bei den Malerei von 1887 wurde Ludwig Traub verpflichte, der in diesem Zeitraum auch in Grünbach und Hürbelsbach arbeitete.
An der Chorbogenwand ist auf der Nordseite (links) die Muttergottes abgebildet und markiert damit die Frauenseite in der Kapelle. Auf der Südseite (rechts) wurde Joseph dargestellt und weist auf die Männerseite hin. Die Malereien übernehmen die Funktion eines Seitenaltares, denn aufgrund des eingeschränkten Platzes wurde in St. Georg auf diese verzichtet.

Wilhelm Traub, Maria mit dem Christuskind auf der Frauenseite in St. Georg, 1861 - © GvT

Wilhelm Traub, Joseph auf der Männerseite in St. Georg, 1861 - © GvT
Innen im Chor befinden sich die Apostel Johannes und Paulus auf der nördlichen Seite (links), und auf der südlichen Seite (rechts) Jakobus d. Ältere und Petrus. Ihre Darstellungen sind neue Interpretationen der 1861 abgezeichneten spätgotischen Wandmalereien.

Zweimal entdeckt man eine Gemälde des Kapellenpatrons St. Georg. Beim Betreten der Kapelle fällt der Blick des Besuchers zuerst auf das gegenüberliegende romanische Fenster, in dem eine
auf Glas gemalte Darstellung des Heiligen zu sehen ist. Diese Glasmalerei stammt von dem Lauinger Künstler Ludwig Mittermaier, der sie 1863 anfertigte.

Ludwig Mittermaier, Hl. Georg - Glasmalerei, 1863 - © GvT

Im Zentrum des Kirchenschiffs befindet sich an der Decke in einem kleeblattförmigen Rahmen die zweite Darstellung des heiligen Georg. Das Bild ist signiert mit ‘L. Traub’ - Ludwig Traub, der auch in Grünbach und Hürbelsbach gearbeitet hatte.

Ludwig Traub, Heiliger Georg, 1887 - © GvT
Das Gemälde ist deshalb besonders bemerkenswert, weil hier der heroische Kampf zwischen dem Heiligen Georg und dem Drachen direkt in die Umgebung von Unterweckerstell übertragen worden war. Im linken Teil des Vierpasses erkennt man unschwer die Ruine der Burg Scharfenberg. Im rechten Teil ist die Burg!!! Staufeneckzu sehen.  

Der Stil der Nazarener


Die Bilder an der Chorwand sowie die vier Apostel im Chor sind im Stil der Nazarener gemalt.
Dieser Stil entwickelte sich in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts in Rom. In München entstand das Zentrum seiner Anhänger. Gefördert wurde die Arbeiten dieser Künstler von höchster Stelle, von König Ludwig I. von Bayern. Das Ziel seiner Vertreter war die Erneuerung der Kunst im Geiste des Christentums, wobei ihnen alte italienische und deutsche Meister als Vorbilder dienten. Bilder im Nazarenerstil strahlen Feierlichkeit, tiefe Ruhe und Ernst aus, weshalb man keine heiteren, lachenden Figuren darin findet.
Wilhelm Traub, Petrus mit dem Himmelsschlüssel, Chor in St. Georg, 1861 - © GvT
Jakobus d. Ältere mit dem Pilgerstab, Chor in St. Georg, 1861 - © GvT
Der Nazarenerstil befand sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf seinem Höhepunkt und verbreitete sich in der 2. Hälfte dieses Jahrhunderts auch im Lautertal und der angrenzenden Region. Den Beginn markieren die Altarblätter der beiden Seitenaltäre in St. Martinus in Donzdorf von Augustin Palme aus dem Jahre 1854. Als nächstes kam die Nazarenerkunst 1861 nach Unterweckerstell. In den Jahren ab 1865 wurde in Treffelhausen die St. Veitskirche nach dem verheerenden Dorfbrand neu gebaut und mit Elementen des Nazarenerstils ausgestattet. Die Neugestaltung der Schlosskapelle Weißenstein im Jahre 1877 erfolgte durch den in Münchner geschulten Künstler Carl Dehner und den Laurentius-Zyklus im Chor von Hürbelsbach schuf Ludwig Traub im Jahre 1887.
Wilhelm Traub, Paulus mit Buch und Schwert, Chor in St. Georg, 1861 - © GvT

Wilhelm Traub, Johannes mit dem Kelch, Chor in St. Georg, 1861 - © GvT
Im 20. Jahrhundert fanden nur noch wenige Veränderungen in der Kapelle statt. Um 1940 erhielt die Kapelle einen teilweise kolorierten, mit LH signierten Kreuzwegzyklus. In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts fanden zwei entscheidende Renovierungen statt. Bei den Arbeiten 1970 im Chor wurden Blumenranken in den Gewölbekappen aufgedeckt und restauriert (s.o.).
Im Jahre 1986 schlug ein Blitz in den Dachreiter über dem Portal ein. Seine Kraft war so stark gewesen, dass er ihn zerstörte und die darin aufgehängte Glocke schmolz. Der Dachreiter wurde wieder hergestellt. Während dieser Arbeiten fand man auf dem Dachboden ein barockes, leider ruinöses Gemälde (Öl auf Leinwand) des Heiligen Georgs, das sichergestellt wurde. Zudem wurden zwei Figuren aus der Kirche St. Martinus Donzdorf, die Heiligen Martin und Patrizius, an der Ostseite des Chores aufgestellt. 
 

Quellen und Literatur   

GRFAD - Heiligenrechnungen von Unterweckerstell
- Heimatbuch Donzdorf, hrsg. v. Stadt Donzdorf, Donzdorf 1976
- Heribert Hummel, Donzdorf - Die Kirchen der Stadt Donzdorf - Kirchenführer, Weißenhorn 1995
- Gabriele von Trauchburg, Lauterstein - Weißenstein - Nenningen: Kirchenführer, Lauterstein 2015
- Walter Ziegler, Die Kulturdenkmale im Kreis Göppingen, Göppingen o.J.
https://de.wikipedia.org/wiki/Nazarener_(Kunst)
https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Mittermaier
https://de.wikipedia.org/wiki/Augustin_Palme
https://de.wikipedia.org/wiki/Patriarchenkreuz
https://de.wikipedia.org/wiki/Kreuz_von_Caravaca

Montag, 1. Januar 2018

Der italienische Barock in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg - Teil 4: Die Verpflichtung des Stuckateurs und Bildhauers Prospero Brenno (1638-1698) für die Wallfahrtskirche Hohenrechberg


Die Wallfahrtskirche Hohenrechberg


Der italienische Barock in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg


© Gabriele von Trauchburg


Teil 4: Die Verpflichtung des Stuckateurs und Bildhauers Prospero Brenno (1638-1698) für die Wallfahrtskirche Hohenrechberg



München - Die bayerische Residenzstadt als Vermittlerin für Kunst und Künstler

Als die Pläne für den Neubau der Wallfahrtskirche auf dem Hohenrechberg voranschritten, mussten zahlreiche Handwerker und Künstler ausgewählt und unter Vertrag genommen werden. Die überwiegende Anzahl der am Bau beteiligten Männer kam aus der Umgebung von Hohenrechberg (s. die 5 Beiträge  ‘Die Wallfahrtskirche Hohenrechberg - Gemeinsam für Gott’ in diesem Blog). Die Ausnahmen waren der Baumeister Valerian Brenner und der Stuckateur Prospero Brenno.
Die Verbindung zwischen Valerian Brenner und dem Auftraggeber, Bernhard Bero von Rechberg, rührt wohl daher, dass Brenner kurz zuvor für den Schwager von Bernhard Bero, Maximilian Fugger von Kirchdorf-Weißenhorn-Nordendorf, die zwischen Augsburg und Donauwörth gelegene Wallfahrtskirche Biberbach errichtet hatte.
Die Verbindung von Prospero Brenno nach Donzdorf war auf ganz anderer Ebene zustande gekommen. Prospero Brenno arbeitete in der ersten Hälfte der 1670er Jahre als Stuckateur bei der Ausgestaltung der von Kurfürst Ferdinand Maria von Bayern und seiner Frau Henriette Adelaide, einer geborenen Herzogin von Savoyen, gestifteten Theatinerkirche. Von dort warb ihn der kurbayerische Hof ab, damit Brenno im neu errichteten Flügel für die kurfürstliche Familie einige der neuen Räume ausstatten konnte.
Sowohl Bernhard Bero von Rechberg, zeitweilig der höchste Beamte am Münchner Hof, wie auch sein Sohn Franz Albert, der Oberstallmeister, gehörten zum engen Zirkel am Münchner Hof. Sie erlebten tagtäglich die Baufortschritte - zuerst an der Theatinerkirche und dann am Neubau der Residenz. Welcher der beiden Rechberg-Männer letztendlich die Entscheidung für die Verpflichtung von Prospero Brenno traf, ist nicht bekannt. Beide kannten die Arbeitsweise des Stuckateurs und Bernhard Bero als Obersthofmeister wusste auch Bescheid um dessen Kosten.
Prospero Brennos Vertrag wurde schließlich von Franz Albert von Rechberg unterzeichnet, weil sein Vater kurz nach der Grundsteinlegung im Juni 1686 verstorben war. Aus diesem Grund findet man auch mehrfach die Wappen von Franz Albert und seiner Frau Katharina, einer geborenen Gräfin von Spaur, in der Wallfahrtskirche.

Das Wappen des Bauherrn Franz Albert von Rechberg (links) und seiner Ehefrau Katharina, geb. von Spaur - © GvT

Katharina von Rechberg war eine der drei beliebtesten Hofdamen der bayerischen Kurfürstin Henriette Adelaide († 1676) gewesen und ist auf einem Gemälde in der Münchner Residenz dargestellt. Auch sie kannte die Baufortschritte in der Residenz und könnte meinungsbildend bei der Verpflichtung von Prospero Brenno mitgewirkt haben.  

Die Arbeitsverträge des Prospero Brenno bezüglich Hohenrechberg

Die Heiligenrechnungen der Wallfahrtskirche Hohenrechberg geben Aufschluss darüber, wann und wie die Entscheidungen zur Ausgestaltung des Innenraums der neuen Kirche erfolgten. Ein erster Aufenthalt geht in das Jahr 1687 zurück. Im Laufe jenen Jahres war Prospero Brenno nach Donzdorf gekommen. Während eines mehrtägigen Aufenthaltes fertigte er den Entwurf für die Ausgestaltung der Kapelle an. Dafür erhielt er eine einmalige Zahlung von 1 Gulden 27 Kreuzern.
Der Rechnungsposten über den Aufenthalt von Prospero Brenno in Donzdorf lässt einige Rückschlüsse zu. Die Heiligenrechnung datiert den Aufenthalt zwar nicht, er fand jedoch zu einem Zeitpunkt statt, als sich der Patronatsherr, Franz Albert von Rechberg, in seiner Residenz in Donzdorf aufhielt.
Das Hofleben in Europa folgte einem bestimmten Zyklus. Es dauerte meist vom Herbst bis ins Frühjahr. Ende März oder Anfang April reisten die Hofmitglieder auf ihre Ländereien, um die Getreideaussaat festzulegen und die Arbeiten über den Sommer hinweg zu überwachen. Im Herbst, nach dem Einbringen der Ernte, kehrten die Hofmitglieder in die Residenz zurück. Das Einbringen der Ernte war für jedes einzelne Mitglied von großer Bedeutung, weil das Ausmaß der Ernte über den finanziellen Spielraum für die kommenden 12 Monate entschied. Aus diesem Grund kann man bis in die Gegenwart in den europäischen Monarchien die Eröffnung des Parlaments in den Herbstmonaten verfolgen. 
Der Aufbruch hinaus auf die Ländereien erfolgte beim Münchner Hof meistens Ende März oder Anfang April, die Rückkehr geschah meist Mitte Oktober. Man darf also davon ausgehen, dass der Hohenrechberger Patronatsherr Franz Albert von Rechberg sich in diesem üblichen Zeitraum in Donzdorf aufhielt.
Das Treffen mit dem Stuckateur Prospero Brenno fand wohl Ende September oder Anfang Oktober 1687 statt. Die Arbeiten auf Baustellen endeten oft in diesem Zeitraum. Für einen Künstler war dann absehbar, wie weit sein Werk gediehen war und welche Aufträge er für das künftige Jahr annehmen konnte.

Vom Entwurf zur Ausführung
Bei dem Treffen von Franz Albert von Rechberg und Prospero Brenno entstand - laut Rechnungsposten - der Entwurf für die Innenausstattung der Wallfahrtskirche. Dieser umfasste wohl zunächst nur die Gestaltung von Decke und Wänden. Diese Vermutung ergibt sich aus der Tatsache, dass der Stuckateur von Mantriß (Mendrisio) aus der Schweiz, die Kapell auszugipsen per 350 fl und 6 Taller Leykauff verdingt worden war. Diese Arbeiten nahmen das gesamte Jahr 1688 in Anspruch. Prospero Brenno arbeitete wohl im gleichen Zeitraum wie die Maurer, nämlich vom 22. April bis 20. Oktober 1688. Am Ende dieses Zeitraums erhielt er die im Arbeitsvertrag festgelegte Gesamtsumme.

Eines der für die Wallfahrtskirche Hohenrechberg charakteristischen Kapitelle - © GvT
Bei Brennos Einstand auf der Baustelle 1688, gefeiert beim Wirt Nuding in Rechberg, wurde gleichzeitig auch noch der Vertrag über die Errichtung des Choraltars und der beiden Seitenaltäre abgeschlossen. Dieser regelte, dass der Stuckateur im darauffolgenden Jahr die gesamten Altäre und die Kanzel für die Wallfahrtskapelle anfertigen sollte. 
Nachdem notwendige Vorarbeiten erledigt waren, begann Prospero Brenno 1689 mit den Arbeiten für den Hochaltar und die beiden Seitenaltäre, anschließend gestaltete er das Oratorium, die vier Portale im Chor und zum Schluss die Kanzel. Für diese Arbeiten erhielt er insgesamt 430 Gulden.

Der rechte Seitenaltar in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg - © GvT

Die Kanzel mit den 4 Evangelisten, das Innere des Oratoriums und die Verkleidung der vier Portale im Chor mit Stuck und das Trinkgeld für seine Gesellen wurden mit 98 Gulden vergütet.

Die Kanzel der Wallfahrtskirche Hohenrechberg, links im Hintergrund das Oratorium - © GvT

Außerdem hatte Brenno noch zusätzlich zu den auf seinem Entwurf eingezeichneten Stuckaturen noch 12 Engelsköpfe, die Umrahmung des Oratorium und die lebensgroße, aus Ton gearbeitete Frauenfigur auf der Außenseite gefertigt. Hierfür erhielt er noch einmal 36 Gulden.

Die nach Osten gewandte Muttergottes - © GvT

Insgesamt konnte Prospero Breno 915 Gulden in Hohenrechberg verdienen. Er ist damit der bestbezahlte Künstler und Handwerker des gesamten Bauvorhabens. 

Quellen und Literatur 

GRFAD - Heiligenrechnungen Hohenrechberg 1687-1689
Gabriele von Trauchburg, Die Wallfahrtskapelle Hohenrechberg - Gemeinsam für Gott (Teile 4 und 5), in diesem Blog

 


Sonntag, 10. September 2017

Die Wallfahrtskirche Hohenrechberg Gemeinsam für Gott - Teil 1: 1685 - Das Jahr der Bauvorbereitungen

Die Wallfahrtskirche Hohenrechberg


Gemeinsam für Gott - Patronatsherren, Handwerker, Tagelöhner und Künstler. Vortrag zum Tag des Deutschen Denkmals 2017

 

 © Gabriele von Trauchburg, September 2017
Für die technische Beratung danke ich Herrn Benjamin Werner (staatl. Bautechniker, Lauterstein) und Herrn Bernhard Baum (Dipl. Maler- und Lakierermeister, Donzdorf)

Die Pfarr- und Wallfahrtskirche Hohenrechberg - © GvT

Teil 1: 1685 - Das Jahr der Bauvorbereitungen

Seit der zweiten Hälfte der 1670er formte sich im Hause der Grafen von Rechberg allmählich der Plan, eine neue Kapelle auf dem Hohenrechberg zu errichten. Bei unserer heutigen Führung will ich Ihnen aufzeigen, wie man einen derartigen Bau plante und dann in der Realität umsetzte.
Ein derartiges Vorhaben kann nur gelingen, wenn es das entsprechende Material dazu gibt. Im Falle von Hohenrechberg sind dies die teilweise ausführlich kommentierten Bilanzen der Wallfahrtskapelle. Sie umfassen den Zeitraum von 1685 - dem Jahr der Bauvorbereitungen, 1686 - das Jahr der Grundsteinlegung und des Rohbaus, 1687 - das Jahr des Dachs und des Turms, 1688-1689 die beiden Jahre der Innenausstattung.
In den Hohenrechberger Bilanzen ist nicht nur von den erreichten Arbeitsabschnitten die Rede, sondern auch von der Organisation der Mammutbaustelle an ungewöhnlichem Ort, den beteiligten Handwerkern und von den Arbeitsbedingungen.
All diese Informationen sollen im folgenden so zusammengestellt werden, dass man sich Schritt für Schritt die Entstehung der neuen Barockkapelle auf dem Hohenrechberg vorstellen kann.

Die Auftraggeber - Der Patronatsherr und seine Familie

Als 1676 diejenige Rechberglinie, die bis dahin die für die Rechberg-Familie zentrale Herrschaft Hohenrechberg inne hatte, ausstarb, ging sie an die nächstälteste, die Donzdorfer Linie über. Der damalige Herrschaftinhaber dort war Bernhard Bero von Rechberg (1607-1686)
Bernhard Bero zählte in den 1670er und 1680er Jahren zu den wichtigen Persönlichkeiten am kurbayerischen Hof in München. Zudem hielt er sich einige Zeit lang in der österreichischen Grenzfestung Neuhäusl auf, die durch das Vordringen der Türken im 17. Jahrhundert bedroht war. In den 1680er Jahren machte Bernhard Bero Karriere als Hofbeamter. Bis 1685 hatte er die Stellung eines Obersthofmeisters erreicht, die ranghöchste Stelle an einem Hof.
Verheiratet war Bernhard Bero mit Maria Jakobäa Fugger von Weißenhorn und Nordendorf. Auch sie und ihre Familie gehörten zum engen Zirkel am kurbayerischen Hof. Der Bau der Kapelle lag ihr besonders am Herzen. Zu den Baukosten trug sie in erheblichem Maße bei und ließ sich in der Kirche ihre Grabstätte einrichten.
Der Sohn des Paares, Franz Albert, war in München am Jesuitengymnasium, über Jahrhunderte hinweg eine Kaderschmiede, erzogen worden. Wie sein Vater startete er seine berufliche Laufbahn am Münchner Hof und hatte bei Baubeginn die Stelle eines Oberstallmeisters inne. Seine Ehefrau war die aus Südtirol stammende Gräfin Katharina Barbara von Spaur. Sie zählte zu den drei beliebtesten Hofdamen der 1676 verstorbenen bayerischen Kurfürstin Henriette Adelaide und ist auf einem Gemälde in der Münchner Residenz abgebildet.

Macht und Pracht   

Das diesjährige Motto vom Tag des offenen Denkmals lautet: Macht und Pracht. Als Obersthofmeister in München lernte Bernhard Bero und seine Familie die neue Pracht nach dem 30jährigen Krieg - den Barock - kennen. Die junge Kurfürstin Henriette Adelaide brachte diesen neuen Kulturstil aus ihrer oberitalienischen Heimat nach München, indem sie Baumeister, Maler und Musiker engagierte. Bernhard Bero und seine Familie wirkten als kulturelle Multiplikatoren und brachten diese neue Mode in ihre eigene Herrschaft - nach Hohenrechberg. Als Herrschaftsinhaber und als Patronatsherr besaß Bernhard Bero die Macht, diesem Kunststil hier zum Durchbruch zu verhelfen. Er selbst, seine Frau und der Ehemann seiner Nichte, Leutnant Wilhelm von Limburg-Styrum besaßen die finanziellen Mittel, um dieses Unternehmen zu einem guten Abschluss zu bringen. Und schließlich sorgte Franz Albrecht und seine Frau dafür, dass der renommierte Stuckateur Prospero Breno mit seinen Kunstfertigkeiten an diesem Ort sich eine Pracht entwickeln ließ, die in Süddeutschland ihres gleichen sucht.  

Der Baumeister und sein Parlier

Bernhard Bero und seine Frau wählten den aus Vorarlberg stammenden und im vorderösterreichischen Günzburg arbeitenden Baumeister Valerian Brenner aus. Bei dieser Wahl entscheidend dürfte dessen erfolgreicher Abschluss des Bauprojektes Wallfahrtskirche Biberbach bei Augsburg gewesen sein. Diese Kirche hatte er im Auftrag des Schwagers von Bernhard Bero von Rechberg errichtet. Und oftmals waren es die Empfehlungen innerhalb einer Familie oder eines Freundeskreises, die zum nächsten Auftrag führten. Valerian Brenner gehört in die Kategorie der sogenannten Vorarlberger Baumeister, die den Barockstil im Kirchenbau nördlich der Alpen verbreiteten.
Valerian Brenner ist erstmals in der Bilanz von 1685 verzeichnet. Dazu heißt es, dass er zuerst ein Modell der künftigen Kapelle fertigte und aufgrund dessen einen Baukostenvoranschlag in Höhe von 5000 Gulden (fl) ausgearbeitet hatte. Im Laufe des gleichen Jahres reiste er mehrfach zur Kontrolle auf die Baustelle auf dem Hohenrechberg und übernachtete bei dieser Gelegenheit beim Adlerwirt in Donzdorf.
Zum Parlier (= Polier oder Bauleiter) der Baustelle wurde Johann Wille bestellt. Über diesen Mann gibt es bis dato keine weiterführenden Informationen. Zu seinen Aufgaben zählte die  Auswahl von Baumaterialien und die qualitative Überwachung der Arbeiten.


Die Wächter über die Baukosten

Die Überwachung der Finanzen oblag den beiden Heiligenpflegern der Kapelle Hohenrechberg. In der Regel notierten sie akkurat die jährlichen Einnahmen und Ausgaben im Zusammenhang mit der Kapelle.
Während der Bauarbeiten kontrollierten sie die baulichen Fortschritte anhand der vorgelegten Abrechnungen. Es ist ein Glücksfall, dass die Hohenrechberger Heiligenpfleger teilweise die Ausgaben kommentierten. Auf diese Weise gewinnt man ein plastisches Bild von der Baustelle auf dem Berg, wie man im folgenden sehen wird.
Die vielen Details zum Bau verdankt man dem damaligen Wirt in Rechberg-Hinterweiler, Leonhard Nuding. Anfangs stand ihm Michael Frey aus Rechberg-Vorderweiler bis zu seinem Tod zur Seite. Seine Stelle nahm dann Andreas Wagenblast vom Kleineshof, einem der Aushöfe von Rechberg, zur Seite.   


Die Bauvorbereitungen

Die Lage der Baustelle stellte eine große Herausforderung für die beteiligten Menschen dar. Noch immer führt der Weg von der Burg bis herauf zur Kapelle über diesen besonders letzten steilen Anstieg. Dieser musste während der Bauarbeiten mit dem Baumaterial bewältigt werden.
Die Ausgaben in den Bilanzen, den sogenannten Heiligenrechnungen, zeigen sehr deutlich, dass die Baustelle systematisch vorbereitet wurde. Im Jahr 1685 entstanden zwei Vorhaben: eine Zisterne und ein Kalkofen mit Kalkgruben.

Die Zisterne

Die Zisterne entstand in unmittelbarer Umgebung zur neu zu errichtenden Kapelle. Dieses Wasserreservoir war dringend nötig, um darin das auf der Baustelle benötigte Wasser sammeln zu können. Dazu musste zunächst die Zisterne ausgehoben werden. Allein dieses Vorhaben  stellte die daran beteiligten Arbeiter vor eine große Herausforderung, folgte doch der dünnen Humusschicht gleich das weiße Kalkgestein. In dieses Gestein musste die Zisterne hinein gegraben werden.
Diese schweißtreibende Aufgabe hatte Georg Persch, Tagelöhner aus Hinterweiler, übernommen. Tagelöhner ist in diesem Fall eine leicht irreführende Berufsbezeichnung, denn Persch tritt als Vertreter einer ganzen Reihe von Tagelöhnern in den Heiligenrechnungen auf, vielleicht könnte man in ihm für die Zeit der Baustelle eine Art Unternehmer erkennen. Er hatte seine Männer für diese Baumaßnahmen gewonnen. Er dirigierte sie im Verlauf der unterschiedlichen Arbeiten auf der Baustelle, stellte die Rechnungen, erhielt die einzelnen Summen und zahlte die Männer aus.
Arbeiten, die spezielle Kenntnisse voraussetzten, wurden von Fachleuten erledigt. So holte man den Maurer Simon Kerner aus Treffelhausen für die Maurerarbeiten. Dieser brachte noch seinen Gesellen zur Unterstützung mit.
Damit die neue Zisterne sich möglichst bald mit Wasser füllen konnte, wurde ein ganzes Netz an Rohrleitungen verlegt. Rohre, sogenannte Deicheln, wurden damals aus Holz hergestellt. Zimmermänner bohrten in Holzstämme ein durchgängiges Loch. Die dünneren oberen Enden eines Stammes wurden in das dicke untere Ende eines Stammes geschoben und mit Hilfe von Metallbändern fixiert.
Die auf dem Hohenrechberg benötigten Deicheln stellte der Schwäbisch Gmünder Zimmermann Johann Herlickhover her. Den Auftrag für die Herstellung von hölzernen Dachrinnen - wahrscheinlich für die alte Kapelle, dem heutigen Gasthaus - erhielt der Donzdorfer Zimmermann Gregor Mayr. Zur Fertigstellung der Zisterne stellten der Gmünder Schlosser Franz Schmid einige Teile her und verbaute sie, dann baute Johann Herlickhover schließlich das Gestell und das Dach darüber.

Der Kalkofen

Der Kalkofen war von größter Bedeutung, darin wurde der Kalk gebrannt, den man für die Herstellung des Mörtels und des Verputzes dringend benötigte. Für diesen Kalkofen wurden zwei regionale Maurer engagiert: Johann Boser aus Weißenstein und Hans Georg Friestadler aus Hinterweiler. Boser stellte den Kalkofen her, Friestadler mauerte die Einfassung.

Die Kalkgruben

Der im Kalkofen gebrannte Kalk wurde nach dem Brennvorgang weiter verarbeitet. In großen Pfannen wurde er gelöscht, d.h. Wasser und Kalk wurden vermischt und solange gerührt, bis der sich entwickelnde Dampf ‘gelöscht’ war. Anschließend lagerte man die geschmeidige Masse in Kalkgruben. Je älter ein derartiger Kalk war, desto bessere Qualität besaß er. Die Kalkgruben wurden ebenfalls von Georg Persch und seinen Mitstreitern hergestellt.

Das Arbeitsmaterial

Die Arbeiten im Gestein - das Ausheben der Zisterne und die Herstellung der Kalkgruben - erforderten bestimmte Werkzeuge - Pickel, Hauen, Schaufeln und weitere Kleinwerkzeuge. Diese stellten der Wagner Hans Nothard vom Fuchshof und der Schmied von Hinterweiler, Caspar Jos, in großem Umfang her.
Für die Herstellung von Mörtel benötigte man neben Wasser und Kalk auch noch Sand. Das dazu notwendige Sandsieb lieferte der Gmünder Hufschmied Andreas Kroll. Schubkarren zum Transport von Material auf der Baustelle fertigte der Zimmerknecht Hans Sambhueber.
Die Steine für den Bau der Kirche und für die Herstellung des Mörtels wurden zum Teil direkt auf dem Berg gebrochen und dann gleich an Ort und Stelle verarbeitet. Im Steinbruch arbeitete der bereits mehrfach genannte Georg Persch mit seinen Mitstreitern.
Nach dem Bau von Kalkofen und Kalkgruben ging der Hinterweiler Maurer Friestadler daran, den gelöschten Kalk herzustellen. Das notwendige Holz zum Erhitzen der Kalksteine schluggen und lieferten ebenfalls Georg Persch und seine Mitstreiter.
Der außerdem benötigte Sand war auf dem Hohenrechberg nicht zu finden. Dieser wurde entweder aus den umgebenden Flüssen gewonnen oder aber in Sandmühlen hergestellt. Beide Sandarten mussten dann auf die Baustelle geliefert werden. Die Transporte übernahmen die Hohenrechberger Untertanen. Einige Fuhren erledigten sie ohne dafür Kosten in Rechnung zu stellen, weil sie auf diese Weise ihrer Fronpflicht nachkamen. In diesem Fall erhielten sie eine kostenloste Verpflegung aus Brot, Wein und Brandwein beim Hinterweiler Wirt Nuding. Hatten sie ihre Fronpflichten erledigt, mussten aber noch mehr Fuhren tätigen, so stellten sie hierfür Rechnungen, deren Höhe ihnen dann von den Heiligenpflegern ausbezahlt wurden.

Die Handwerker

Die akkurat geführten Heiligenrechnungen erlauben für das Jahr 1685 bereits einen interessanten Einblick auf die Baustelle auf dem Hohenrechberg. Auffallend ist, dass die meisten Handwerker, Zulieferer und Tagelöhner aus Dörfern rechbergischer Herrschaften kommen: Straßdorf, Rechberg, Weißenstein, Donzdorf und Treffelhausen. Einzig dann, wenn ein besonderes Material oder ein Handwerk nicht von eigenen Untertanen erledigt werden konnte, holte man sich dieses fehlende Material oder Wissen aus der nahegelegenen Reichsstadt Schwäbisch Gmünd.
Soweit möglich, habe ich hier bewusst auch die Namen der damals beteiligten Bauarbeiter genannt. Viele Namen davon findet man noch heute in der Region. Auch diese Männer sind es wert, im Rahmen einer solchen Betrachtung einmal genannt zu werden.

Quellen und Literatur

- GRFAD - HA, Heiligenrechnungen der Kapelle Hohenrechberg 1685-1689
- GRFAD - RA, einschlägige Archivalien zum Bau der Kapelle Hohenrechberg
- von Trauchburg, Gabriele, Pfarr- und Wallfahrtskirche zur Schönen Maria auf dem  Hohenrechberg, Donzdorf 2016
- von Trauchburg, Gabriele, Die Aushöfe der Herrschaft und der Gemeinde Rechberg, in: Rechberg - Ein Heimatbuch, hrsg. v. Karl Weber und K.J. Herrmann, Schwäbisch Gmünd 2004, S. 366-383
- Kurzfilm zum Kalkbrennen - https://www.youtube.com/watch?v=u6AE9cYByy0
- Kurzfilm zum Historischer Kalkmörtel: https://www.youtube.com/watch?v=j-NGv5i3AVU

Die Wallfahrtskirche Hohenrechberg - Gemeinsam für Gott - Teil 2: 1686 - Das erste Jahr der Bauarbeiten

Die Wallfahrtskirche Hohenrechberg

 

Gemeinsam für Gott - Patronatsherren, Handwerker, Tagelöhner und Künstler. Vortrag zum Tag des Deutschen Denkmals 2017

 

 © Gabriele von Trauchburg, September 2017


    Teil 2: 1686 - Das erste Jahr der Bauarbeiten - Arbeitsbedingungen und erster Bauabschnitt

Die Vorbereitungen für den Neubau der Kapelle auf dem Hohenrechberg waren 1685 in vollem Gang. Wie ich in Teil 1 berichtete, hatte der Baumeister ein Modell der Kirche gebaut, einen Kostenvoranschlag über 5000 Gulden (fl) errechnet, Arbeiter aus Rechberg eine Zisterne und Kalkgruben gegraben, dann wurde ein Kalkofen eingerichtet, erste Bruch- und Kalksteine gebrochen und teilweise zu gebranntem Kalk verarbeitet.

Die Auftraggeber - Der Patronatsherr und seine Familie

Noch immer war Bernhard Bero von Rechberg-Donzdorf der Patronatsherr der Kapelle. Er war weiterhin als Obersthofmeister am bayerischen Hof tätig und zählte damit in den 1670er und 1680er Jahren zu den wichtigen Persönlichkeiten am kurbayerischen Hof in München. Gemeinsam mit seiner Frau Maria Jakobäa Fugger von Weißenhorn und Nordendorf verfolgte er die Fortschritte am Kapellenbau.
Der in München ausgebildete Sohn des Paares, Franz Albert, hatte zum Zeitpunkt des Kapellenbaus in der Münchner Hofhierarchie bereits die Stelle eines Oberstallmeisters erreicht. Zudem war er Mitglied der bayerischen Armee und wurde immer wieder zu Kriegszügen gegen die Türken auf dem Balkan eingesetzt. Seine Ehefrau war die aus Südtirol stammende Gräfin Katharina Barbara von Spaur. Auch sie gehörte zum Münchner Hofstaat.
Die Lebensweise an diesem in den 1670er Jahren stark nach Italien und Österreich orientierten Hof und die Pflege des neuen barocken Lebensstils war den Stiftern der Kapelle wohl vertraut. Sie brachten aufgrund ihrer Macht als Herrschaftsinhaber und Patronatsherren diesen neuen Stil in ihre eigene Herrschaft. Für die prachtvolle Ausgestaltung sorgten die vielen arbeitenden Hände von Handlangern, ausgebildeten Handwerkern bis hin zu den auswärtigen Künstlern.

Der Baumeister und sein Parlier

Nach wie vor war der aus Vorarlberg stammenden und im vorderösterreichischen Günzburg arbeitenden Baumeister Valerian Brenner der Baumeister auf der Hohenrechberger Baustelle. Mehrfach im Laufe des Jahres kam er auf die Baustelle, um den Fortschritt des Bauwerks zu überwachen. Bei diesen Gelegenheiten übernachtete er in Donzdorf, am Sitz seines Auftraggebers.
Auch auf der Position des Parliers gab es keine Veränderung. Nach wie vor wählte und prüfte  Johann Wille die benötigten Baumaterialien und überwachte die Arbeiten.
Aufriss der Hohenrechberger Kapelle, um 1685 - © GvT

Die Wächter über die Baukosten

Im ersten Jahr der Bauarbeiten war der Wirt Leonhard Nuding war aus diesem Amt ausgeschieden. Nur Andreas Wagenblast vom Kleineshof  begegnet uns erneut bei der Kontrolle der Baufinanzen. Der zweite Heiligenpfleger war dann Michael Wahl vom Stollenhof. Diesen beiden Männern verdanken wir heute eine ganze Reihe interessanter Einzelheiten zum Geschehen auf der Baustelle.

Die Grundsteinlegung

Das erste große Ereignis des Jahres dürfte die Grundsteinlegung gewesen sein. Sie wurde am 22. April 1686 von Dekan Johann Furnier aus Drakenstein vorgenommen. Zu diesem Zweck mussten Gebühren in Höhe von 5 Gulden und 40 Kreuzern entrichtet werden. Zusätzlich erhielt der Geistliche 21 Gulden für seine Bemühungen.
Zu diesem Ereignis waren zahlreiche Personen erschienen. Neben der Familie des Patronatsherren kam die Verwandschaft aus Weißenstein, dann der junge Offizier und spätere General Gaudenz von Rechberg und zahlreiche Geistliche. Sie alle erhielten nach dem Festakt im Donzdorfer Schloss zuerst ein Mittag Suppen gereicht, die mit den besonderen Gewürzen einer Frau Veichelmann angereichert worden war. Danach folgte ein Hauptgang mit Geflügel, zu dem Wein getrunken wurde. Die bis dahin tätigen Arbeiter erhielten zur Feier des Tages Wein, Bier und Brandwein, die von  Stophel und Kaimer aus Vorderweiler ausschenkten.

Die Maurer und ihre Arbeitsbedingungen

Die Grundsteinlegung blieb nicht das einzige Fest. Am 6. Juni 1686 wurde der Einstand der Maurer gefeiert. Dazu spendierte die Bauleitung Donzdorfer Schlosswein im Wert von 4 Gulden und 11 Kreuzern. Ein Maß (= etwas mehr als 1 Liter) Wein kostete damals 5 Kreuzer. Das ergibt eine Menge von rund 50 Litern Wein für den Einstand der Maurer auf der Baustelle.
Selten findet sich in Bilanzen ein Hinweis auf Arbeitsbedingungen. Im vorliegenden Fall sind die Abmachungen zwischen Bauherr und Baumeister in Kurzform wiedergegeben. Danach erhielt jeder Geselle sowie der Polier Wille Lohn in Höhe von 28 Kreuzer pro Tag. Arbeitsbeginn war um 4 Uhr morgens, Arbeitsende war abends um 7 Uhr. Der Tagesablauf war folgendermaßen geregelt. Nach dem Beginn am frühen Morgen dauerte der erste Arbeitsabschnitt bis um 7 Uhr. Dann folgte eine einstündige Pause für das Brotessen. Danach begann der zweite Arbeitsabschnitt, der um 12 Uhr endete. Nach einer Stunde Pause für das Mittagessen wurde der dritte Arbeitsabschnitt begonnen, der solange das Tageslicht es erlaubte, jedoch spätestens um 7 Uhr abends endete. Aus der Abrechnung geht hervor, dass im Jahre 1686 im Laufe von 30 Wochen an der neuen Kapelle gebaut worden war, und die Lohnzahlungen allein für die Maurer insgesamt 705 Gulden betrugen. 
Die hier vorliegenden Zahlen liefern weitere Einzelheiten zu den Vorgängen auf der Baustelle: rein rechnerisch arbeiteten die Maurer 1686 an maximal 180 Tagen. Auf diese Weise konnte ein Maurer im Idealfall an 180 Tagen je 28 Kreuzer, also insgesamt 84 Gulden (1 Gulden = 60 Kreuzer) verdienen. Bei einer Gesamtsumme von 705 Gulden Lohn für die Maurer und den Polier bedeutet dies, dass täglich zwischen 8 bis 9 Maurer samt dem Polier am Aufbau der Mauern arbeiteten.


Zimmermänner, Schmiede und Handlanger

Den schon im Vorjahr tätige, aus Rechberg-Hinterweiler stammende Georg Persch findet man auch in diesem Jahr gemeinsam mit seinen Mitstreitern auf der Baustelle. Diese Männer übernahmen eine ganze Reihe von Arbeiten: sie brachen die Steine auf dem Hohenrechberg, schlugen das Holz für den Kalkofen, siebten den Sand, rührten den Mörtel und versorgten die Maurer mit dem jeweils benötigten Arbeitsmaterial. Dafür erhielt die Truppe um Georg Persch für das Jahr 1686 insgesamt 696 Gulden an Lohn. Weil jedoch der Tagesverdienst dieser Männer nicht bekannt ist, lässt sich die Größe dieser Arbeitergruppe leider nicht ermitteln.
Aus den Unterlagen geht hervor, dass zwei Zimmermänner auf der Baustelle arbeiteten. Da war zum einen Hans Samhuber (Sambhueber), der für die Arbeiten an der Zisterne und am Kalkofen zuständig war und dafür mit 2 Gulden 24 Kreuzer entlohnt wurde.
Den weitaus größeren Auftrag hatte Christoph Reichel aus Lautern ergattert. Er sollte die gesamten Zimmermannsarbeiten für die neue Kapelle erledigen. Der Auftrag umfasste ein Gesamtvolumen von 243 Gulden, von denen im Jahr 1686 insgesamt 143 Gulden ausgezahlt wurden. Dieser Großauftrag wurde bei seinem Abschluss in Donzdorf im Becher mit zwei Maß Wein begossen.
Eine Reihe von Schmiedearbeiten übernahm der Schmied von Hinterweiler, Caspar Joß. Er fertigte Eisengatter für die Sakristei und das Oratorium und fertigte oder reparierte die Hämmer für die Maurer und das Werkzeug für die Handlanger um Georg Persch. Damit verdiente er im Jahre 1686 77 Gulden und 37 Kreuzer.
Der Schreiner Martin Frey aus Winzingen tritt erstmals in den Heiligenrechnungen jener Zeit auf. Für verschieden angefallene Arbeiten erhielt er 5 Gulden 36 Kreuzer. Dieser standen aber wohl eher im Zusammenhang mit der alten Kapelle.

Das Personalmanagement

Auf der außergewöhnlich gelegenen Baustelle wurde eine beachtliche Anzahl von Mitarbeitern benötigt. Sie mussten zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein. Die Lösung dieses Problems wurde mit Baubeginn dem Schultheiß von Straßdorf, Franz Blessing, übertragen. Seine Aufgabe bestand darin, die entsprechende Anzahl von benötigten Handwerkern und Handlangern anzuwerben, ihren Einsatz zu organisieren und sie für ihre Arbeit auszuzahlen. Dafür erhielt er 40 Gulden sowie Getreide.

Baumaterial

Aus den Rechnungen geht hervor, dass im Jahr 1686 große Mengen an Baumaterial aus der näheren Umgebung auf den Hohenrechberg geschafft wurden.
Wie im Vorjahr lieferte Hans Nothard vom Fuchshöfle Leitern und Schubkarren im Wert von 13 Gulden. Benötigte Bretter und Rahmenschenkel für 41 Gulden lieferte der Sägmüller Georg Lang aus Salach. Das beim Bau benötigte Eisen besorgte der Gmünder Bürgermeister und Handelsmann Achilles Stahl und erhielt dafür 96 Gulden. Dringend benötigt wurden auch Nägel für den Dachstuhl.
Die umfangreichsten Lieferungen kamen von zwei Ziegeleien. Albrecht Schmied aus Staufeneck und Andreas Huber aus Waldstetten lieferten Brandsteine und Platten für Brankkalk. Dafür wurde Huber 194 Gulden vergütet und Schmied 73 Gulden. Sogar für das kommende Jahr wurde schon bei Ziegler Huber vorbestellt - nämlich 10.000 Brandsteine für 63 Gulden.


Transportwesen

Die exponierte Lage der Baustelle auf dem Hohenrechberg sorgte dafür, dass die Baumaterialien alle dorthin gebracht werden mussten. Die gesamten Transportkosten für das Jahr 1686 betrugen 532 Gulden. Man lieferte Steine, vor allem für den Kalkofen, dann Holz, Kalk und Wasser.
Weil man bei der Zusammenstellung der Heiligenrechnung eine Fuhre versehentlich nicht in die große Summe mit einbezogen hatte, erfährt man dann nebenbei, dass für einen Transport von Steinen aus dem Steinbruch auf dem Berg durch den Schonterbauer Michael 45 Kreuzer bezahlt wurde. Ein weiterer Fuhrunternehmer war der Straßdorfer Wirt Georg Staudenmayer, ansonsten beauftragte man bevorzugt Rechberger Untertanen.

Baufortschritte

Aus der Heiligenrechnung des Jahres 1686 lässt sich auch der Baufortschritt ablesen. Insgesamt wurde 30 Wochen lang auf der Baustelle gearbeitet. Die Maurer begannen mit ihrer Arbeit Anfang Juni nach der Einstandsfeier. Sie scheinen gut über den Sommer vorangekommen zu sein, so dass man Anfang September die Hoffnung hegte, sogar noch den Dachstuhl aufrichten zu können. Deshalb findet sich folgender Eintrag: ... mehr besagten Maurern den 10. September dies Jahr zu Animierung besserer Arbeit gereicht - 20 Maß Wein im Wert von 1 Gulden 40 Kreuzer. Tatsächlich standen bis zum Ende der Bausaison die Mauern des Langhauses, und im späten Herbst wurde der Dachstuhl aufgerichtet. Beim Hebauf ließ deshalb die Patronatsherrschaft 62 Maß Wein für Maurer und Zimmerleut im Wert von 5 Gulden 10 Kreuzern ausgegeben.
Die Hohenrechberger Heiligenrechnungen offenbaren deutlich, dass die Differenzierung bei den einzelnen Arbeitsgängen. Wie im Jahr davor werden bei der Vergabe der Arbeiten in erster Linie rechbergische Untertanen bevorzugt. Nur bei Spezialaufgaben holt man Hilfe von außen.



Quellen und Literatur

- GRFAD - HA, Heiligenrechnungen der Kapelle Hohenrechberg 1685-1689
- GRFAD - RA, einschlägige Archivalien zum Bau der Kapelle Hohenrechberg
- von Trauchburg, Gabriele, Pfarr- und Wallfahrtskirche zur Schönen Maria auf dem  Hohenrechberg, Donzdorf 2016
- von Trauchburg, Gabriele, Die Aushöfe der Herrschaft und der Gemeinde Rechberg, in: Rechberg - Ein Heimatbuch, hrsg. v. Karl Weber und K.J. Herrmann, Schwäbisch Gmünd 2004, S. 366-383

Die Wallfahrtskirche Hohenrechberg - Gemeinsam für Gott - Teil 3: 1687 - Das zweite Jahr der Bauarbeiten

Die Wallfahrtskirche Hohenrechberg

 

Gemeinsam für Gott - Patronatsherren, Handwerker, Tagelöhner und Künstler. Vortrag zum Tag des Deutschen Denkmals 2017

 

 © Gabriele von Trauchburg, September 2017


    Teil 3: 1687 - Das zweite Jahr der Bauarbeiten - Der zweite Bauabschnitt

Die Bauarbeiten für den Neubau der Kapelle auf dem Hohenrechberg waren 1686 in vollem Gang. Wie ich in Teil 1 berichtete, hatten der Baumeister ein Modell der Kirche gebaut, einen Kostenvoranschlag über 5000 Gulden (fl) errechnet, Arbeiter aus Rechberg eine Zisterne und Kalkgruben gegraben, dann wurde ein Kalkofen eingerichtet, erste Bruch- und Kalksteine gebrochen und teilweise zu gebranntem Kalk verarbeitet. In Teil 2 konnte aufgezeigt werden, dass inzwischen die Mauern des Langhauses vollständig errichtet und sogar bereits der Dachstuhl aufgestellt war. 

Die Auftraggeber - Der Patronatsherr und seine Familie

Der bisherige Patronatsherr Bernhard Bero von Rechberg-Donzdorf war nach der Grundsteinlegung im Juli 1686 verstorben. Sein Sohn Franz Albrecht war nun der neue Patronatsherr und setzte gemeinsam mit seiner Mutter Maria Jakobäa und seiner Ehefrau Katharina Barbara von Spaur das Vorhaben fort. Auch Franz Albrecht und seine Frau Katharina gehörten zum engen Zirkel am kurbayerischen Hof. Somit waren sie mit den neuesten Entwicklungen im Bereich von Kunst und Kultur aufs engste vertraut. Dem jungen Patronatsherr und seiner Frau fiel nun die Aufgabe zu, über die Innengestaltung der Kirche zu entscheiden. 

Der Baumeister und sein Parlier

Nach wie vor war der aus Vorarlberg stammenden und im vorderösterreichischen Günzburg arbeitenden Baumeister Valerian Brenner der Baumeister auf der Hohenrechberger Baustelle.  Mehrfach im Laufe des Jahres kam er auf die Baustelle, um den Fortschritt des Bauwerks zu überwachen. Dafür erhielt er seine 2. Abschlagszahlung in Höhe von 20 von insgesamt 60 Gulden. Bei diesen Gelegenheiten übernachtete er beim Adlerwirt in Donzdorf, am Sitz seines Auftraggebers. 
Auch auf der Position des Parliers gab es keine Veränderung. Nach wie vor wählte und prüfte  Johann Wille die benötigten Baumaterialien und überwachte die Arbeiten.

Die Wächter über die Baukosten

Im Jahr 1687 begegnen uns die Heiligenpfleger des Vorjahres, Andreas Wagenblast vom Kleineshof und Michael Wahl vom Stollenhof bei der Kontrolle der Finanzen der Kapelle wieder. Diese beiden Männern behielten ihre Art der Rechnungsführung mit dem Aufzeichnen einer ganzen Reihe interessanter Einzelheiten zum Geschehen auf der Baustelle bei.


Die Handwerker 

Die Maurer setzten 1687 ihre Arbeit fort und arbeiteten vom 26. April bis 25. Oktober. Die Arbeitsbedingungen waren dieselben wie im Jahr zuvor. Für ihre Arbeit erhielten sie eine Gesamtsumme von 544 Gulden und 19 Kreuzern. Dann findet sich noch eine zusätzliche Nachricht in der Heiligenrechnung: Man hatte für die Maurer eine eigene aus Holz gefertigte Hütte auf der Baustelle errichtet.
Wie im Jahr zuvor unterstützen Georg Persch und seine Mitstreiter die Maurer durch das Brechen von Steinen, das Schlagen von Holz für den Kalkofen, das Werfen von Sand, das Anrühren von Mörtel und das Zutragen von Material. Dafür erhielt diese Gruppe eine Gesamtsumme von 399 Gulden.
Sämtliche auf dem Hohenrechberg anfallenden Zimmermannsarbeiten erledigte wie im Jahr zuvor Christoph Reichel aus Lautern. Dazu gehörte der Dachstuhl über dem Chor für 28 Gulden 40 Kreuzern. Zusätzlich übertrug man ihm die Zimmermannsarbeiten an der Zisterne und an der Maurerhütte, die mit 22 Kreuzer pro Tag und insgesamt 10 Gulden 39 Kreuzern vergütet wurden. 
Wie zuvor lieferte Hans Nothardt vom Fuchshöfle Leitern, Schlegel, Steinwägelchen und anderes notwendiges Material für den Bau und erhielt für dessen Anfertigung 2 Gulden 3 Kreuzer.
Auch die Schmiedearbeiten - die Herstellung eines Eisengatters, das Schärfen der Maurerhämmer und anderer Werkzeuge sowie alle weiteren Schlosser- und Schmiedearbeiten verrichtete erneut Caspar Joß aus Rechberg-Hinterweiler in einem Gesamtwert von 30 Gulden 40 Kreuzer.
Die Reihe der auswärtigen, beim Bau beteiligten Handwerker eröffnete ein nicht namentlich genannter Hammerschmied aus Abtsgmünd. Er fertigte drei sogenannte Spanische Kreuze für das Dach über dem Langhaus und Eisenwerk für die Fenster. Dafür zahlte man ihm 54 Gulden  59 Kreuzer.
Der Schwäbisch Gmünder Maler Johann Georg Heberle übernahm die Vergoldung der drei  Spanischen Kreuze, die auf dem Langhaus- und Seitenkapellendach angebracht wurden. Zusätzlich wurde er mit dem Aufmalen einer Sonnenuhr beauftragt. Für beide Arbeitsgänge erhielt Heberle insgesamt 23 Gulden.
Das Spanische Kreuz über dem Oratorium - © GvT

Ein weiterer Schreiner aus der Familie Frey in Winzingen war 1687 kurzzeitig auf der Baustelle auf dem Hohenrechberg. Leonhard Frey hatte den Auftrag für den Abbruch der Altäre in der alten Kapelle für 45 Kreuzer übernommen.

Das Baumaterial

Die größten Beträge im Bereich Baumaterial gingen wieder an die schon 1686 tätigen Ziegler Andreas Huber aus Waldstetten und Albert Schmied von Staufeneck. Beide lieferten Brandsteine und Brandplatten für die Herstellung von Mörtel. Huber erhielt hierfür 141 Gulden 14 Kreuzer und Schmied 30 Gulden 28 Kreuzer.  
Ebenfalls bei der Herstellung von Mörtel wurde das zweimal durch den Gmünder Hufschmied reparierte Sandsieb benutzt. Die Reparatur schlug mit sage und schreibe 21 Gulden zu Buche.  Für das Löschen des Kalks wurden große Wassermengen benötigt. Kein Wunder also, dass der Kübelhersteller Georg Franz aus Gmünd 2 Eimer für die Mörtelpfannen und etliche Maurerkübel im Wert von 1 Gulden 30 Kreuzer auf die Baustelle lieferte. Der Küfer Veith wurde zudem noch für die Lieferung von einem Wasserfass mit 32 Kreuzern bezahlt.
Die letzten Dacharbeiten konnten erst mit den 230 Brettern und Latten des Donzdorf Sägmüllers vollendet werden, der dafür 7 Gulden 40 Kreuzer erhielt. Zuletzt gab es noch Wagensalben, Leinöl, Schmiere, Scherwolle und Pech von einem Gmünder Sailer im Wert von 11 Gulden 54 Kreuzer.
   

Die Transportkosten

Im Bereich der Transportkosten lässt sich erkennen, dass 1687 keine Bruchsteine mehr benötigt wurden. hingegen war der Aufwand für Steine für den Kalkbrand weiterhin hoch. Holz in jeder Form für Zimmermannsarbeiten, als Heizmaterial für den Kalkofen und als Gerüstholz wurde dafür umso mehr gebraucht, ebenso Wasser und Kalk für Mörtel. Insgesamt reduzierten sich die Transportkosten jedoch erheblich auf nur noch 85 Gulden 44 Kreuzer. 
Zudem plante man schon weiter in die Zukunft. Man schickte einen Mann namens Hans Pichler von München nach Hohenrechberg, der etliche Ornate für die neue Kapelle im Gepäck mitführte und dafür 30 Kreuzer erhielt.
Transporte ganz anderer Art erledigte Leonhard Eggert. Er transportierte Geld von Süßen nach Donzdorf und Nachrichten zwischen dem Bauherrn, der Baustelle und dem Günzburger Baumeister und wurde mit 7 Gulden 5 Kreuzer entlohnt. Auch der Kontakt zur Diözese wurde durch Pedelin (= Peterle) aufrecht erhalten, als dieser einmal nach Konstanz und zweimal zum Dekan nach Drakenstein reiste und dafür 6 Gulden erhielt.
Wann immer die Fuhrleute tätig wurden, fielen Spesenkosten an. So rechneten der Rechberger Wirt Leonhard Nuding und der Bäcker Hans Blessing insgesamt 65 Gulden 25 Kreuzer für Wein, Bier, Brot, und Brandwein ab.

Der Baufortschritt

Im Jahre 1687 war der Bau der Kirche schon weit fortgeschritten. Dies mag auch ein Verdienst des Koodinators Franz Blessing, Schultheiß aus Straßdorf, gewesen sein, der wie im Jahr zuvor dafür mit 40 Gulden und einer Lieferung von Korn und Hafer entlohnt wurde.
Der Bericht der Heiligenpfleger sowie die einzelnen Posten in der Heiligenrechnung lassen den  tatsächlichen Baufortschritt erkennen: Da heißt es, dass gedachter Bau wirklich unter das Dach gebracht worden war. Das bedeutet, dass keine Bruchsteine für das Mauerwerk mehr benötigt wurden, die Maurerarbeiten an der Kapelle also abgeschlossen waren. Noch nicht abgeschlossen war hingegen der Kirchturm. Dieser war Ende 1687 erst bis zu einer Höhe von 100 Schuh, also etwas mehr als 3 Meter Höhe aufgeführt.
Bei der Gestaltung des Kirchenbaus war man schon ein gutes Stück vorangekommen. Von außen war über die Hälfte des Gebäudes mit Putz verworfen. Innen hatte man das Gewölbe der Decke bereits hergestellt. 
Aufgrund der großen Fortschritte hatte man Kontakt mit der Diözese in Konstanz aufgenommen und erreicht, dass Dekan Johann Furnier aus Drakenstein in deren Auftrag nach Hohenrechberg reiste. Er hatte sich dabei vom Baufortschritt überzeugt, die Heiligtümer der Altäre und der Kirche entnommen und schließlich die alte Kapelle entweiht. Der gesamte Vorgang schlug mit einer Gebühr in Höhe von 7 Gulden zu Buche.
Zwei Maßnahmen weisen schon in der nächstfolgende Jahr. Zum einen wurde mit dem Bau des neuen Mesnerhauses auf dem Hohenrechberg begonnen. Es wird damit heuer 330 Jahre Jahre alt. Diese Baustelle wurde nun neben dem Ausbau der Kirche auf dem Hohenrechberg vorangetrieben.
Für die Wallfahrtskapelle war jedoch der erste Aufenthalt des aus der Schweiz stammenden Prospero Brenno in Donzdorf von größter Bedeutung, denn dort fertigte er den Entwurf für die Ausgestaltung der Kapelle an. Dafür erhielt er eine Einmalzahlung von 1 Gulden 27 Kreuzern.
                                       

Quellen und Literatur

- GRFAD - HA, Heiligenrechnungen der Kapelle Hohenrechberg 1685-1689
- GRFAD - RA, einschlägige Archivalien zum Bau der Kapelle Hohenrechberg
- von Trauchburg, Gabriele, Pfarr- und Wallfahrtskirche zur Schönen Maria auf dem  Hohenrechberg, Donzdorf 2016
                                           

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