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Mittwoch, 28. Februar 2018

Die barocke Wallfahrt auf dem Bernhardus - Teil 3: Aufbau und Organisation einer Wallfahrt 


© Gabriele von Trauchburg


Man fragt sich unwillkürlich, weshalb der damalige Inhaber der Herrschaft Weißenstein, Graf Gaudenz von Rechberg, sich so sehr für die am Bernhardus geschehenen Wunder interessierte, dass er die Bereitschaft und das Engagement für die Errichtung einer Wallfahrt entwickelte. 

Die Herrschaft Weißenstein und die Anfänge der Wallfahrt

Machen wir jetzt einen Zeitsprung in das Jahr 1720. Der Spanische Erbfolgekrieg war seit fünf Jahren beendet. Die Bayern hatten zwar keine nennenswerten territoriale Verluste erlitten, doch die lange Kriegsführung hatte ihre wirtschaftlichen Spuren hinterlassen.
Warum erwähne ich Bayern - ganz einfach: die Mitglieder der Familie Rechberg gehörten als Hofbeamte in den höchsten Rängen zur Elite am Münchner Hof. Und hier tritt besonders Graf Gaudenz von Rechberg-Weißenstein (1664-1735) hervor. Gemäß den Familiengesetzen hatte er als Senior der Familie 1719 die rechbergischen Herrschaften Weißenstein und Kellmünz geerbt.
Graf Gaudenz von Rechberg-Weißenstein (1664-1735) war ein beeindruckender Herrschaftsinhaber gewesen. Am Ende seines Lebens konnte er auf eine steile Karriere zurückblicken. Er hatte seine Laufbahn als kurkölnischer und bayerischer Kammerherr begonnen, wurde dann in Bayern Geheimer Rath, Obersthofmarschall, Hofkriegsratspräsident (= Verteidigungsminister), General-Feldmarschall-Leutenant (= höchster ausführender Militärbefehlshaber), Kommandant sämtlicher kurbayerischen Truppen, Kommandant der Hauptstadt München und Pfleger (= Verwaltungschef) der Hofmarken Weilheim, Mattighofen und Wöhrt (b. Erding).
Verheiratet war er mit der 4 Jahre jüngeren Gräfin Maria Adelheid Ludovica (1668-1748). Sie stammte aus der hochadeligen, einflussreichen und begüterten Familie der Grafen von Toerring-Seefeld. Sie war die Tante der beiden wichtigsten bayerischen Minister in der Zeit des Kurfürsten Maximilian Emanuel. Das Paar hatte 9 Kinder.

Das Interesse des Grafen Gaudenz von Rechberg an den Wundern 

Sie haben gerade eben gelesen, welch beachtliche berufliche Karriere Graf Gaudenz am bayerischen Hof in München machen konnte. Auf die meisten seiner Zeitgenossen musste er wie ein beneidenswerter Mann wirken.
Und dennoch hatte ihn das Schicksal schwer getroffen. Er war der Vater von 9 Kindern. Sieben von ihnen starben im Zeitraum zwischen 1692 und 1708 jeweils im Alter zwischen 2 Monaten und 10 Jahren. Sein ältester Sohn starb 1715 vermutlich an einer Typhus- oder Cholerainfektion während seiner Kavalierstour in Paris. Seine jüngste Tochter starb 1721 im Alter von 21 Jahren im Kindbett. Alle Todesfälle hatten eines gemeinsam: Die  Kunst der Ärzte war damals noch nicht soweit entwickelt, dass sie hätte helfen können. Hilfe aus dem Glauben war die einzige Hoffnung - und der Heilige Bernhard bot nun genau diese Hilfe in der eigenen Herrschaft.

Wie organisiert man eine Wallfahrt - die Infrastruktur, der Einzugsbereich

Es ist also nicht verwunderlich, dass sich Graf Gaudenz nach dem Bekanntwerden der Wundertätigkeit an der Kapelle auf dem Spitzkopf an das Bistum Konstanz mit der Bitte um die Genehmigung für das Abhalten von Gottesdiensten bei der Kapelle wandte.
Das Jahre 1727 gilt als der Beginn der Bernhardus-Wallfahrt. Die Genehmigung für Gottesdienste wurde am 24. Juli 1728 erteilt. Ab diesem Zeitpunkt konnten nun mit Zustimmung des Konstanzer Weihbischofs Sirgenstein Heilige Messen in der Kapelle an einem tragbaren Altar gefeiert werden. Doch damit gab sich der Herrschaftsinhaber noch nicht zufrieden. Graf Gaudenz konnte beobachten, wie immer mehr Menschen auf den Bernhardus zu den Gottesdiensten kamen - sogar im Winter!! - und von immer neuen Wundern berichtet wurde. So beschloss der Graf, eine Wallfahrtskirche auf dem Spitzkopf zu errichten. Doch dafür mussten zuerst mehrere Voraussetzungen gegeben sein. 

1. Die notwendigen Nachweise für die Wundertätigkeit
Die Diözese Konstanz verlangte schriftliche und bestätigte Nachweise für die auf dem Spitzkopf geschehenen Wunder. Diese waren mehreren Personen aus der katholischen Reichsstadt Schwäbisch Gmünd widerfahren. Diese sollten nun im Zuge des Genehmigungsverfahrens befragt und die schriftlichen Ergebnisse nach Konstanz übermittelt werden.
Von vier Personen sind die Wunder im Detail überliefert. Ein junger Mann aus Schwäbisch Gmünd litt an einer schmerzhaften Entzündung in seinen stark angeschwollenen Genitalien. Bewusst pilgerte er auf den Bernhardus, um zu beten. Als dabei seine Schmerzen unerträglich geworden waren, konnte er nicht mehr widerstehen und kratzte sich an der Entzündung. Die Haut platzte auf, der Eiter floss ab und die Hautlappen konnten später Ärzten entfernt werden. Alle Zeitgenossen führten die Heilung der Entzündung auf die Hilfe des Heiligen Bernhard zurück. 
Ein weiterer Geheilter war ein Soldat, der zuvor in Ungarn gekämpft hatte. Die Verletzung, die er sich zugezogen hatte, stammte allerdings nicht aus einem heldenhaften Kampf, sondern er hat sie sich beim Stehlen von Kirschen zugezogen. Er war auf einen Baum geklettert, hatte einen besonders ertragreichen Ast mit dem Säbel abgeschlagen und beim Herunterklettern fiel dieser Mann vom Baum. Doch hatte er sich bei dieser Aktion nicht etwa einen Knochenbruch zugezogen, nein - er verlor seine Stimme. Er war fortan nicht mehr in der Lage zu sprechen. Er wurde aus dem Dienst entlassen und nach Hause geschickt. Über seine in der Region lebende Schwester hörte der Soldat von den Wundern auf dem Bernhardus, pilgerte hierher, betete und war fortan wieder in der Lage zu sprechen.
Der wohl prominenteste Geheilte war der Prälat des Klosters Kaisheim. Er musste starke Schmerzen in seinem Bein ertragen und stand Todesängste aus. In seiner Not gelobte er eine Wallfahrt zum Bernhardus für den Fall seiner Genesung. Und es ging dem Prälaten schlagartig besser. Die Schmerzen verschwanden fast vollständig. Als man sein krankes Bein mit einem Bildnis, das zuvor mit der Bernhardus-Figur in Berührung gekommen war, berührte, verschwanden die Schmerzen vollständig. Anfang April 1729 löste der Prälat sein Gelübde ein, kam auf den Bernhardus und machte eine großzügige Spende im Umfang von rund 250 Gulden.
Die genannten Fälle genügten zunächst jedoch noch nicht für die Begründung einer Wallfahrt. Aus diesem Grunde sollten weitere geheilte Personen befragt werden. Sie wohnten ebenfalls in der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd. Man wandte sich an den Magistrat der Stadt, doch der machte dem Vorhaben zunächst einen Strich durch die Rechnung. Seine Mitglieder wollten die Angelegenheit einfach aussitzen, gehörte man doch nicht zur Diözese Konstanz (Bernhardusberg), sondern zu Augsburg.
Als am Ende des Jahre 1729 noch immer keine schriftlich fixierten Nachweise vorlagen, wandte sich Graf Gaudenz zu Beginn des Jahres 1730 an den Augsburger Generalvikar Freiherr von Vöhlin mit der Bitte um Amtshilfe . Dieser beauftragte eigens einen Geistlichen, der die Befragung vornahm und bis Mitte Januar 1730 abschloss. Nun lag der bischöflichen Genehmigung nichts mehr im Wege.

2. Der Fundations- oder Stiftungsbrief
Der Stiftungsbrief für die Wallfahrt auf dem Bernhardus ist in lateinischer Sprache verfasst. Darin sind Graf Gaudenz und seine Frau Adelheid als Stifter der Wallfahrt auf den Bernhardus genannt.
Sie begnügten sich nicht nur, als Stifter genannt zu werden, sondern finanzierten zum überwiegenden Teil das neue Kirchengebäude sowie einen Benefiziaten, der dort den Pilgern zur Verfügung stand.  

3. Die Finanzierung des Kirchenbaus 
Die Wunder vom Bernhardus hatten sich schnell in der Region herumgesprochen. Dehalb strömten die Menschen von allen Seiten auf den Berg, in der Hoffnung auf ein Wunder auch für sich. Sie opferten hohe Summen, die allesamt für den Kirchbau verwendet werden sollten - und die Einnahmen flossen in beachtlicher Höhe.
In den Jahren 1729 bis 1733 kamen insgesamt ca. 1500 Gulden an Spenden zusammen. Den Rest - ca. 6500 Gulden übernahmen Graf Gaudenz und Gräfin Maria Adelheid aus eigenen Mitteln.


Quellen und Literatur 

GRFAD - einschlägige Archivalien zur Wallfahrt auf den Bernhardus

 

Freitag, 1. September 2017

Geschichte(n) der Stadt Lauterstein - Teil 1: Die erste urkundliche Nennung von Weißenstein und sein Ortsadel

Gabriele von Trauchburg, © September 2017


Die Stadt Lauterstein im Landkreis Göppingen wurde am 1. Januar 1974 im Zuge der Gemeindereform in Baden-Württemberg aus dem Dorf Nenningen und der Stadt Weißenstein gebildet. Die beiden Orte verbindet eine lange gemeinsame Geschichte, waren sie doch die beiden Hauptorte der ehemaligen Rechberg-Herrschaft Weißenstein. Es gibt eine ganze Reihe von historischen Ereignissen, die beide Ortsteile betreffen. Sie sollen im Laufe der Zeit an dieser Stelle zusammengetragen werden.   

Die erste schriftliche Nennung von Weißenstein

Seit langem ist bekannt, dass der Ortsname der alten Stadt Weißenstein - gelegen am Albaufstieg auf dem Weg von Göppingen nach Heidenheim - erstmals in einer Urkunde von 1241 aufgeführt ist.
Mit einer Urkunde, entstanden vom 2.-7. Februar 1241 überließen Graf Ulrich von Helfenstein und dessen gleichnamiger Sohn dem Kloster Salem Grund und Boden. In diesem Schriftstück wird an fünfter Stelle Ulrich von Weißenstein als Zeuge genannt. Welche Erkenntnisse kann man aus dieser Nennung  ziehen?

Schloss Weißenstein - © GvT

Der Weißensteiner Ortsadel

Bereits in staufischer Zeit gab es den Ort Weißenstein. Auf seiner Gemarkung lebte unter anderem eine adelige Familie, die sich nach diesem Ort nannte. Wo sich ihr Wohnsitz befand, ist nicht anhand von Schriftstücken zu ermitteln.
Jedoch helfen hier die Erkenntnisse der Kunstgeschichte weiter. Bis heute thront über dem Ort das Schloss Weißenstein, dessen Anfänge bis in die 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts zurück gehen. Aufgrund der Lage von Weißenstein und seinem Schloss direkt an einem der niedrigsten Albaufstiege und wie ein Riegel im engen Josefstal darf man vermuten, dass die Männer dieser Adelsfamilie in erster Linie genau diesen wichtigen Aufstieg auf die Alb von ihrer Burg aus kontrollierten.

Blick von Schloss Weißenstein hin zum Albaufsteig 'Alte Steige'

Aus den überlieferten Urkunden kennt man einige Familienmitglieder: Im Württembergischen Urkundenbuch sind eine Reihe von Urkunden, in denen Mitglieder der Familie von Weißenstein überliefert sind, verzeichnet. 
  • 1241, 2.-7. Februar: Ulrich von Weißenstein ist Zeuge in einer helfensteinischen Urkunde.
  • 1258, 29. Dezember: Der Augsburger Bischof Hartmann von Dillingen übergibt seiner Domkirche seinen gesamten Besitz, darunter die Burg und Stadt Dillingen, die Vogtei über das Kloster Neresheim sowie alle seine Dienstmannen und eigenen Leute. In die letzte Kategorie fallen die pueris de Wiszenstain - die Jungen aus der Familie der Weißensteiner.
  • 1281, 6. Januar: Sigfried von Weißenstein verkauft das Dorf Winterreute an den Geislinger Ammann Albert Kuchalber. Das Dorf Winterreute existiert heute nicht mehr, sein Name ist nur noch als Flurname nordwestlich von Stötten überliefert.
  • 1286, 28. Juni: Bischof Hartmann von Augsburg schenkt seine Ministerialen von Weißenstein an die Augsburger Domkirche - nachdem er 1258 die Söhne der Weißensteiner bereits seiner Domkirche geschenkt hatte.
  • 1292, 14. Mai: Graf Ulrich von Helfenstein verkauft einen Ort an das Kloster Kaisheim. Einer der Zeugen: Sigfried von Weißenstein.
Der Geislinger Heimatforscher Isidor Fischer war der Meinung, dass die Herren von Weißenstein zuerst helfensteinische, dann dillingische und dann wieder helfensteinische Ministerialen gewesen sind. Als Ministerialen bezeichnet man Männer, die als Beamte im Dienste des Adels Verwaltungs- und Herrschaftsaufgaben übernahmen. Aus diesen Beamten entwickelte sich der niedrige Adelsstand.
Die Urkunde von 1241 gibt uns keine direkte Antwort darauf, ob der Zeuge Ulrich von Weißenstein ein helfensteinischer Beamter war. Man erkennt nur, dass dieser Ulrich als Zeuge bei Graf Ulrich von Helfenstein und seinem gleichnamigen Sohn geschätzt war. Eine direkte Verbindung zu den Grafen als Ministeriale kann hier zwar vermutet, aber nicht belegt werden.
Viel interessanter sind die beiden Urkunden von 1258 und 1286 - dort verfügt der Augsburger Bischof Hartmann, dass er zuerst die Söhne (1258) und dann die gesamte Familie der Weißensteiner (1286) seiner Augsburger Domkirche schenkt. Dies bedeutet nun folgendes: Die Weißensteiner stehen eindeutig in direkter Abhängigkeit von des Augsburger Bischofs Hartmann. Sie waren somit in diesem Zeitraum keine helfensteinischen, sondern dillingische Ministerialen.

Der Augsburger Bischof Hartmann

Dieser Bischof (1248-1286) ist für jemanden, der wie ich in Augsburg Geschichte studiert hat, kein unbekannter Mann. Er blieb vor allem deshalb im Gedächtnis, weil große Teile des nördlich von Augsburg gelegenen Territoriums des Hochstiftes aus seinem Besitz stammt. Nur deshalb konnte nach der Reformation der Augsburger Bischof zeitweise von Augsburg nach Dillingen fliehen und dort seine Residenz aufschlagen.
Bischof Hartmann entstammte der berühmten Familie der Grafen von Dillingen, zu der auch der Augsburger Bistumsheilige Ulrich zählte. Seine Familie besaß große Herrschaftsgebiete in der Nordschweiz und eben rund um Dillingen, sodann hatte sie das Kloster Neresheim gestiftet und sie wurden zu starken Anhängern der Staufer. Bischof Hartmann war der letzte männliche Nachkomme. Er hatte zwei Schwestern, von denen eine, Williburg, durch Heirat die Ehefrau des Ulrich II. von Helfenstein wurde und den Helfensteinern eine reiche Mitgift einbrachte.

Die Weißensteiner und ihre Verbindung nach Augsburg und Geislingen

Diese kurze Zusammenfassung der Geschichte der Grafen von Dillingen hilft uns nun bei der Erklärung der Situation der Herren von Weißenstein. Die Weißensteiner konnten nur deshalb an die Augsburger Kirche übergeben werden, weil sie ursprünglich Ministerialen der Grafen von Dillingen gewesen waren.
Wenn die Weißensteiner also Ministerialen der Dillinger Grafen gewesen waren, dann bedeutet dies auch, dass der Besitz und/oder die Grafschaft der Dillinger bis nach Weißenstein gereicht haben muss. Und nachdem die Herren von Weißensteiner an die Augsburger Kirche verschenkt worden waren, besaß diese Domkirche Einfluß bis eben hierher in diesen Ort!
Das Auftreten der Weißensteiner im Umfeld der Grafen von Helfenstein lässt sich durch die Ehe zwischen dem Grafen Ulrich II. von Helfenstein und der Gräfin Williburg von Dillingen erklären, die Einzelheiten des Verhältnisses zwischen den Grafen von Helfenstein und den Grafen von Dillingen, muss an anderer Stelle geklärt werden.

Der Besitz der Weißensteiner

Die Herren von Weißenstein gehörten nicht gerade zu den ärmsten Ortsadeligen, denn 1281 verkaufte Siegfried von Weißenstein das Dorf Winterreute an den Ammann Kuchalber, einen ranghohen Beamten der Stadt Geislingen. Das konnte nur deshalb geschehen, weil Sigfried von Weißensteiner der Dorfherr von Winterreute gewesen waren. Die Frage, die sich nun stellt, lautet: Waren sie auch die Dorfherren von Weißenstein?
Eine Urkunde, die uns darüber Auskunft geben könnte, gibt es nicht. Es scheint am wahrscheinlichsten folgende Situation vorgelegen zu haben: Die Herren von Weißenstein konnten sich als Ministerialen der Grafen von Dillingen und dann der Augsburger Domkirche eine größere Herrschaft aufbauen, waren in ihren Entscheidungen jedoch von diesen abhängig.
Isidor Fischer vermutet nun, dass die Augsburger Kirche ihre Herrschaft über die Herren von Weißenstein sozusagen ‘verpachtet’ hat, d.h. im Fachjargon, der Personen und Besitz wurde als Lehen an die Grafen von Helfenstein gegeben. Diese Behauptung könnte richtig sein - eine Urkunde dazu fehlt aber, was eigentlich verwundert, weil die Augsburger Urkunden aus dieser Zeit weitgehend erhalten geblieben sind.
Es gibt aber auch noch eine andere Erklärung: Die enge Verbindung zu den Helfensteinern könnte aber genauso gut durch die oben erwähnte Verschwägerung zwischen Bischof Hartmann und Graf Ulrich II. von Helfenstein entstanden sein. Es stellte deshalb für die Herren von Weißenstein keinen Interessenskonflikt dar, wenn sie für die Helfensteiner als Zeugen in Urkunden auftraten. Im Gegenteil - man könnte sogar sagen, dass immer dann, wenn die Weißensteiner eine Urkunde für die Helfensteiner unterzeichneten, dass sie dann auch mit Zustimmung der Grafenfamilie von Dillingen handelten. Auf diese Weise lässt sich auch die noch lange anhaltende Verbindung der Helfensteiner zum Bistum Augsburg erklären.

Die besondere Eigenschaft des Ortes Weißenstein

Was machte Weißenstein für die Grafen von Dillingen überhaupt so interessant? Reichtum in Form von Äckern - Fehlanzeige. Bodenschätze - Fehlanzeige. Wichtig war statt dessen die strategische Bedeutung des Ortes.
Betrachten wir einmal die geographische Situation: in unserer unmittelbaren Umgebung gibt es zahlreiche Albaufstiege: den Drackensteiner Hang, die Geislinger Steige, die Ravensteiner Steige und die Weißensteiner Steige. Sie alle zählen zu den niedrigsten Albaufstiegen überhaupt. Über Süßen und Geislingen verlief die Reichsstraße - eine Via Regia - in die Königspfalz Ulm. Diese wurde von den Helfensteinern direkt kontrolliert.
Der Weißensteiner Aufstieg lag in der Hand des Ortsadels von Weißenstein. Hier führte die Heeresstraße, die über Schwäbisch Gmünd, Rechberg und das Christental ins Lautertal kam, weiter auf die Schwäbische Alb und nach Heidenheim. Burg und Siedlung Weißenstein bildeten einen natürlichen Riegel, der ohne großen Aufwand kontrolliert werden konnte. 

Letzte Nachrichten vom Weißensteiner Ortsadel

Die Verbindung zwischen Weißenstein und der Augsburger Domkirche wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt gelöst. Dies muss während des 14. Jahrhunderts in einem Zeitraum zwischen 1292 und 1384 erfolgt sein - doch Urkunden dazu sind bisher nicht bekannt. In dieser Zeit haben sich mehrere Pestwellen über unsere Region ausgebreitet und einen großen Teil der Bevölkerung hinweg gerafft. In der Folge litten Herrschaftsinhaber und Untertanen unter einer unvorstellbaren Wirtschaftskrise.
Einen Vertreter des Weißensteiner Ortsadels kann man im genannten Zeitraum verfolgen: Konrad von Weißenstein siegelte am 24. Juli 1361 in Geislingen eine Verkaufsurkunde des Rudolf von Überkingen. Am 17. März 1383 verkauften die Brüder Konrad und Friedrich von Helfenstein die aus dem Erbe ihres Vaters stammende Hälfte des Zolls von Faimingen a.d. Donau. In der zugehörigen Urkunde siegelt Conrad von Weißenstein als Vogt von Gisselingen (Geislingen/Steige). Das nächste Mal hört man von ihm im Jahre 1389, als er in der Umgebung einer Gräfin von Helfensteiner genannt wird.
Ein weiteres Mal erscheint ein Konrad von Weißenstein am 1. Februar 1401. Damals stiftete er der Überkinger Kirche einen Ewigzins. Zu diesem Zeitpunkt hatte dieser Konrad von Weißenstein die heimatliche Region bereits verlassen und war Pfleger der bayerischen Stadt Gundelfingen. Von dem aus der Stiftung eingenommenen Zins sollten zu geregelten Terminen eine Messe für seine Eltern Konrad und Anna von Weißenstein und den gesamten Vorfahren gelesen werden. Dieser Konrad scheint der Sohn des zwischen 1364 und 1389 agierenden Konrads von Weißenstein gewesen zu sein.
Ein letztes Mal erfährt man von diesem Konrad, dass er am 16. Dezember 1410 als Schiedsrichter in einer Erbauseinandersetzung der Grafenwitwe Anna von  Helfenstein und ihrem Sohn Johann vermittelt. Über das weitere Schicksal der Familie von Weißenstein gibt es bislang keine Nachrichten. 


Quellen und Literatur

- Württembergisches Urkundenbuch - https://www.wubonline.de/
- Regesta Boica, Bd. 10 u.12, München 1843-1849
- Volkert, Wilhelm, Die Regesten der Bischöfe und des Domkapitels von Augsburg Bd. 1, Augsburg 1985 
- Stadtarchiv Geislingen, Urkunden - online:
http://stadtarchiv-geislingen.de/wp-content/uploads/2016/01/G-001-Urkunden.pdf
- Zöpfl, Friedrich, Das Bistum Augsburg und seine Bischöfe im Mittelalter Bd. 1, Augsburg 1955
- Seehofer, Josef, Stadt Lauterstein in Vergangenheit und Gegenwart, Lauterstein 1981
- Fischer, Isidor, Heimatgeschichte von Weißenstein und Umgebung, Schwäbisch Gmünd 1927

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