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Montag, 1. Januar 2018

Der italienische Barock in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg - Teil 3: Die Arbeiten des Prospero Brenno

Die Wallfahrtskirche Hohenrechberg


Der italienische Barock in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg



© Gabriele von Trauchburg



Teil 3: Die Arbeiten des Prospero Brenno


Über den 1638 geborenen  Prospero Brenno gibt es bis zum Alter von 34 Jahren keinerlei schriftliche Nachrichten. Das bedeutet, dass man keine Informationen über seine Ausbildung und seine ersten Aufträge besitzt. Auch für die Zeit danach findet man nur wenige schriftliche Unterlagen. Vielfach ist man deshalb darauf angewiesen, durch Stilvergleich die Werke Brennos zu identifizieren.

Würzburg, Rathaus - 1672
Erstmals in Akten nachweisbar wurde Prospero Brenno im Jahre 1672, als er in Würzburg den großen Saal im sogenannten ‘Roten Bau’ des Rathauses stuckierte. Dieser Saal wurde während des 2. Weltkriegs zerstört. Nur wenige alte Fotos sind erhalten geblieben und geben erste Hinweise auf seine künstlerische Handschrift. Mehrfach zeigen sie auffallend große Engel.

München, Theatinerkirche - 1673-1675
Im Jahr darauf findet man Prospero Brenno und seinen jüngeren Bruder Giovanni Battista II. sowie etwa 10 weitere Italiener auf der Baustelle der Münchner Theatinerkirche. Dort arbeitete Brenno ein Jahr lang unter der Leitung des aus Nürnberg gekommenen Carlo Moretti Brentano. Im Folgejahr 1674 ist Brentano wieder in Nürnberg, wo er die Decke im Fembohaus (Stadtmuseum) anfertigte.
Obwohl 1674 auch noch die Bauleitung von Agostino Barelli an Enrico Zucalli übergegangen war, arbeitete Prospero Brenno weiterhin in der Theatinerkirche. Er erhielt 7 Gulden pro Woche !!! als Arbeitslohn.
Der Stilvergleich mit seinen späteren Werken legt nahe, dass Brenno eine herausragende Position bei der Gestaltung der Theatinerkirche eingenommen hatte, es wird sogar angenommen, dass Brenno die Leitung der Stuckateure inne gehabt hatte, was aufgrund der Lohnhöhe durchaus gerechtfertigt wäre.

Theatinerkirche München - © GvT


München, Residenz - 1675
Kurz vor dem Abschluss der Stuckarbeiten in der Theatinerkirche wurde Brenno laut einer Anekdote 1675 von der Theatinerbaustelle abgeworben, um die Gestaltung der neuen Räume der Kurfürstin Henriette Adelaide vorzunehmen. Von ihren Zimmern ist heute nur noch der Deckenstuck im vierten Sommerzimmer erhalten geblieben. 

Salzburg, Annenkapelle in der Franziskanerkirche - 1679-80
Der nächste bekannte Auftrag führte Prospero Brenno in die Franziskanerkirche nach Salzburg. Dort wurde der Chor der gotischen Hallenkirche barockisiert. Hier stattete Brenno 1680 die Annakapelle aus. 
Gegenwärtig gilt aufgrund der Signatur 1680 PBSF ein 'Paolo Brenno (aus) Salorino fecit' als der Urheber der Stuckaturen in dieser Kapelle. Zwei Gründe sprechen jedoch gegen diese Interpretation des Künstlernamens:
  1. Wirft man einen Blick auf die im vorigen Kapitel beschriebenen biographischen Daten der Familie Brenno, so zeigt sich, dass der einzige bekannte Paolo Brenno der 1673 geborene Sohn von Prospero war. Dieser hätte dann im zarten Alter von 7 Jahren die Kapelle gestaltet - was doch wohl definitiv unwahrscheinlich ist.  
  2. zeigt ein Stilvergleich mit den nachfolgenden Werken von Prospero Brenno, dass sie in Teilen der Komposition wie der Ausführung mit der Gestaltung der Annakapelle übereinstimmen.
Erzbischof Max Gandolf Kuenberg stiftete 1679 die Annakapelle in der Franziskanerkirche. Im Gegensatz zu den benachbarten, überwiegend in Weiß gehaltenen Stuckaturen wählte der Stifter schwere, von dunkler Bronze überhöhte Stuckarbeiten. Die Kapelle besitzt einen Stuckaltar mit Engelkaryatiden - wie in Hohenrechberg.

Annenkapelle in der Franziskanerkirche in Salzburg - © GvT


Niederbayern, Saldenburg - um 1682
Die ab 1368 errichtete Burg Saldenburg gelangte 1677 in den Besitz der Grafenfamilie Preysing, die wie die Grafenfamilie Rechberg zum engsten Zirkel am kurfüstlichen Hofe in München zählte.
Durch einen Blitzschlag wurde der Wohnturm teilweise zerstörte und im Anschluss im Barockstil wiederhergestellt. Im Speisesaal und in der Burgkapelle sind die von Prospero Brenno angefertigten Stuckaturen zu sehen.   
In dieser Zeit arbeitete Prospero höchstwahrscheinlich auch in der Steinfelskirche in Landau/Isar.

Tegernsee, Klosterkirche St. Quirinus - ab 1678
Die Barockisierung der Tegernseer Klosterkirche St. Quirinus erfolgte ab 1678 nach den Plänen von Enrico Zuccalli. In die ursprünglich gotische Kirche wurde ein Querhaus eingezogen, wodurch auch eine Vierung entstand. Anschließend an die Bauarbeiten entstand bis um 1690 die reiche Stuckierung.
Die üppige, ganz in Weiß gehaltene Stuckdekoration mit Fruchtgehängen und Engelsfiguren stammt von italienischen Stuckateuren, deren Namen nicht überliefert sind. Bisher wurden die Stuckaturen in St. Quirinus Niccolò Perti zugeschrieben - wohl weil sie denen in der Theatinerkirche in München und in der Klosterkirche Benediktbeuern ähneln und Perti dort ebenfalls gearbeitet hatte.
Der Stilvergleich von Tegernsee, Benediktbeuren und Hohenrechberg legt jedoch die Vermutung nahe, dass hier Prospero Brenno in herausragender Position tätig war. In diesem Fall hätte also das bereits in der Münchner Theatinerkirche bewährte Duo Zucalli - Brenno ein zweites Mal zusammen gearbeitet.

Benediktbeuern, Klosterkirche und Klostergebäude - 1683-1686
Zwischen 1683 und 1686 wird Prospero Brenno als Stuckateur der neuen Stiftskirche von Benediktbeuern genannt. Hier arbeitete er wieder mit Niccolò Perti zusammen. Weil P. Leo Weber die Werke von Prospero Brenno nicht einzuschätzen vermochte, schreibt er Niccolò Perti die in seinen Augen qualitätsvolleren Arbeiten zu ohne einen konkreten Stilvergleich vorgenommen zu haben.

Klosterkirche Benediktbeuern - © GvT


Hohenrechberg, Wallfahrtskirche - 1688-1689
Wohl im Herbst 1687 kam Prospero Brenno nach Donzdorf (Lkr. Göppingen), der Residenz des Franz Albert von Rechberg. Gemeinsam mit ihm als Auftraggeber entwickelte Brenno die Innenausstattung für die im Bau befindliche neue Wallfahrtkirche auf dem Hohenrechberg (Schwäbisch Gmünd, Lkr. Ostalb).
Im Folgejahr gipsten Brenno und seine Mitarbeiter zuerst die gesamte Kirche aus, schufen die Pilaster mit den herauskragenden Kapitellen und Gesimsen, die Decke mit ihren zahlreichen Engeln und den üppig gestalteten Chor, ehe sie 1689 die Altäre aus Stuck und zuletzt die Kanzel errichteten.

Wallfahrtskirche Hohenrechberg - © GvT


Weggental, Wallfahrtskirche 
Wie in Hohenrechberg war auch bei der Wallfahrtskirche Weggental (Rottenburg a. Neckar) der Vorarlberger Baumeister Valerian Brenner tätig. Brenno und Brenner besaßen wohl eine ähnliche Arbeitsverbindung wie zuvor Brenno und Zucalli.
In der Wallfahrtskirche zur schmerzhaften Muttergottes im Weggental schuf Brenno gemeinsam mit seinen beiden Söhne Paolo und Giulio Francesco die Kapitelle und den Chor, wie der Stilvergleich eindeutig erkennen lässt.


Wallfahrtskirche Weggental, Rottenburg am Neckar - © GvT


Birenbach, Wallfahrtskirche - um 1689
Zwischen 1690 und 1698 wurde die Wallfahrtskirche Birenbach errichtet. Weil Baupläne und Archivalien aus der Bauzeit fehlen, ist man hier besonders auf den stilistischen Vergleich angewiesen. Als Baumeister gilt wie in Hohenrechberg Valerian Brenner. Und die Pilaster und Kapitelle weisen deutlich auf Prospero Brenno hin. Offenbar bewährte sich in der Wallfahrtskirche in Birenbach ein drittes Mal das Gespann Valerian Brenner und Prospero Brenno.

Wallfahrtskirche Birenbach (Lkr. Göppingen) - © GvT

Wettenhausen, Augustinerchorherrenstift - 1694
Ein viertes Mal lässt sich die Zusammenarbeit von Valerian Brenner und Prospero Brenno beim Augustinerchorherrenstift Wettenhausen nachweisen. Beim Bau der Kirche ab 1670 war Brenner vermutlich der Palier der herausragenden Vorarlberger Baumeisters Michael Thumb.
Im Jahre 1694 arbeitet Prospero Brenno an der Stuckausstattung des Augustinerchorherrenstifts Wettenhausen im Trupp von Hans Jörg Brix. Brenno werden unter anderem die überlebensgrossen, vollplastisch gearbeiteten Engel im sogenannten Kaisersaal des Konventsgebäudes zugeschrieben. Aber es gibt auch Details in der Kirche im Bereich der Decke und des Orgelsprospektes, die zur stilistischen Handschrift von Brenno passen.

Decke im Kaisersaal des Augustinerchorherrenstifts Wettenhausen - © GvT


Giovanni Prospero Brenno stirbt am 18. Januar 1696 im Alter von 60 Jahren in Salorino. Sein Sohn Paolo Gerolamo überlebt ihn gerade einmal um zwei Jahre.


Quellen und Literatur

Heunoske, Werner, Tessiner Stuckatoren im Umkreis des Münchner Hofes: die Brüder Prospero und Giovanni Battista II. Brenno, in: Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte, Bd. 61/2, 2004, S. 117-142
http://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/a-g/Brenni_Prospero.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Salorino - Stichwort: Persönlichkeiten
https://www.uibk.ac.at/aia/brenno_paolo.html
http://www.kirchen-fuehrer.info/franziskanerkirche-salzburg/fuehrung-durch-die-kirche/kapellenkranz.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Franziskanerkirche_(Salzburg)
https://www.erzbistum-muenchen.de/Pfarrei/PV-Tegernsee-Egern-Kreuth/cont/75205
Gabriele von Trauchburg, Pfarr- und Wallfahrtskirche zur Schönen Maria auf dem Hohenrechberg (Kirchenführer ), Rechberg 2016

Der italienische Barock in der Wallfahrtskapelle Hohenrechberg - Teil 5: Die Arbeitsweise des Prospero Brenno

Die Wallfahrtskirche Hohenrechberg

Der italienische Barock in der Wallfahrtskapelle Hohenrechberg

© Gabriele von Trauchburg 


Teil 5: Die Arbeitsweise des Prospero Brenno

Aus der bisherigen Forschung geht hervor, dass Prospero Brenno in vielen Fällen gemeinsam mit einem Bruder, seinen Söhnen oder einem Vetter an einem Projekt arbeitete, beispielsweise in Würzburg, München oder Weggental b. Rottenburg a. Neckar. In anderen Fällen gehörte er zu einem größeren Trupp, in dem eine ganze Reihe von Stuckateuren arbeitete, etwa in München oder in Benediktbeuern.
In den Heiligenrechnungen der Wallfahrtskirche Hohenrechberg wird ausschließlich der Name Prospero Brenno genannt. Es ist jedoch nur schwer vorstellbar, dass Brenno die gesamte Ausstattung allein hergestellt hat. Vielmehr darf man auch hier vermuten, dass er nahe Verwandte in den Auftrag mit einbezogen hat. Darauf weist die Signatur am Fuß der Kanzel hin: IFBSFA1689 (s. Teil 11).

Die Arbeitswelt des Prospero Brenno lässt sich ziemlich gut anhand der Münchner Hofrechnungen ermitteln. Im Lauf der Jahrhunderte hatten die Zünfte strikte Arbeitsteilungen entwickelt, um auf diese Weise Arbeit für ihre Mitglieder zu sichern. Am Beispiel des Stuckateurshandwerks lässt sich diese Trennung und ihre Folgen besonders gut aufzeigen.
Stuckateure benötigten für die Herstellung von Bordüren oder anderer häufig wiederkehrender Ornamente aus Holz gefertigte Model. Dieses Arbeitsverfahren hatte nun zur Folge, dass Stuckateure zuerst ihre Entwürfe zu Papier brachten. Sie reichten dann die Entwürfe an einen ausgebildeten Bildhauer weiter. Der wiederum setzte die Papierzeichnungen in Holz um, so dass Model mit den gewünschten Mustern entstanden. Diese Model wurden den Stuckateuren übergeben, damit sie mit deren Hilfe die gewünschten Elemente herstellen konnten.
Prospero Brenno war nicht an diese traditionelle Arbeitsteilung gebunden, weil er in beiden Handwerken - das des Bildhauers und des Stuckateurs - ausgebildet war. Für ihn besaß diese Tatsache große Bedeutung, denn damit konnte er seine Entwürfe selbst in Holz modellieren und anschließend auch selbst die Stuckelemente herstellen - was ihm einen beachtlichen zeitlichen und finanziellen Vorteil einbrachte. Seine Fähigkeiten als Bildhauer stellte er unter anderem bei der Gestaltung der Kanzel unter Beweis. Prospero Brenno war also ein auf allen Ebenen seiner Kunst ausgebildeter Spezialist:
  1. Prospero Brenno verfügte über die Fähigkeiten, Entwürfe zur Ausstattung eines Gebäudes - sei es eine Residenz oder eine Kirche - anzufertigen. 
  2. Prospero Brenno war offensichtlich ein gefragter Stuckateur. Wenn er unter Vertrag genommen wurde, war er in der Lage, dem Auftraggeber ein Gesamtpaket vom Entwurf bis zur Fertigstellung aus einer Hand zu liefern. 

Prospero Brenno als Designer für andere Handwerker 

Die soeben gewonnene Erkenntnis hilft bei der weiteren Betrachtung der Hohenrechberger Ausstattung. Auffällig ist die Tatsache, dass nicht nur die Stuckaturen aus einer Hand gefertigt sind, sondern auch weitere Ausstattungsgegenstände wie die Beichtstühle und die Sitzbänke genau auf den Stil der Kirche abgestimmt sind und Ornamente aufzeigen, die man bis dahin in der Region sonst nicht kannte. Diese Beobachtung lässt nur einen Schluss zu: es war Prospero Brenno, der neben Decken, Wänden und Altären zudem noch die Beichtstühle und die Sitzbänke entworfen hatte. Die Ausführung erfolgte dann teilweise durch regionale Handwerker.
Diese These lässt sich eindeutig für die Sitzbänke belegen. Die Heiligenrechnungen von Hohenrechberg nennen den Schreiner Michael Frey aus Winzingen als deren Hersteller. Die Fratze im oberen Teil der Seitenwange gehört jedoch eindeutig ins stilistische Repertoire von Prospero Brenno.
Sitzbank von Michael Frey, Winzingen 1689 - mit einer Groteske, einer stilisierten Rose und einer Marienmuschel als Krönung- © GvT
Dieses Vorgehen, eigene Entwürfe fähigen Handwerkern zur Ausführung zu überlassen, eröffnete Brenno die Möglichkeit, auf mehreren Baustellen gleichzeitig als Auftragnehmer aufzutreten.  Dies scheint im Zeitraum zwischen 1688 und 1689 der Fall gewesen zu sein.

Prospero Brenno gleichzeitig an zwei Orten 

Aufgrund der Hohenrechberger Heiligenrechnungen und der darin vermerkten Arbeitsfortschritte weiß man definitiv, dass Prospero Brenno und seine Mitarbeiter 1688 und 1689 die Ausstattung der Wallfahrtskirche Hohenrechberg herstellten.
Parallel entstand die Wallfahrtskirche Weggental, wo die Söhne von Prospero Brenno nachgewiesen sind. Die stilistischen Parallelen in beiden Kirchen insbesondere bei den Kompositkapitellen sind unübersehbar. Sie würden noch deutlicher zutage treten, wenn die Hohenrechberger Kapitelle noch ihren ursprünglichen Zustand - reinweiß - besitzen würden. 


  © GvT

Die Kompositkapitelle von Weggental (oben) und Hohenrechberg (unten) - © GvT

Da die beiden Projektorte rund 100 Kilometer von einander entfernt liegen, konnten die beiden Aufträge nur dann gleichzeitig erledigt werden, wenn mehrere Personen für oder mit Brenno gearbeitet hatten.
Wie schon mehrfach angeführt, lieferte Brenno die Entwürfe und seine Mitarbeiter, wahrscheinlich in den meisten Fällen enge oder nahe Verwandte - erledigten die Ausführungen. Diese Arbeitsorganisation hätte dann zur Folge, dass Brenno - abhängig vom jeweiligen Auftrag - selbst als Unternehmer tätig war. Prospero Brenno war also weit mehr als ein einfacher 'Wanderarbeiter'.

Quellen und Literatur

BayHStA München - HR (Hofregistratur) II, Fasz. 14, 115
GRFAD - Heiligenrechnungen Hohenrechberg 1687-1689
 











Der italienische Barock in der Wallfahrtskapelle Hohenrechberg - Teil 6: Prospero Brenno und seine stilistische Handschrift - Exotische Früchte in aufwändigen Gebinden

Die Wallfahrtskirche Hohenrechberg

Der italienische Barock in der Wallfahrtskapelle Hohenrechberg

© Gabriele von Trauchburg 


Teil 6: Prospero Brenno und seine stilistische Handschrift - Exotische Früchte in aufwändigen Gebinden


Beim Durchforsten der Literatur zu Prospero Brenno wird immer wieder deutlich, dass man bisher nicht in der Lage war, die Arbeiten von Prospero Brenno eindeutig zu identifizieren. Dies beginnt in der Theatinerkirche in München und setzt sich in der Klosterkirche Benediktbeuern fort. In beiden Fällen wird Brenno als untergeordneter Mitarbeiter betrachtet - in München als Mitarbeiter von Carlo Moretti Brentano und in Benediktbeuern von Niccolò Perti. Was war also jeweils Brennos Anteil bei der Gestaltung der beiden Kirchen?
Ausgangspunkt bei der Lösung dieser Fragestellung kann allein die Wallfahrtskirche Hohenrechberg sein, denn hier arbeitete Prospero Brenno entweder allein oder in engstem Zirkel mit seinen Söhnen und/oder Brüdern. Dies bedeutet, dass man hier die stilistische Handschrift von Prospero Brenno zu identifizieren vermag. Mit dem in dieser Kirche vorhandenen künstlerischen Repertoire sollte es möglich sein, seine Rolle sowohl in München und Benediktbeuern weiter zu erhellen. Zudem gibt es Orte, an denen bislang die Stuckatoren unbekannt sind - wie in der Klosterkirche von Tegernsee, die Arbeit jedoch sehr stark an Brenno erinnert. Möglicherweise helfen die hier neu zusammengetragenen Erkenntnisse weiter.

Mediterrane Flora auf 707 Metern über dem Meeresspiegel

Wenn man die Wallfahrtskirche zur Schönen Maria auf dem Hohenrechberg erstmals betritt, dann fallen zuerst die vielen Engel in unterschiedlichen Größen ins Auge. Erst nach und nach entdeckt man eine Fülle von mediterranen Pflanzen und Früchten. Sämtliche der im Langhaus der Wallfahrtskirche und an der besonders üppig ausgestatteten Kanzel zu entdeckenden Früchte sind für uns moderne Betrachter eine Selbstverständlichkeit. Wir finden sie beinahe täglich im Gemüseregal bei Fachhändlern und in Supermärkten. Für die ersten Betrachter nach Abschluss der Bauarbeiten 1689 müssen diese exotischen Früchte hingegen der Inbegriff vom Garten Eden gewesen sein. Überall konnte man sie finden, an den Kapitellen, über den Fenstern und besonders üppig, sozusagen in Reichweite am Kanzelkorb. Brenno hat die Früchte in unterschiedlichen Formen zusammengefügt.

Die Fruchtgirlande


Die Hohenrechberger Kanzel von 1689 - © GvT 


Zentrale Fruchtgirlande an der Hohenrechberger Kanzel  - © GvT

Die mittlere der prächtigen Fruchtgirlanden an der Hohenrechberger Kanzel ist kompakt gestaltet. Doch - was für Obstsorten sind das? Auf drei Ebenen sind scheinbar die unterschiedlichsten Früchte und Rosenblüten ineinander verflochten. Die unterste Ebene zeigt - von links nach rechts - eine aufgeschnittene Passionsfrucht, einen geöffneten Granatapfel und vier nebeneinander in ihrer Schale angeordneten Maronen. In der mittleren Ebene erkennt man einen Pfirsich, eine Rosenblüte, eine große Traube, eine weitere Rose und eine goldene Quitte oder Zitrone. Auf der obersten Ebene findet man zwei Äpfel, eine Artischocke, zwei Rosenblüten - getrennt durch ein Blatt, eine weitere Artischocke und einen Pfirsich. Gehalten wird die Fruchtgirlande von zwei zusammengebundenen Akanthusblatt-Büscheln.

Das Fruchtgebinde

Auf jedem der beiden Fenster in den Querarmen sitzt ein Putto. Der hält in seinen beiden Händen je ein Fruchtgebinde, das auf der Fensterrundung zu liegen kommt.

 © GvT

Wie schon bei der Girlande werden die Gebinde durch ein Bündel von Akanthusblättern gehalten. Auf der einen Seite strömen Trauben, Äpfel, Pfirsiche, Birnen, eine Sonnenblume und mehrere Rosenblüten aus den Gebinden.

© GvT


Auf der anderen Seite erkennt man außer den gerade genannten Früchten noch Maronen und einen Granatapfel. 

Einzelne Früchte als Bestandteil der Kompositkapitelle 

Zu den außergewöhnlichsten Details der Wallfahrtskirche Hohenrechberg gehören ihre Kapitelle. 
Kapitell mit Melone - © GvT
Kapitell mit Esskastanien - © GvT

 









Die Kapitelle besitzen einen gleichförmigen Aufbau. Aus jeder Ecken eines Kapitells wächst ein üppiges Akanthusblatt hervor. Im Raum dazwischen liegt eine Rosette aus kleinen Akanthusblättern, auf der eine Frucht liegt. Die Frucht wird von einem kleinen Putto mit ausgebreiteten Flügelchen bewacht.
Zahlreiche Früchte werden auf den Blattrosetten eines Kapitells präsentiert: die beiden Fotos zeigen eine Melone (links) und Maronen (rechts). Weiter entdeckt man Äpfel, Pfirsiche, einen Granatapfel, einen Wirsing (oder Welschkraut) und eine Sonnenblume.

 
  Bündel an Kapitellen mit einem Bund Spargel, einer Apfelquitte, einer Feige und einer Artischocke - © GvT

Das Bündel aus Pilastern mit Kapitellen im nordöstlichen Bereich der Vierung ist eines der beeindruckendsten Details in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg. Die kleinen Putti präsentieren hier ihren Betrachtern weitere mediterrane Köstlichkeiten - einen Bund Grünspargel, einen Apfel oder eine Apfelquitte, eine dunkelhäutige Feige und eine Artischocke

Das Früchterepertoire in Hohenrechberg

Sämtliche der in Hohenrechberg präsentierten Früchte wachsen im Mittelmeerraum oder im Tessin, der Heimat von Prospero Brenno
  • Zitrone
  • Granatapfel
  • Melone
  • Pfirsich
  • Birne
  • Quitte
  • Trauben
  • Maronen und 
  • Äpfel
Das gleiche gilt für die abgebildeten Gemüsesorten.
  • Artischocke, 
  • ein Bund Grünspargel und 
  • Wirsing oder Welschkraut.
Früchte und Gemüsesorten sollen dem Betrachter die Fülle von Gottesgaben aufzeigen. Diese Darstellungen entstanden in Hohenrechberg 1688, d.h. drei Jahre nach einer verheerenden Hungersnot. 

Die exotischen Früchte als Kennzeichen für Prospero Brennos Schaffen

Die in Hohenrechberg abgebildeten, naturnah gestalteten Früchte, Blüten und Gemüsesorten als Einzelstücke oder in Form von Girlanden oder Gebinden lassen sich als Beleg für die Arbeiten von Prospero Brenno verwenden. Früchte, Blumen und Gemüsesorten sind immer wiederkehrende Elemente in seinem Werk, wie nachfolgend anhand seines Schaffens in chronologischer Abfolge aufgezeigt wird.
  © GvT










München (1673-1675): Es finden sich unzählige Fruchtgirlanden und -gebinde im gesamten Gotteshaus der Theatinerkirche - vor allem an prominenter Stelle: als Abschluss des Hauptaltars im Chorgewölbe. Deutlich lassen sich Äpfel, Melonen, Maronen, Granatapfel und Pfirsiche in den Fruchtgirlanden und -gebinden erkennen. Sie sind in ähnlich naturnaher Gestaltung ausgeführt wie viele Jahre später in Hohenrechberg (1688-89). Beachtenswert sind zudem die Formen der Fruchtgebinde - länglich schmal oder kurz und kompakt.




© GvT









Salzburg (1679-1680):  Die Annenkapelle in der Franziskanerkirche von Salzburg wird bisher einem Paolo Brenno zugeschrieben, doch die stilistischen Merkmale sind diejenigen des Prospero Brenno - üppige Fruchtgirlanden mit Äpfeln, Trauben, Melonen, Wirsing Spargel ... - zudem dekoriert mit Sonnenblumen und Rosen.








Tegernsee (ab 1678):
Die ehemalige Kloster-und nunmehrige Pfarrkirche St. Quirinus wurde ab 1678 nach Plänen von Enrico Zucalli errichtet. Zucalli und Prospero Brenno kannten sich bereits aus München, denn jener hatte 1673 die Baustelle der Münchner Theatinerkirche übernommen, und ab diesem Zeitpunkt mit Prospero Brenno bis zu seinem Wechsel auf die Baustelle der Münchner Residenz 1675 zusammengearbeitet.
Die gesamten Stuckaturen in der ehemaligen Klosterkirche Tegernsee weisen deutliche Parallelen zu den bereits bekannten Arbeiten von Prospero Brenno auf. Überall erkennt man Fruchtgebinde im Bereich der Kuppel und im Deckenraum des Langhauses.
In der Forschung sind die ausführenden Künstler nicht bekannt. Doch aufgrund seiner spezifischen stilistischen Handschrift kommt Prospero Brenno hier als Stuckateur durchaus in Frage.

Benediktbeuern (1683-1686)
Zwischen 1683 und 1686 ist Prospero Brenno als Stuckateur - gemeinsam mit Niccolò Perti - in der Klosterkirche Benediktbeuern nachgewiesen. Offensichtlich kehrte Brenno ein zweites Mal dorthin zurück, als er 1689 dort das Refektorium mit Stuckaturen ausstattete.


Ausschnitt aus der Decke der Klosterkirche Benediktbeuern - © GvT
Schon beim ersten Blick ins Langhaus der Kirche entdeckte man - wie in Tegernsee - unzählige Fruchtgebinde, die das Deckengewölbe ausfüllen. Die Früchte sind detailliert dargestellt und fein ausgearbeitet. Deutlich erkennt man auf dem Foto im mittleren Gebinde den Bund Spargel, daneben eine Artischocke und eine Melone. In den beiden größeren Gebinden entlang der Kreuzgrate erkennt man noch Maronen, Granatäpfel, Äpfel und Trauben sowie Sonnenblumen und Rosen.
Bisher gilt in der Forschung die Meinung, dass die besonders gelungenen Stuckaturen Niccolo Pertì zuzuschreiben sind, während Prospero Brenno die minderwertigen anfertigte. Bisher wurde jedoch keine Grundlage für diese Forschungsmeinung ausgearbeitet. Die Zuschreibung an Pertì erfolgte wohl, weil sein Name bekannter als der von Brenno ist.  



  © GvT
Weggental (1688)

Wie in Hohenrechberg war auch bei der Wallfahrtskirche Weggental der Vorarlberger Valerian Brenner als Baumeister tätig. Prospero Brenno stattete gemeinsam mit seinen beiden Söhnen Paolo und Giulio Francesco das Langhaus mit seinen wandständigen Pfeilern, Kapitellen und Gesimsen aus. Die Kapitelle sind ähnlich wie diejenigen in Hohenrechberg gestaltet. Der Unterschied besteht darin, dass aufgrund der Größe der Kapitelle der Engel nicht nur eine, sondern mehrere, zu einer kleinen Girlande zusammengefasste Früchte präsentiert.
Offensichtlich besaßen Prospero Brenno und Valerian Brenner nach Hohenrechberg nun auch in Weggental eine ähnliche Arbeitsverbindung wie zuvor Brenno und Zucalli in München und möglicherweise auch in Tegernsee. Bisher konnte noch nicht abschließend geklärt werden, ob nicht auch der Chorraum von Prospero Brenno und seinen Söhnen gestaltet wurde. Der 'Blick in den Himmel' im Chorgewölbe - eine weitere, nahezu gleichzeitige Interpretation dieses Themas nach Hohenrechberg - und einzelne Putti legen diese Vermutung durchaus nahe.

Birenbach (1689)
Wie in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg war Valerian Brenner auch der Baumeister in der benachbarten Wallfahrtskirche Birenbach. Ein drittes Mal arbeitete also der Baumeister mit dem Stuckateur und Bildhauer Prospero Brenno zusammen.
Von der ursprünglichen Stuckausstattung ist heute nichts mehr erhalten. Die nun in der Kirche vorhandenen Stuckelemente sind denen von Hohenrechberg nachempfunden.
Einen Hinweis darauf, dass die Kirche einst von Prospero Brenno ausgestattet wurde, findet sich heute an anderer Stelle - nämlich an der Kanzel - und wird später noch thematisiert.

Klosterkirche Weyarn (1687-1693)
Die Baugeschichte des ehemaligen Augustinerchorherrenstifts konzentriert sich auf den Baumeister und die lange nach der Errichtung entstandenen Stuckaturen von Johann Baptist Zimmermann und die Skulpturen von Franz Ignaz Günther.
Keine weitere Erwähnung finden die Hoch- und die Seitenaltäre. Betrachtet man sie genauer, so entdeckt man für Prospero und Francesco Brenno stilistisch typische Elemente wie Fruchtgirlanden am Hochaltar, Fruchtgebinde an den Seitenaltären, zudem noch für Francesco typische Elemente wie Vasen und Füllhörner mit Früchten. 

Bedeutung der Früchte im Werk von Prospero Brenno in ihrer chronologischen Entwicklung 

Die Symbolik der von Prospero Brenno angefertigten Fruchtgirlanden und -gebinde in den einzelnen Orten muss wohl unterschiedlich interpretiert werden.
Im Würzburger Rathaus besaß die Ausstattung repräsentativen Charakter. Sie zeigte das Selbstbewusstsein der Ratsherren vor allem gegenüber dem Würzburger Bischof.
In der Münchner Theatinerkirche diente die gesamte Austattung nur einem Zweck: Die Stiftung des kurbayerischen Herrscherpaares Ferdinand Maria und Henriette Adelaide sollte Ausdruck ihrer Dankbarkeit für die Geburt eines gesunden Thronfolgers und dem Lob Gottes dienen. Der Baumeister sollte zudem die Ideale des Theatinerordens in München in Form gießen.
Die Beschäftigung Brennos in der Residenz in München diente der fürstlichen Repräsentation aber auch der Lebensfreude und der kulturellen Ausdrucksweise der vom 30jährigen Krieg nicht in schwere Mitleidenschaft gezogenen italienischen Kultur.

Dem Lob Gottes dienten die Ausgestaltungen der Kirchen von Salzburg, Tegernsee und Benediktbeuern. In die Gestaltung von Hohenrechberg flossen zwei Überlegungen mit ein. Zum einen die Stiftung für die glückliche Rückkehr aus dem Krieg gegen die Türken auf dem Balkan, verbunden mit der Dankbarkeit, dass Mitteleuropa der Islamisierung entgangen war. Zum anderen entstand die Kirche kurz nach einer verheerenden Hungersnot zwischen 1680 und 1685. Die Darstellung der vielen exotischen Früche in Verbindung mit dem Blick in den Himmel musste den Betrachtern Trost und Motivation für ihren schweren Alltag sein. 

Der italienische Barock in der Wallfahrtskapelle Hohenrechberg - Teil 10: Das Theatrum Sacrum

Die Wallfahrtskirche Hohenrechberg

Der italienische Barock in der Wallfahrtskapelle Hohenrechberg

© Gabriele von Trauchburg


Teil 10: Das Theatrum Sacrum



Die neue Idee des Gianlorenzo Bernini

Der berühmte römische Bildhauer und Architekt Gianlorenzo Bernini formte in den 1650er und 1660er Jahren die Idee, die bis dahin zweidimensionale Darstellung des Heilsgeschehen dadurch lebendiger zu machen, dass er eine dritte Dimension einführte. Zu diesem Zweck begann er den Altar in den Chorraum hereinzurücken und die gesamte Umgebung des Altares in die Darstellung des Heilsgeschehens mit einzubeziehen. Die Grundlagen des Theatrum Sacrum waren gelegt. Erster Höhepunkte dieser neuen Gestaltungsideen ist die Kirche Sant'Andrea al Quirinale in Rom.

Berninis Ideen und ihre Umsetzung durch Prospero Brenno

Prospero Brenno kannte ganz offensichtlich Berninis neue Ideen zur Gestaltung von Altären. Doch in Hohenrechberg besaß er erstmals die Gelegenheit, diese auch anzuwenden. Betrachtet man den Altarraum beim Betreten der Kirche, dann gewinnt man den Eindruck, dass er vom Boden bis zum Engel, der den großen Vorhang hält, aus einem zusammenhängenden Stück gearbeitet ist. Sogar die drei über dem Altar an der Decke schwebenden, die Szenerie beobachtenden Engel bilden zusätzlich den erweiterten Altarraum.  

© GvT

Gianlorenzo Bernini ist bei seinen Altarprojekten immer davon ausgegangen, dass es einen idealen Standort gibt, von dem aus das dargestellte Heilsgeschehen sich zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügt. Verändert der Betrachter seine Position innerhalb des Kirchenraumes, entdeckt er neue Aspekte des dargestellten Geschehens.
Um diesen Effekt zu erzielen, arrangierte Gianlorenzo Bernini den Chorraum auf völlig neue Weise. Zunächst rückte er den Altar deutlich in den Chorraum herein. Diesem Gestaltungsprinzip folgte auch Prospero Brenno in Hohenrechberg.

© GvT
Ein Blick hinter den Altar zeigt deutlich den Abstand zwischen der Kirchenmauer und dem Altar. Der Altar wird durch zwei, von der Mauer ausgehenden Balken gestützt.

© GvT

© GvT
Auf der Kirchenmauer selbst ist der große, heute in rot gefärbte Vorhang aufgearbeitet, der den Blick in den Himmel mit Gottvater und der Taube als Symbol für den Heiligen Geist öffnet.
Die vier musizierenden Engel auf dem Altar bilden das optischen Bindeglied zwischen dem auf der Wand aufgetragenen Blick in den Himmel und dem eigentlichen Altar mit dem Gnadenbild der Schönen Maria vom Hohenrechberg.
Der Eindruck eines Theatrum Sacrums wird noch durch die beiden
Logen des Oratoriums an der rechten Seite verstärkt. 


Die kunsthistorische Bedeutung des Hohenrechberger Theatrum Sacrum

Der 1689 gestaltete Chorraum mit Hochaltar und Oratorium bildet ein Unikum im Werk von Prospero Brenno.
Die Gestaltung des Chorraumes in der Münchner Theatinerkirche (1673-1675) folgt noch den traditionellen Vorstellungen. Die Annakapelle in der Franziskanerkirche Salzburg (1680) bot nicht genügend Raum, um die neuen Ideen von Gianlorenzo Bernini umzusetzen. Eine Anwendung der innovativen Vorstellungen Berninis findet sich auch nicht in der Klosterkirche Benediktbeuern (1687) oder in der Klosterkirche Weggental (1688). Als Grund hierfür sind wohl eher die Wünsche der jeweiligen Bauherren zu vermuten.
Prospero Brenno hatte also nur beim der Hohenrechberger Altar die neuartigen Ideen anwenden können. Da es vor 1688-89 keinen anderen Vertreter des italienischen Barocks und Verfechter von Gianlorenzo Berninis Ideen in der Umgebung von Hohenrechberg gab, blieb das hier erstmals umgesetzte Theatrum Sacrum einzigartig. Es ist damit das ältestes seiner Art wohl in ganz Süddeutschland.
Wie früh das Hohenrechberger Theatrum Sacrum entstand, lässt sich daran erkennen, dass die heute bekanntesten Heiligentheater erst 30 bis 50 Jahre später entstanden. Zu den bekanntesten zählt der Hochaltar des Klosters Weltenburg von den Gebrüdern Asam.

Chor und Hochaltar der Klosterkirche Weltenburg, 1723-24 - © GvT

Die Rezeption von Brennos Altargestaltung

Brennos Gestaltung des Hohenrechberger Hochaltares wirkte sich in der Folgezeit Wirkung auf die Gestaltung von Altären in der unmittelbaren Nachbarschaft aus.

Winzingen
Die Winzinger Kirche St. Sebastian und Rochus war 1619 - also gerade zu Beginn des 30jährigen Krieges - von dem Graubündner Baumeister Anton Serro erbaut worden. Im Jahre 1694 - also 5 Jahre nach Abschluss der Arbeiten in Hohenrechberg - wurde sie umgestaltet.
Die künstlerische Verbindung zur nur wenige Kilometer entfernten Wallfahrtskirche Hohenrechberg findet sich bis heute in einigen Details.

 
Engel als Schmuck eines Kapitels - inspiriert von den Engeln der Kapitelle von Hohenrechberg  - © GvT

Kanzel mit Engelchen und einer aus Akanthusblättern herausragenden Traube, 1917 - © GvT

Die künstlerische Beeinflussung bei der Umgestaltung der Winzinger Kirche durch den italienischen Barock von Hohenrechberg tritt am Hauptaltar zutage.

Rest des ehemaligen Hochaltars, 1694 - © GvT
Bei der Neugestaltung des Winzinger Hochaltares wurde die Idee vom sich öffnenden Vorhang, der den Blick auf die wichtigsten Details der Heilsgeschichte frei gibt, aufgegriffen. Im Zentrum der Darstellung steht heute ein Gemälde, das erst in späterer Zeit seinen Platz hier fand.

Lauterstein-Weißenstein
Aus den Heiligenrechnungen der Wallfahrtskirche Hohenrechberg kann man entnehmen, dass bei der Grundsteinlegung 1686 der junge Gaudenz von Rechberg-Weißenstein anwesend gewesen war. Er konnte also persönlich die Entwicklung der Kirche miterleben. Zudem war er ein enger Vertrauter des bayerischen Kurfürsten Maximilian Emanuel, der in denjenigen Zimmern in der Münchner Residenz lebte, die Prospero Brenno ausgestattet hatte. Es verwundert daher nicht, dass Gaudenz von Rechberg die Werke Prennos als Inspirationsquelle für den Weißensteiner Hochaltar nutzen ließ. 

Hochaltar in der Stadtpfarrkirche Weißenstein - © GvT
Wie in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg bestehlt die Komposition des Weißensteiner Hochaltares aus zwei Ebenen - dem Hochaltar unter Einbeziehung des Deckengewölbes.

© GvT

Wie schon in Hohenrechberg und in Winzingen erhält der Gläubige durch einen geöffneten Vorhang einen Blick in den Himmel, aus dem sich der Heilige Geist ergießt.


Quellen und Literatur

- Felix Ackermann, Die Altäre des Gianlorenzo Bernini - das barocke Altarensemble im Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation, Petersberg 2007
- Gabriele von Trauchburg, Lauterstein - Weißenstein, Nenningen (Kirchenführer), Lauterstein 2015
- Heribert Hummel, Die Kirchen der Stadt Donzdorf (mit Winzingen), Weißenhorn 1995


Der italienische Barock in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg - Teil 12: Die kunsthistorische Bedeutung der Wallfahrtskirche Hohenrechberg

DIE WALLFAHRTSKIRCHE HOHENRECHBERG


Der italienische Barock in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg


© Dr. Gabriele von Trauchburg, Januar 2018

Teil 12: Die kunsthistorische Bedeutung der Wallfahrtskirche Hohenrechberg


Bis dato ist Prospero Brenno nur einigen wenigen Kunstkennern ein Begriff. Man kennt seinen Herkunftsort und seine Familienverhältnisse. Doch schon bei der Identifizierung seiner Werke, deren Qualität und deren Umfang gehen die Meinungen doch erheblich auseinander, wie die einzelnen Kapitel dieser Untersuchung gezeigt haben. Deshalb greife ich noch einmal einzelne Punkte auf und stelle ihnen die neuen Erkenntnisse gegenüber:

Prospero Brenno - kein Wanderarbeiter, sondern ein Unternehmer

Auf einer Website, die sich mit dem süddeutschen Barock beschäftigt, wurde Brenno tatsächlich als Wanderarbeiter bezeichnet. Diese Aussage soll wohl suggerieren, dass er 1. an mehreren Orten sein Handwerk ausübte und 2. allein unterwegs war.
Wie im Laufe der Untersuchung deutlich wurde, ist die Bezeichnung 'Wanderarbeiter' im Zusammenhang mit Prospero Brenno irreführend. Schon bei seinem ersten Auftreten in Würzburg 1670 arbeitete er gemeinsam mit seinem Bruder an der Stuckierung eines Saales im dortigen Rathaus. Einem einfachen Wanderarbeiter hätte man diese prestigeträchtige Arbeit sicherlich nicht anvertraut. Was waren also die besonderen Vorzüge Brennos gegenüber den einheimischen Künstlern?

Sein nächster Wirkungsort war München - zuerst die Theatinerkirche und anschließend die kurbayerische Residenz (1673-75). Im ersten Jahr ihrer Ausgestaltung arbeitete er unter dem in Nürnberg tätigen Carlo Moretti Brentano. Dieser kehrte aber noch, als die Arbeiten in der Kirche voranschritten, nach Nürnberg zurück, um dort seine Arbeiten fortzusetzen, während Brenno weiterhin in München arbeitete. Vergleicht man die stilistische Handschrift der beiden Künstler, so kann man deutliche Unterschiede feststellen. Der von Brenno geschaffene Stuck ist leichter und stilistisch vielfältiger. Man gewinnt den Eindruck, dass Moretti gemeinsam mit Brenno die Gestaltung entworfen hatte, die Ausführung aber in erster Linie bei Brenno lag.
Die Qualität von Brennos Arbeit - sowohl im Entwurf, wie auch in der Ausführung - müssen dann die Grundlage für seine Abwerbung bei den Theatinern gewesen sein. Die Kurfürstin persönlich wollte ihn für die Ausgestaltung ihrer neuen Räume in der Residenz.

Für das Jahr 1688 ist Prospero Brenno für die Ausstattung der beiden Wallfahrtskirchen Weggental b. Rottenburg a. Neckar und für Hohenrechberg belegt. Ein einfacher Wanderarbeiter ist jedoch nicht in der Lage, gleichzeitig an zwei Orten zu arbeiten. Vielmehr kann man davon ausgehen, dass er in beiden Fällen als Unternehmer auftrat, für beide Kirchen die Entwürfe lieferte, jedoch genügend potentielle  Mitarbeiter - seine Brüder, Söhne und Neffen - besaß, die die jeweiligen Arbeiten ausführten.

Prospero Brenno und der Salzburger Stuckateur PB

Beim  Anblick der ersten Fotos von der Annenkapelle in der Franziskanerkirche in Salzburg war ich wie vom Donner gerührt. Der Altar von 1680 wies die gleichen Engelkariathiden wie der Hochaltar der Wallfahrtskirche Hohenrechberg von 1689 auf. Die Signatur in Salzburg wird mit PB angegeben und mit Paolo Brenno übersetzt. In Hohenrechberg gibt es keine Signatur von Prospero Brenno.
Dennoch darf man davon ausgehen, dass hier ein und dieselbe Person am Werke war. Zum einen spricht die stilistische Übereinstimmung in Salzburg und Hohenrechberg dafür (s. Teil 7), und zum anderen haben die bisherigen genealogischen Untersuchungen nur einen einzigen Paolo Brenno nachweisen können - den Sohn von Prospero, der 1680 gerade einmal 7 Jahre alt gewesen war (s. Teil 2).   

Prospero Brenno und Gianlorenzo Bernini  

Über die Ausbildung und die frühen Arbeiten von Prospero Brenno ist nichts überliefert. Man weiß nur, dass er 1670 im Alter von 32 Jahren erstmals in Deutschland tätig ist. Zwei Jahre später gehört er zu den führenden Handwerkern beim Bau der Münchner Theatinerkirche, von wo er im Auftrag der bayerischen Kurfürstin Henriette Adelaide abgeworben wird, damit er ihre neuen Räume in der Münchner Residenz gestaltet. 1680 begegnet PB - bisher als Paolo Brenno übersetzt - in der Franziskanerkirche in Salzburg, wo er im Auftrag des Erzbischofs eine Kapelle ausarbeitet und signiert. 1685-1687 begegnet man Prospero Brenno in Benediktbeuern bei der Ausgestaltung der dortigen Klosterkirche und später noch einmal bei der Gestaltung der Kapitelräume. 1688 und 1689 arbeitete Brenno auf dem Hohenrechberg und in Weggental. Es blieb bisher ein Rätsel, wie es Prospero Brenno gelang, die prestigeträchtigen Aufträge zuerst in Würzburg und dann in München und Salzburg zu erhalten.
Eine Erklärung hierfür liefert die erstmals vorgenommene Untersuchung zu Brennos Stil. Ausgangspunkt war die Frage, woher er seine Inspirationen bezogen hatte und wie er sie im Laufe der Zeit umsetzte. Möglich war dies aufgrund der Tatsache, dass Prospero Brenno in Hohenrechberg als alleiniger Handwerker auftrat. Auf diese Weise konnte seine stilistische Handschrift herausgearbeitet werden.
Und diese erbrachte erstaunliches zutage: Sowohl der Hauptaltar wie auch die beiden Seitenaltäre von Hohenrechberg wurden nach Gestaltungsprinzipien von Gianlorenzo Bernini gearbeitet. Zudem weisen die von Brenno in seine Entwürfe eingearbeiteten Engel deutliche Parallelen zu den von Bernini entworfenen und von seinem Werkstattmitarbeiter Antonio Raggi ausgeführten Engeln in Santa Maria del Popolo und Sant'Andrea al Quirinale auf. Gestaltungsprinzipien und Ausführung wurden in den 1660er Jahren entwickelt - also nicht lange bevor Prospero Brenno erstmals nach Deutschland kam und in Würzburg seinen ersten Auftrag erledigte (s. Teil 8).
Diese Beobachtungen rechtfertigen nun das Aufstellen der These, dass Prospero Brenno wohl über einen längeren Zeitraum hinweg in Rom gewesen war und mit großer Wahrscheinlichkeit in der Werkstatt des führenden Architekten und Bildhauers Gianlorenzo Bermini gearbeitet hatte.


Prospero Brenno und die kunsthistorische Bedeutung der Wallfahrtskirche Hohenrechberg 

In der Wallfahrtskirche Hohenrechberg konnte Prospero Brenno erstmals vollständig die Ideen von Gianlorenzo Bernini umsetzen. Zuerst entwarf er für die Wallfahrtskirche ein Gesamtkonzept das Innere. Sämtliche Elemente wurden aufeinander abgestimmt: Decken und Wände, Altäre, Sitzbänke und Beichtstühle. Alle Details entstanden im italienischen Barock. Der Hohenrechberger Barock ist einzigartig: er ist der älteste erhaltene Barock in weitem Umkreis und zudem direkt von Rom ausgehend geprägt.
Brenno gestaltete mit dem Hochaltar in Hohenrechberg das wohl älteste Theatrum Sacrum in Süddeutschland. Es entstand 30-40 Jahre vor den großen Heiligentheatern beispielsweise in der Klosterkirche Weltenburg (s. Teil 10).
Dadurch dass Prospero Brenno federführend bei der Ausstattung in Hohenrechberg arbeitete, entstand hier sein Hauptwerk, das gleichzeitig den Höhepunkt seinen eigenständigen Werkes darstellt.


Prospero Brenno und seine künstlerische Ausstrahlung auf die Region um Hohenrechberg 

Im Teil 10 - Das Theatrum Sacrum - ist es bereits angeklungen, dass die Arbeit von Prospero Brenno sich auf weitere Kirchengebäude in der Region auswirkte - so auf die Wallfahrtskirche Birenbach, die Pfarrkirche Winzingen und auf die Stadtpfarrkirche Lauterstein-Weißenstein.
Es gibt jedoch noch einen weiteren Schwerpunkt, der allein aufgrund der stilistischen Übereinstimmungen Prospero Brenno und seinen Familienmitgliedern zugeschrieben werden muss: Der prachtvolle barocke Orgelprospekt der Heilig-Kreuz-Kirche in Schwäbisch Gmünd samt seinem alten Kirchengestühle. Offenbar brachte Brenno nicht nur nach Hohenrechberg, sondern auch nach Gmünd den italienischen Barock in seiner ganzen Fülle.

Orgelprospekt in der Heilig-Kreuz-Kirche Schwäbisch Gmünd, um 1688 - © GvT
 
 
 

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