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Mittwoch, 6. März 2019

Geschichte(n) von Gingen/Fils - Teil 1.2: Die erste namentlich benannte Frau auf Gingener Gemarkung: Claudia Messorina

© Gabriele von Trauchburg





Die erste namentlich benannte Frau auf Gingener Gemarkung: Claudia Messorina
Gingen darf sich mit einem ganz besonderen Titel schmücken. Auf unserer Gemarkung lebte die erste namentlich genannte Frau im Landkreis Göppingen und weit darüber hinaus. Ihr Name lautete: Claudia Messorina.
Schon in meiner Grundschulzeit lernte ich im Heimatkundeunterricht erste Fakten über diese geheimnisvolle Unbekannte. Mit meinem heutigen Wissen, sollte es dann doch möglich sein, noch weit mehr Informationen über diese Frau zusammenzutragen.

Die Entdeckung ihres Namens
Woher kennt man den Namen dieser Frau? 1912 fand man auf der damals noch unbebauten Flur 'Ob der schmalen Gasse' beim Kiesabbau in zwei Meter Tiefe 2 Votivaltäre aus Sandstein. Ein 52 cm hoher Altar ist dem Gott des Handels und Gewerbes - Merkur - geweiht. Und dort steht auf lateinisch: Claudia Messorina hat dem Merkur aufgrund eines Gelübdes den Altar aufstellen lassen. Sie hat es froh und freudig nach Gebühr eingelöst.
Weihestein der Claudia Mesorina. Oberste Reihe: Mercuri..  3. Reihe: ...sorina, 4. Reihe: Ex voto - © GvT

Ebenfalls auf Claudia Messorina geht der 2. Votivaltar zurück. Dieser ist dem Kriegsgott Mars und der Siegesgöttin Viktoria geweiht: Claudia Messorina hat dem Mars und der Viktoria gemäß ihrem Gelübde einen Altar aufstellen lassen. Sie hat es froh und freudig nach Gebühr eingelöst. Schon zwei Jahre zuvor hatte man im gleichen Areal eine Merkurstatue gefunden und 1927 in unmittelbarer Nähe ein Relief, das vermutlich eine Gottheit dargestellt hatte.
Aus der Forschung weiß man, dass derartige Votivsteine ursprünglich alle einmal im Heiligtum einer römischen Villa rustica (ländliche Gutshof) standen ( vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%B6mischer_Gutshof_von_B%C3%BC%C3%9Flingen). Damit haben wir zumindest schon einmal die ersten biographischen Daten.

Erste bekannte biographische Daten 
  • Der Name unserer Unbekannten ist in einem Weihestein mit lateinischer Inschrift eingraviert.
  • Sie war also jemand, der herrschaftlich zum römischen Reich gehörte. Wir müssen uns also mit der römischen Geschichte in unserer Region befassen.
  • Leider fehlen Geburts- und Sterbejahr, nicht einmal ihr Alter kennen wir. 
  • Sie hat auch nicht aufgeschrieben, aus welcher Region sie stammte.
Jetzt heißt es sämtliche Methoden der Archäologie und der Alten Geschichte anzuwenden, um noch mehr über diese Frau herauszufinden.

Römerzeit in Gingen und Umgebung
Zuerst einmal sollte es uns gelingen, den groben Zeitrahmen in dem wir uns bewegen, abzustecken. Im Jahre 15 v. Chr. hatten die Römer das Alpenvorland bis an die Donau erobert. Strategische Gründe führten dazu, dass die Römer ab 74 n. Christus mit der Eroberung der Alb in Richtung Norden begannen und 100 n. Chr. den Odenwald-Neckar-Limes (der jetzt zum Weltkultur-Erbe gehört) ausgebaut hatten.
Mit dem Niedergang des Odenwald-Neckar-Limes ab 260 n. Chr. zogen sich die Römer wieder auf das südliche Ufer der Donau zurück, wo der  Rhein-Iller-Donau-Limes ab ca. 290 n. Chr. Bestand hatten. In unsere Region drangen damals die Alamannen vor. Das heißt nun für Claudia Messorina, dass sie irgendwann im Zeitraum zwischen 74 und 290 nach Christus in unserer Umgebung lebte. 

Der Wohnort der Claudia Messorina - eine Villa rustica

Votivaltäre in der Form der beiden von Claudia Messorina (s.o.) wurden bevorzugt in den Heiligtümern einer Villa rustica - eines Gutshofes - aufgestellt (vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%B6mischer_Gutshof_von_B%C3%BC%C3%9Flingen).
Einen solchen römischen Gutshof scheint es im Bereich der heutigen Schillerstraße gegeben zu haben, wo es ja auch noch die Stichstraße ‘Grube’ - Hinweis auf die ehemalige Kiesgrube - gibt. Doch was ist eine ‘Villa rustica’?
Die Entstehung der römischen Gutshöfe geht auf das römische Militärwesen zurück. Die Heerführer erkannten schnell, dass man verdienten Soldaten eine Perspektive geben musste. Nach jahrelangen Diensten im Heer sollten sie einen Gutshof zu ihrer Versorgung erhalten. Die ältesten dieser Gutshöfe entstanden in der Umgebung von Rom.
Später nutzte man die Politik der Gutshöfe zur gezielten Ansiedlung verdienter Soldaten in neu eroberten Gebieten. Die meisten Hofareale waren von einer Mauer umgeben. Kleine Badeanlagen mit Warm- und Kaltwasserbecken sowie Fuß- und Wandheizungen gehörten zum Standard. In der Region gefundene Bruchstücke von Wein- und Ölamphoren zeigen auf regen Austausch mit dem Mutterland hin und belegen, dass die Eroberer durchaus luxuriös lebten. 
Auf den Höfen bauten oftmals Slaven Getreide an und hielten Vieh. Die daraus hergestellten Produkte dienten als Waren für römische Kastelle - z.B. in Salach - oder direkt am Limes. Zu deren Transport wurde Geschirr benötigt, hergestellt in Kalkbrennöfen, Töpfereien und Ziegeleien.
Die Gingener Villa Rustica hatte vielleicht noch ein weiteres Standbein. Wir erinnern uns, dass  im letzten Jahr der Kreisarchäologe Dr. Rademacher am Ufer des Binsenbachs Überreste von Metallverarbeitung aus keltischer Zeit gefunden hat. Ich kenne zwar noch nicht die Datierung der gemachten Funde, aber aus der Römischen Geschichte ist mir durchaus bekannt, dass die Römer größtes Interesse an der Metallverarbeitung besaßen. Lag darin auch das Interesse eines römischen Gutsbesitzers?

Stellung der Claudia Messorina innerhalb der Villa Rustica
Haben Sie es gemerkt? Bisher ist nur vom Gutsbesitzer und seinen Sklaven die Rede. Aber wo waren die Frauen? Ich habe gerade erwähnt, dass diese Art von Votivsteine überwiegend im Heiligtum eines Guthofes aufgestellt wurden. Die Herstellung derartiger Steine war nicht ganz billig. Man darf deshalb davon ausgehen, dass die Stifterin die Ehefrau des Gutshofsbesitzers gewesen war. 
Sie war offenbar eine gläubige Frau, sonst hätte sie nicht gegenüber drei verschiedenen Gottheiten Gelübde abgelegt: Merkur = Schutzgott der Händler. Die zweite Stiftung bezog sich auf den Kriegsgott Mars und die Siegesgöttin Viktoria. Man darf darin die Hoffnung um Beistand im Krieg und die Freude über einen militärischen Sieg lesen. Möglicherweise deuten beide Votivsteine darauf hin, dass Claudia Messorina in einer Zeit militärischer Auseinandersetzungen und Störungen im Handel gelebt hat. Dies könnte auf die Endzeit des römischen Anwesenheit im Filstal im 3. Jahrhundert mit den Überfällen und Plünderungen der Alamannen hindeuten. 
Dann ist da noch eine Auffälligkeit: Forscher haben durch schlichte Beobachtung der vorhandenen schriftlichen Quellen herausgefunden, dass der Nachname der Claudia - Messorina - besonders häufig im pannonischen bzw. ungarischen Raum und in Dalmatien (Mittlere Adriaküste von Kroatien) vorkommt. Sie scheint ihre familiären Wurzeln in Südosteuropa gehabt zu haben.

Die neuen biographischen Daten und Zusammenhänge bezüglich der Claudia Messorina 
Fassen wir also nun alle gewonnenen Daten zu Claudia Messorina zusammen:
  • Die erste namentlich bekannte Persönlichkeit im Landkreisoder sogar noch weit darüber hinaus heißt Claudia Messorina
  • Ursprünglich kam sie wohl aus dem ungarischen oder dalmatinischen Raum
  • Sie lebte irgendwann zwischen 74 und 290 nach Christus in Gingen, wobei die Wahrscheinlichkeit eher auf das 3. Jahrhundert hindeutet.
  • Sie war die Herrin auf einem römischen Gutshof. Bevor ihr Mann diesen Gutshof nach einer langen Karriere im römischen Heer erhalten hatte, muss sie mit ihm kreuz und quer durch das römische Reich gezogen sein, ehe sie im Filstal heimisch geworden war.
  • Am Anfang haben wir nur den Namen unserer ersten bedeutenden Frau in Gingen gekannt. Die Methode - biographische und allgemeine Kenntnisse zu verbinden, hat also im Fall der Claudia Messorina zu weiteren Details über ihr bisher unbekanntes Leben geführt. 

Montag, 21. Januar 2019

Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 6.3: Unterweckerstell - Die Ausstattung der Kapelle von der Romanik bis zur Spätgotik

 © Gabriele von Trauchburg



Trotz oder vielleicht gerade wegen ihres einfachen, schmucklosen Aussehens würde man niemals vermuten, dass sich hinter den Mauern von St. Georg in Unterweckerstell unterschiedlichste Kunststile befanden und noch befinden.

Romanik

Zwei architektonische Stilelemente stammen aus der Zeit der Romanik. Beide befinden sich im Bereich des Chors. Zum einen erkennt man dort das romanische Rundbogenfenster und im Innern kann man das massive Kreuzrippengewölbe betrachten. Gerade mit letzterem beschäftigte sich Teil 6.1. näher, denn dieses architektonische Stilelement dient als Datierungshilfe für die Entstehung der Unterweckersteller Georgs-Kapelle. Das Gewölbe wird in die 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert.

St. Georg mit seinem romanischen Fenster und seinem Kreuzrippengewölbe aus der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts - © GvT

Spätgotik

Während der Bauarbeiten von 1861 wurden vorhandene spätgotische Fresken freigelegt und von dem in München ausgebildeten Maler Wilhelm Traub abgezeichnet. Diese Zeichnungen lagen lange Zeit unbeachtet beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, sind aber inzwischen leider verschollen. Nur noch drei schwarz-weiße Detailfotos davon sind heute in Heribert Hummels Buch über die Wandmalereien im Kreis Göppingen erhalten. Den Künstler dieses Gemäldezyklus kennt man nicht.

Die Entstehung der Fresken im spätgotischen Stil geht wohl auf die 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts zurück. Die Teile der Wand- und Deckengemälde befanden sich in den einzelnen Segmenten des Kreuzrippengewölbes, den Gewölbekappen, sowie an den Wänden und zeigten Szenen aus dem Jüngsten Gericht.

Das Jüngste Gericht - ein Rekonstruktionsversuch

Die Szenen eines Jüngsten Gerichts folgen vorgegebenen Motiven, die am jeweiligen Ort den Gegebenheiten angepasst und mit Details ergänzt wurden. Nicht weit von Unterweckerstell ist  das große Gingener Wandbild von 1524 in der Johanneskirche zu bewundern. Dieses Gemälde enthält sämtliche unverzichtbaren Motive eines jüngsten Gerichts:
    - Christus auf dem Regenboden sitzend, Maria und Johannes d. Täufer als Anwälte der Armen Seelen zu seiner Seite
    - Die Apostel als Beisitzer des Gerichts
    - Den Einzug der Seeligen in den Himmel, mit Petrus an der Himmelstür
    - Die Hölle
    - Eine Gerichtsszene mit dem Kampf zwischen dem Erzengel Michael und dem Teufel um Arme Seelen

Fünf der zwölf Apostel, Kopie der gotischen Malereien in Unterweckerstell, Wilhelm Traub, 1861
Von den von Wilhelm Traub angefertigten Kopien der gotischen Malereien von St. Georg Unterweckerstell sind drei Fotos erhalten, die folgende Szenen zeigen:
    - 5 Apostel, darunter der Heilige Petrus (mit Schlüssel), Thomas (mit Lanze)
    - der Einzug der Gerechten in den Himmel
    - die Hölle
Mit Hilfe des Wissens um die Basismotive eines Jüngsten Gerichts und den architektonischen Details von Unterweckerstell kann man einen Rekonstruktionsversuch der spätgotischen Malereien im romanischen Chor von St. Georg in Unterweckerstell wagen.
Wilhelm Traub hat auf seiner erhaltenen Kopie der Apostel zusätzlich kleine, aber gut lesbare Hinweise auf deren ursprüngliche Anordnung hinterlassen. Die Abbildung oben zeigt vier eng beieinander stehende Apostel unter einem Bogen und durch eine Mittellinie getrennt. Diese vier Apostel waren an einer der drei Chorwände abgebildet - erkennbar anhand des Bogens in der Zeichnung. Die Hinweise von Wilhelm Traub - direkt unter der Bogenspitze - erklären, dass die beiden auf der linken Seite platzierten Apostel links vom Fenster und die beiden anderen rechts vom Fenster gewesen waren. Die feine Trennlinie zwischen den vier Männern deutet also die räumliche Trennung durch das dort ehemals vorhandene romanische Fenster an. Die Position des fünften Apostels wird mit den Worten auf der rechten Seite rechts vom Fenster beschrieben.
Aus diesen wenigen Hinweisen kann man nun folgende Schlüsse ziehen: Die zwölf Apostel - Basismotiv eines Jüngsten Gerichts - waren in Gruppen zu je vier auf die drei Wände des Chores verteilt. Aus den zahlreichen Darstellungen eines Jüngsten Gerichts geht hervor, dass Petrus - mit dem Himmelsschlüssel in der Hand - eine herausragende Stelle in direkter Umgebung von Jesus Christus einnahm. Auf der rechten Seite des Chores konnte er also nicht abgebildet gewesen sein, weil dort eine andere Gruppe mit dem fünften Apostel aus der Abzeichnung (s.o.) dargestellt war. Somit bleibt eigentlich nur die zentrale mittlere Rückwand des Chores übrig, auf der Petrus, Thomas und zwei weitere Apostel ihren Platz gefunden hatten. 
In den vier Gewölbekappen müssen sich vier Szenen befunden haben: Christus, auf dem Regenbogen sitzend, eventuell Maria und Johannes der Täufer als Fürsprecher der Armen Seelen ihm beigeordnet - weiter die Seligen am Eingang der Himmelspforte. 

Die Seligen am Eingang zum Himmel, Kopie der spätgotischen Fresken von Wilhelm Traub, 1861
Die Zeichnung von Wilhelm Traub zeigt Petrus auf der linken Bildseite am Eingang der Himmelpforte, aus der die Strahlen des Lichts im Himmel heraus leuchten. Von rechts kommen die Seligen, d.h. diejenigen Personen, die schon aufgrund ihrer Position oder ihres herausragenden Lebenswandels ohne Umweg über das Jüngste Gericht sofort in den Himmel aufgenommen werden: ein Papst (mit Spitzkappe und den drei Ringen), ein Bischof (mit Mitra), ein König (mit Krone), ein Ritter (mit Kettenhemd), Nonnen, Jungfrauen und Männer.
Das Himmelsgebälk oben links im Bild, gestützt von einer Säule, sowie die Position von Petrus und die Strahlen am Eingang in den Himmel deuten darauf hin, dass diese Szene wahrscheinlich auf die rechte Gewölbekappe des Chores gemalt worden war.


Die Hölle - Ausschnitt aus dem Jüngsten Gericht, Kopie vonWilhelm Traub, 1861
Die zweite Szene aus dem Bereich der Gewölbekappen zeigt einen Ausschnitt aus der Hölle. Ein gehörnter Teufel trägt eine wehklagende, sich wehrende Frau auf seinen Schultern zum Höllenfeuer hin. Der Erzengel Michael mit seinem Flammenschwert, der sich als einziger in die Hölle wagt, um dem Teufel Paroli zu bieten, versucht diese Arme Seele zu retten. Auch andere am unteren Bildrand hoffen noch auf den Erzengel.
Der Bildaufbau zeigt in der rechten oberen Ecke einen Teil der Gewölbekappe. Dies lässt die Vermutung zu, dass die Höllen-Szene auf der linken Seite im Chorgewölbe abgebildet gewesen war. Aufgrund der Erkenntnisse zum Aufbau der beiden Szenen zur Hölle und zum Eingang der Seligen in den Himmel wird klar, dass die Gemälde zum Schlussstein hin zentriert waren.
Nachdem nun zwei der vier Kappen im Kreuzgewölbe mit ihrer Bemalung festgelegt sind, erhebt sich die Frage, wie die beiden anderen Kappen, die vordere und die hintere ausgestaltet gewesen sein mochten. Zwei Basismotive stehen noch offen - eine Gerichtsszene und Christus auf dem Regenbogen thronend, flankiert von Maria und Johannes d. Täufer.
Ein Blick vom Langhaus in den Chor lässt zwei Lösungen als wahrscheinlich erscheinen: Christus als zentrale Persönlichkeit des christlichen Glaubens gehörte ins Zentrum des Gottesdienstgeschehens und sollte deshalb fast zwangsläufig im vorderen Segment dargestellt gewesen sein. In diesem Fall wäre für die Gerichtsszene - sichtbar für alle Gläubigen im Langhaus - nur die Rückseite geblieben. Diese hier vorgeschlagene Aufteilung der Gemälde im Chor wird zusätzlich durch die Funktion der Gemälde unterstützt. Die Positionierung des gesamten Gemäldezyklus im Chor entspricht derjenigen in den Kirchen von Krummwälden, Wangen-Oberwälden, Salach und Stötten. In allen diesen Kirchen findet man romanische oder gotische Gemälde im Chorgewölbe und an den Chorwänden. Diese Bildergalerien hatten die Aufgabe, den Geistlichen an seine Aufgaben als Seelsorger zu erinnern und Anstöße für seine Gebet und Predigen zu geben.
Hingegen zeigt das Beispiel der Wandmalereien in der Margaretenkirche in Salach, die eine ähnliche Chorstruktur wie Unterweckerstell aufweist, tatsächlich Christus als Weltenherrscher auf dem Regenbogen sitzend auf der rückwärtigen Gewölbekappe. Somit waren beide Gestaltungsvarianten möglich, die letztendliche Lösung ist also nicht mehr rekonstruierbar.
Weil das Original verloren gegangen ist und auch die im19. Jahrhundert angefertigten Kopien von den Chorgemälden verschollen sind, kann man kaum noch Aussagen über einen Stifter oder einen Maler wagen. Dennoch gibt es einzelne Hinweise: Betrachtet man die Darstellungen von der Hölle und vom Einzug der Seligen in den Himmel, so fallen auf den zweiten Blick weitere  Details auf. Die aus der offenen Himmelstür austretenden Strahlen wurden sicherlich mit gelber Farbe dargestellt. In der Höllendarstellung züngelten unzählige Flammen. Diese waren sehr wahrscheinlich in roter Farbe gemalt. Rot und gelb sind einerseits diejenigen Farben, mit denen man diese Motive am ehesten verbindet. Sie sind aber auch gleichzeitig die Wappenfarben der Grafen und Herren von Rechberg, die wiederum die Patronatsherren der Kapelle waren. Man darf also davon ausgehen, dass Mitglieder dieser Adelfamilie die Stifter des Chorgemäldes waren. 
Zu Beginn des 15. Jahrhunderts herrschte in Donzdorf der Familienzweig Rechberg-Illereichen, die im Lautertal und im Illertal ihre Herrschaftsschwerpunkte besaß. Wohl mit dem Tod von Albrecht von Rechberg-Illereichen um 1426 wurde die Herrschaft unter den beiden Söhnen Hugo und Gaudenz geteilt. Gaudenz erhielt die Herrschaft Illereichen, Hugo ist der Gründer des Familienzweiges Rechberg-Illereichen-Scharfenberg. 
Auch nach dem Tod seines Vaters besaß Hugo († 1469) Anteile an der Illereicher Herrschaft. Dies bedeutet, dass er ständig auf seinen Reisen zwischen den beiden Herrschaftsteilen Scharfenberg und Illereichen durch die Reichsstadt Ulm kam, wo in einem großen, überregionalen Kunstzentrum Bildhauer und Maler tätig waren. Man darf also durchaus die Vermutung äußern, dass das von den Rechberg gestiftete Unterweckersteller Chorgemälde von einem Ulmer Maler angefertigt worden war, wahrscheinlich sogar von Hugo von Rechberg-Illereichen-Scharfenberg, spätestens von seinem Sohn Hans († zw. 1497 und 1499).

Die Unterweckersteller Nothelfer 

In der Laibung des letzten verbliebenen romanischen Chorfensters hatte man außerdem die Darstellungen der beiden Nothelferinnen Barbara und Katharina entdeckt, die zumindest fragmentarisch noch in den 1970er Jahren vorhanden waren. Die Ausschmückung der Laibungen mit Nothelfern war offenbar eine gern genutzte Möglichkeit, die Gläubigen mit einem umfassenden Schutz für ihren Alltag zu versehen. In der Umgebung gibt es noch weitere, ähnliche Darstellungen:
  • Stötten (um 1500) - 4 Chorfenster: 1. 2 Nothelfer - 2. Barbara und Katharina - 3. Margareta und Ägidius, 4. Christophorus und Hl. Bischof (Hummel, 119)
  • Auendorf (gotisch) - Ostfenster: Barbara und Margartha, Südfenster: heiliger Bischof und unidentifizierter Nothelfer (Hummel, 98)
  • Betzgenried (nach 1405) - linkes Fenster im Chor: vermutlich 2 Nothelferinnen, ev. Barbara und Margareta (Hummel, 100)
Die Gruppe der 14 Nothelfer wurde in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts geschaffen, als es wegen der politischen Auseinandersetzungen zwischen dem Papst und Kaiser Ludwig d. Baiern auf Befehl des Papstes abgesehen von den großen christlichen Feiertagen - Weihnachten, Ostern und Pfingsten - keine Gottesdienste in den Herrschaftsgebieten der Anhänger des Kaisers gab. Damit die Menschen dennoch ihrem Glauben nachgehen konnten und sie in Notlagen Hilfe und Unterstützung fanden, stellten Theologen die Gruppe der 14 Nothelfer zusammen, die praktisch in allen Lebenslagen angerufen werden konnten.
Nur zwei Jahre nach dem Tod des Kaisers Ludwig dem Baiern (†1347) brach die Pest in Mitteleuropa aus. Die Epidemie raffte eine große Anzahl an Menschen hinweg. Aus seuchenhygienischen Gründen blieben erneut die Kirchen geschlossen. Und wieder mussten die Menschen auf die Hilfe und den Beistand der 14 Nothelfer hoffen.
Im Laufe der Zeit entwickelten sich einige ‘Lieblings-Nothelfer’ innerhalb ihrer Gruppe heraus:    
  • Heilige Barbara
  • Heilige Katharina
  • Heiliger Christophorus
  • Heilige Margareta
In Unterweckerstell darf man davon ausgehen, dass in den drei romanischen Chorfenstern jeweils zwei Heilige abgebildet gewesen waren. Die beiden Heiligen im zentralen Ostfenster sollen Barbara und Katharina gewesen sein. Die Heilige Barbara riefen die Menschen vor allem in der letzten Sekunde ihres irdischen Lebens an. Der an die Heilige gerichtete Hilferuf ersetzte die Krankensalbung, eines der sieben Sakramente der katholischen Kirche. Diese Form des Verständnisses der Krankensalbung, auch als letzte Ölung bezeichnet, hatte sich im Hochmittelalter entwickelt und galt bis ins 19. Jahrhundert. Gemeinsam mit der Heiligen Barbara wird eine weitere Nothelferin abgebildet, die Heilige Katharina. Sie war - wie die Heilige Barbara - eine Jungfrau und Märtyrerin. Sie galt als Beschützerin der Mädchen, Jungfrauen und Ehefrauen, galt zudem als Helferin bei Leiden der Zunge und Sprachschwierigkeiten und als Patronin der Gelehrten sowie auch zahlreicher Handwerksberufe. 
Der Kirchenpatron ist selbst ein heiliger Nothelfer. Seine Abbildung an einer der beiden anderen Laibungen, entbehrt nicht einer gewissen Wahrscheinlichkeit. Er gehört zur Gruppe der drei Ritter und Märtyrer Georg, Achatius und Eustachius. Der Heilige Georg wurde als Helfer bei Kriegsgefahren, Fieber und Pest verehrt, half im Kampf gegen jede Versuchung, wurde angefleht für gutes Wetter und zum Schutz der Haustiere. Eine weitere sehr populäre Heilige, die Heilige Margareta, könnte ebenfalls hier ihren Platz gefunden haben, denn sie war die Patronin der Gebärenden und half bei der Gesundung von allen Wunden.
Ebenfalls sehr wahrscheinlich war eine Abbildung des Heiligen Christopherus. Doch diese muss nicht zwingend in der Kirche gewesen sein, sondern könnte auch auf der nördlichen, vom Weg der Alten Donzdorfer Steige aus sichtbaren nördlichen gewesenen Außenmauer der Kapelle aufgemalt gewesen sein. Der große, starke, das Christuskind auf seinen Schultern tragende Christophorus war der Schutzheilige der Reisenden. Sein Anblick versprach Rettung aus jeglicher Gefahr und Hilfe gegen den unvorbereiteten Tod. Seine Einbindung in das Konzept der Notheiligen-Darstellungen in Unterweckerstell war geradezu prädestiniert für diese Kapelle an einer wichtigen historischen Straße.


Der Altar von Hürbelsbach - der ehemalige Altar von Unterweckerstell?

Der heute in Hürbelsbach aufgestellte Altar besitzt zwei Seitenflügel, die auf ihrer Innenseite die Heilige Katharina und den Heiligen Stefanus sowie die Heilige Margareta und den Heiligen Paulus dem Betrachter präsentieren. Diese Flügel sind Kopien. Sie besitzen keine Darstellungen auf den Außenseiten, weil der Hürbelsbacher Altar meistens in geöffneter Form den Kapellenbesuchern präsentiert wird.
Auf den Originalen hingegen findet man auf den beiden Außenseiten Heiligendarstellungen. Es handelt sich dabei um den Heiligen Georg und den Heiligen Johannes.
Von den insgesamt sechs Heiligen-darstellungen - Georg, Johannes, Katharina, Stefanus, Paulus und Margareta - gehören die Hälfte - Georg, Katharina und Margareta - zu den Nothelfern. Zudem gibt es keine einzigen Hinweis darauf, dass der Heilige Georg in Hürbelsbach verehrt wurde.
Legt man nun die gleiche Argumentation wie beim Donzdorfer bzw. Hürbelsbacher Altar zugrunde, kommt man zu dem Schluss, dass aufgrund der Tatsache, dass der Heilige Georg der Kapellenpatron von Unterweckerstell ist, die Darstellung des Heiligen Georg auf der Außenseite des Seitenflügels zur St. Georgskapelle gehören muss.
Heiliger Georg auf der Außenseite eines linken Altarflügels, Ende 15. Jahrhundert - © GvT

Von Experten werden die beiden Altarflügel in die Zeit am Ende des 15. Jahrhunderts datiert. Ihre Figuren stehen im Zusammenhang mit dem Leben im Diesseits wie auch im Jenseits. Auf diese Weise ergänzten sich in der Spätgotik Altar-, Wand- und Deckengemälde zu einem thematischen Ganzen.

Quellen und Literatur

GRFAD - Heiligenrechnungen von Unterweckerstell
- Heimatbuch Donzdorf, hrsg. v. Stadt Donzdorf, Donzdorf 1976
- Heribert Hummel, Donzdorf - Die Kirchen der Stadt Donzdorf - Kirchenführer, Weißenhorn 1995
- Heribert Hummel, Wandmalereien im Kreis Göppingen, Weißenhorn 1978
- Walter Ziegler, Die Kulturdenkmale des Kreises Göppingen, Göppingen o.J.

Sonntag, 21. Mai 2017

Reformation im mittleren Filstal - Teil 6: Ein Erbstreit und seine Folgen für Salach

© Gabriele von Trauchburg, Mai 2017


Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts gehörte die Dorfherrschaft wie auch das Patronat im Ort Salach den Herren von Rechberg-Staufeneck. Da die Familie Rechberg-Staufeneck kein Anhänger der Reformation gewesen war, kam es zunächst auch nicht zur Einführung der Reformation im Dorf.  Salach ist also eines derjenigen Dörfern im mittleren Filstal, die erst spät mit der Reformation in Berührung kamen. 

Der Erbstreit um Salach 

Im Jahre 1599 starb das letzte männliche Familienmitglied der Rechberg-Staufeneck, der siebenjährige Albrecht Hermann. Da die Herrschaft Staufeneck kein Bestandteil des unveräußerlichen Rechbergschen Familiengutes war, waren bei der anstehenden Erbteilung nun die weiblichen Mitglieder der Familie erbberechtigt. Und damit kommt es zu einer spannenden und folgenreichen Erbauseinandersetzung unter den Hinterbliebenen.
Die Tante von Albrecht Hermann, Maria Magdalena von Rechberg-Staufeneck (gestorben vor 1605), hatte sich mit ihrer Familie aufgrund einer in den Augen ihrer Eltern unstandesgemäßen Heirat 1558 mit Michael von Welden überworfen. Jetzt, nach dem Tod von Albrecht Hermann beanspruchte sie die Hälfte an der väterlichen Herrschaft.
Weil sie sich aber nur wenige Chancen auf die Durchsetzung ihrer Ansprüche versprach, suchte sie sich einen starken Verbündeten - den protestantischen Herzog Friedrich I. von Württemberg (1557-1608). Der Herzog seinerseits erkaufte sich die Rechte der Maria Magdalena nur zu gern, lag die Herrschaft Staufeneck mit dem Hauptort Salach doch in unmittelbarer Nachbarschaft zur Landesgrenze bei Göppingen.

Württembergs Vordringen in Salach

Herzog Friedrich I. von Württemberg nutzte die gebotene Chance, seinen Machtbereich im mittleren Filstal weiter in Richtung Albaufstieg und Ulm auszuweiten. Vergeblich versuchte er dann auch noch sowohl Hohenrechberg als auch Staufeneck unter seine Herrschaft zu bringen, konnte in der Erbauseinandersetzung dann allerdings nur eine Hälfte des Dorfes Salach für sich gewinnen - die Mutter von Albrecht Hermann und Witwe von Konrad II. von Rechberg-Staufeneck, Gertrud Schutzbar von Burg-Milchling, konnte die zweite Hälfte für sich behaupten. 
Mit der Dorfherrschaft war auch das Patronatsrecht verbunden gewesen - mit den entsprechenden Auswirkungen auf die Pfarrei. Die Witwe war nicht in der Lage, bei diesem Recht ihren gleichberechtigten Anspruch durchzusetzen und musste mitansehen, wie am 23. Juli 1603 der damalige Priester Keller von Württemberg aus seinem Amt entfernt und ein halbes Jahr später David Börtlin als evangelischer Pfarrer in sein Amt eingeführt wurde. Trotzdem verblieb der Priester Keller noch weitere 32 Jahre lang in Salach.

Der Kampf um die Pfarrei Salach - politisch vereint, konfessionell getrennt

Im Jahre 1608 kaufte Georg von Freyberg zu Justingen und Öpfingen von Herzog Friedrich dessen Anteil an Salach. Dabei verpflichtete er sich, seinen Anteil an Salach bei der evangelischen Religion nach dem Augsburger Bekenntnis (Confessio Augustana) zu belassen und ständig einen evangelischen Pfarrer im Dorf amtieren zu lassen. Herzog Friedrich gestand seinem Käufer damit nicht die im Augsburger Interim festgelegte Regelung zu, wonach der Dorfherr die Religion festlegte (cuius regio - eius religio).
Die spätromanische Margaretenkirche mit der Grablege der Herren von Rechberg-Staufeneck, Salach - © GvT

Georg von Freyberg erwarb zudem den 2. Salacher Dorfteil von der Rechberg-Witwe. Das bedeutet: Das Dorf Salach wurde politisch wieder zu einer Einheit, aber der Ort blieb von nun an konfessionell getrennt!!! 

Salach unter der Familie von Freyberg

Im Jahre 1631 erbte Anna Margaretha von Freyberg die Herrschaft Staufeneck mit samt Salach von ihrem Vater. Die weiteren Ereignisse in Salach standen dann in engem Zusammenhang mit denen des Herzogtums Württemberg.

Die Schlacht von Nördlingen 1634 und die Jesuiten im Württembergischen Amt Göppingen 

In der Schlacht von Nördlingen am 6. September 1634 unterlagen die protestantischen Heere unter der Führung der Schweden den kaiserlichen Armeen und wurden zurückgeworfen. Dies hatte zur Folge, dass auch der damalige württembergische Herzog Eberhard III. nach Straßburg floh. Das entstandene Machtvakuum im Land wurde durch einen kaiserlichen Administrator, den Grafen Karl Ludwig Ernst von Sulz (1595-1648), ausgefüllt. Zu seinen Aufgaben gehörte die Durchsetzung des von Kaiser Ferdinand erlassenen Restitutionsediktes. Dieses 1629 erlassene Gesetz beinhaltete, dass der geistliche Besitz auf dem Stand von 1552 zurückgegeben werden musste. Einzelne Stiftskirchen wurden dabei dem Jesuitenorden überlassen, zu ihnen zählte auch das Göppinger Oberhofenstift.

Salach und die Jesuiten

Der Ehemann von Anna Margaretha von Freyberg, der Erbin der Herrschaft Staufeneck, war der kaiserlich-königliche Generalwachtmeister Wilhelm von Guyn (1603-1661). Als kaiserlicher Offizier wurde von ihm erwartet, dass er auch in seinen eigenen Herrschaften die kaiserliche Politik durchsetzte. Die Seelsorge der gesamten Salacher Bevölkerung übernahmen nun die aus Göppingen geholten Jesuiten. 

Der Jesuitenorden und einige seiner Erfolge in der Umgebung

Der Jesuitenorden verfolgte das Ziel, Protestanten wieder zur katholischen Religion zurückzubringen. Bei diesem Vorhaben konnte er durchaus auf spektakuläre Erfolge verweisen: Petrus Canisius erreichte in Augsburg, dass nach und nach alle protestantisch gewordenen Mitglieder der berühmten Fuggerfamilie wieder zum katholischen Glauben zurückfanden.
Auch im Filstal war Canisius erfolgreich. Nach mehreren Sitzungen mit dem Jesuitenpater kehrte der 1555 protestantisch gewordene Graf Ulrich XVII. von Helfenstein am 25. April 1567 wieder in den Schoß der katholischen Kirche zurück.
Der mit 1555 einhergehende Bruch in der Ausstattung der Kirchen des oberen Filstales lässt sich bis heute sehr deutlich erkennen. Graf Ulrich von Helfenstein hatte gemäß den protestantischen Vorstellungen seine Patronatskirchen und Kapellen säubern und damit alle alten Altäre und Heiligenfiguren entfernen lassen. Daher finden sich äußerst selten Altäre oder Skulpturen aus vorreformatorischer Zeit in den Kirchen des oberen Filstales. Nach seiner Rückkehr zum katholischen Glauben mussten die nunmehr wieder katholischen Kirchen neu ausgestattet werden.

Das Salacher Simultaneum

Im Westfälischen Frieden von 1648 war die Wiederherstellung Württembergs festgeschrieben worden und so konnte sein Herzog Eberhard III. wieder nach Stuttgart zurückkehren. In den kommenden Jahren suchte dieser nun die während des Krieges vorgenommenen Veränderungen wieder auf die Basis vor seiner Vertreibung zurückzuführen.
Deshalb kam es in Salach ab 1650 zu einigen Auseinandersetzungen, denn Wilhelm von Guyn war noch immer der Salacher Dorfherr und hatte kein Interesse daran, dass Württemberg sich erneut in seine Dorfangelegenheiten einmischte. Er verbot seinen evangelisch gebliebenen Untertanen den Besuch benachbarter protestantischer Gottesdienste und ersetzte nach dem Weggang der Jesuiten in Göppingen die Pfarrei in Salach durch einen Kapuziner. Den von Württemberg verordneten evangelischen Pfarrer Deckinger aus Ulm ließ er nicht ins Dorf. In der Folge kamen württembergische Beamten von Göppingen am 8. September 1650 mit bewaffneter Mannschaft nach Salach, öffneten die Kirche und führten Deckinger in sein Amt ein. Aber kaum waren sie abgezogen, so ließ Guyn Pfarrer Deckinger durch 'einige starke ledige Gesellen' über die Markung hinausführen. Am 15. Oktober wurde Deckinger in Salach erneut in sein Amt eingesetzt, aber schon am andern Tage wieder mit Gewalt aus dem Territorium hinaus geschleppt. Deshalb wurde zu seinem Schutz am 19. Oktober ein Kommando von 20 Musketieren nach Salach verlegt, das erst aufgrund der Versicherung von Guyn, den evangelischen Gottesdienst künftig zu gestatten, am 29. November 1650 wieder abgezogen wurde.Am 29. August 1655 kam es schließlich zu einem Vergleich zwischen Württemberg und Guyn. Aufgrund dessen wurde  im Ort das Simultaneum, d.h. das gleichberechtigte Nebeneinander beider Religionen, eingeführt. Laut diesem Vertrag wurde die katholische Pfarrei nicht wieder besetzt. Statt dessen wurden die Einwohner in die Pfarrei in Klein-Süßen eingegliedert. Dort verblieben sie mit  Ausnahme zwischen 1772—1775 bis zum 13. Oktober 1798, als erstmals die katholische Pfarrei Salach wieder besetzt wurde. Die evangelische Pfarrei im Ort hingegen wurde wiederbesetzt. Anfangs lebte der Pfarrer im Dorf und dann außerhalb des Ortes auf der Burg Staufeneck. Zur Versorgung der beiden Pfarrer diente der traditionelle Zehnt. Davon erhielt der evangelische die Hälfte des großen, den gesamten kleinen und lebenden Zehnt der evangelischen Bewohner, der katholische Geistliche erhielt die andere Hälfte von den katholischen Dorfeinwohnern.
Während des Simultaneums, also bis zur Einweihung der katholischen Kirche St. Margarete anfangs des 20. Jahrhunderts, nutzten beide Konfessionen die alte gotische Margarethen-Kirche.

Quellen und Literatur

- Hauptstaatsarchiv Stuttgart, B 90 Bü 1994 - Streit Georg Ludwigs von Freyberg mit Gertrud Gräfin zu Löwenstein, Witwe Konrads VI.. von Rechberg-Staufeneck und Geborener Schutzbar von Burgmilchling über den Besitz der Burg Staufeneck und den halben Teil des Dorfes Salach, 1604-1610
- Oberamtsbeschreibung Göppingen, S. 276-282 - https://de.wikisource.org/wiki/Beschreibung_des_Oberamts_G%C3%B6ppingen/Kapitel_B_29
- Die Kirchen in Salach, hrsg. v. der evangelischen Kirchengemeinde Salach und der katholischen Kirchengemeinde Salach, Salach 2006
- Christina Riese, ... jedoch daneben die Catholische Religion nach und nach fruchtbarlich eingefiert würde. Kriegserfahrung, landesfürstliche Politik und Religiositätals Eckpunkte kommunalen Lebens in Göppingen zwischen 1634 und 1648, in: Hohenstaufen/Helfenstein 17, 2007, S. 83-118

Geschichte(n) von Gingen/Fils - Teil 1.3: Die erste bekannte Gingener Dorfherrschaft: Königin Kunigunde

© Gabriele von Trauchburg Als zweite Frau möchte ich Ihnen die deutsche Königin Kunigunde vorstellen. Sie ist diejenige Königin, die ih...