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Montag, 11. Februar 2019

Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 9.1 - Lage und Vorgeschichte der Pietà-Kapelle

© Gabriele von Trauchburg


Der Schlussstein über dem Eingangsportal verrät eindeutig, dass die Kapelle am westlichen Ortseingang von Lauterstein-Nenningen im Jahre 1774 erbaut worden war. Sie ist der Neubau einer kleineren Kapelle, die zuvor an dieser Stelle gestanden hatte.

Die Lage der Kapelle

Wegen der heutigen Bebauung erkennt man nur noch schwer den Zusammenhang zwischen der Lage der Kapelle und ihrer Bedeutung. Noch vor wenigen Jahrzehnten gab es keine Gebäude rund um die Kapelle. Statt dessen lag sie deutlich vor dem Dorf am Ufer der Lauter auf dem Weg zu den Nenninger Feldern und Wiesen. 
Nenningen liegt wie ein Riegel vor dem östlichen Eingang zum engen Taltrichter der Lauter, der hier aufgrund der steilen Hänge des Albtraufs und des Kreuzbergs sehr schmal wird. Schaut man in westliche Richtung, dann eröffnet sich dem Betrachter ein ganz anderes Bild: Das Tal weitet sich nun zu einem flachen Talgrund, auf dem Landwirtschaft möglich war. Ein Blick in die alten Abgabenbücher der Herrschaft Weißenstein verrät, dass hier auch tatsächlich Ackerbau betrieben wurde. Hier wuchs nicht nur Getreide, sondern zeitweise auch Hopfen für die ehemalige Brauerei im benachbarten Ortsteil Lauterstein-Weißenstein.

Die Vorgeschichte der Kapelle von 1774

Überlieferte Einzelheiten zur alten Kapelle am Weg zu den Feldern und Wiesen des Dorfes Nenningen gibt es nicht. Man weiß nur, dass sie erstmals 1582 erwähnt wurde. Im Gegensatz zu Grünbach und Unterweckerstell gehörte ihre Verwaltung nicht zu denjenigen, die Kredite vergaben.
Die Kapelle war zu Ehren der allerheiligsten Dreifaltigkeit und der schmerzhaften Jungfrau Maria und zu Ehren des Heiligen Florian und Wendelin geweiht. Aufgrund der Lage der Kapelle - am Weg zu den Feldern und Wiesen - muss man ein besonderes Augenmerk auf die beiden Heiligen Florian und Wendelin werfen. Allein die Verehrung dieser beiden Heiligen weist deutlich darauf hin, vor welchen Schicksalsschlägen die Bewohner Nenningens sich am meisten fürchteten und wofür sie beteten.
Der Heilige Florian ist uns allen bekannt als Beschützer vor Feuer. Daneben hilft er aber auch bei Unwetter, unfruchtbarem Boden und Trockenheit - Phänomene, die man Rande der Schwäbischen Alb sehr wohl kennt. Der Heilige Wendelin ergänzt auf ideale Weise den Wirkungskreis von Florian. Wendelin ist der Patron der Hirten, Bauern und Schäfer, zudem des Viehs. Er hilft gegen Viehseuchen und sorgt für gutes Wetter und gute Ernte. Reliquien der beiden Heiligen befanden sich bereits im alten Kapellenaltar. Wie sehr die Zeitgenossen den Beistand der beiden Heiligen benötigen konnten, zeigen die Jahre von 1770 bis 1772.

Ein vulkanischer Winter und seine Folgen

Zwischen 1770 und 1772 veränderte sich schlagartig das Klima. In ganz Mitteleuropa fiel bis in die Sommermonate Juni und Juli Schnee. In der Folge wurden die Ernten von drei Jahren nahezu vollständig vernichtet. Ein heftiger Vulkan-Ausbruch ist wohl die wahrscheinlichste Erklärung für diese plötzliche und zeitlich begrenzte Klimaveränderung. In der Folge wurden damals die Lebensmittelvorräte knapp, die Menschen litten Hunger.
Noch heute können wir die Auswirkungen dieser Zeit in den Totenbüchern der Kirchengemeinden ablesen. Die Zahl der Verstorbenen schnellte sprunghaft in die Höhe - vor allem Kinder und alte Menschen waren davon betroffen. Sie starben - so notierten die Pfarrer - an Auszehrung, also am Hungertod.
Ab 1773 änderte sich die Lage dann wieder zum guten: Die erste Ernte konnte wieder eingefahren werden und die gesamte wirtschaftliche Situation verbesserte sich allmählich. Wohl aus Dankbarkeit, dieser Katastrophe entronnen zu sein, beschlossen der Herrschaftsinhaber und die Einwohner von Nenningen, die alte, außerhalb des Ortes gelegene Kapelle abzureißen und neu zu erbauen. Vor dem Abriss brachte man die kleine Pietà, die bis dahin in der Kapelle gestanden hatte, in die Pfarrkirche St. Martinus.

Pietà - um 1440,  St. Martinus Nenningen, - © GvT

         









 



 

Donnerstag, 13. Dezember 2018

Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 10.1: Grünbach - St. Peter und das Wildbad

© Gabriele von Trauchburg




Grünbach im Lautertal 

Grünbach gehört heute zur benachbarten Stadt Donzdorf. Das war nicht immer so. Am Beginn der schriftlichen Aufzeichnungen gehörte Grünbach zu Lauterstein-Nenningen und damit zur Herrschaft Weißenstein. Urkundlich erstmals erwähnt wurde Grünbach 1324.
Im Spätmittelalter waren mehrere Adelsfamilien in Grünbach begütert. Ein Hof gehörte den Herren von Degenfeld, weitere Güter besaßen die Herren von Elchingen (Rink I, S. 57). Als am 12. August 1385 Wilhelm von Rechberg die St. Georgs-Messe für seine Stadt Weißenstein stiftete, legte er vertraglich fest, dass Abgaben aus mehreren seiner Dörfer in der Herrschaft Weißenstein und Böhmenkirch - darunter auch Grünbach - zu deren Finanzierung beitragen sollten (Rink II, S. 7). 

Das Wildbad

Der Ortsname Grünbach weist bereits auf eine Besonderheit in diesem Weiler hin: Grünbach besitzt ein ständig fließendes Gewässer, auch im Winter - also eine Thermalquelle. Der innovative Herrschaftsinhaber, Heinrich von Rechberg, wollte dieses natürliche Vorkommen zu seinem ökonomischen Vorteil nutzen.
Er wandte sich an Kaiser Friedrich III. (1415-1493) mit der Bitte um ein hierfür notwendiges Privileg, denn allein der Kaiser besaß das Recht, Genehmigungen für die Nutzung von natürlichen Vorkommen zu erteilen - Und diese Genehmigungen ließ sich der Kaiser mit gutem Geld bezahlen, um so einen Beitrag zu seinen Regierungs- und Hofkosten zu erhalten.
Heinrich von Rechberg war für den Kaiser kein Unbekannter. Heinrich gehörte zu denjenigen Adeligen, die dem Kaisersohn Maximilian das Handwerk auf der Jagd beibrachten. Heinrich schickte dem Kaisersohn sogar einige Hunde, wofür sich Maximilian herzlich bedankte. Auch der Kaiser war ihm spätestens seit 1475 wohl gesonnen. Daher verwundert es nicht, dass Heinrich von Rechberg am 1. Dezember 1481 den in Wien ausstellten Schutzbrief für das Grünbacher Wildbad erhielt, der zusätzlich eine Schankgenehmigung umfasste. (Rink II, S. 72).  
Es gibt keine schriftliche Überlieferung darüber, wie der Betrieb des Wildbades gestaltet wurde. Vielleicht gab es ein kleines Badhaus, wohin Kranke sich wenden konnten. Für die Menschen jener Zeit war es jedoch selbstverständlich, dass ohne Glaube keine Krankheit geheilt werden konnte. Deshalb geht man wohl nicht fehl in der Annahme, dass der Bau der Grünbacher Kapelle in direktem Zusammenhang mit dem Ausbau des Grünbacher Wildbades stand.
Die Grünbacher Thermalquelle war in einem Brunnen mit 3 Röhren gefasst. Noch im 19. Jahrhundert floss daraus 'vortreffliches Trinkwasser'. Die ursprüngliche Quelle ist heute versiegt, denn sie wurde bei einem Hangrutsch im vergangenen Jahrhundert verschüttet. 

Quellen und Literatur

Gräflich Rechbergsches Familienarchiv Donzdorf - Urkunde 336
Rink, Joseph Alois, Familiengeschichte der Grafen und Herren von Rechberg u. Rothenlöwen
- Teil I u. II., Manuskript 1806
Stälin, Christoph Friedrich von, Beschreibung des Oberamts Geislingen, Stuttgart 1842, S. 183

Dienstag, 27. März 2018

Die barocke Wallfahrt auf dem Bernhardus 

Teil 9: Das Ende der Wallfahrtskirche auf dem Bernhardus, Zusammenfassung 

© Gabriele von Trauchburg

Was fängt man mit einer geschlossenen Kirche an?
Mit der Überführung der Bernhardus-Figur auf den Hohenrechberg begann die Zerstörung der Bernharduskirche. Am 18. Oktober 1806 wurden die ersten Kirchengeräte nach Donzdorf gebracht. Eine heute noch vorhandene Aufstellung besagt, dass eine Monstranz, ein Ziborium mit Deckel und Krone, 3 Kelche mit 3 Patenen und 2 Löffeln, zwei hölzerne schwarze, mächtig versilberte Kruzifixe schließlich noch ‘Kirchenwäsche’ (= Altartücher) nach Donzdorf gebracht worden waren. Einen Tag später erhielt die Kirche von Hohenrechberg ebenfalls in einer Liste zusammengefasste Gegenstände, unter anderem 3 Messbücher, 1 Evangelienbuch, Rosenkränze und große, schwere Kerzen.
Dem Treffelhauser Mesner und Orgelmacher Johann Schweizer war die Aufgabe übertragen worden, den Wert der Orgel auf dem Bernhardus festzulegen. Da das Basso-Octav-Register nicht mehr richtig funktionierte, wurde die Orgel auf den geringen Wert von 22 Gulden veranschlagt. Aufgrund einer herrschaftlichen Weisung wurde die Orgel der Kirche in Ottenbach zugesprochen, wo Maximilian Emanuel von Rechberg ebenfalls Patronatsherr war.

In der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Lauterstein-Weißenstein befinden sich heute zwei große weiße, teilvergoldete Statuten auf dem Hochaltar - der Heilige Maximilian Emanuel und die Heilige Walburga, die Namenspatrone des Herrscherpaares. Die beiden Figuren befanden sich ursprünglich auf dem linken Seitenaltar in der Bernhardus-Kirche und wurden aus der Wallfahrtskirche in die Stadtpfarrkirche gebracht und dort in den Hochaltar eingefügt. Drei kleinere Figuren in der Stadtpfarrkirche - darunter ein Sebastian und ein Antonius von Padua - könnten aufgrund ihres Stils ebenfalls aus der Wallfahrtskirche stammen. 

Der Heilige Maximilian Emanuel, um 1764 - ursprünglich aus der Wallfahrtskirche auf dem Bernhardus - © GvT


Die Heilige Walburga, um 1764 - ursprünglich aus der Wallfahrtskirche auf dem Bernhardus - © GvT



Vorbereitungen zur Versteigerung der Wallfahrtskirche im Oktober 1808 
Zunächst war das weitere Schicksal des Kirchengebäudes unklar gewesen. Erst zwei Jahre nach der Schließung entschloss man sich, die Kirche samt Benefiziatenhaus zum Abriss freizugeben, nachdem sämtliche für den Patronatsherren interessanten Objekte aus der Kirche geholt und auf seine anderen Patronatskirchen verteilt worden waren. 

Für die eigentliche Versteigerung Ende Oktober 1808 wurde eine Aufstellung erarbeitet, in der mögliche Werte nach Interessengruppen untergliedert wurden. So kamen spezielle Lose für Schreiner, Zimmerleute und Maurer zustande. Der Materialwert der Kirche wurde mit 1599 Gulden veranschlagt, der des Benefiziatenhauses mit 680 Gulden. Die Bretter des Kirchenbodens, die Kanzel, der Choraltar, die Nebenaltäre, Bet- und Beichtstühle, die Wandkästen in der Sakristei, zwei innere Kirchentüren und vieles mehr sollten an den Mann gebracht werden. Man hoffte, dass Zimmerleute die Balken, Bretter und Nägel vom Kirchendachboden gebrauchen könnten, und es fanden sich sicherlich Maurer, die für die über 18.400 Dachplatten Verwendung hatten. 


Die Versteigerung
Zur Versteigerung der Wallfahrtskapelle im 25. Oktober 1808 wurden eigene Regeln geschaffen. Unter anderem hieß es in den Anweisung, dass jedem Bieter verdeutlicht werden sollte, dass die betroffenen Gebäude auf dem Bernhardus nicht stehen bleiben, sondern zum Abbrechen und Abräumen versteigert werden sollen. Die Käufer wurden verpflichtet, ihre ersteigerten Werte innerhalb von 8 Tagen abzubauen und wegzubringen. Die Kosten für Abbau und Abtransport wurden ihnen auferlegt. Um eine möglichst große Anzahl an Interessenten auf den Bernhardus zu locken, wurden öffentliche Bekanntmachungen herausgegeben und Ausschreibung an die umliegenden Pfarreien verschickt.

Das Ergebnis der Versteigerung vom 25. Oktober 1808 war folgendes:
  • der mit 125 fl angesetzte Choraltar fand keinen Käufer, 
  • die beiden Nebenaltäre für 125 fl gingen an die Pfarrkirche nach Treffelhausen,
  • die mit 40 fl taxierte Kanzel wurde für 25 fl nach Salach verkauft, 
  • ebenso gingen 20 Betstühle für 21 fl nach Salach (der Salacher Pfarrer erwies sich als hart im Verhandeln und konnte sich überwiegend durchsetzen); 
  • 5 Beichtstühle wurden für 3 fl nach Weiler (i.d.B.) verkauft, 
  • 4 einfache Beichtstühle ergatterte der Obermüller Joseph Hämmerle von Weißenstein, 
  • 2 Stühle aus dem Chor ersteigerte Wolfgang Nägele aus Treffelhausen, 
  • 2 Betstülchen sicherte sich der Salacher Pfarrer Ruf, 
  • 1 Stülchen kaufte Joseph Schmied von Weißenstein und 
  • 2 Wandkästen aus der Sakristei konnte Gabriel Nägele von Weißenstein gebrauchen.
  • Die beiden Glocken mit 701 Pfund Gewicht wurden zunächst in der Hauptversteigerung ausgesetzt, weil sich kein Käufer gefunden hatte. Dann hatte der Nördlinger Jude Nattan sein Interesse bekundet, die Glocken gewogen und pro Pfund 26 Kreuzer geboten. Damit erhielt er den Zuschlag und bezahlte noch im November 1808 die Summe von 303 Gulden und 36 Kreuzern.
Den Abriss von Kirche und Benefiziatenhaus wollte ein Konsortium von 8 Männern übernehmen, die insgesamt 800 fl auf zwei Jahre verteilt dafür zu zahlen bereit waren. Wie weit sie in ihrer Arbeit bereits fortgeschritten waren, lässt sich am letzten Verkauf vom 20. Februar 1809 erkennen. Gabriel Nägele aus Weißenstein erwarb zu diesem Zeitpunkt den 9 Meter hohen, ehemals mit 125 fl angesetzten Choraltar für 15 Gulden. Er musste sich mit dem Ausbau desselben beeilen, weil die Kirche damals schon weitgehend abgebrochen war.

Zieht man Bilanz eine Bilanz von der Versteigerung, so muss man feststellen, dass die versteigerten Gegenstände großenteils weit unter Wert verkauft werden mussten. Die Erklärung hierfür liegt auf der Hand. Die Versteigerung fand in der Zeit nach der Säkularisierung des kirchlichen Gutes und der Mediatisierung der kleinen Adelherrschaften statt. Zum einen herrschte ein großes Überangebot an derartigen Angeboten auf dem Markt und die Napoleonischen Kriege taten das Ihre zum Verfall der Preise. Zum andern bevorzugte man in der Zwischenzeit einen modernen Stil - den Klassizismus. Damit galten die angebotenen Stücke als veraltet und minderwertig.

Welche Erkenntnisse ergeben sich nun zur barocken Wallfahrt auf den Bernhardus?
1. Die barocke Bernharduswallfahrt kam dem Bedürfnis der Menschen im 18. Jahrhundert besonders bei medizinischen Problemen entgegen. Sie pilgerten auf den Bernhardus, um dort für allgemeinen Beistand und insbesondere bei ihren Gebrechen zu bitten und zu erhalten.
2. Mit dem Bau der Wallfahrtskirche wurde der stetig steigenden Anzahl der Pilger ein Raum gegeben, der ihren Bedürfnissen Rechnung trug. 
3. Die Kirche wurde im damals höchst modernen Stil des Barocks errichtet. Ihr Architekt, ihr Baumeister und die beteiltigten Kunsthandwerker gehörten zur Elite ihrer Zunft in jener Zeit.
4. Aus heutiger, kunsthistorischer Sicht ist der Verlust der Kirche ein Jammer. Die Wallfahrtskirche reihte sich in eine bedeutende Gruppe von barocken Kirchenbauten mit der Degginger Wallfahrtskirche Ave Maria und der Weißensteiner Stadtkirche ein. Gemeinsam begründeten sie eine kunsthistorische Einheit, die nicht von der Region, sondern von Bayern geprägt ist.
5. Das Ende der barocken Wallfahrt war nicht - wie man in den meisten bisherigen Darstellungen lesen kann - durch die Philosophie der Aufklärung hervorgerufen worden, sondern durch den drohenden Bankrott der Rechbergischen Herrschaften in den Napoleonischen Kriegen und der Not des unterversorgten Pfarrers in der Hohenrechberger Pfarrei.
Die bisherigen Deutungen beruhen auf falschen Annahmen. Dem bedeutenden Pfarrer Joseph Rink wird in diesem Zusammenhang Unrecht getan, ebenso dem scheinbar willenlosen Maximilian Emanuel von Rechberg. Stattdessen waren beide Männer hochgebildet. Maximilian Emanuel war Jurist, der das Kirchenrecht sehr gut kannte. Außerdem waren beide Männer Verfechter der katholischen Aufklärung und nicht - wie immer wieder unterstellt wird - der radikalen Aufklärung eines D’Alembert oder eines Holbach. Rechberg und Rink mussten Probleme lösen, die denen der heutigen katholischen Kirche in Deutschland in fataler Weise ähneln.
6. Heute finden sich nur noch wenig Überreste der barocken Wallfahrtskirche. Allen voran steht die alte Bernhardus-Figur bis heute auf dem rechten Seitenaltar in der Kirche auf dem Hohenrechberg. Dort findet sie jedoch nicht dieselbe Beachtung wie die ‘Schöne Maria’ im Hauptaltar. Bei der Beschreibung der Wallfahrt zum Hohenrechberg im Heimatbuch von 2004 wurde diejenige zum Bernhardus völlig ignoriert, nicht einmal ein Bild von der Figur wurde abgedruckt - das hat er definitiv nicht verdient. 
Die beiden lebensgroßen Statuen im Weißensteiner Hauptaltar wurden oben bereits näher betrachtet.
Die nach Salach verkauften Stücke sind wohl spätestens mit dem Neubau der katholischen Kirche zu Beginn des 20. Jahrhunderts vernichtet worden. Die Treffelhauser Nebenaltäre wurde spätestens beim Dorfbrand im 19. Jahrhundert ein Raub der Flammen.
Der wohl markanteste Überrest der barocken Wallfahrt befindet sich heute auf zahlreichen Hinweisschildern - das Logo der Glaubenswege ist dem Aufriss der Wallfahrtskirche auf dem Bernhardus nachempfunden. Auf diese Weise ist die Existenz der barocken Wallfahrt präsenter denn je, obwohl kaum jemandem die Grundlage dieses Logos bewusst ist..

Logo, Ausschnitt aus dem Titelblatt des Wanderführers 'Glaubenswege'


Quellen und Literatur
GRFAD - einschlägige Archivalien zur Bernhardus-Wallfahrt
Gabriele von Trauchburg, Lauterstein - Kirchenführer, Lauterstein 2015
Glaubenswege. Wege für den Geist, die Seele; zum Wandern und Genießen - Wanderführer, Schwäbisch Gmünd 2016 (www.glaubenswege.de)

Sonntag, 8. Oktober 2017

Weltkunst am Fuße der Alb - Die Nenninger Pietà des Franz Ignaz Günther

© Gabriele von Trauchburg, Oktober 2017

In der Pietà-Kapelle von Lauterstein-Nenningen befindet sich seit dem 8. Dezember 1774 ein international bedeutendes Kunstwerk - die Nenninger Pietà von Franz Ignaz Günther. Ihre berührende Geschichte und ihre weitreichende Bedeutung als Grenzpunkt einer ganzen Kunstepoche stehen im Mittelpunkt dieses Posts.

Vorgeschichte - Entstehung nach großer Hungersnot    

Zwischen 1769 und 1772 ereignete sich eine Naturkatastrophe - vermutlich auf Island brach ein Vulkan aus. Die Nachwirkungen dieses Ausbruchs - eine große Menge an vulkanischer Asche gelangte in die Atmosphäre und verursachte einen sogenannten vulkanischen Winter. In der Folge drangen kaum noch Sonnenstrahlen auf die Erdoberfläche vor. Die Durchschnittstemperatur sank beträchtlich; in ganz Mitteleuropa verzeichnete man Schneefälle bis in den Monat Juni; gleichzeitig band die verschmutzte Luft große Mengen an Wasser, was zu vermehrten Niederschlägen führte.
Die Menschen damals waren von ihren eigenen Ernten abhängig, doch Kälte und Niederschlag sorgten für Ernteausfälle. Das führte dann zu einer über ganz Europa verbreiteten Hungersnot. Die Zahl der Todesfälle stieg 1771 stark an, blieb auch noch 1772 auf hohem Niveau und erreichte erst 1773 wieder durchschnittliche Werte. In jenem Jahr wurde die erste durchschnittliche Ernte wieder eingefahren und die gesamte wirtschaftliche Situation verbesserte sich allmählich.

Die Kapelle und ihre Bedeutung

Nachdem die Hungersnot überstanden war, beschlossen die Nenninger Dorfherrschaft und Kirchengemeinde, die alte Kapelle von 1582 abzureißen und durch eine neue zu ersetzen. Diese Kapelle lag außerhalb des Ortes in direkter Nähe zum Wasserfall der Lauter am Weg zu den Feldern und zu den Wiesen. Möglicherweise war sie durch Überschwemmungen beschädigt worden.
Sie war der schmerzhaften Jungfrau Maria und den Heiligen Florian und Wendelin gewidmet gewesen. Die beiden Heiligen Florian und Wendelin sind für die ländliche Bevölkerung von großer Bedeutung, wie weiter unten noch erklärt wird. 

Die Kapelle - ein Gemeinschaftswerk von Dorfherr und Dorfbewohnern

Die Kapelle ist ein großartiges Gemeinschaftswerk von Dorfherr und Dorfbewohnern. Den Grundstein zur neuen Kapelle legte 1774 der damalige Dekan von Geislingen und Donzdorfer Pfarrer A. G. Schroz. Den Entwurf für den Bau lieferte der damals hochangesehene Baumeister Johann Michael Keller aus Schwäbisch Gmünd. Die notwendigen Baumaterialien - Holz, Dachziegel und Kalk - spendete der Nenninger Dorfherr Maximilian Emanuel von Rechberg. Die Steine stammten wohl noch von der alten Kapelle. Die Bauarbeiten übernahmen die Dorfbewohner, teils im Hand- und Spanndienst, teils als persönliche Spende. Schon am 12. Juni 1774 weihten der Donzdorfer Pfarrer und Dekan Schroz sowie der Nenninger Pfarrer Kübler die Kapelle.

Die Pietà-Kapelle von 1774 am Ortsausgang von Lauterstein-Nenningen - © GvT

Die Patrozinien und ihre Bedeutung

Allein die Verehrung der beiden Heiligen Florian und Wendelin weist deutlich darauf hin, vor welchen Schicksalsschlägen die Bewohner Nenningens sich am meisten fürchteten und wofür sie beteten.
Der Heilige Florian, allen bekannt als Beschützer vor Feuer, steht den Menschen auch bei Unwetter, unfruchtbarem Boden und Trockenheit bei - Phänomene, die man am Rande der Schwäbischen Alb sehr wohl kennt.
Der Heilige Wendelin ergänzt auf ideale Weise die Wirkung von Florian. Wendelin ist der Patron der Hirten, Bauern und Schäfer, zudem des Viehs. Er hilft gegen Viehseuchen und sorgt für gutes Wetter und gute Ernte. 

Der Weg der Pieta nach Lauterstein-Nenningen  

Nach dem Neubau benötigte die Kapelle eine eigene Ausstattung. Dazu verhalf der tiefgläubige Dorf- und Patronatsherr Maximilian Emanuel von Rechberg. Seine Vorfahren und er selbst hatten hochrangige Stellen am kurfürstlichen Hof in München inne. Es gehörte unter anderem zu ihren Aufgaben, über sämtliche Facetten künstlerischer Entwicklungen und über die angesagtesten Künstler stets bestens informiert zu sein.
Die Entscheidung von Maximilian Emanuel von Rechberg, den Auftrag an den Münchner Hofbildhauer Franz Ignaz Günther zu vergeben, verwundert daher nicht. Zudem lag Günthers Werkstatt nur gute 200 Meter vom Rechberg-Palais entfernt.

Der Bildhauer erhielt 125 Gulden für seine Arbeit, die der Auftraggeber nicht aus den laufenden Betriebskosten seiner Herrschaften, sondern aus seinem Privatvermögen beglich. Am 8. Dezember 1774 kam der Transport mit der Figurengruppe im Dorf an.

Die Nenninger Pietà von Franz Ignaz Günther, 1774 - © GvT

Der Künstler

Franz Ignaz Günther  (1725-1775) sammelte seine ersten kunsthandwerklichen Erfahrungen in der väterlichen Schreinerei im Markt Altmannstein (Lkr. Eichstätt). Dieser Ort war der Fürstin Portia, einer Tante von Maximilian Emanuels Ehefrau Walburga, im Jahre 1731 vom damaligen Kurfürsten Karl Albrecht geschenkt worden. Als sich die herausragenden Talente des 19jährigen jungen Mannes zeigten, vermittelte sie oder ihr Mann, Fürst Portia, die Kontakte zum in jener Zeit führenden Münchner Bildhauer, Johann Baptist Straub.
Ab 1744 lernte Günther bei Straub. Anschließend begab er sich ab 1750 auf Wandschaft – zunächst nach Salzburg, dann nach Olmütz (Mähren, 1752) und schließlich zur weiteren theoretischen Ausbildung in die Bildhauerklasse der Akademie in Wien (1753), die er mit 'Premium' abschloss. Nach München kehrte er im Jahre 1754 zurück, ließ sich vom Zunftzwang befreien und gründete seine eigene Werkstatt.
Ab dieser Zeit war er hauptsächlich für kirchliche Auftraggeber tätig, schmückte mit seinen lebensgroßen Figuren aber auch die Münchner Adelspalais aus. Durch die familiären Verbindungen des Maximilian Emanuel von Rechberg mit den bayerischen Adelsfamilien Törring, Preysing und LaRosée muss er schon früh auf den noch sehr jungen Franz Ignaz Günther aufmerksam geworden sein. Zudem kannten die Rechberg die Künstlerfamilie Straub, die aus der bayerischen Exklave Wiesensteig - von der Familie Rechberg zwischen 1667 und 1803 verwaltet - stammte.

Die Nenninger Pietà als Höhe- und Endpunkt des Rokoko

Schriftliche Unterlagen zur Entstehung des Kunstwerks von Seiten des Auftraggebers oder des Bildhauers gibt es keine mehr. Es gab aber sicherlich intensive Gespräche zwischen beiden Männern, in deren Verlauf der Künstler dem Mäzen zwei Modelle der Pietà präsentierte. Diese werden heute im Bayerischen Nationalmuseum in München und im Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart gezeigt.
Die Nenninger Pietà besitzt eine außergewöhnliche Ausdrucksstärke. Sie entstand durch die exakten anatomischen Details, die Günther herauszuarbeiten verstand und durch die bewußt gestaltete Farbgebung.
Das Gesicht der Maria zeigt deren unendlichen Schmerz beim Verlust ihres Sohnes. Bei der Gestaltung der Muttergottes konnte der Künstler wohl auch den Tod der eigenen, während der Hungersnot verstorbenen sieben Kinder verarbeiten. 
Die vielschichtige Gestaltung Christi lässt sich erst in Verbindung mit der von Günther vorgegebenen Farbgebung entschlüsseln. Im Gegensatz zum roséfarbenen und damit Lebendigkeit signalisierenden Gesicht der Muttergottes ist der Leib Christi in eine bläulich-weiße Farbe gehüllt, die den kurz zuvor eingetretenen Tod Christis markiert.

© GvT

Was Günther mit dem Hilfsmittel Farbe gelang - die Darstellung vom Hinübergleiten vom Leben in den Tod - das setzte er auch in der Gestaltung des Körpers um. Christus gleitet aus dem Schoß seiner Mutter zum Boden hinab. Nur noch das Knie der Muttergottes, auf dem noch die Achselhöhle von Christus ruht, hält den Körper davon ab, vollständig auf die Erde zu gleiten. Auch das frei schwebende Bein Christi verstärkt diesen Eindruck.
Bei genauer Betrachtung erkennt man deutlich, dass im Körper von Christus ein Moment der Bewegung festgehalten ist. Christus entgleitet sowohl im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinne seiner Mutter. Mit seiner Darstellung überwand Franz Ignaz Günther die bis dahin statische Darstellung von Skulpturen zugunsten von scheinbar erstarrten Bewegungen seiner Figuren.

Was Maximilian Emanuel von Rechberg damals, als er den Auftrag an Franz Ignaz Günther erteilte, noch nicht ahnen konnte, war die Tatsache, daß er die dritte und letzte Pietà-Darstellung des renommierten Künstlers erwarb. Ein halbes Jahr nach ihrer Fertigstellung starb der Künstler.
Unter Spezialisten gilt dieses Werk als das eindrucksvollste und damit bedeutungsvollste von Günther und seinen Zeitgenossen überhaupt. Mit Günthers Tod endet die Epoche des süddeutschen Rokokos und die Nenninger Pieta wird zum Höhe- und Endpunkt einer ganzen Kunstepoche.

Früher auf großen Ausstellungen - heute nur noch vor Ort

Wegen ihrer außerordentlichen Ausdrucksstärke fasziniert die Figurengruppe ihre Betrachter bis heute. Um diese Wirkung einem breiten Publikum erfahrbar zu machen, wurde sie im Laufe der Zeit bei großen nationalen und internationalen Ausstellungen der Öffentlichkeit vorgestellt:
  • 1951 auf der großen Ausstellung ’Franz Ignaz Günther’ in München
  • 1951 im Landesmuseum in Stuttgart
  • 1954 in der National-Gallery in London
  • 1954 im Louvre in Paris
  • 1958 auf der Weltausstellung im päpstlichen Pavillon in Brüssel 
  • 1981 bei der Ausstellung ‘Barock in Baden-Württemberg’ im Schloß Bruchsal und 
  • von Okt. 2004 - Mai 2005 bei der Ausstellung ‘Große Kunst im Kleinformat’ im Landesmuseum Stuttgart (Altes Schloss).
Eine Anfrage für eine Ausstellung in New York im Jahre 1960 wurde aus Sicherheitsgründen abgelehnt. Doch aufgrund jüngster denkmalpflegerischer Begutachtung darf dieses Kunstwerk nicht mehr von seinem Platz bewegt werden. Nur wer nach Lauterstein-Nenningen kommt, kann diese Weltkunst am Fuße der Alb aus direkter Nähe betrachten.


Donnerstag, 5. Oktober 2017

Geschichte(n) der Stadt Lauterstein - Teil 3: Weißenstein - eine der ältesten Städte im Landkreis Göppingen

Gabriele von Trauchburg, © Oktober 2017

Ich habe mir vor einiger Zeit erzählen lassen, dass es zwei Datumsvarianten zur Stadterhebung gibt, die Jahre 1384 und 1391. Das Weißensteiner Stadtfest wurde, um sich an dieses wichtige Ereignis zu erinnern, im Jahre 1991 erstmals gefeiert, d.h. man bezog sich dabei auf eine Urkunde aus dem Jahre 1391.
Welche Jahreszahl ist also die richtige für künftige Jubiläumsfeiern? Bevor man weiter in die Materie einsteigt, kann bereits folgender Hinweis gegeben werden: 1384 ist der älteste Hinweis auf die bereits bestehende Stadt Weißenstein, aber nicht das Jahr der Erhebung zur Stadt!

Die ältesten Städte im Landkreis Göppingen

Um weiteres Licht ins Dunkel zu bringen, darf man zunächst folgende Tatsachen festhalten. Weißenstein ist einer von vier Orten im gesamten Landkreis, die schon im Mittelalter zur Stadt erhoben wurden. An der Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert gab es nur die folgenden Städte im heutigen Landkreis:
  • Göppingen - wohl in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts entstanden
  • Geislingen - zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstanden  
  • Wiesensteig - seit 1356 als Stadt bezeichnet
  • Weißenstein - vor 1384, eventuell 1360 zur Stadt erhoben.
Alle anderen Städte im Landkreis erhielten ihr Stadtrecht erst im Laufe des 20. Jahrhunderts.

Weißensteins älteste Bezeichnung als ‘Stadt’

Die älteste Erwähnung von Weißenstein als Stadt findet sich in einer Urkunde aus dem Jahre 1384. Darin bezeichnet Wilhelm von Rechberg-Weißenstein den Ort klar und deutlich als opid. mei Wissenstein. Aus dieser Beschreibung muss man messerscharf schließen: Im Jahre 1384 war Weißenstein bereits Stadt!
Und nun beginnt das große Fragen: Wer war berechtigt, eine Siedlung zu einer Stadt zu erheben und die dafür notwendigen Urkunden mit ihren Privilegien zu erlassen? Was hat den Ortsbesitzer dazu veranlasst, eine Siedlung in eine Stadt umzuwandeln? Und vor allem wann??

Der deutsche König und das Recht auf Stadterhebungen

Die ganz alten deutschen Städte wie beispielsweise Kempten im Allgäu oder Augsburg gehen oft auf die Römerzeit zurück. Aufgrund ihrer Größe und ihrer Bedeutung als Verwaltungs- und Handelszentren wurden sie irgendwann als Städte betrachtet. Eine Stadtrechtsurkunde gibt es für diese Städte nicht.

Die deutschen Städte des Mittelalters wurden aufgrund von Stadtrechtsurkunden, die der deutsche König ausstellte, zu Städten erhoben. In den überwiegenden Fällen ging dabei die Initiative vom Herrschaftsinhaber aus. War der Inhaber des Ortes mit dem König identisch, so entstand eine Reichsstadt. War der Inhaber ein anderer Herrschaftsinhaber, so entstand eine Stadt innerhalb eines adeligen oder geistlichen Territoriums.

Jeder Initiator einer Stadterhebung verband mit diesem Vorgehen einen bestimmten Zweck. Die Stauferkönige gründeten eine ganze Reihe von Städten, so beispielsweise Göppingen im Filstal und entlang der Donau zwischen Ulm und Donauwörth. Ihr Ziel bestand darin, durch Städtegründungen den Handel und damit letztlich die Wirtschaft einer Region zu stärken. Die norditalienischen Städte dienten ihnen dabei als Vorbilder.

Fakten rund um die Stadterhebung von Weißenstein

Im Falle von Weißenstein lassen sich folgende Fakten festhalten: der Ort geht nicht auf die Römerzeit zurück, sondern entstand als planmässige Siedlung im Mittelalter. Weißenstein war immer der Hauptort der gleichnamigen Adelsherrschaft. Die Lage des Ortes an einem der niedrigsten Übergänge über die Alb war von überregionaler strategischer Bedeutung.
Die Urkunde mit der Erhebung zur Stadt existiert nicht mehr. So kann man nur noch darüber spekulieren, wer der Initiator bei der Erhebung des Ortes Weißenstein zur Stadt gewesen sein könnte. Am wahrscheinlichsten trifft dies auf Wilhelm von Rechberg-Hohenrechberg-Weißenstein zu. Aus diesem Grund soll nun ein genauerer Blick auf seine Biographie geworfen werden.

Wahrscheinlich 1360 kam es zur Stadterhebung Weißensteins

Wie man aus der Urkunde von 1384 entnehmen kann, war in jenem Jahr der Ort Weißenstein bereits zur Stadt erhoben worden. Nun stellt sich die Frage, wer die Initiative zur Stadterhebung ergriffen haben und welche Motive der Initiator gehabt haben könnte.
Am ehesten kommt wohl Wilhelm von Rechberg in Frage. Wilhelm von Rechberg aus der Hauptlinie Hohenrechberg war der einzige Sohn von Albrecht I. von Rechberg-Hohenrechberg und seiner Frau Agnes von Hohenlohe-Brauneck-Haltenbergstetten, einer reichen Erbin. Wilhelms Vater investierte vorausschauend eine große Geldsumme zur Stützung des neuen Königs Karl IV. (Suche in diesem Blog, Stichwort: Karl IV.)
Albrecht I. von Rechberg-Hohenrechberg starb nach 1348. Sein einziger Sohn und Erbe Wilhelm ließ sich am 6. Januar 1351 alle kaiserlichen Urkunden, die sein Vater bezüglich des Kredits erhalten hatte, bestätigen. Und am 11. November des gleichen Jahres bestätigte Wilhelm in einer Quittung den Empfang der 100 Pfund Heller von der Stadt Ulm. Dieses Verfahren sollte nach Willen des Kaisers auch künftig angewandt werden.  
Die Nähe des Wilhelm von Rechberg zu Kaiser Karl IV. hielt bis zum Ende von dessen Regierung 1378 an. Im Jahre 1359 war Wilhelm Zeuge in einem Diplom des Kaisers, das im Kloster Denkendorf (Landkreis Esslingen) ausgestellt worden war. Ein Jahr später hielt sich Wilhelm am kaiserlichen Hof in Prag auf, wo er erneut als Zeuge in einer Urkunde vom 2. November auftrat. Zuletzt genehmigte Kaiser Karl IV. am 14. März 1378, dass Wilhelm die Einnahmen aus dem Ulmer Ammanamt selbst als Kredit vergeben konnte.
Diese Zusammenstellung mehrerer Urkunden zeigt erstmals auf, dass Albrecht I. und sein Sohn Wilhelm von Rechberg-Hohenrechberg im Verlauf der gesamten Regierungsjahre von Kaiser Karl IV. zwischen 1346 und 1378 eine enge Verbindung zu ihm pflegten. Eine ähnliche Beziehung zu Karls IV. Nachfolger, seinem Sohn Wenzel IV., ist nicht überliefert.
Es besteht also die hohe Wahrscheinlichkeit, dass das Stadtrechtsprivileg für Weißenstein wohl in der Zeit zwischen 1351 und 1378 von Kaiser Karl IV. erteilt worden war, am ehesten wohl 1360 beim Aufenthalt von Wilhelm von Rechberg-Hohenrechberg-Weißenstein am kaiserlichen Hof in Prag, der üblicherweise derart wichtige Urkunden wie bei einer Stadterhebung ausstellte.
Die Stiftung der St. Georgs-Kaplanei 1384 durch Wilhelm von Rechberg kann man in diesem Zusammenhang als Ausbau von Weißenstein zur Stadt betrachten. Dazu später mehr. 

Die Pest - Auslöser für die Gründung der Stadt Weißenstein?

Der Zeitraum, in dem die Stadtgründung von Weißenstein erfolgte, konnte nun mit den neu zusammengestellten Daten und Ereignisse auf die Zeit um 1360 eingeschränkt werden. Die Jahre zwischen 1351 - dem sicheren Herrschaftsbeginn von Wilhelm von Rechberg - und 1360 - dem Jahr seines Aufenthaltes am kaiserlichen Hof in Prag - war von schrecklichen Umständen geprägt.
Im Jahre 1349 erreichte der ‘Schwarze Tod’, eine Umschreibung für die Pest, den mitteleuropäischen Raum und wütete hier bis 1353. In diesem Zeitraum starben nach Schätzungen rund 30 % der hier lebenden Menschen. Dieser ersten Epidemiewelle folgten in den nachfolgenden Jahren weitere, davon die schlimmste im Jahre 1400.
Auch in den Rechberg-Herrschaften lassen sich vereinzelt die Folgen dieser Epidemie nachweisen, beispielsweise anhand der Höfe zwischen Ottenbach und Rechberg-Hinterweiler, wo die Ackerflächen eines Hofes einem anderen zur Bewirtschaftung zugewiesen wurden.
Zudem könnte der Tod von Albrecht I. von Rechberg-Hohenrechberg mit der Pest in Verbindung stehen. Wie oben ausgeführt gewährte er 1347 noch einen Kredit für den neuen deutschen König Karl. Danach gibt es keine weiteren Nachrichten mehr von ihm. Und dann lässt sein Sohn bei König Karl die Gültigkeit der mit dem Kredit vergebenen Urkunden für sich bestätigen. Gerade der Wunsch nach Bestätigung von vorhandenen Urkunden ist ein immer wiederkehrendes Indiz für den Tod eines vorangegangenen Herrschaftsinhabers.
Der spürbare Rückgang der Bevölkerung aufgrund der Pest-Epidemie hatte beträchtliche Auswirkungen auf die Landwirtschaft und auf das Handwerk. Unrentable und ungünstig gelegene Ackerflächen wurden aufgegeben. Zahlreiche Landbewohner wanderten in die Städte ab, wo höhere Löhne gezahlt wurden. Dennoch sorgte der Mangel an Arbeitskräften für einen beachtlichen Mechanisierungsschub bei den Handwerkern.
Dieser wirtschaftlichen Entwicklung galt es auch in den Rechberg-Herrschaften entgegen zu steuern. Die Gründung einer Stadt stellte dabei ein durchaus interessantes Mittel dar, wie man es bereits durch die Beispiele aus der Zeit der Staufer kannte. Auf diese Weise konnte man den regionalen Handel vor Ort konzentrieren und aufbauen, das Handwerk fördern und die Landflucht verhindern.

Quellen und Literatur

GRFAD - Urkunde von 1384
GRFAD - Rink-Chronik II
Ferdinand Seibt, Karl IV. - ein Kaiser in Europa 1346-1378, München 1994
Gabriele v. Trauchburg, Die Aushöfe der Herrschaft und der Gemeinde Rechberg, in: Rechberg - Ein Heimatbuch, hrsg. v. Ortschaftsverwaltung Rechberg und Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Schwäbisch Gmünd 2004, S. 366-383






Mittwoch, 4. Oktober 2017

Geschichte(n) der Stadt Lauterstein - Teil 2: Der Kredit des Albrecht I. von Rechberg-Hohenrechberg für Kaiser Karl IV.

Gabriele von Trauchburg, © Oktober 2017


Wie man aus einer Urkunde von 1384 entnehmen kann, war in jenem Jahr der Ort Weißenstein bereits zur Stadt erhoben gewesen. Nun stellt sich die Frage, wer die Initiative zur Stadterhebung ergriffen haben und welche Motive der Initiator gehabt haben könnte.
Die Erhebung eines Ortes zur Stadt konnte nur der deutsche König vornehmen, denn ihm allein stand dieses Recht zu. Das bedeutet nun, dass die beiden Weißensteiner Dorfherren, Albrecht I. und sein Sohn Wilhelm, während der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts über eine besondere Beziehung zum Kaiserhaus verfügt haben mussten. Diese gilt es nun zu entdecken.  

Ein Kredit und dessen Bedeutung

Von Albrecht I. von Rechberg-Hohenrechberg († 1348), verheiratet mit Agnes von Hohenlohe-Brauneck-Haltenbergstetten - einer reichen Erbin, weiß man abgesehen von einem Kredit kaum etwas. Im Jahre 1347 gewährte Albrecht von Rechberg offenbar eine große Geldsumme. Diese war nicht für irgend jemanden bestimmt, sondern für den jungen König Karl IV.  
Die brisante Bedeutung dieses Kredites zeigt sich erst bei näherer Betrachtung. Im Jahre 1346 wurde Karl IV. aus dem Hause Luxemburg als Gegenkönig zu Kaiser Ludwig dem Bayern gewählt. Aufgrund dieses Vorgangs mussten die damaligen Zeitgenossen mit einem beginnenden  Machtkampf rechnen, der dann jedoch aufgrund des Todes von Ludwig d. Bayern im Oktober 1147 ausblieb.
Mit dem Tod des Kaisers entstand eine vollkommen neue Situation im Deutschen Reich. Jeder einzelne Herrschaftsträger musste nun für sich die Entscheidung treffen, welcher neuen Partei er künftig angehören wollte - im vorliegenden Fall dem bereits gewählten Gegenkönig oder dem von der wittelsbachischen Partei aufgestellten Gegner Günther von Schwarzburg.
Den Rechberg fiel diese Entscheidung offenbar leicht, denn Karl IV. erbte 1347 von seinem Vater zusätzlich noch die böhmische Königskrone. Er besaß damit einen stärkeren politischen Rückhalt, als sein politischer Gegner Günther von Schwarzburg. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Schwarzburg gegen Karl IV. durchsetzen konnte, war gering. Es war daher nur folgerichtig, sich dem letzteren zuzuwenden.  
Trotz seines politischen Rückhalts in Böhmen benötigte der junge König Karl IV. enorme Geldmengen, um seine Herrschaft endgültig durchzusetzen. Die Reichsstädte und einige Kurfürsten stellten große Geldmengen gegen den Erhalt von wichtigen und einträglichen Privilegien bereit. Zusätzlich konnte Karl IV. auch von weiteren Adeligen mit finanzieller Unterstützung rechnen.
Zu diesen zählte schon früh Albrecht I. von Rechberg-Hohenrechberg, als er bereits 1347 die  bedeutende Geldsumme von 1000 Mark Silber dem jungen König zur Verfügung zu stellen. Die mittelalterliche Mark ist traditionell ein halbes Pfund und wurde üblicherweise in 8 Unzen oder 16 Lot eingeteilt.
Albrecht von Rechberg stellte also 500 Pfund Silber dem neuen König zur Verfügung. Im Gegenzug versetzte König Karl IV. seinem Kreditgeber Albrecht von Rechberg und dessen Erben die dem Reich zustehenden Einnahmen der Reichsstadt Ulm aus dem Ammanamt, die Steuer, Abgaben der Juden, das Umgeld, Zölle und noch etliches mehr.
Auf diese Weise flossen ab 1348 jährlich 100 Pfund Heller in die Kasse auf dem Hohenrechberg. Im schwäbischen Bereich entsprach der Heller ursprünglich dem Pfennig, so dass 240 Heller ein Pfund ergaben.
Albrecht I. von Rechberg-Hohenrechberg starb nach 1348. Sein einziger Sohn Wilhelm ließ sich am 6. Januar 1351 alle Urkunden des Kaisers Karl IV., die sein Vater bezüglich des Kredits erhalten hatte, bestätigen. Und am 11. November des gleichen Jahres bestätigte Wilhelm in einer Quittung den Empfang der 100 Pfund von der Stadt Ulm. Dieses Verfahren sollte nach Willen des Kaisers auch künftig angewandt werden und wurde zuletzt 1398 bestätigt. 

Wilhelm von Rechberg und Kaiser Karl IV.

Die Nähe des Wilhelm von Rechberg zu Kaiser Karl IV. hielt bis zum Ende von dessen Regierung 1378 an. Im Jahre 1359 war Wilhelm Zeuge in einem Diplom des Kaisers, das in Kloster Denkendorf (Landkreis Esslingen) ausgestellt worden war. Ein Jahr später hielt sich Wilhelm am kaiserlichen Hof in Prag auf, wo er erneut als Zeuge in einer Urkunde vom 2. November auftrat. Zuletzt genehmigte Kaiser Karl IV. am 14. März 1378, dass Wilhelm die Einnahmen aus dem Ulmer Ammanamt selbst als Kredit vergeben konnte.

Schlussfolgerungen für die Stadterhebung von Weißenstein

Diese Zusammenstellung mehrerer Urkunden zeigt erstmals auf, dass Albrecht I. und sein Sohn Wilhelm von Rechberg-Hohenrechberg zwischen 1346 und 1378 eine enge Verbindung zu Kaiser Karl IV. pflegten. Eine ähnliche Beziehung zu Karls IV. Nachfolger, seinem Sohn Wenzel IV., ist nicht überliefert.
Mit dieser Beobachtung erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass das Stadtrechtsprivileg für Weißenstein wohl in der Zeit zwischen 1351 und 1378 von Kaiser Karl IV. erteilt worden war. Am ehesten kommt wohl die Zeit um 1360 in Frage, als Wilhelm von Rechberg sich beim Kaiser in Prag aufhielt. Die Stiftung der Kaplanei St. Georg 1384 darf man dann als allmählichen Ausbau von Weißenstein zur Stadt verstehen.

Quellen und Literatur

GRFAD - Urkunde von 13 84 - mit dem 1. Hinweis auf Weißensteins Status als Stadt
Ulmer Urkundenbuch 2, S. 307, Nr. 305 - http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0007/bsb00072452/images/index.html?id=00072452&groesser=&fip=193.174.98.30&no=&seite=323
GRFAD - Rink-Chronik II
Seibt, Ferdinand, Karl IV. - ein Kaiser in Europa 1346-1378, München 1994

Freitag, 1. September 2017

Geschichte(n) der Stadt Lauterstein - Teil 1: Die erste urkundliche Nennung von Weißenstein und sein Ortsadel

Gabriele von Trauchburg, © September 2017


Die Stadt Lauterstein im Landkreis Göppingen wurde am 1. Januar 1974 im Zuge der Gemeindereform in Baden-Württemberg aus dem Dorf Nenningen und der Stadt Weißenstein gebildet. Die beiden Orte verbindet eine lange gemeinsame Geschichte, waren sie doch die beiden Hauptorte der ehemaligen Rechberg-Herrschaft Weißenstein. Es gibt eine ganze Reihe von historischen Ereignissen, die beide Ortsteile betreffen. Sie sollen im Laufe der Zeit an dieser Stelle zusammengetragen werden.   

Die erste schriftliche Nennung von Weißenstein

Seit langem ist bekannt, dass der Ortsname der alten Stadt Weißenstein - gelegen am Albaufstieg auf dem Weg von Göppingen nach Heidenheim - erstmals in einer Urkunde von 1241 aufgeführt ist.
Mit einer Urkunde, entstanden vom 2.-7. Februar 1241 überließen Graf Ulrich von Helfenstein und dessen gleichnamiger Sohn dem Kloster Salem Grund und Boden. In diesem Schriftstück wird an fünfter Stelle Ulrich von Weißenstein als Zeuge genannt. Welche Erkenntnisse kann man aus dieser Nennung  ziehen?

Schloss Weißenstein - © GvT

Der Weißensteiner Ortsadel

Bereits in staufischer Zeit gab es den Ort Weißenstein. Auf seiner Gemarkung lebte unter anderem eine adelige Familie, die sich nach diesem Ort nannte. Wo sich ihr Wohnsitz befand, ist nicht anhand von Schriftstücken zu ermitteln.
Jedoch helfen hier die Erkenntnisse der Kunstgeschichte weiter. Bis heute thront über dem Ort das Schloss Weißenstein, dessen Anfänge bis in die 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts zurück gehen. Aufgrund der Lage von Weißenstein und seinem Schloss direkt an einem der niedrigsten Albaufstiege und wie ein Riegel im engen Josefstal darf man vermuten, dass die Männer dieser Adelsfamilie in erster Linie genau diesen wichtigen Aufstieg auf die Alb von ihrer Burg aus kontrollierten.

Blick von Schloss Weißenstein hin zum Albaufsteig 'Alte Steige'

Aus den überlieferten Urkunden kennt man einige Familienmitglieder: Im Württembergischen Urkundenbuch sind eine Reihe von Urkunden, in denen Mitglieder der Familie von Weißenstein überliefert sind, verzeichnet. 
  • 1241, 2.-7. Februar: Ulrich von Weißenstein ist Zeuge in einer helfensteinischen Urkunde.
  • 1258, 29. Dezember: Der Augsburger Bischof Hartmann von Dillingen übergibt seiner Domkirche seinen gesamten Besitz, darunter die Burg und Stadt Dillingen, die Vogtei über das Kloster Neresheim sowie alle seine Dienstmannen und eigenen Leute. In die letzte Kategorie fallen die pueris de Wiszenstain - die Jungen aus der Familie der Weißensteiner.
  • 1281, 6. Januar: Sigfried von Weißenstein verkauft das Dorf Winterreute an den Geislinger Ammann Albert Kuchalber. Das Dorf Winterreute existiert heute nicht mehr, sein Name ist nur noch als Flurname nordwestlich von Stötten überliefert.
  • 1286, 28. Juni: Bischof Hartmann von Augsburg schenkt seine Ministerialen von Weißenstein an die Augsburger Domkirche - nachdem er 1258 die Söhne der Weißensteiner bereits seiner Domkirche geschenkt hatte.
  • 1292, 14. Mai: Graf Ulrich von Helfenstein verkauft einen Ort an das Kloster Kaisheim. Einer der Zeugen: Sigfried von Weißenstein.
Der Geislinger Heimatforscher Isidor Fischer war der Meinung, dass die Herren von Weißenstein zuerst helfensteinische, dann dillingische und dann wieder helfensteinische Ministerialen gewesen sind. Als Ministerialen bezeichnet man Männer, die als Beamte im Dienste des Adels Verwaltungs- und Herrschaftsaufgaben übernahmen. Aus diesen Beamten entwickelte sich der niedrige Adelsstand.
Die Urkunde von 1241 gibt uns keine direkte Antwort darauf, ob der Zeuge Ulrich von Weißenstein ein helfensteinischer Beamter war. Man erkennt nur, dass dieser Ulrich als Zeuge bei Graf Ulrich von Helfenstein und seinem gleichnamigen Sohn geschätzt war. Eine direkte Verbindung zu den Grafen als Ministeriale kann hier zwar vermutet, aber nicht belegt werden.
Viel interessanter sind die beiden Urkunden von 1258 und 1286 - dort verfügt der Augsburger Bischof Hartmann, dass er zuerst die Söhne (1258) und dann die gesamte Familie der Weißensteiner (1286) seiner Augsburger Domkirche schenkt. Dies bedeutet nun folgendes: Die Weißensteiner stehen eindeutig in direkter Abhängigkeit von des Augsburger Bischofs Hartmann. Sie waren somit in diesem Zeitraum keine helfensteinischen, sondern dillingische Ministerialen.

Der Augsburger Bischof Hartmann

Dieser Bischof (1248-1286) ist für jemanden, der wie ich in Augsburg Geschichte studiert hat, kein unbekannter Mann. Er blieb vor allem deshalb im Gedächtnis, weil große Teile des nördlich von Augsburg gelegenen Territoriums des Hochstiftes aus seinem Besitz stammt. Nur deshalb konnte nach der Reformation der Augsburger Bischof zeitweise von Augsburg nach Dillingen fliehen und dort seine Residenz aufschlagen.
Bischof Hartmann entstammte der berühmten Familie der Grafen von Dillingen, zu der auch der Augsburger Bistumsheilige Ulrich zählte. Seine Familie besaß große Herrschaftsgebiete in der Nordschweiz und eben rund um Dillingen, sodann hatte sie das Kloster Neresheim gestiftet und sie wurden zu starken Anhängern der Staufer. Bischof Hartmann war der letzte männliche Nachkomme. Er hatte zwei Schwestern, von denen eine, Williburg, durch Heirat die Ehefrau des Ulrich II. von Helfenstein wurde und den Helfensteinern eine reiche Mitgift einbrachte.

Die Weißensteiner und ihre Verbindung nach Augsburg und Geislingen

Diese kurze Zusammenfassung der Geschichte der Grafen von Dillingen hilft uns nun bei der Erklärung der Situation der Herren von Weißenstein. Die Weißensteiner konnten nur deshalb an die Augsburger Kirche übergeben werden, weil sie ursprünglich Ministerialen der Grafen von Dillingen gewesen waren.
Wenn die Weißensteiner also Ministerialen der Dillinger Grafen gewesen waren, dann bedeutet dies auch, dass der Besitz und/oder die Grafschaft der Dillinger bis nach Weißenstein gereicht haben muss. Und nachdem die Herren von Weißensteiner an die Augsburger Kirche verschenkt worden waren, besaß diese Domkirche Einfluß bis eben hierher in diesen Ort!
Das Auftreten der Weißensteiner im Umfeld der Grafen von Helfenstein lässt sich durch die Ehe zwischen dem Grafen Ulrich II. von Helfenstein und der Gräfin Williburg von Dillingen erklären, die Einzelheiten des Verhältnisses zwischen den Grafen von Helfenstein und den Grafen von Dillingen, muss an anderer Stelle geklärt werden.

Der Besitz der Weißensteiner

Die Herren von Weißenstein gehörten nicht gerade zu den ärmsten Ortsadeligen, denn 1281 verkaufte Siegfried von Weißenstein das Dorf Winterreute an den Ammann Kuchalber, einen ranghohen Beamten der Stadt Geislingen. Das konnte nur deshalb geschehen, weil Sigfried von Weißensteiner der Dorfherr von Winterreute gewesen waren. Die Frage, die sich nun stellt, lautet: Waren sie auch die Dorfherren von Weißenstein?
Eine Urkunde, die uns darüber Auskunft geben könnte, gibt es nicht. Es scheint am wahrscheinlichsten folgende Situation vorgelegen zu haben: Die Herren von Weißenstein konnten sich als Ministerialen der Grafen von Dillingen und dann der Augsburger Domkirche eine größere Herrschaft aufbauen, waren in ihren Entscheidungen jedoch von diesen abhängig.
Isidor Fischer vermutet nun, dass die Augsburger Kirche ihre Herrschaft über die Herren von Weißenstein sozusagen ‘verpachtet’ hat, d.h. im Fachjargon, der Personen und Besitz wurde als Lehen an die Grafen von Helfenstein gegeben. Diese Behauptung könnte richtig sein - eine Urkunde dazu fehlt aber, was eigentlich verwundert, weil die Augsburger Urkunden aus dieser Zeit weitgehend erhalten geblieben sind.
Es gibt aber auch noch eine andere Erklärung: Die enge Verbindung zu den Helfensteinern könnte aber genauso gut durch die oben erwähnte Verschwägerung zwischen Bischof Hartmann und Graf Ulrich II. von Helfenstein entstanden sein. Es stellte deshalb für die Herren von Weißenstein keinen Interessenskonflikt dar, wenn sie für die Helfensteiner als Zeugen in Urkunden auftraten. Im Gegenteil - man könnte sogar sagen, dass immer dann, wenn die Weißensteiner eine Urkunde für die Helfensteiner unterzeichneten, dass sie dann auch mit Zustimmung der Grafenfamilie von Dillingen handelten. Auf diese Weise lässt sich auch die noch lange anhaltende Verbindung der Helfensteiner zum Bistum Augsburg erklären.

Die besondere Eigenschaft des Ortes Weißenstein

Was machte Weißenstein für die Grafen von Dillingen überhaupt so interessant? Reichtum in Form von Äckern - Fehlanzeige. Bodenschätze - Fehlanzeige. Wichtig war statt dessen die strategische Bedeutung des Ortes.
Betrachten wir einmal die geographische Situation: in unserer unmittelbaren Umgebung gibt es zahlreiche Albaufstiege: den Drackensteiner Hang, die Geislinger Steige, die Ravensteiner Steige und die Weißensteiner Steige. Sie alle zählen zu den niedrigsten Albaufstiegen überhaupt. Über Süßen und Geislingen verlief die Reichsstraße - eine Via Regia - in die Königspfalz Ulm. Diese wurde von den Helfensteinern direkt kontrolliert.
Der Weißensteiner Aufstieg lag in der Hand des Ortsadels von Weißenstein. Hier führte die Heeresstraße, die über Schwäbisch Gmünd, Rechberg und das Christental ins Lautertal kam, weiter auf die Schwäbische Alb und nach Heidenheim. Burg und Siedlung Weißenstein bildeten einen natürlichen Riegel, der ohne großen Aufwand kontrolliert werden konnte. 

Letzte Nachrichten vom Weißensteiner Ortsadel

Die Verbindung zwischen Weißenstein und der Augsburger Domkirche wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt gelöst. Dies muss während des 14. Jahrhunderts in einem Zeitraum zwischen 1292 und 1384 erfolgt sein - doch Urkunden dazu sind bisher nicht bekannt. In dieser Zeit haben sich mehrere Pestwellen über unsere Region ausgebreitet und einen großen Teil der Bevölkerung hinweg gerafft. In der Folge litten Herrschaftsinhaber und Untertanen unter einer unvorstellbaren Wirtschaftskrise.
Einen Vertreter des Weißensteiner Ortsadels kann man im genannten Zeitraum verfolgen: Konrad von Weißenstein siegelte am 24. Juli 1361 in Geislingen eine Verkaufsurkunde des Rudolf von Überkingen. Am 17. März 1383 verkauften die Brüder Konrad und Friedrich von Helfenstein die aus dem Erbe ihres Vaters stammende Hälfte des Zolls von Faimingen a.d. Donau. In der zugehörigen Urkunde siegelt Conrad von Weißenstein als Vogt von Gisselingen (Geislingen/Steige). Das nächste Mal hört man von ihm im Jahre 1389, als er in der Umgebung einer Gräfin von Helfensteiner genannt wird.
Ein weiteres Mal erscheint ein Konrad von Weißenstein am 1. Februar 1401. Damals stiftete er der Überkinger Kirche einen Ewigzins. Zu diesem Zeitpunkt hatte dieser Konrad von Weißenstein die heimatliche Region bereits verlassen und war Pfleger der bayerischen Stadt Gundelfingen. Von dem aus der Stiftung eingenommenen Zins sollten zu geregelten Terminen eine Messe für seine Eltern Konrad und Anna von Weißenstein und den gesamten Vorfahren gelesen werden. Dieser Konrad scheint der Sohn des zwischen 1364 und 1389 agierenden Konrads von Weißenstein gewesen zu sein.
Ein letztes Mal erfährt man von diesem Konrad, dass er am 16. Dezember 1410 als Schiedsrichter in einer Erbauseinandersetzung der Grafenwitwe Anna von  Helfenstein und ihrem Sohn Johann vermittelt. Über das weitere Schicksal der Familie von Weißenstein gibt es bislang keine Nachrichten. 


Quellen und Literatur

- Württembergisches Urkundenbuch - https://www.wubonline.de/
- Regesta Boica, Bd. 10 u.12, München 1843-1849
- Volkert, Wilhelm, Die Regesten der Bischöfe und des Domkapitels von Augsburg Bd. 1, Augsburg 1985 
- Stadtarchiv Geislingen, Urkunden - online:
http://stadtarchiv-geislingen.de/wp-content/uploads/2016/01/G-001-Urkunden.pdf
- Zöpfl, Friedrich, Das Bistum Augsburg und seine Bischöfe im Mittelalter Bd. 1, Augsburg 1955
- Seehofer, Josef, Stadt Lauterstein in Vergangenheit und Gegenwart, Lauterstein 1981
- Fischer, Isidor, Heimatgeschichte von Weißenstein und Umgebung, Schwäbisch Gmünd 1927

Mittwoch, 28. Juni 2017

Die barocke Wallfahrt auf dem Bernhardus - Teil 2: Der Heilige Bernhard vollbringt Wunder


© Gabriele von Trauchburg, Juni 2017

               
Im Jahre 1727 tat sich merkwürdiges bei der kleinen Kapelle auf dem Spitzkopf. Gleich mehrere Personen berichteten von der Erscheinung des Heiligen Bernhard von Clairvaux und an sich selbst wahrgenommenen Wundern.
Bernhard von Clairvaux (* um 1090 - 20. August 1153) war ein Abt, Mystiker und einer der bedeutendsten Mönche des Zisterzienserordens. Er war für dessen Ausbreitung über ganz Europa verantwortlich.
Er gilt als Patron der Bienen, Imker und Wachszieher. Er hilft bei Besessenheit durch Dämonen, bei Kinderkrankheiten und Tierseuchen. Zudem steht er den Menschen bei Gewitter, Unwetter und in ihrer Todesstunde bei.

Heiliger Bernhard mit den Marterwerkzeugen, zwischen 1600 und 1650 - © GvT

Der Glaube an Heilung durch den Heiligen Bernhard führte Menschen aus der Umgebung zur kleinen Kapelle auf dem Spitzkopf. Im Verlauf ihrer Wallfahrt erlebten mehrere Pilger eine spontane Heilung. Rasch verbreitet sich die Nachricht von diesen Wundern. Dabei drang sie auch zum Herrschaftsinhaber, Graf Gaudenz von Rechberg-Weißenstein vor. Dieser begann, bei der kleinen Kapelle mit dem systematischen Aufbau einer Wallfahrt - der Bernhardus-Wallfahrt. An deren Ursprung erinnert bis heute eine Tafel in der Kapelle mit folgender Inschrift:  

Dies ist der Ort, wo der Heilige Vater Bernhardus nach seinem Verbot zu Clarenthal (Clairvaux) anno Domini 1727 sich wiederum das erste Mal hat wundersam gezeigt und ihm zu Ehren dass folgende Jahr 1728 den 20. August die Erste Heilige Messe solemniter (d.h. feierlich, förmlich) gefeiert worden.  

Diese Tafel befindet sich heute an der Seitenwand der Kapelle aus dem 19. Jahrhundert


Quellen und Literatur

GRFAD, einschlägige Archivalien zur Bernhardus-Wallfahrt
Gabriele von Trauchburg, Lauterstein - Kirchenführer für Nenningen und Weißenstein, Lauterstein 2015  



Die barocke Wallfahrt auf den Bernhardus - Teil 1: die Anfänge der Wallfahrt

© Gabriele von Trauchburg, Juni 2017


Die erste Kapelle auf dem Bernhardus

'Bernhardus' ist eine Bezeichnung für einen Punkt am östlichen Albtrauf auf der Gemarkung der Stadt Lauterstein oberhalb von Weiler in den Bergen, dessen ursprüngliche geographische Bezeichnung Spitzkopf lautet.
Die exponierte Lage oberhalb des Furtlespasses zwischen Schwäbisch Gmünd und Lauterstein mit weitem Blick über die Landschaft des Remstales in Richtung Norden hatte - ähnlich wie am Hohenrechberg - schon vor dem Beginn der Bernhardus-Wallfahrt in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum Bau einer Kapelle angeregt, wo eine kleine, wundertätige Figur des Heiligen Bernhards von den Menschen aus der näheren Umgebung verehrt wurde.

Blick vom Bernhardus Richtung Norden - © GvT

Der Ursprung der ersten Kapelle an diesem Platz ist nicht bekannt. Deren erste Nennung datiert aus dem Jahre 1696.
In jenem Jahr beauftragte der Inhaber des Gutshofes Ruppertstetten, Hans Jörg Krueg, seinen in Degenfeld wohnenden Schwiegersohn, die Kapelle regelmäßig einmal in der Woche zu inspizieren und bei Bedarf Baumängel sofort zu beheben.Man fragt sich unwillkürlich, weshalb eine wöchentliche Baubeschau damals notwendig war. Zwei Gründe fallen mir ein
  • die Kapelle war baufällig, oder
  • die Wetterlage war so extrem, dass Unwetter den Baubestand gefährdeten. Tatsächlich war 1695 der Vulkan Oshima, einer der am häufigsten ausbrechenden Vulkane der Welt, wieder einmal tätig gewesen.           

 

Quellen und Literatur

GRFAD Donzdorf - Einschlägige Archivalien
Gabriele von Trauchburg, Lauterstein - Kirchenführer für Weißenstein und Nenningen, Lauterstein 2015

Geschichte(n) von Gingen/Fils - Teil 1.3: Die erste bekannte Gingener Dorfherrschaft: Königin Kunigunde

© Gabriele von Trauchburg Als zweite Frau möchte ich Ihnen die deutsche Königin Kunigunde vorstellen. Sie ist diejenige Königin, die ih...