© Gabriele von Trauchburg
Die vorangegangene Studie zur Kulturgeschichte der Kapellen entlang des Donzdorfer Kapellenwegs entwickelte sich im Laufe der einzelnen Untersuchungen zu einem spannenden Projekt voll unvorhersehbarer, neu zu entdeckender Aspekte.
Die kulturgeschichtliche Untersuchung einer Gruppe von Kapellen ist bisher einzigartig. Dies ist kein Wunder, denn der Großteil der schriftlichen Unterlagen wurde in der Vergangenheit als nutzlos erachtet und deshalb entsorgt. Es ist schon ein großer Glücksfall, dass die Heiligenrechnungen der alten Kapellen Hürbelsbach, Unterweckerstell und Grünbach als serielle schriftliche Quellen noch immer im Gräflich Rechbergschen Familienarchiv Donzdorf gelagert werden. Nur deshalb war es möglich, die finanziellen Grundlagen der Kapellenverwaltung aufzugliedern und völlig überraschende Erkenntnisse daraus zu ziehen.
Die kunsthistorische Entwicklung der Kapellengebäude ist von ständigem Wandel geprägt, denkmalschützerische Gedanken gab es in vergangenen Jahrhunderten nicht. Aus diesem Grunde achtete man in den unterschiedlichsten Kunstepochen weniger auf den Erhalt alter Ausstattung. Statt dessen wurde die Gestaltung der einzelnen Kapellen eher als eine ständige Weiterentwicklung empfunden.
Gerade die erstmalige gemeinsame Aufarbeitung von Geschichte und Kunstgeschichte eröffnete völlig neue Erkenntnisse: die lokale mittelalterliche Herrschafts- und Patronatsgeschichte wurde erweitert und zum Teil korrigiert (s. Hürbelsbach, Unterweckerstell und die zweigeteilte Residenz Donzdorf). Die Auswirkungen des 30jährigen Krieges konnten am Beispiel von einem Malter Hafer regional greifbar gemacht werden. Erstmals in größerem Umfang gelang der Nachweis, dass Kapellenverwaltungen als Kreditinstitute für die ländliche Bevölkerung bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts fungierten. Zugleich waren Kapellen auch Kreditinstitute für benachbarte kirchliche Gebäude. Auf diese Weise wurde eine erstaunlich hochwertige Ausstattung der Pfarreien mit barocken Pfarrhöfen oder Ausstattungen von Kirchen beispielsweise mit Orgeln finanziert.
Zudem konnte eine Reihe von Neuentdeckungen im Bereich der Kunstgeschichte gemacht werden. Im Zentrum steht dabei der Hürbelsbacher Altar, dessen Aufbau und seine Bedeutung sowie sein Stifter. Zudem war es möglich, zwei Altarflügel der Unterweckersteller Kapelle zuzuordnen. Außerdem wurde ein Rekonstruktionsversuch der Chormalereien von Unterweckerstell vorgenommen.
Ein Schwerpunkt der Untersuchungen war, die Offenlegung der Verbindung zwischen Stiftern und ihren Stiftungen, ein Untersuchungsfeld, das im regionalen Umfeld noch nie vorgenommen wurde. Gleiches gilt für die Offenlegung der Verbindungen zwischen groß- und kleinräumigen historischen Ereignissen und deren Auswirkungen auf die Kapellen im allgemeinen.
Gleichzeitig hat sich ein neues Arbeitsfeld aufgetan: In den vergangenen fünf Jahren konnte ich immer wieder Hinweise auf die Existenz einer bayerischen Kunstexklave im Umfang der ehemaligen Rechbergischen Herrschaften entdecken. Diese entstand spätestens mit dem Bau der Wallfahrtkirche Hohenrechberg. Sie entwickelte sich in der Folgezeit weiter: mit der Bernhardus-Wallfahrtskirche, der Mariensäule vor der Stadtpfarrkirche Weißenstein, mit dem Gemälde im Hochaltar der Stadtpfarrkirche, der Nenninger Pietà, mit den Nazarener-Gemälden und -Wandmalereien in Donzdorf und Unterweckerstell sowie den neogotischen Skulpturen von Anselm Sickinger. Finanziert werden konnte sie nur durch die Stiftungen der gräflichen Familie Rechberg und durch die Finanzen der Kapellen am Donzdorfer Kapellenweg. Man darf gespannt sein, welche Ergebnisse diese ersten Erkenntnisse noch nach sich ziehen werden.
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Montag, 18. Februar 2019
Dienstag, 12. Februar 2019
Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 9.3: Der Stifter der Nenninger Pietà
© Gabriele von Trauchburg
Den Auftrag für die heute weltberühmte Pietà des bayerischen Hofbildhauers Franz Ignaz Günther hatte der damalige Nenninger Dorf- und Patronatsherr, Freiherr Maximilian Emanuel von Rechberg erteilt, der in München der bayerischen Kurfürstin Anna Maria Sophie als Oberhofmeister diente.
Die Familie lebte während des Winters in München und im Sommer in Weißenstein. Die Erklärung dafür ist einfach. Politik wurde nur von Oktober bis März oder April gemacht, im Sommer reisten die Hofmitglieder auf ihre Güter und überwachten die Arbeiten auf den Feldern - der daraus erwirtschaftete Ertrag war die notwendige Basis für das Leben im Winter am Hof.
Das Jahr 1745 war ein Schicksalsjahr für den damals 9jährigen Maximilian Emanuel. Er verlor im gleichen Jahr seinen Vater und seinen älteren Bruder Bernhard.
Entsprechend den Familiengesetzen war nicht Maximilian Emanuel der Erbe seines Vaters, sondern sein Onkel Franz Xaver Leo, der jüngere Bruder seines Vaters. Dieser wurde nun Oberhaupt der Familie Rechberg und übernahm die Herrschaften Hohenrechberg und Weißenstein am Fuße der Schwäbischen Alb sowie Kellmünz, und Osterberg im Bereich des Illertals zwischen Ulm und Memmingen. Maximilian Emanuels Mutter, Theresia, und ihre Kinder wurden deshalb nur mit Geld abgefunden.
Doch Theresia scheint eine energische, weitsichtige und tatkräftige Frau gewesen sein. Mit der Abfindung und ihrem eigenen Vermögen erwarb sie die damals württembergische Hälfte von Donzdorf und sorgte auf diese Weise dafür, dass Maximilian Emanuel seine väterliche Heimat nicht vergaß und statt dessen sich langsam darauf vorbereiten konnte, hier als Erwachsener einmal die Herrschaft zu übernehmen.
Maximilian Emanuel wuchs überwiegend in München auf, wo er auch seine erste Ausbildung erhielt, dann studierte er Rechtswissenschaften in Ingolstadt, wo er mit Auszeichnung abschloss. Anschließend reiste er mit einem Erzieher durch Europa, studierte in Straßburg ein Semester lang Diplomatie und lernte Kunst und Kultur an den führenden Höfen in den Niederlande, Belgien und in Paris kennen. Danach bewarb er sich am Münchner Hof und auch dort bestand er die geforderte Aufnahmeprüfung.
Maximilian Emanuel war ein gutaussehender junger Mann, der auch noch über ein beträchtliches Vermögen verfügen konnte. Nach dem Tod seiner Großtante Maria Adelheid von Törring-Seefeld 1747 erhielt er das Erbe seines Großonkels Gaudenz von Rechberg. Er war also das, was man eine gute Partie nannte. Am 17. Oktober 1764 heiratete er Walburga Freifrau von Sandizell. Sie stammte aus einer ebenfalls eng mit dem Münchner Hof verbundenen Adelsfamilie.
Der Alltag von Maximilian Emanuel von Rechberg, seiner Ehefrau Walburga und seiner Familie läßt sich gut verfolgen. Im Laufe der Jahre erblickten 15 Kinder das Licht der Welt, von denen 11 das Erwachsenenalter erreichten. Die Wintermonate verbrachte man in München. Dort arbeitete Maximilian Emanuel in verschiedenen Positionen innerhalb der Hofverwaltung. Schließlich wurde er oberster Verwalter der Kurfürstin Anna Sophie.
Ihm gehörten nun die Stammburg Hohenrechberg mit dem zugehörigen Besitz, die Weißensteiner Herrschaften, die nach dem Tod seines Vaters an den Onkel gefallen waren - also Kellmünz und Osterberg im Illertal und Weißenstein mit Nenningen, Degenfeld und Böhmenkirch im Lautertal und schließlich der 1745 zurückgekaufte halbe Teil von Donzdorf - die andere Hälfte gehörte der damals in Winzingen ansässigen Familie Bubenhofen.
Maximilian Emanuel ging seine neuen Aufgaben mit Elan an. Er organisierte die Verwaltung nach den neuesten Erkenntnissen und schuf für seine Untertanen die Möglichkeit, alte Lehen - eine Art Pacht - durch Kauf in privates Eigentum umzuwandeln. Ebenso brachte er die Handwerkerordnungen auf den neuesten Stand. Bildung war ein ganz wichtiges Thema für ihn. Zusammen mit seinem Vertrauten, dem Pfarrer und späteren Dekan Joseph Rink machte er sich daran, das Schulwesen neu zu organisieren.
Die notwendigen Fähigkeiten besaß er als ausgebildeter Jurist beider Rechte, d.h. er hat weltliches Recht ebenso studiert, wie kirchliches. Durch seine Kenntnisse im kirchlichen Recht wurde er beispielsweise vom bayerischen Hof mehrfach beauftragt, die Wahl des Freisinger und Regensburger Bischofs zu beobachten und für den vom Hof favorisierten Kandidaten Werbung zu machen.
Privat unterhielt Maximilian Emanuel zahlreiche Kontakte zu Geistlichen - in München und in verschiedenen bayerischen Klöstern. In seiner Eigenschaft als Obersthofmeister der Kurfürstin-Witwe, d.h. er war deren oberster Verwalter, reiste er häufig mit ihr zum Augsburger Bischof Clemens Wenzeslaus von Sachsen, ihrem Bruder.
Zusammen mit seinen Pfarrern verbesserte er bzw. richtete er die Volksschulen in seinen Herrschaften ein. Er informierte sich über die neuesten Lehrmethoden und gab entsprechende Informationen an seine Pfarrer weiter. Für die besten Schüler gab es am Schuljahresende Preise. Und die fleißigsten Schüler konnten auf Stipendien hoffen. So finanzierte er einem jungen Mann aus Weißenstein ein Medizin-Studium und die Einrichtung einer Praxis. Weiter ließ er Hebammen ausbilden. Weiterbildung in Tiermedizin wurde ebenfalls von ihm bezahlt, so dass seine Herrschaften mit fähigen Männern und Frauen ausgestattet waren.
Diejenigen Männer, die sich für eine Karriere als Priester entschieden hatten, unterstützte er ebenfalls mit Stipendien. Mehrere studierten an der bayerischen Universität Ingolstadt und berichteten regelmäßig über ihre Lernerfolge. Alles in allem war Maximilian Emanuel immer am Puls der Zeit und versuchte, die besten Voraussetzungen für seine Herrschaften zu schaffen.
Zu seinen Aufgaben als Patronatsherr gehörte auch die Baupflicht - d.h. er leistete damals seinen Beitrag zum Unterhalt derjenigen Kirchen und Pfarrhöfe, die unter seinem Patronat standen. Aus diesem Grunde finden sich zahlreiche Belege für Renovierungen von Pfarrhöfen und Kirchen im Gräflich Rechbergschen Archiv - beispielsweise für den Nenninger Pfarrhofe und die Donzdorfer Martinskirche.
Nenningen ist nicht die einzige Pfarrei, die von Maximilian Emanuel gegründet wurde. Die nächste war die Pfarrei Hohenrechberg. Die Verhandlungen zu deren Gründung hatten noch unter seinem Onkel Franz Xaver Leo begonnen, doch Maximilian Emanuel brachte sie 1772 zum Abschluss.
Für Maximilian Emanuel war die Kenntnis der Kulturszene von besonderer Bedeutung. Als Obersthofmeister der bayerischen Kurfürstin gehörte es zu seinen Aufgaben, die Kurfürstin über neue Strömungen in der Kunst und über neue Talente, die sich bei Hofe vorstellten, zu informieren.
Maximilian Emanuel profitierte von diesem Wissen auch in privater Hinsicht. Er selbst war weniger den bildenden Künsten als der Musik zugetan. Er war ein profunder Kenner der Rokokomusik und kannte namhafte Künstler persönlich. Er förderte sie beispielsweise dadurch, daß er Musikkompositionen in Auftrag gab oder sich Abschriften von Musikstücken bei den Künstlern direkt bestellte. Auf diese Weise wissen wir, daß Maximilian Emanuel Leopold Mozart und seinen Wolfgang persönlich gekannt und sein Sohn Aloys später bei Leopold Mozart in Salzburg Klavierunterricht erhalten hatte. Aber er belohnte auch weniger bekannte Musiker - seien es die durch das Lautertal fahrenden Musiker, die im Donzdorfer Schloß auftraten, oder die Musiker vor Ort.
Die beruflich wichtigen Kontakte zu Künstlern aller Kunstgattungen nutzte Maximilian Emanuel auch für seine persönlichen Zwecke, was außerdem bei Hofe gern gesehen wurde. So ließ sich beispielsweise Maximilian Emanuel und seine Frau Walburga wohl anlässlich ihrer Eheschließung von dem großen Porträtmaler am bayerischen Hof, Georges Demarée, porträtieren.
Des weiteren beauftrage Maximilian Emanuel auch für die Ausstattung seines Donzdorfer Schlosses und seines Gartens namhafte auswärtige Künstler und örtliche Kunsthandwerker. Auf diese Weise entstand im Lautertal ein differenziertes Handwerk, das sich bis heute fortsetzt. Kunst wurde damals als ein Bedürfnis betrachtet, das den Menschen zugute kam. Die Kosten dafür erachtete man nicht - wie oftmals heutzutage - als rausgeschmissenes Geld.
Für seinen Donzdorfer Garten ließ Maximilian Emanuel mehrere Entwürfe anfertigen, u.a. von dem Rokoko-Spezialisten in München, François Cuvillier d.Ä. Man vermutet zudem, dass Handwerker von Cuvillier bei der Rokoko-Ausstattung des Donzdorfer Schlosses mitgearbeitet haben. Nebenbei bemerkt: Cuvillier war der Architekt und Ausstatter des gleichnamigen Münchner Theaters, in dem Maximilian Emanuel eine eigene Loge besessen hatte und das vor kurzem nach einer langen Renovierungsphase wiedereröffnet hat.
Maximilian Emanuel von Rechberg muss schon früh auf den noch sehr jungen Franz Ignaz Günther aufmerksam geworden sein. Günther war in dem Ort Altmannstein im Altmühltal aufgewachsen. Dieser Ort war der Fürstin Portia, eine Tante von Maximilian Emanuels Ehefrau Walburga, im Jahre 1731 vom damaligen Kurfürsten Karl Albrecht geschenkt worden. Als sich die herausragenden Talente des jungen Mann zeigten, vermittelte sie oder ihr Mann, Fürst Portia, die Kontakte zum damals führenden Münchner Bildhauer, Johann Baptist Straub. Dieser stammte aus der bayerischen Exklave Wiesensteig, die von der Familie Rechberg verwaltet wurde. Sowohl Straub, als auch Günther erledigten während ihrer künstlerischen Karrieren zahlreiche Aufträge für die eng miteinander verwandten Adelsfamilien Rechberg, Portia, Preysing, Törring-Seefeld und Törring-Jettenbach. Auffallend ist jedenfalls: Maximilian Emanuel hatte einen Schwager - August Joseph von Törring-Jettenbach (1728-1802), der mit einer Schwester von seiner Ehefrau Walburga verheiratet war. Dieser Schwager ließ seit 1768 die Pfarrkirche in München-Bogenhausen von zwei Künstlern - Franz Ignaz Günther und Joh. Baptist Straub - mit Skulpturen ausstatten - und war offenbar hoch zufrieden.
Wenn wir uns noch weiter umblicken, dann erfahren wir, dass einer der engsten Freunde von Maximilian Emanuel, ein Graf LaRosée, schon 1772 ein Werk bei Franz Ignaz Günther bestellt hatte. Und schließlich weiß man, daß Franz Ignaz Günther 1771-1772 zwei Grabmäler für den Reichsgrafen Johann Carl von Preysing in Ingolstadt geschaffen hatte. Und welch ein Zufall: dieser Graf Preysing war mit Maria Josepha von Rechberg, einer Cousine von Maximilian Emanuel verheiratet. Und dann ist noch etwas anderes bekannt: François Cuvillier d.Ä. hatte einen starken Einfluß auf das Schaffen und auf die Aufträge von Franz Ignaz Günther.
Es gab also genügend Fürsprecher für Franz Ignaz Günther bei Maximilian Emanuel. Zudem lag die Werkstatt von Günther nur wenige hundert Meter von Maximilian Emanuels Münchner Wohnhaus entfernt.
Aus all diesen kleinen Puzzle-Teilen ergibt sich also das Bild, dass durch die vielen direkten oder indirekten Empfehlungen und Beziehungen Maximilian Emanuel in Ignaz Günther den besten Künstler vor sein Vorhaben gefunden hat.
Den Auftrag für die heute weltberühmte Pietà des bayerischen Hofbildhauers Franz Ignaz Günther hatte der damalige Nenninger Dorf- und Patronatsherr, Freiherr Maximilian Emanuel von Rechberg erteilt, der in München der bayerischen Kurfürstin Anna Maria Sophie als Oberhofmeister diente.
| Franz Ignaz Günther, Nenninger Pietà, 1774 - © GvT |
Maximilian Emanuel von Rechberg als Mäzen und Auftraggeber
Maximilian Emanuel von Rechberg, geboren 1736 in München ist der Auftraggeber und Stifter der Nenninger Pietà des Franz Ignaz Günther. Maximilian Emanuel war der Sohn von Johann Bero von Rechberg-Kellmünz-Osterberg und dessen Ehefrau Maria Theresia von Lösch-Hilgertshausen. Sein Vater war Oberst bei der bayerischen Kavallerie, seine Mutter war Obersthofmeisterin in München. Schon allein diese beiden Hinweise genügen, um zu erkennen, dass Maximilian Emanuel wohl mehr Bindungen nach Bayern hatte, als man das hier im Lautertal zunächst vermuten würde.Die Familie lebte während des Winters in München und im Sommer in Weißenstein. Die Erklärung dafür ist einfach. Politik wurde nur von Oktober bis März oder April gemacht, im Sommer reisten die Hofmitglieder auf ihre Güter und überwachten die Arbeiten auf den Feldern - der daraus erwirtschaftete Ertrag war die notwendige Basis für das Leben im Winter am Hof.
Das Jahr 1745 war ein Schicksalsjahr für den damals 9jährigen Maximilian Emanuel. Er verlor im gleichen Jahr seinen Vater und seinen älteren Bruder Bernhard.
Entsprechend den Familiengesetzen war nicht Maximilian Emanuel der Erbe seines Vaters, sondern sein Onkel Franz Xaver Leo, der jüngere Bruder seines Vaters. Dieser wurde nun Oberhaupt der Familie Rechberg und übernahm die Herrschaften Hohenrechberg und Weißenstein am Fuße der Schwäbischen Alb sowie Kellmünz, und Osterberg im Bereich des Illertals zwischen Ulm und Memmingen. Maximilian Emanuels Mutter, Theresia, und ihre Kinder wurden deshalb nur mit Geld abgefunden.
Doch Theresia scheint eine energische, weitsichtige und tatkräftige Frau gewesen sein. Mit der Abfindung und ihrem eigenen Vermögen erwarb sie die damals württembergische Hälfte von Donzdorf und sorgte auf diese Weise dafür, dass Maximilian Emanuel seine väterliche Heimat nicht vergaß und statt dessen sich langsam darauf vorbereiten konnte, hier als Erwachsener einmal die Herrschaft zu übernehmen.
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| Schloss Donzdorf - © GvT |
Maximilian Emanuel war ein gutaussehender junger Mann, der auch noch über ein beträchtliches Vermögen verfügen konnte. Nach dem Tod seiner Großtante Maria Adelheid von Törring-Seefeld 1747 erhielt er das Erbe seines Großonkels Gaudenz von Rechberg. Er war also das, was man eine gute Partie nannte. Am 17. Oktober 1764 heiratete er Walburga Freifrau von Sandizell. Sie stammte aus einer ebenfalls eng mit dem Münchner Hof verbundenen Adelsfamilie.
Der Alltag von Maximilian Emanuel von Rechberg, seiner Ehefrau Walburga und seiner Familie läßt sich gut verfolgen. Im Laufe der Jahre erblickten 15 Kinder das Licht der Welt, von denen 11 das Erwachsenenalter erreichten. Die Wintermonate verbrachte man in München. Dort arbeitete Maximilian Emanuel in verschiedenen Positionen innerhalb der Hofverwaltung. Schließlich wurde er oberster Verwalter der Kurfürstin Anna Sophie.
Herrschaftsübernahme in Weißenstein und Nenningen
Seine juristischen Kenntnisse wandte Maximilian Emanuel schon bald in seinen Herrschaften an - zuerst in der Herrschaft Donzdorf, die er seit 1764 regierte. Nach dem Tod seines Onkels Franz Xaver Leo von Rechberg im Dezember 1768 übernahm Maximilian Emanuel die Regierung der übrigen rechbergischen Herrschaften.Ihm gehörten nun die Stammburg Hohenrechberg mit dem zugehörigen Besitz, die Weißensteiner Herrschaften, die nach dem Tod seines Vaters an den Onkel gefallen waren - also Kellmünz und Osterberg im Illertal und Weißenstein mit Nenningen, Degenfeld und Böhmenkirch im Lautertal und schließlich der 1745 zurückgekaufte halbe Teil von Donzdorf - die andere Hälfte gehörte der damals in Winzingen ansässigen Familie Bubenhofen.
Maximilian Emanuel ging seine neuen Aufgaben mit Elan an. Er organisierte die Verwaltung nach den neuesten Erkenntnissen und schuf für seine Untertanen die Möglichkeit, alte Lehen - eine Art Pacht - durch Kauf in privates Eigentum umzuwandeln. Ebenso brachte er die Handwerkerordnungen auf den neuesten Stand. Bildung war ein ganz wichtiges Thema für ihn. Zusammen mit seinem Vertrauten, dem Pfarrer und späteren Dekan Joseph Rink machte er sich daran, das Schulwesen neu zu organisieren.
Maximilian Emanuel und sein Verhältnis zur katholischen Kirche
Aufgrund der bisherigen Beschreibung der Person Maximilian Emanuel von Rechberg erkennt man keinen hinreichenden Grund, eine Pietà zu stiften. Der ergibt sich erst aus der Tatsache, dass Maximilian Emanuel von Rechberg als Herrschaftsinhaber auch die Rechte und Pflichten eines Patronatsherrn innehatte. Dabei beschäftigte sich Maximilian Emanuel mit Fragen der katholischen Kirche im allgemeinen ebenso, wie mit den Sorgen und Problemen der ihm zugehörigen Pfarreien im besonderen.Die notwendigen Fähigkeiten besaß er als ausgebildeter Jurist beider Rechte, d.h. er hat weltliches Recht ebenso studiert, wie kirchliches. Durch seine Kenntnisse im kirchlichen Recht wurde er beispielsweise vom bayerischen Hof mehrfach beauftragt, die Wahl des Freisinger und Regensburger Bischofs zu beobachten und für den vom Hof favorisierten Kandidaten Werbung zu machen.
Privat unterhielt Maximilian Emanuel zahlreiche Kontakte zu Geistlichen - in München und in verschiedenen bayerischen Klöstern. In seiner Eigenschaft als Obersthofmeister der Kurfürstin-Witwe, d.h. er war deren oberster Verwalter, reiste er häufig mit ihr zum Augsburger Bischof Clemens Wenzeslaus von Sachsen, ihrem Bruder.
Maximilian Emanuel und seine Patronatspfarreien
Er beschäftigte sich intensiv mit den Bewerbungsschreiben der Kandidaten in seinen Pfarreien und pflegte einen engen Briefkontakt mit seinen Pfarrern. In seinen Sommerurlauben lud er sie häufig ins Donzdorfer Schloß ein oder besuchte sie in ihren Pfarrhöfen und brachte bei dieser Gelegenheit meistens eine Spende mit.Zusammen mit seinen Pfarrern verbesserte er bzw. richtete er die Volksschulen in seinen Herrschaften ein. Er informierte sich über die neuesten Lehrmethoden und gab entsprechende Informationen an seine Pfarrer weiter. Für die besten Schüler gab es am Schuljahresende Preise. Und die fleißigsten Schüler konnten auf Stipendien hoffen. So finanzierte er einem jungen Mann aus Weißenstein ein Medizin-Studium und die Einrichtung einer Praxis. Weiter ließ er Hebammen ausbilden. Weiterbildung in Tiermedizin wurde ebenfalls von ihm bezahlt, so dass seine Herrschaften mit fähigen Männern und Frauen ausgestattet waren.
Diejenigen Männer, die sich für eine Karriere als Priester entschieden hatten, unterstützte er ebenfalls mit Stipendien. Mehrere studierten an der bayerischen Universität Ingolstadt und berichteten regelmäßig über ihre Lernerfolge. Alles in allem war Maximilian Emanuel immer am Puls der Zeit und versuchte, die besten Voraussetzungen für seine Herrschaften zu schaffen.
Zu seinen Aufgaben als Patronatsherr gehörte auch die Baupflicht - d.h. er leistete damals seinen Beitrag zum Unterhalt derjenigen Kirchen und Pfarrhöfe, die unter seinem Patronat standen. Aus diesem Grunde finden sich zahlreiche Belege für Renovierungen von Pfarrhöfen und Kirchen im Gräflich Rechbergschen Archiv - beispielsweise für den Nenninger Pfarrhofe und die Donzdorfer Martinskirche.
Maximilian Emanuel und sein Verhältnis zur Nenninger Pfarrei
In einem Zeitraum von 90 Jahren war die Pfarrei Nenningen unbesetzt geblieben. Im Jahre 1768 traten dann die Vertreter der Bürgerschaft im Ort an Maximilian Emanuel mit der Bitte heran, erneut eine Pfarrei in Nenningen einzurichten. Maximilian Emanuel griff den Antrag auf, man begann mit dem Neubau des Pfarrhofes im Herbst 1768, und Maximilian Emanuel verabschiedete am 30. Januar 1769 in Absprache mit dem Bistum Konstanz einen Stiftungsvertrag über die Einrichtung der Pfarrei Nenningen. Anschließend präsentierte er Sebastian Kübler als neuen Pfarrer.Nenningen ist nicht die einzige Pfarrei, die von Maximilian Emanuel gegründet wurde. Die nächste war die Pfarrei Hohenrechberg. Die Verhandlungen zu deren Gründung hatten noch unter seinem Onkel Franz Xaver Leo begonnen, doch Maximilian Emanuel brachte sie 1772 zum Abschluss.
Maximilian Emanuel, der Kunstkenner und Mäzen
Doch wie war es dem Stifter gelungen, an den schon zu Lebzeiten renommierte Künstler Ignaz Günther heranzutreten und diesen für die Schaffung einer überlebensgroßen Pietà-Gruppe zu gewinnen? Von Maximilian Emanuel weiß man, daß er ein Kenner der damaligen - modern gesprochen - Münchner Kulturszene gewesen war. Kultur in sämtlichen Varianten und kulturelles Engagement gehörte so selbstverständlich wie Essen und Trinken zum alltäglichen Leben von Männern und Frauen, die in gehobenen gesellschaftlichen Positionen standen. Dazu zählten nicht nur Adelige, sondern auch Bürgerliche.Für Maximilian Emanuel war die Kenntnis der Kulturszene von besonderer Bedeutung. Als Obersthofmeister der bayerischen Kurfürstin gehörte es zu seinen Aufgaben, die Kurfürstin über neue Strömungen in der Kunst und über neue Talente, die sich bei Hofe vorstellten, zu informieren.
Maximilian Emanuel profitierte von diesem Wissen auch in privater Hinsicht. Er selbst war weniger den bildenden Künsten als der Musik zugetan. Er war ein profunder Kenner der Rokokomusik und kannte namhafte Künstler persönlich. Er förderte sie beispielsweise dadurch, daß er Musikkompositionen in Auftrag gab oder sich Abschriften von Musikstücken bei den Künstlern direkt bestellte. Auf diese Weise wissen wir, daß Maximilian Emanuel Leopold Mozart und seinen Wolfgang persönlich gekannt und sein Sohn Aloys später bei Leopold Mozart in Salzburg Klavierunterricht erhalten hatte. Aber er belohnte auch weniger bekannte Musiker - seien es die durch das Lautertal fahrenden Musiker, die im Donzdorfer Schloß auftraten, oder die Musiker vor Ort.
Die beruflich wichtigen Kontakte zu Künstlern aller Kunstgattungen nutzte Maximilian Emanuel auch für seine persönlichen Zwecke, was außerdem bei Hofe gern gesehen wurde. So ließ sich beispielsweise Maximilian Emanuel und seine Frau Walburga wohl anlässlich ihrer Eheschließung von dem großen Porträtmaler am bayerischen Hof, Georges Demarée, porträtieren.
Des weiteren beauftrage Maximilian Emanuel auch für die Ausstattung seines Donzdorfer Schlosses und seines Gartens namhafte auswärtige Künstler und örtliche Kunsthandwerker. Auf diese Weise entstand im Lautertal ein differenziertes Handwerk, das sich bis heute fortsetzt. Kunst wurde damals als ein Bedürfnis betrachtet, das den Menschen zugute kam. Die Kosten dafür erachtete man nicht - wie oftmals heutzutage - als rausgeschmissenes Geld.
Für seinen Donzdorfer Garten ließ Maximilian Emanuel mehrere Entwürfe anfertigen, u.a. von dem Rokoko-Spezialisten in München, François Cuvillier d.Ä. Man vermutet zudem, dass Handwerker von Cuvillier bei der Rokoko-Ausstattung des Donzdorfer Schlosses mitgearbeitet haben. Nebenbei bemerkt: Cuvillier war der Architekt und Ausstatter des gleichnamigen Münchner Theaters, in dem Maximilian Emanuel eine eigene Loge besessen hatte und das vor kurzem nach einer langen Renovierungsphase wiedereröffnet hat.
Der Künstler Franz Ignaz Günther und die Verwandtschaft Maximilian Emanuels
Und jetzt stellen wir uns einmal folgende Situation vor: Maximilian Emanuel steht vor der Entscheidung, eine Skulptur für seine Nenninger Kapelle kaufen zu wollen. Für welchen Künstler sollte er sich entscheiden? Was würden Sie in einer derartigen Situation machen? Sie würden sich im Verwandten- und Freudeskreis umhören!Maximilian Emanuel von Rechberg muss schon früh auf den noch sehr jungen Franz Ignaz Günther aufmerksam geworden sein. Günther war in dem Ort Altmannstein im Altmühltal aufgewachsen. Dieser Ort war der Fürstin Portia, eine Tante von Maximilian Emanuels Ehefrau Walburga, im Jahre 1731 vom damaligen Kurfürsten Karl Albrecht geschenkt worden. Als sich die herausragenden Talente des jungen Mann zeigten, vermittelte sie oder ihr Mann, Fürst Portia, die Kontakte zum damals führenden Münchner Bildhauer, Johann Baptist Straub. Dieser stammte aus der bayerischen Exklave Wiesensteig, die von der Familie Rechberg verwaltet wurde. Sowohl Straub, als auch Günther erledigten während ihrer künstlerischen Karrieren zahlreiche Aufträge für die eng miteinander verwandten Adelsfamilien Rechberg, Portia, Preysing, Törring-Seefeld und Törring-Jettenbach. Auffallend ist jedenfalls: Maximilian Emanuel hatte einen Schwager - August Joseph von Törring-Jettenbach (1728-1802), der mit einer Schwester von seiner Ehefrau Walburga verheiratet war. Dieser Schwager ließ seit 1768 die Pfarrkirche in München-Bogenhausen von zwei Künstlern - Franz Ignaz Günther und Joh. Baptist Straub - mit Skulpturen ausstatten - und war offenbar hoch zufrieden.
Wenn wir uns noch weiter umblicken, dann erfahren wir, dass einer der engsten Freunde von Maximilian Emanuel, ein Graf LaRosée, schon 1772 ein Werk bei Franz Ignaz Günther bestellt hatte. Und schließlich weiß man, daß Franz Ignaz Günther 1771-1772 zwei Grabmäler für den Reichsgrafen Johann Carl von Preysing in Ingolstadt geschaffen hatte. Und welch ein Zufall: dieser Graf Preysing war mit Maria Josepha von Rechberg, einer Cousine von Maximilian Emanuel verheiratet. Und dann ist noch etwas anderes bekannt: François Cuvillier d.Ä. hatte einen starken Einfluß auf das Schaffen und auf die Aufträge von Franz Ignaz Günther.
Es gab also genügend Fürsprecher für Franz Ignaz Günther bei Maximilian Emanuel. Zudem lag die Werkstatt von Günther nur wenige hundert Meter von Maximilian Emanuels Münchner Wohnhaus entfernt.
Aus all diesen kleinen Puzzle-Teilen ergibt sich also das Bild, dass durch die vielen direkten oder indirekten Empfehlungen und Beziehungen Maximilian Emanuel in Ignaz Günther den besten Künstler vor sein Vorhaben gefunden hat.
Montag, 11. Februar 2019
Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 9.1 - Lage und Vorgeschichte der Pietà-Kapelle
© Gabriele von Trauchburg
Der Schlussstein über dem Eingangsportal verrät eindeutig, dass die Kapelle am westlichen Ortseingang von Lauterstein-Nenningen im Jahre 1774 erbaut worden war. Sie ist der Neubau einer kleineren Kapelle, die zuvor an dieser Stelle gestanden hatte.
Nenningen liegt wie ein Riegel vor dem östlichen Eingang zum engen Taltrichter der Lauter, der hier aufgrund der steilen Hänge des Albtraufs und des Kreuzbergs sehr schmal wird. Schaut man in westliche Richtung, dann eröffnet sich dem Betrachter ein ganz anderes Bild: Das Tal weitet sich nun zu einem flachen Talgrund, auf dem Landwirtschaft möglich war. Ein Blick in die alten Abgabenbücher der Herrschaft Weißenstein verrät, dass hier auch tatsächlich Ackerbau betrieben wurde. Hier wuchs nicht nur Getreide, sondern zeitweise auch Hopfen für die ehemalige Brauerei im benachbarten Ortsteil Lauterstein-Weißenstein.
Die Kapelle war zu Ehren der allerheiligsten Dreifaltigkeit und der schmerzhaften Jungfrau Maria und zu Ehren des Heiligen Florian und Wendelin geweiht. Aufgrund der Lage der Kapelle - am Weg zu den Feldern und Wiesen - muss man ein besonderes Augenmerk auf die beiden Heiligen Florian und Wendelin werfen. Allein die Verehrung dieser beiden Heiligen weist deutlich darauf hin, vor welchen Schicksalsschlägen die Bewohner Nenningens sich am meisten fürchteten und wofür sie beteten.
Der Heilige Florian ist uns allen bekannt als Beschützer vor Feuer. Daneben hilft er aber auch bei Unwetter, unfruchtbarem Boden und Trockenheit - Phänomene, die man Rande der Schwäbischen Alb sehr wohl kennt. Der Heilige Wendelin ergänzt auf ideale Weise den Wirkungskreis von Florian. Wendelin ist der Patron der Hirten, Bauern und Schäfer, zudem des Viehs. Er hilft gegen Viehseuchen und sorgt für gutes Wetter und gute Ernte. Reliquien der beiden Heiligen befanden sich bereits im alten Kapellenaltar. Wie sehr die Zeitgenossen den Beistand der beiden Heiligen benötigen konnten, zeigen die Jahre von 1770 bis 1772.
Zwischen 1770 und 1772 veränderte sich schlagartig das Klima. In ganz Mitteleuropa fiel bis in die Sommermonate Juni und Juli Schnee. In der Folge wurden die Ernten von drei Jahren nahezu vollständig vernichtet. Ein heftiger Vulkan-Ausbruch ist wohl die wahrscheinlichste Erklärung für diese plötzliche und zeitlich begrenzte Klimaveränderung. In der Folge wurden damals die Lebensmittelvorräte knapp, die Menschen litten Hunger.
Der Schlussstein über dem Eingangsportal verrät eindeutig, dass die Kapelle am westlichen Ortseingang von Lauterstein-Nenningen im Jahre 1774 erbaut worden war. Sie ist der Neubau einer kleineren Kapelle, die zuvor an dieser Stelle gestanden hatte.
Die Lage der Kapelle
Wegen der heutigen Bebauung erkennt man nur noch schwer den Zusammenhang zwischen der Lage der Kapelle und ihrer Bedeutung. Noch vor wenigen Jahrzehnten gab es keine Gebäude rund um die Kapelle. Statt dessen lag sie deutlich vor dem Dorf am Ufer der Lauter auf dem Weg zu den Nenninger Feldern und Wiesen.Nenningen liegt wie ein Riegel vor dem östlichen Eingang zum engen Taltrichter der Lauter, der hier aufgrund der steilen Hänge des Albtraufs und des Kreuzbergs sehr schmal wird. Schaut man in westliche Richtung, dann eröffnet sich dem Betrachter ein ganz anderes Bild: Das Tal weitet sich nun zu einem flachen Talgrund, auf dem Landwirtschaft möglich war. Ein Blick in die alten Abgabenbücher der Herrschaft Weißenstein verrät, dass hier auch tatsächlich Ackerbau betrieben wurde. Hier wuchs nicht nur Getreide, sondern zeitweise auch Hopfen für die ehemalige Brauerei im benachbarten Ortsteil Lauterstein-Weißenstein.
Die Vorgeschichte der Kapelle von 1774
Überlieferte Einzelheiten zur alten Kapelle am Weg zu den Feldern und Wiesen des Dorfes Nenningen gibt es nicht. Man weiß nur, dass sie erstmals 1582 erwähnt wurde. Im Gegensatz zu Grünbach und Unterweckerstell gehörte ihre Verwaltung nicht zu denjenigen, die Kredite vergaben.Die Kapelle war zu Ehren der allerheiligsten Dreifaltigkeit und der schmerzhaften Jungfrau Maria und zu Ehren des Heiligen Florian und Wendelin geweiht. Aufgrund der Lage der Kapelle - am Weg zu den Feldern und Wiesen - muss man ein besonderes Augenmerk auf die beiden Heiligen Florian und Wendelin werfen. Allein die Verehrung dieser beiden Heiligen weist deutlich darauf hin, vor welchen Schicksalsschlägen die Bewohner Nenningens sich am meisten fürchteten und wofür sie beteten.
Der Heilige Florian ist uns allen bekannt als Beschützer vor Feuer. Daneben hilft er aber auch bei Unwetter, unfruchtbarem Boden und Trockenheit - Phänomene, die man Rande der Schwäbischen Alb sehr wohl kennt. Der Heilige Wendelin ergänzt auf ideale Weise den Wirkungskreis von Florian. Wendelin ist der Patron der Hirten, Bauern und Schäfer, zudem des Viehs. Er hilft gegen Viehseuchen und sorgt für gutes Wetter und gute Ernte. Reliquien der beiden Heiligen befanden sich bereits im alten Kapellenaltar. Wie sehr die Zeitgenossen den Beistand der beiden Heiligen benötigen konnten, zeigen die Jahre von 1770 bis 1772.
Ein vulkanischer Winter und seine Folgen
Zwischen 1770 und 1772 veränderte sich schlagartig das Klima. In ganz Mitteleuropa fiel bis in die Sommermonate Juni und Juli Schnee. In der Folge wurden die Ernten von drei Jahren nahezu vollständig vernichtet. Ein heftiger Vulkan-Ausbruch ist wohl die wahrscheinlichste Erklärung für diese plötzliche und zeitlich begrenzte Klimaveränderung. In der Folge wurden damals die Lebensmittelvorräte knapp, die Menschen litten Hunger.
Noch heute können wir die Auswirkungen dieser Zeit in den Totenbüchern der Kirchengemeinden ablesen. Die Zahl der Verstorbenen schnellte sprunghaft in die Höhe - vor allem Kinder und alte Menschen waren davon betroffen. Sie starben - so notierten die Pfarrer - an Auszehrung, also am Hungertod.
Ab 1773 änderte sich die Lage dann wieder zum guten: Die erste Ernte konnte wieder eingefahren werden und die gesamte wirtschaftliche Situation verbesserte sich allmählich. Wohl aus Dankbarkeit, dieser Katastrophe entronnen zu sein, beschlossen der Herrschaftsinhaber und die Einwohner von Nenningen, die alte, außerhalb des Ortes gelegene Kapelle abzureißen und neu zu erbauen. Vor dem Abriss brachte man die kleine Pietà, die bis dahin in der Kapelle gestanden hatte, in die Pfarrkirche St. Martinus.
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Pietà - um 1440, St. Martinus Nenningen, - © GvT |
Sonntag, 30. Dezember 2018
Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 10.2: Grünbach - St. Peter: Eine Kapelle für Badende?
© Gabriele von Trauchburg
In Teil 1 zur Geschichte der Grünbacher Kapelle wurde bereits die Möglichkeit angesprochen, dass das 1481 genehmigte ‘Wildbad’ der Ausgangspunkt für den Um- und/oder Neubau der 1492 vollendeten Grünbacher Kapelle war. Eine dem Heiligen Petrus geweihte Kapelle gab es hier schon vor 1492. Erstmals urkundlich fassbar ist diese Grünbacher Petrus-Kapelle bereits 1401.
Im Laufe der Zeit erhielt Petrus seine eigene Verehrung. Menschen wählten den ehemaligen Fischer zum Patron der Brückenbauer, wodurch die Grundlage für den Titel der Päpste - Pontifex Maximus = größter Brückenbauer - geschaffen wurde. In vielen mittelalterlichen Darstellungen erkennen wir Petrus anhand eines großen Schlüssels in seiner Hand. Nach gängigen Vorstellungen schloss er das Himmelstor, die Paradiespforte, auf - ein bis heute geläufiges Bild.
Diese Rolle am Eingang des Himmel, auch als Himmelsschleuse angesehen, schrieb Petrus zudem die Funktion eines Wettermachers zu, wobei er entschied, ob die Himmelsschleuse zum Regnen geöffnet wurde oder nicht.
Aufgrund seines ehemaligen Berufes als Fischer und seiner engen Beziehung zum Wasser entwickelte er sich auch zum Patron zahlreicher Berufe, z.B. Fischer, Fischhändler, Schiffer und Schiffbrüchigen, aber auch Walker, Netzweber, Tuchweber. Seine Bedeutung als Öffner und Schließer der Himmelspforte wurde verallgemeinert, wodurch ihn weitere Berufe als Patron in Anspruch nehmen konnten, beispielsweise Glaser, Schreiner, Schlosser, Schmiede. Weiter stand er Reuigen, Büßenden, Beichtenden und bei den Krankheiten Besessenheit, Fallsucht, Tollwut, Fieber, Schlangenbiss und Fußleiden bei.
Gerade die letztgenannten Krankheiten sind vielleicht ein Hinweis auf diejenigen Krankheit(en), die in Grünbach geheilt wurden oder bei denen zumindest Linderung eintrat.
Heinrich von Rechberg war der Kirche sehr zugetan: Am 28. August 1456 stiftete er ein Salve Regina, das von den beiden Weißensteiner Kaplänen jeden Samstag gesungen werden sollte. Drei Jahre später schuf Heinrich von Rechberg eine Frucht-Almosen-Stiftung für die Armen in seiner Stadt Weißenstein. Als nächstes stiftete Heinrich am 25. Januar 1478 die Pfarrei in Weißenstein. Zuvor hatte der Ort, obwohl rechtlich seit dem 14. Jahrhundert eine Stadt, zur Pfarrei Treffelhausen gehört. Im Zusammenhang mit der Gründung der Pfarrei entstand die im gotischen Stil erbaute Stadtpfarrkirche, wie sie noch auf dem bekannten Merian-Stich zu sehen ist. Zur Entschädigung verloren gegangener Zehnteinnahmen erhielt die Treffelhauser Kirche 1482 eine Frühmess-Pfründe und Schnittlingen eine wöchentliche Messe.
Betrachtet man dieses Engagement von Heinrich von Rechberg im kirchlichen und sozialen Bereich, so käme er als Initiator für die Umgestaltung der St. Peters-Kapelle tatsächlich in Frage. Diese Überlegungen erhalten jedoch dadurch einen Dämpfer, dass Heinrich von Rechberg-Weißenstein bereits 1489 verstarb. Falls er dennoch der Initiator der Um- bzw. Neubauten war, so wurden seine Ideen von seinem Sohn und Nachfolger Wilhelm III. nach seinem Tode weiterverfolgt und 1492 schließlich abgeschlossen. Die finanziellen Voraussetzungen in der Familie waren auf alle Fälle gegeben. Aus mehreren Urkunden geht hervor, dass Heinrich von Rechberg die finanziellen Strategien seines Vaters fortsetzt und sich als Kreditgeber von Bischöfen, Herzögen und Markgrafen erweist.
Dass das Gemälde von einem Vertreter der Familie Rechberg gestiftet wurde, darauf weist die Farbgebung hin. Zwei Farben treten im Gemäldezyklus besonders hervor: goldgelb und rot, die Wappenfarben der Rechberg. Tatsächlich benutzten die Herren und Grafen von Rechberg immer wieder ihre Wappenfarben bei der Gestaltung ihrer Gebäude und Kirchen, besonders eindrucksvoll in der Kapelle von Markt Altenstadt-Filzingen.
Hingegen dienten diejenigen Gemälde, die im Langhaus angebracht waren, den Gottesdienstbesuchern zur Belehrung. Dies wird besonders deutlich anhand des großen Wandgemäldes in der Gingener Johannes-Kirche.
Das Thema des mehrteiligen Wandgemäldes ist die Passion Christi. Der Grünbacher Zyklus ist dabei in guter Gesellschaft, denn auch in anderen Kirchen in unserem Landkreis findet man dieses Motiv.
Bisher konnte der Künstler des Grünbacher Wandgemäldes nicht identifiziert werden. Zieht man jedoch die engen politischen Verbindungen des Heinrich von Rechberg-Weißenstein mit der Reichsstadt Ulm in Betracht und berücksichtigt die wohl ulmischen Bildwerke in der von ihm gestifteten Stadtpfarrkirche von Weißenstein, so liegt durchaus die Vermutung nahe, dass es sich bei dem Grünbacher Künstler um einen Ulmer Maler handeln könnte.
Der gotische Gemäldezyklus erstreckt sich über zwei Reihen. Die ausführlichste Form der gemalten Passionsgeschichte findet sich in Eislingen-Krummwälden. Dort umfasst das gesamte Wandgemälde 15 vollständige Einzelbilder, mit deren Hilfe sich auch die Bilder in Grünbach identifizieren lassen.
In der oberen Reihe erkennt man:
Von den ehemals wohl 16 Bildern lassen sich heute noch 10 Einzelbilder eindeutig identifizieren, drei von ihnen sind nur noch fragmentarisch erhalten und drei Bilder sind vollständig zerstört. Wie es zu diesen Verlusten kam, darüber berichte ich in Kapitel 10.5.
Für die Ausführung des Gemäldes benutzte der Künstler wohl Vorlagen. Eine Besonderheit bildet dabei die aufwendige Architekturkulisse. Der Künstler projizierte das biblische Geschehen in eine zeitgenössische, städtische Gegenwart. Ein derartiges Vorgehen war damals durchaus häufiger zu finden, beispielsweise beim bekannten Altar des Ulmer Wengen-Klosters. Deshalb lautete denn auch der Titel zur Ausstellung anlässlich seiner Rekonstruktion ‘Jerusalem in Ulm’. Gleichzeitig bediente der Maler mit seinen drastischen Darstellungen der Szenen die Schaulust seiner Zeitgenossen.
- Heribert Hummel, Wandmalereien im Kreis Göppingen (Veröffentlichungen des Kreisarchivs Göppingen Bd. 6), Weißenhorn 1978
- Gabriele von Trauchburg, Lauterstein - Weißenstein - Nenningen. Kirchenführer, Lauterstein 2015
- Jerusalem in Ulm. Der Flügelaltar aus St. Michael zu den Wengen, Katalog, Ulm 2015
In Teil 1 zur Geschichte der Grünbacher Kapelle wurde bereits die Möglichkeit angesprochen, dass das 1481 genehmigte ‘Wildbad’ der Ausgangspunkt für den Um- und/oder Neubau der 1492 vollendeten Grünbacher Kapelle war. Eine dem Heiligen Petrus geweihte Kapelle gab es hier schon vor 1492. Erstmals urkundlich fassbar ist diese Grünbacher Petrus-Kapelle bereits 1401.
St. Peter - der Kapellenpatron
Es gibt nur ein kirchliches, dem Heiligen Petrus geweihtes Gebäude im Lautertal - eben die Kapelle in Grünbach, außerdem befindet sich die Pfarrkirche St. Peter im Seitental von Reichenbach unter Rechberg. Der katholische Gedenktag für diesen Heiligen ist der 29. Juni. Sein Name bedeutet ‘der Fels’. Die Rolle des Petrus als einer der wichtigsten Jünger und Apostel Jesu lässt sich anhand der Bibel nachvollziehen.Im Laufe der Zeit erhielt Petrus seine eigene Verehrung. Menschen wählten den ehemaligen Fischer zum Patron der Brückenbauer, wodurch die Grundlage für den Titel der Päpste - Pontifex Maximus = größter Brückenbauer - geschaffen wurde. In vielen mittelalterlichen Darstellungen erkennen wir Petrus anhand eines großen Schlüssels in seiner Hand. Nach gängigen Vorstellungen schloss er das Himmelstor, die Paradiespforte, auf - ein bis heute geläufiges Bild.
| St. Petrus - Patron der Grünbacher Kapelle - © GvT |
Diese Rolle am Eingang des Himmel, auch als Himmelsschleuse angesehen, schrieb Petrus zudem die Funktion eines Wettermachers zu, wobei er entschied, ob die Himmelsschleuse zum Regnen geöffnet wurde oder nicht.
Aufgrund seines ehemaligen Berufes als Fischer und seiner engen Beziehung zum Wasser entwickelte er sich auch zum Patron zahlreicher Berufe, z.B. Fischer, Fischhändler, Schiffer und Schiffbrüchigen, aber auch Walker, Netzweber, Tuchweber. Seine Bedeutung als Öffner und Schließer der Himmelspforte wurde verallgemeinert, wodurch ihn weitere Berufe als Patron in Anspruch nehmen konnten, beispielsweise Glaser, Schreiner, Schlosser, Schmiede. Weiter stand er Reuigen, Büßenden, Beichtenden und bei den Krankheiten Besessenheit, Fallsucht, Tollwut, Fieber, Schlangenbiss und Fußleiden bei.
Gerade die letztgenannten Krankheiten sind vielleicht ein Hinweis auf diejenigen Krankheit(en), die in Grünbach geheilt wurden oder bei denen zumindest Linderung eintrat.
Suche nach dem Stifter des Gemäldezyklus
Die neue Kapelle Grünbach erhielt beim Um- oder Neubau der Kapelle 1492 einen Gemäldezyklus, der heute noch weitgehend erhalten geblieben ist. Wer dieses Gemälde in Auftrag gegeben hat, ist nicht bekannt. Da man jedoch immer wieder einen wahrscheinlichen Zusammenhang zwischen dem Initiator des Grünbacher Wildbades von 1481 und dem Um-/Neubau der St. Peter-Kapelle von 1492 herstellt, darf man auch im Initiator des Wildbades den Auftraggeber vermuten: Heinrich von Rechberg-Weißenstein. Bereits 1481 muss er seine herrschaftliche Position in Grünbach soweit ausgebaut gehabt haben, dass er als Dorfherr den Antrag zur Genehmigung des Grünbacher Wildbades bei Kaiser Friedrich III. hatte stellen können.Heinrich von Rechberg war der Kirche sehr zugetan: Am 28. August 1456 stiftete er ein Salve Regina, das von den beiden Weißensteiner Kaplänen jeden Samstag gesungen werden sollte. Drei Jahre später schuf Heinrich von Rechberg eine Frucht-Almosen-Stiftung für die Armen in seiner Stadt Weißenstein. Als nächstes stiftete Heinrich am 25. Januar 1478 die Pfarrei in Weißenstein. Zuvor hatte der Ort, obwohl rechtlich seit dem 14. Jahrhundert eine Stadt, zur Pfarrei Treffelhausen gehört. Im Zusammenhang mit der Gründung der Pfarrei entstand die im gotischen Stil erbaute Stadtpfarrkirche, wie sie noch auf dem bekannten Merian-Stich zu sehen ist. Zur Entschädigung verloren gegangener Zehnteinnahmen erhielt die Treffelhauser Kirche 1482 eine Frühmess-Pfründe und Schnittlingen eine wöchentliche Messe.
Betrachtet man dieses Engagement von Heinrich von Rechberg im kirchlichen und sozialen Bereich, so käme er als Initiator für die Umgestaltung der St. Peters-Kapelle tatsächlich in Frage. Diese Überlegungen erhalten jedoch dadurch einen Dämpfer, dass Heinrich von Rechberg-Weißenstein bereits 1489 verstarb. Falls er dennoch der Initiator der Um- bzw. Neubauten war, so wurden seine Ideen von seinem Sohn und Nachfolger Wilhelm III. nach seinem Tode weiterverfolgt und 1492 schließlich abgeschlossen. Die finanziellen Voraussetzungen in der Familie waren auf alle Fälle gegeben. Aus mehreren Urkunden geht hervor, dass Heinrich von Rechberg die finanziellen Strategien seines Vaters fortsetzt und sich als Kreditgeber von Bischöfen, Herzögen und Markgrafen erweist.
Dass das Gemälde von einem Vertreter der Familie Rechberg gestiftet wurde, darauf weist die Farbgebung hin. Zwei Farben treten im Gemäldezyklus besonders hervor: goldgelb und rot, die Wappenfarben der Rechberg. Tatsächlich benutzten die Herren und Grafen von Rechberg immer wieder ihre Wappenfarben bei der Gestaltung ihrer Gebäude und Kirchen, besonders eindrucksvoll in der Kapelle von Markt Altenstadt-Filzingen.
Der Gemäldezyklus
Das mehrteilige Wandgemälde befindet sich an der Nordwand im Langhaus. Aufgrund seiner Position innerhalb des Gebäudes wird deutlich, dass das Wandgemälde für die Kapellenbesucher im besonderen angefertigt worden war. Diese These ergibt sich aus folgender Beobachtung: In vielen Kirchen oder Kapellen wurden teure Wandgemälde nur im Chor - dem Platz der Geistlichkeit - ausgeführt. Diese Gemälde dienten der Betrachtung durch die Geistlichkeit. Besonders eindrucksvolle Beispiele hierfür sind die Wandgemälde in den Chören von Göppingen-Oberwälden, Eislingen-Krummwälden und Geislingen-Stötten.Hingegen dienten diejenigen Gemälde, die im Langhaus angebracht waren, den Gottesdienstbesuchern zur Belehrung. Dies wird besonders deutlich anhand des großen Wandgemäldes in der Gingener Johannes-Kirche.
Das Thema des mehrteiligen Wandgemäldes ist die Passion Christi. Der Grünbacher Zyklus ist dabei in guter Gesellschaft, denn auch in anderen Kirchen in unserem Landkreis findet man dieses Motiv.
Bisher konnte der Künstler des Grünbacher Wandgemäldes nicht identifiziert werden. Zieht man jedoch die engen politischen Verbindungen des Heinrich von Rechberg-Weißenstein mit der Reichsstadt Ulm in Betracht und berücksichtigt die wohl ulmischen Bildwerke in der von ihm gestifteten Stadtpfarrkirche von Weißenstein, so liegt durchaus die Vermutung nahe, dass es sich bei dem Grünbacher Künstler um einen Ulmer Maler handeln könnte.
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| Ausschnitt aus dem Passionszyklus in der Grünbacher St.-Peter-Kapelle, 1492 - © GvT |
In der oberen Reihe erkennt man:
- 1. Fußwaschung (?), Fragment
- 2. Abendmahl
- 3. Jesus am Ölberg
- 4. Die schlafenden Jünger am Ölberg
- 5. Verrat Jesu / Judaskuss
- 6. - zerstört -
- 7. Jesus bei Kaiphas (?), Fragment
- 8. Jesus vor Herodes
- 9. - zerstört -
- 10. Geißelung
- 11. Dornenkrönung
- 12. Ecce Homo (Seht, welch ein Mensch)
- 13. Händewaschung des Pilatus (?)
- 14. - zerstört -
- 15. Kreuznagelung, Fragment
- 16. Kreuzigung (vgl. H. Hummel, S. 112).
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| Ausschnitt aus dem Passionszyklus der Grünbacher St.-Peter-Kapelle, 1492 - © GvT |
Für die Ausführung des Gemäldes benutzte der Künstler wohl Vorlagen. Eine Besonderheit bildet dabei die aufwendige Architekturkulisse. Der Künstler projizierte das biblische Geschehen in eine zeitgenössische, städtische Gegenwart. Ein derartiges Vorgehen war damals durchaus häufiger zu finden, beispielsweise beim bekannten Altar des Ulmer Wengen-Klosters. Deshalb lautete denn auch der Titel zur Ausstellung anlässlich seiner Rekonstruktion ‘Jerusalem in Ulm’. Gleichzeitig bediente der Maler mit seinen drastischen Darstellungen der Szenen die Schaulust seiner Zeitgenossen.
Quellen und Literatur
- Joseph Rink, Familiengeschichte der Grafen und Herren von Rechberg und Rothenlöwen, Teil 2- Heribert Hummel, Wandmalereien im Kreis Göppingen (Veröffentlichungen des Kreisarchivs Göppingen Bd. 6), Weißenhorn 1978
- Gabriele von Trauchburg, Lauterstein - Weißenstein - Nenningen. Kirchenführer, Lauterstein 2015
- Jerusalem in Ulm. Der Flügelaltar aus St. Michael zu den Wengen, Katalog, Ulm 2015
Freitag, 14. Dezember 2018
Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 10.3: Grünbach - St. Peter und das Dorf im 30jährigen Krieg
© Gabriele von Trauchburg
Der Pfad zu den Informationen
Es gibt unterschiedliche schriftlichen Gattungen, mit deren Hilfe historische Ereignisse erklärt werden können. Eher ungewöhnlich ist, dabei auf Heiligenrechnungen - die historischen Bilanzen einer Kirche oder einer Kapelle zurückzugreifen. Weil jedoch diese Rechnungen nahezu lückenlos für die Zeit des 30jährigen Krieges überliefert sind und sonst kaum verwertbares anderes Material zur Verfügung steht, soll der Versuch einer Beschreibung der Ereignisse während des 30jährigen Krieges von 1618-1648 gewagt werden. Die Grünbacher Heiligenrechnungen umfassen ganz traditionell die innerhalb eines Jahres entstandenen Einnahmen und Ausgaben.
Getreide als Hinweis für die Lage im Lautertal während des Krieges
Nach eingehender Suche kristallisiert sich ein einziger Posten auf der Einnahmenseite heraus, anhand dessen sich die Entwicklung der Lage im Lautertal während des Krieges deutlich ablesen lässt. Erstmals tritt dieser Einnahmeposten in der ersten überlieferten Bilanz von 1569 auf. Daraus geht hervor, dass jährlich die fest fixierte Abgabe von einem Malter Hafer - das entspricht rund 130 Liter Hafer - immer innerhalb der Region öffentlich zugunsten der Kapelle St. Peter verkauft wurde. Der erzielte Betrag aus diesem Geschäft wird auf der Einnehmenseite der Bilanz immer einzeln vermerkt. Während des 30jährigen Krieges fiel die Aufgabe, die festgelegte Hafermenge zu liefern, dem Grünbacher Bauern Peter Nagel zu.
Inflation und Deflation als Indikatoren
Wenn wir heute den Fernseher einschalten, dann erklärt uns in regelmäßigen Abständen das Statistische Bundesamt, ob im Lande gerade Inflation - ein Anstieg der Verbraucherpreise - oder Deflation - ein Abstieg der Verbraucherpreise - herrscht. Ein Abstieg der Preise wird von denjenigen, die die wirtschaftliche Lage beurteilen, überhaupt nicht geschätzt, bedeutet er doch, dass die Wirtschaftsleistung sinkt.
Eine leichte Inflation wird heutzutage nahezu als ideal beurteilt, zeigt sie doch eine regelmäßige Steigerung der Wirtschaftsmacht an. Ein stark ansteigender, vielleicht sogar galoppierender Preisanstieg ist hingegen ein eindeutiger Hinweis auf eine gefährliche Krise, welcher Art auch immer. Diese Erkenntnis machen wir uns nun für die Zeit des 30jährigen Krieges zunutze.
Galoppierende Inflation im Krieg
Und hier kommt wieder die jährliche Abgabe von exakt einem Malter Hafer ins Spiel: in den Heiligenrechnungen ist der Wert, der beim Verkauf des Hafers erzielt wurde, verzeichnet. Im Jahr 1618, als der 30jährige Krieg im weit entfernten Prag aufgrund des sogenannten Fenstersturzes ausbrach, betrug die Summe des verkauften Malters Hafer 2 Gulden und 42 Kreuzer. Diese Summe betrachten wir als Basis für die weiteren Berechnungen. Daran änderte sich auch in den darauf folgenden Jahren nichts. Die Preissteigerung ging erst ab 1621 markant und danach extrem steil nach oben:
1621 - 3 Gulden 36 Kreuzer = ein Anstieg um 33 % gegenüber 1618
1622 - 5 Gulden 15 Kreuzer = ein Anstieg um 94 % gegenüber 1618
1623 - 6 Gulden = ein Anstieg um 122 % gegenüber 1618
1624 - 9 Gulden = ein Anstieg um 233 % gegenüber 1618
1625 - 57 Gulden = ein Anstieg um 1800 % gegenüber 1618
1626 - Peter Nagel kann keinen Malter Hafer abliefern
1627 - Peter Nagel kann keinen Malter Hafer abliefern
1628 - Peter Nagel kann keinen Malter Hafer abliefern
Die Entwicklung des Haferpreises im Lautertal entspricht den allgemeinen Kenntnissen über den 30jährigen Krieg und den Vorgängen in der Region im Lauter- und Filstal. Der zunächst nur leichte Preisanstieg verstärkte sich um so schneller, je näher der Krieg rückte. Preistreiber waren die Durchmärsche von Heeren der verschiedenen Kriegsmächte, die mit Kontributionen - geforderte Beiträge zum Unterhalt der Soldaten - von den umliegenden Landschaften finanziert werden mussten.
Die Tatsache, dass Peter Nagel ab 1626 nicht mehr in der Lage war, die jährliche Abgabe von einem Malter Hafer zu leisten, deutet darauf hin, dass es entweder drei Jahre hintereinander Missernten gab oder dass seine Ernten geplündert wurden. Leider verraten die Heiligenrechnungen darüber kein Wort.
Hafer, Mus und Pferdefutter
Die anderen Einnahmenposten in den Heiligenrechnungen zeigen die sich zuspitzende Dramatik jener Zeit nicht an. Ein Schmid erhielt 1623 für die Anfertigung einer neuen Spitze für den kleinen Kirchturm gerade einmal 40 Kreuzer für Material und Lohn. Ähnlich niedrig bleiben auch die übrigen Ausgaben für Handwerker.
Erst wenn man diese Beobachtungen nun in Beziehung zum exorbitanten Anstieg des Getreidepreises setzt, lässt sich das Ausmaß der Katastrophe erahnen: Weil die Löhne für die Handwerker nicht im gleichen Maße anstiegen wie die Getreidepreise, konnten Handwerker, Tagelöhner und Dienstknechte und -mägde sich kaum noch Getreide kaufen. Dabei war das zu Mus gekochte Getreide damals das Hauptnahrungsmittel. Die einseitige Abhängigkeit von Getreide in der Ernährung hatte jedoch gravierende Folgen: Gab es kein Getreide, gab es auch kein Essen.
Neben den Menschen brauchten auch Tiere den Hafer als Futter. Insbesondere Pferde wurden damit gefüttert. Pferde waren im Lautertal ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, denn sie wurden als Zugtiere auf der wichtigen Verkehrsader durch das Tal - heute die Bundesstraße B 466 - eingesetzt, die Verbindung vom Stuttgarter Raum in Richtung Heidenheim mit den historischen Steigen des Lautertales bei Donzdorf-Unterweckerstell, Grünbach und Weißenstein - den niedrigsten Aufstiegen auf die Alb.
Peter Nagel verkaufte seinen Hafer an die (Tavern)Wirte von Weißenstein und Böhmenkirch. Diese Wirte besaßen das Privileg, Wechselpferde für Reisende bereit zu halten und bei Bedarf zur Verfügung zu stellen. Die Tavernen von Weißenstein und Böhmenkirch stellten die jeweiligen Endpunkte des Albaufstiegs dar.
Die Folgen einer galoppierenden Inflation auf der Lautertal-Route im einzelnen und entlang der Verkehrswege lässt sich leicht nachvollziehen. Erhielten die Tiere nicht ausreichend Futtermittel wurde der gesamte Personen- und Warenverkehr zunächst eingeschränkt und kam schließlich völlig zum Erliegen.
Der Krieg rückt näher
Das Grünbacher Vermögen der Kapelle stieg kontinuierlich an. Im Jahre 1622 betrug es 64 Gulden, 1623 schon 77 Gulden, 1624 dann 89 Gulden und schließlich 1628 84 Gulden. Der stetige Anstieg in Jahren ohne große Ereignisse rührte von den Zinseinnahmen aus Krediten her. In Krisenjahren trug auch der gesteigerte Getreidepreis entscheidend dazu bei.
Nach Süddeutschland kam der Krieg Anfang Mai 1622, als die katholische Liga bei Bad Wimpfen gegen den protestantischen Markgrafen von Baden kämpfte. Der Markgraf verlor die Schlacht. Die katholischen Truppen zogen weiter in südlicher Richtung. Auf ihrem Weg wurden die Soldaten in den Dörfern einquartiert. Die Bevölkerung musste diese ungebetenen Gäste oftmals wochenlang nach großzügiger Vorschrift versorgen. Immer wieder liest man in schriftlichen Unterlagen von ‘unfremder, schwerer Teuerung’ und ‘merklichen Einbußen’. Hinzu kamen Klagen über Plünderungen, Vergewaltigungen und eingeschleppten Krankheiten. Erste Durchmärsche in der Region von Truppen wurden 1624 in den benachbarten Orten Süßen und Donzdorf registriert.
Im September 1625 konnte nur durch die Verlegung von Ulmer Truppen in den Grenzort Großsüßen ein großes Lager der Wallensteinschen Truppen bei Süßen verhindert werden. Laut einer Chronik kam es 1625 zu ersten Fällen von ‘hitzigem Haupt’ mit heftigen Fieberschüben, vereinzelt traten Fälle von Pest auf. In Gingen verstarben 1626 50 Personen durch Hunger, die Pest hatte 132 Menschen hinweggerafft. In Süßen verstarben 56 Menschen an der Pest (Trauchburg, S. 122ff).
Das Näherrücken des Kriegsgeschehens lässt sich auch an den Ausgaben für die Kapelle ablesen. In den Jahren 1625 und 1626 mussten nachfolgende Reparaturen durchgeführt werden: für die Kirchenmauer wurde 1625 Kalk in Schnittlingen hergestellt und ein Maurer musste dafür Steine brechen. Beide Baumaterialien brachte man nach Grünbach, wo der Maurer sie dann verbaute.
Im darauffolgenden Jahr schaffte die Kapellenverwaltung einen neuen Weihwasserkessel für 48 Kreuzer und eine ‘Porropferkäntlen’ - eine Kanne fürs Opfer auf der Empore - für 30 Kreuzer an. Die Angaben für das Jahr 1625 und 1626 deuten darauf hin, dass die Kirchenmauer beschädigt worden war, der Weihwasserkessel und die Opferkanne zerstört worden waren. Vor allem die beiden letzteren Ausgaben lassen auf eine bewusste Beschädigung schließen. In den beiden nachfolgenden Jahren wurden keine Ausgaben mehr getätigt. Die Kapellenverwaltung hielt das Geld zurück und wollte wahrscheinlich erst einmal die weitere Entwicklung abwarten.
Eine Zeit der trügerischen Ruhe
Im Jahr 1628 zogen 16.000 kaiserliche Soldaten samt Anhang durch unsere Region. Bis 1630 litt die Herrschaft Weißenstein unter deren Einquartierungen. In diesem Zeitraum konnte Peter Nagel weiterhin keinen Hafer an die Kapelle abliefern.
Erst mit dem Abzug der Truppen beruhigte sich die Lage kurzfristig, so dass Peter Nagel 1631 seine gesamten Rückstände tilgen konnte. Für die 5 Malter und 6 Fuder Hafer wurden in jenem Jahr 31 Gulden als Einnahmen erzielt. Längst fällige Zinsen konnte er ebenfalls zurückzahlen.
Von diesem Geld ließ man sofort vom Zimmermann eine neue Kirchentür für 40 Kreuzer anfertigen. Zusätzlich beauftragte der Kirchenpfleger einen Schmied, diese zu beschlagen, und der Handwerker erhielt dafür 30 Kreuzer. Außerdem benötigte man Steine für deren Einbau.
Ein Jahr später konnte vom Malter Hafer eine Summe von 4 Gulden und 30 Kreuzer erzielt und die Glockenseile ausgetauscht werden. Der Getreidepreis fiel deutlich erkennbar.
Die Schreckensherrschaft der Schweden
Im Jahre 1633 rückten die protestantischen Schweden nach Süddeutschland vor. Der katholische Herrschaftsinhaber, Veit Ernst von Rechberg-Weißenstein, zog es deshalb vor, seine hiesigen Herrschaften zu verlassen, denn die Schweden genossen keinen guten Ruf in Bezug auf die Behandlung ihrer Glaubensgegner. Ich denke, jeder hat schon einmal von der Foltermethode des Schwedentrunks gehört.
Als die Schweden dann tatsächlich die Herrschaft Weißenstein besetzten, forderten sie Veit Ernst auf, in seine Herrschaft zurückzukehren und sich ihnen und dem protestantischen Glauben anzuschließen. Dieses Ansinnen lehnte der überzeugte Katholik Veit Ernst kategorisch ab. Somit wurde die gesamte Herrschaft Weißenstein - und damit auch Grünbach - im Mai 1633 an den schwedischen Oberstleutnant Jacob Maximilian von Bonheim, und nach dessen Tod dem General Major von Streifer 1633 geschenkt. Ob diese schwedischen Offiziere den Versuch unternahmen, den Protestantismus in der Herrschaft Weißenstein einzuführen, lässt sich bisher schriftlich nicht belegen.
Auf Grünbach hatte dieser Herrschaftswechsel zunächst anscheinend keinen Einfluss. Dieser Eindruck ergibt sich aus den Heiligenrechnungen, denn darin finden sich keine außergewöhnlichen Vermerke. Ungestört konnten die Zinsen verrechnet werden, der Rest aus dem Vorjahr wurde in die Bilanz mit eingerechnet. Auffallend ist nur der erhöhte Bedarf an gebrochenen Steinen und Kalk, der von eigens engagierten ‘Mörtelrührern’ weiter verarbeitet wurde, um dann vom Maurer zu einer Kirchenmauer aufgebaut zu werden.
Die schwedische Herrschaft währte nur kurz. Die Schweden und ihre Verbündeten wurden im September 1634 in der Schlacht von Nördlingen geschlagen und anschließend zurückgedrängt. Auf ihrem Rückzug verwüsteten die Soldaten alles, was auf ihrem Wege lag. Die Lebensmittel wurden aufgezehrt oder entwendet. Und im folgenden Winter litt die Bevölkerung zuerst unter einer schweren Hungersnot und dann unter der Pest, die die nachfolgenden kaiserlichen Truppen eingeschleppt hatten (Seehofer, S. 54f).
Grünbach scheint diesen Sturm gut überstanden zu haben, denn die Heiligenrechnung wurde wie üblich erstellt. Auch der Preis für einen Malter Hafer ist im Gegensatz zum Jahr 1624 und 1631 mit 4 Gulden und 30 Kreuzern nicht übermässig hoch. Auffällig ist nur, dass gleich drei neue Kreditnehmer zu verzeichnen waren.
Die Pest-Epidemie und ihre Folgen
Zwischen Ende 1634 und August 1635 erlagen mehr als die Hälfte der Bewohner Nenningens und Weißensteins der Pest-Epidemie. In Treffelhausen, Schnittlingen und Böhmenkirch lebten kaum noch Menschen, Pferde gab es überhaupt keine mehr, vermeldete der Weißensteiner Vogt seinem rückkehrenden Herrschaftsinhaber Veit Ernst I. Diese Beurteilung erklärt zugleich, warum es für die Zeit von 1635 bis 1641 keine Bilanzen für die Grünbacher Kapelle gibt.
In den Jahren bis 1645 herrschte relative Ruhe, d.h. es kam zu keinen direkten Kriegshandlungen im süddeutschen Raum, doch mussten große Summen für Kriegsbeitragszahlungen geleistet werden. Dennoch gelang es vielen Herrschaften, Dörfern und Städten, in dieser Zeit den Wiederaufbau in die Wege zu leiten.
Quellen und Literatur
GRFAD, Heiligenrechnungen von St. Peter, Grünbach 1618-1648
Seehofer, Josef, Stadt Lauterstein in Vergangenheit und Gegenwart, Lauterstein 1974
v. Trauchburg, Gabriele von, 915-2015. 1100 Jahre Gemeinde Gingen an der Fils - die Perle des Filstals, Gingen 2015
Der Pfad zu den Informationen
Es gibt unterschiedliche schriftlichen Gattungen, mit deren Hilfe historische Ereignisse erklärt werden können. Eher ungewöhnlich ist, dabei auf Heiligenrechnungen - die historischen Bilanzen einer Kirche oder einer Kapelle zurückzugreifen. Weil jedoch diese Rechnungen nahezu lückenlos für die Zeit des 30jährigen Krieges überliefert sind und sonst kaum verwertbares anderes Material zur Verfügung steht, soll der Versuch einer Beschreibung der Ereignisse während des 30jährigen Krieges von 1618-1648 gewagt werden. Die Grünbacher Heiligenrechnungen umfassen ganz traditionell die innerhalb eines Jahres entstandenen Einnahmen und Ausgaben.
Getreide als Hinweis für die Lage im Lautertal während des Krieges
Nach eingehender Suche kristallisiert sich ein einziger Posten auf der Einnahmenseite heraus, anhand dessen sich die Entwicklung der Lage im Lautertal während des Krieges deutlich ablesen lässt. Erstmals tritt dieser Einnahmeposten in der ersten überlieferten Bilanz von 1569 auf. Daraus geht hervor, dass jährlich die fest fixierte Abgabe von einem Malter Hafer - das entspricht rund 130 Liter Hafer - immer innerhalb der Region öffentlich zugunsten der Kapelle St. Peter verkauft wurde. Der erzielte Betrag aus diesem Geschäft wird auf der Einnehmenseite der Bilanz immer einzeln vermerkt. Während des 30jährigen Krieges fiel die Aufgabe, die festgelegte Hafermenge zu liefern, dem Grünbacher Bauern Peter Nagel zu.
Inflation und Deflation als Indikatoren
Wenn wir heute den Fernseher einschalten, dann erklärt uns in regelmäßigen Abständen das Statistische Bundesamt, ob im Lande gerade Inflation - ein Anstieg der Verbraucherpreise - oder Deflation - ein Abstieg der Verbraucherpreise - herrscht. Ein Abstieg der Preise wird von denjenigen, die die wirtschaftliche Lage beurteilen, überhaupt nicht geschätzt, bedeutet er doch, dass die Wirtschaftsleistung sinkt.
Eine leichte Inflation wird heutzutage nahezu als ideal beurteilt, zeigt sie doch eine regelmäßige Steigerung der Wirtschaftsmacht an. Ein stark ansteigender, vielleicht sogar galoppierender Preisanstieg ist hingegen ein eindeutiger Hinweis auf eine gefährliche Krise, welcher Art auch immer. Diese Erkenntnis machen wir uns nun für die Zeit des 30jährigen Krieges zunutze.
Galoppierende Inflation im Krieg
Und hier kommt wieder die jährliche Abgabe von exakt einem Malter Hafer ins Spiel: in den Heiligenrechnungen ist der Wert, der beim Verkauf des Hafers erzielt wurde, verzeichnet. Im Jahr 1618, als der 30jährige Krieg im weit entfernten Prag aufgrund des sogenannten Fenstersturzes ausbrach, betrug die Summe des verkauften Malters Hafer 2 Gulden und 42 Kreuzer. Diese Summe betrachten wir als Basis für die weiteren Berechnungen. Daran änderte sich auch in den darauf folgenden Jahren nichts. Die Preissteigerung ging erst ab 1621 markant und danach extrem steil nach oben:
1621 - 3 Gulden 36 Kreuzer = ein Anstieg um 33 % gegenüber 1618
1622 - 5 Gulden 15 Kreuzer = ein Anstieg um 94 % gegenüber 1618
1623 - 6 Gulden = ein Anstieg um 122 % gegenüber 1618
1624 - 9 Gulden = ein Anstieg um 233 % gegenüber 1618
1625 - 57 Gulden = ein Anstieg um 1800 % gegenüber 1618
1626 - Peter Nagel kann keinen Malter Hafer abliefern
1627 - Peter Nagel kann keinen Malter Hafer abliefern
1628 - Peter Nagel kann keinen Malter Hafer abliefern
Die Entwicklung des Haferpreises im Lautertal entspricht den allgemeinen Kenntnissen über den 30jährigen Krieg und den Vorgängen in der Region im Lauter- und Filstal. Der zunächst nur leichte Preisanstieg verstärkte sich um so schneller, je näher der Krieg rückte. Preistreiber waren die Durchmärsche von Heeren der verschiedenen Kriegsmächte, die mit Kontributionen - geforderte Beiträge zum Unterhalt der Soldaten - von den umliegenden Landschaften finanziert werden mussten.
Die Tatsache, dass Peter Nagel ab 1626 nicht mehr in der Lage war, die jährliche Abgabe von einem Malter Hafer zu leisten, deutet darauf hin, dass es entweder drei Jahre hintereinander Missernten gab oder dass seine Ernten geplündert wurden. Leider verraten die Heiligenrechnungen darüber kein Wort.
Hafer, Mus und Pferdefutter
Die anderen Einnahmenposten in den Heiligenrechnungen zeigen die sich zuspitzende Dramatik jener Zeit nicht an. Ein Schmid erhielt 1623 für die Anfertigung einer neuen Spitze für den kleinen Kirchturm gerade einmal 40 Kreuzer für Material und Lohn. Ähnlich niedrig bleiben auch die übrigen Ausgaben für Handwerker.
Erst wenn man diese Beobachtungen nun in Beziehung zum exorbitanten Anstieg des Getreidepreises setzt, lässt sich das Ausmaß der Katastrophe erahnen: Weil die Löhne für die Handwerker nicht im gleichen Maße anstiegen wie die Getreidepreise, konnten Handwerker, Tagelöhner und Dienstknechte und -mägde sich kaum noch Getreide kaufen. Dabei war das zu Mus gekochte Getreide damals das Hauptnahrungsmittel. Die einseitige Abhängigkeit von Getreide in der Ernährung hatte jedoch gravierende Folgen: Gab es kein Getreide, gab es auch kein Essen.
Neben den Menschen brauchten auch Tiere den Hafer als Futter. Insbesondere Pferde wurden damit gefüttert. Pferde waren im Lautertal ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, denn sie wurden als Zugtiere auf der wichtigen Verkehrsader durch das Tal - heute die Bundesstraße B 466 - eingesetzt, die Verbindung vom Stuttgarter Raum in Richtung Heidenheim mit den historischen Steigen des Lautertales bei Donzdorf-Unterweckerstell, Grünbach und Weißenstein - den niedrigsten Aufstiegen auf die Alb.
| Am oberen Ende der alten Weißensteiner Steige - © GvT |
Peter Nagel verkaufte seinen Hafer an die (Tavern)Wirte von Weißenstein und Böhmenkirch. Diese Wirte besaßen das Privileg, Wechselpferde für Reisende bereit zu halten und bei Bedarf zur Verfügung zu stellen. Die Tavernen von Weißenstein und Böhmenkirch stellten die jeweiligen Endpunkte des Albaufstiegs dar.
Die Folgen einer galoppierenden Inflation auf der Lautertal-Route im einzelnen und entlang der Verkehrswege lässt sich leicht nachvollziehen. Erhielten die Tiere nicht ausreichend Futtermittel wurde der gesamte Personen- und Warenverkehr zunächst eingeschränkt und kam schließlich völlig zum Erliegen.
Der Krieg rückt näher
Das Grünbacher Vermögen der Kapelle stieg kontinuierlich an. Im Jahre 1622 betrug es 64 Gulden, 1623 schon 77 Gulden, 1624 dann 89 Gulden und schließlich 1628 84 Gulden. Der stetige Anstieg in Jahren ohne große Ereignisse rührte von den Zinseinnahmen aus Krediten her. In Krisenjahren trug auch der gesteigerte Getreidepreis entscheidend dazu bei.
Nach Süddeutschland kam der Krieg Anfang Mai 1622, als die katholische Liga bei Bad Wimpfen gegen den protestantischen Markgrafen von Baden kämpfte. Der Markgraf verlor die Schlacht. Die katholischen Truppen zogen weiter in südlicher Richtung. Auf ihrem Weg wurden die Soldaten in den Dörfern einquartiert. Die Bevölkerung musste diese ungebetenen Gäste oftmals wochenlang nach großzügiger Vorschrift versorgen. Immer wieder liest man in schriftlichen Unterlagen von ‘unfremder, schwerer Teuerung’ und ‘merklichen Einbußen’. Hinzu kamen Klagen über Plünderungen, Vergewaltigungen und eingeschleppten Krankheiten. Erste Durchmärsche in der Region von Truppen wurden 1624 in den benachbarten Orten Süßen und Donzdorf registriert.
Im September 1625 konnte nur durch die Verlegung von Ulmer Truppen in den Grenzort Großsüßen ein großes Lager der Wallensteinschen Truppen bei Süßen verhindert werden. Laut einer Chronik kam es 1625 zu ersten Fällen von ‘hitzigem Haupt’ mit heftigen Fieberschüben, vereinzelt traten Fälle von Pest auf. In Gingen verstarben 1626 50 Personen durch Hunger, die Pest hatte 132 Menschen hinweggerafft. In Süßen verstarben 56 Menschen an der Pest (Trauchburg, S. 122ff).
Das Näherrücken des Kriegsgeschehens lässt sich auch an den Ausgaben für die Kapelle ablesen. In den Jahren 1625 und 1626 mussten nachfolgende Reparaturen durchgeführt werden: für die Kirchenmauer wurde 1625 Kalk in Schnittlingen hergestellt und ein Maurer musste dafür Steine brechen. Beide Baumaterialien brachte man nach Grünbach, wo der Maurer sie dann verbaute.
| Kapelle St. Peter in Grünbach mit dem Überrest der umgebenden Mauer - © GvT |
Im darauffolgenden Jahr schaffte die Kapellenverwaltung einen neuen Weihwasserkessel für 48 Kreuzer und eine ‘Porropferkäntlen’ - eine Kanne fürs Opfer auf der Empore - für 30 Kreuzer an. Die Angaben für das Jahr 1625 und 1626 deuten darauf hin, dass die Kirchenmauer beschädigt worden war, der Weihwasserkessel und die Opferkanne zerstört worden waren. Vor allem die beiden letzteren Ausgaben lassen auf eine bewusste Beschädigung schließen. In den beiden nachfolgenden Jahren wurden keine Ausgaben mehr getätigt. Die Kapellenverwaltung hielt das Geld zurück und wollte wahrscheinlich erst einmal die weitere Entwicklung abwarten.
Eine Zeit der trügerischen Ruhe
Im Jahr 1628 zogen 16.000 kaiserliche Soldaten samt Anhang durch unsere Region. Bis 1630 litt die Herrschaft Weißenstein unter deren Einquartierungen. In diesem Zeitraum konnte Peter Nagel weiterhin keinen Hafer an die Kapelle abliefern.
Erst mit dem Abzug der Truppen beruhigte sich die Lage kurzfristig, so dass Peter Nagel 1631 seine gesamten Rückstände tilgen konnte. Für die 5 Malter und 6 Fuder Hafer wurden in jenem Jahr 31 Gulden als Einnahmen erzielt. Längst fällige Zinsen konnte er ebenfalls zurückzahlen.
Von diesem Geld ließ man sofort vom Zimmermann eine neue Kirchentür für 40 Kreuzer anfertigen. Zusätzlich beauftragte der Kirchenpfleger einen Schmied, diese zu beschlagen, und der Handwerker erhielt dafür 30 Kreuzer. Außerdem benötigte man Steine für deren Einbau.
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| Ehemaliger Haupteingang der Grünbacher Kapelle - © GvT |
Ein Jahr später konnte vom Malter Hafer eine Summe von 4 Gulden und 30 Kreuzer erzielt und die Glockenseile ausgetauscht werden. Der Getreidepreis fiel deutlich erkennbar.
Die Schreckensherrschaft der Schweden
Im Jahre 1633 rückten die protestantischen Schweden nach Süddeutschland vor. Der katholische Herrschaftsinhaber, Veit Ernst von Rechberg-Weißenstein, zog es deshalb vor, seine hiesigen Herrschaften zu verlassen, denn die Schweden genossen keinen guten Ruf in Bezug auf die Behandlung ihrer Glaubensgegner. Ich denke, jeder hat schon einmal von der Foltermethode des Schwedentrunks gehört.
Als die Schweden dann tatsächlich die Herrschaft Weißenstein besetzten, forderten sie Veit Ernst auf, in seine Herrschaft zurückzukehren und sich ihnen und dem protestantischen Glauben anzuschließen. Dieses Ansinnen lehnte der überzeugte Katholik Veit Ernst kategorisch ab. Somit wurde die gesamte Herrschaft Weißenstein - und damit auch Grünbach - im Mai 1633 an den schwedischen Oberstleutnant Jacob Maximilian von Bonheim, und nach dessen Tod dem General Major von Streifer 1633 geschenkt. Ob diese schwedischen Offiziere den Versuch unternahmen, den Protestantismus in der Herrschaft Weißenstein einzuführen, lässt sich bisher schriftlich nicht belegen.
Auf Grünbach hatte dieser Herrschaftswechsel zunächst anscheinend keinen Einfluss. Dieser Eindruck ergibt sich aus den Heiligenrechnungen, denn darin finden sich keine außergewöhnlichen Vermerke. Ungestört konnten die Zinsen verrechnet werden, der Rest aus dem Vorjahr wurde in die Bilanz mit eingerechnet. Auffallend ist nur der erhöhte Bedarf an gebrochenen Steinen und Kalk, der von eigens engagierten ‘Mörtelrührern’ weiter verarbeitet wurde, um dann vom Maurer zu einer Kirchenmauer aufgebaut zu werden.
Die schwedische Herrschaft währte nur kurz. Die Schweden und ihre Verbündeten wurden im September 1634 in der Schlacht von Nördlingen geschlagen und anschließend zurückgedrängt. Auf ihrem Rückzug verwüsteten die Soldaten alles, was auf ihrem Wege lag. Die Lebensmittel wurden aufgezehrt oder entwendet. Und im folgenden Winter litt die Bevölkerung zuerst unter einer schweren Hungersnot und dann unter der Pest, die die nachfolgenden kaiserlichen Truppen eingeschleppt hatten (Seehofer, S. 54f).
Grünbach scheint diesen Sturm gut überstanden zu haben, denn die Heiligenrechnung wurde wie üblich erstellt. Auch der Preis für einen Malter Hafer ist im Gegensatz zum Jahr 1624 und 1631 mit 4 Gulden und 30 Kreuzern nicht übermässig hoch. Auffällig ist nur, dass gleich drei neue Kreditnehmer zu verzeichnen waren.
Die Pest-Epidemie und ihre Folgen
Zwischen Ende 1634 und August 1635 erlagen mehr als die Hälfte der Bewohner Nenningens und Weißensteins der Pest-Epidemie. In Treffelhausen, Schnittlingen und Böhmenkirch lebten kaum noch Menschen, Pferde gab es überhaupt keine mehr, vermeldete der Weißensteiner Vogt seinem rückkehrenden Herrschaftsinhaber Veit Ernst I. Diese Beurteilung erklärt zugleich, warum es für die Zeit von 1635 bis 1641 keine Bilanzen für die Grünbacher Kapelle gibt.
In den Jahren bis 1645 herrschte relative Ruhe, d.h. es kam zu keinen direkten Kriegshandlungen im süddeutschen Raum, doch mussten große Summen für Kriegsbeitragszahlungen geleistet werden. Dennoch gelang es vielen Herrschaften, Dörfern und Städten, in dieser Zeit den Wiederaufbau in die Wege zu leiten.
Quellen und Literatur
GRFAD, Heiligenrechnungen von St. Peter, Grünbach 1618-1648
Seehofer, Josef, Stadt Lauterstein in Vergangenheit und Gegenwart, Lauterstein 1974
v. Trauchburg, Gabriele von, 915-2015. 1100 Jahre Gemeinde Gingen an der Fils - die Perle des Filstals, Gingen 2015
Donnerstag, 13. Dezember 2018
Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 10.1: Grünbach - St. Peter und das Wildbad
© Gabriele von Trauchburg
Im Spätmittelalter waren mehrere Adelsfamilien in Grünbach begütert. Ein Hof gehörte den Herren von Degenfeld, weitere Güter besaßen die Herren von Elchingen (Rink I, S. 57). Als am 12. August 1385 Wilhelm von Rechberg die St. Georgs-Messe für seine Stadt Weißenstein stiftete, legte er vertraglich fest, dass Abgaben aus mehreren seiner Dörfer in der Herrschaft Weißenstein und Böhmenkirch - darunter auch Grünbach - zu deren Finanzierung beitragen sollten (Rink II, S. 7).
Er wandte sich an Kaiser Friedrich III. (1415-1493) mit der Bitte um ein hierfür notwendiges Privileg, denn allein der Kaiser besaß das Recht, Genehmigungen für die Nutzung von natürlichen Vorkommen zu erteilen - Und diese Genehmigungen ließ sich der Kaiser mit gutem Geld bezahlen, um so einen Beitrag zu seinen Regierungs- und Hofkosten zu erhalten.
Heinrich von Rechberg war für den Kaiser kein Unbekannter. Heinrich gehörte zu denjenigen Adeligen, die dem Kaisersohn Maximilian das Handwerk auf der Jagd beibrachten. Heinrich schickte dem Kaisersohn sogar einige Hunde, wofür sich Maximilian herzlich bedankte. Auch der Kaiser war ihm spätestens seit 1475 wohl gesonnen. Daher verwundert es nicht, dass Heinrich von Rechberg am 1. Dezember 1481 den in Wien ausstellten Schutzbrief für das Grünbacher Wildbad erhielt, der zusätzlich eine Schankgenehmigung umfasste. (Rink II, S. 72).
Es gibt keine schriftliche Überlieferung darüber, wie der Betrieb des Wildbades gestaltet wurde. Vielleicht gab es ein kleines Badhaus, wohin Kranke sich wenden konnten. Für die Menschen jener Zeit war es jedoch selbstverständlich, dass ohne Glaube keine Krankheit geheilt werden konnte. Deshalb geht man wohl nicht fehl in der Annahme, dass der Bau der Grünbacher Kapelle in direktem Zusammenhang mit dem Ausbau des Grünbacher Wildbades stand.
Die Grünbacher Thermalquelle war in einem Brunnen mit 3 Röhren gefasst. Noch im 19. Jahrhundert floss daraus 'vortreffliches Trinkwasser'. Die ursprüngliche Quelle ist heute versiegt, denn sie wurde bei einem Hangrutsch im vergangenen Jahrhundert verschüttet.
Rink, Joseph Alois, Familiengeschichte der Grafen und Herren von Rechberg u. Rothenlöwen
- Teil I u. II., Manuskript 1806
Stälin, Christoph Friedrich von, Beschreibung des Oberamts Geislingen, Stuttgart 1842, S. 183
Grünbach im Lautertal
Grünbach gehört heute zur benachbarten Stadt Donzdorf. Das war nicht immer so. Am Beginn der schriftlichen Aufzeichnungen gehörte Grünbach zu Lauterstein-Nenningen und damit zur Herrschaft Weißenstein. Urkundlich erstmals erwähnt wurde Grünbach 1324.Im Spätmittelalter waren mehrere Adelsfamilien in Grünbach begütert. Ein Hof gehörte den Herren von Degenfeld, weitere Güter besaßen die Herren von Elchingen (Rink I, S. 57). Als am 12. August 1385 Wilhelm von Rechberg die St. Georgs-Messe für seine Stadt Weißenstein stiftete, legte er vertraglich fest, dass Abgaben aus mehreren seiner Dörfer in der Herrschaft Weißenstein und Böhmenkirch - darunter auch Grünbach - zu deren Finanzierung beitragen sollten (Rink II, S. 7).
Das Wildbad
Der Ortsname Grünbach weist bereits auf eine Besonderheit in diesem Weiler hin: Grünbach besitzt ein ständig fließendes Gewässer, auch im Winter - also eine Thermalquelle. Der innovative Herrschaftsinhaber, Heinrich von Rechberg, wollte dieses natürliche Vorkommen zu seinem ökonomischen Vorteil nutzen.Er wandte sich an Kaiser Friedrich III. (1415-1493) mit der Bitte um ein hierfür notwendiges Privileg, denn allein der Kaiser besaß das Recht, Genehmigungen für die Nutzung von natürlichen Vorkommen zu erteilen - Und diese Genehmigungen ließ sich der Kaiser mit gutem Geld bezahlen, um so einen Beitrag zu seinen Regierungs- und Hofkosten zu erhalten.
Heinrich von Rechberg war für den Kaiser kein Unbekannter. Heinrich gehörte zu denjenigen Adeligen, die dem Kaisersohn Maximilian das Handwerk auf der Jagd beibrachten. Heinrich schickte dem Kaisersohn sogar einige Hunde, wofür sich Maximilian herzlich bedankte. Auch der Kaiser war ihm spätestens seit 1475 wohl gesonnen. Daher verwundert es nicht, dass Heinrich von Rechberg am 1. Dezember 1481 den in Wien ausstellten Schutzbrief für das Grünbacher Wildbad erhielt, der zusätzlich eine Schankgenehmigung umfasste. (Rink II, S. 72).
Es gibt keine schriftliche Überlieferung darüber, wie der Betrieb des Wildbades gestaltet wurde. Vielleicht gab es ein kleines Badhaus, wohin Kranke sich wenden konnten. Für die Menschen jener Zeit war es jedoch selbstverständlich, dass ohne Glaube keine Krankheit geheilt werden konnte. Deshalb geht man wohl nicht fehl in der Annahme, dass der Bau der Grünbacher Kapelle in direktem Zusammenhang mit dem Ausbau des Grünbacher Wildbades stand.
Die Grünbacher Thermalquelle war in einem Brunnen mit 3 Röhren gefasst. Noch im 19. Jahrhundert floss daraus 'vortreffliches Trinkwasser'. Die ursprüngliche Quelle ist heute versiegt, denn sie wurde bei einem Hangrutsch im vergangenen Jahrhundert verschüttet.
Quellen und Literatur
Gräflich Rechbergsches Familienarchiv Donzdorf - Urkunde 336Rink, Joseph Alois, Familiengeschichte der Grafen und Herren von Rechberg u. Rothenlöwen
- Teil I u. II., Manuskript 1806
Stälin, Christoph Friedrich von, Beschreibung des Oberamts Geislingen, Stuttgart 1842, S. 183
Dienstag, 27. März 2018
Die barocke Wallfahrt auf dem Bernhardus
Teil 9: Das Ende der Wallfahrtskirche auf dem Bernhardus, Zusammenfassung
© Gabriele von TrauchburgWas fängt man mit einer geschlossenen Kirche an?
Mit der Überführung der Bernhardus-Figur auf den Hohenrechberg begann die Zerstörung der Bernharduskirche. Am 18. Oktober 1806 wurden die ersten Kirchengeräte nach Donzdorf gebracht. Eine heute noch vorhandene Aufstellung besagt, dass eine Monstranz, ein Ziborium mit Deckel und Krone, 3 Kelche mit 3 Patenen und 2 Löffeln, zwei hölzerne schwarze, mächtig versilberte Kruzifixe schließlich noch ‘Kirchenwäsche’ (= Altartücher) nach Donzdorf gebracht worden waren. Einen Tag später erhielt die Kirche von Hohenrechberg ebenfalls in einer Liste zusammengefasste Gegenstände, unter anderem 3 Messbücher, 1 Evangelienbuch, Rosenkränze und große, schwere Kerzen.
Dem Treffelhauser Mesner und Orgelmacher Johann Schweizer war die Aufgabe übertragen worden, den Wert der Orgel auf dem Bernhardus festzulegen. Da das Basso-Octav-Register nicht mehr richtig funktionierte, wurde die Orgel auf den geringen Wert von 22 Gulden veranschlagt. Aufgrund einer herrschaftlichen Weisung wurde die Orgel der Kirche in Ottenbach zugesprochen, wo Maximilian Emanuel von Rechberg ebenfalls Patronatsherr war.
In der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Lauterstein-Weißenstein befinden sich heute zwei große weiße, teilvergoldete Statuten auf dem Hochaltar - der Heilige Maximilian Emanuel und die Heilige Walburga, die Namenspatrone des Herrscherpaares. Die beiden Figuren befanden sich ursprünglich auf dem linken Seitenaltar in der Bernhardus-Kirche und wurden aus der Wallfahrtskirche in die Stadtpfarrkirche gebracht und dort in den Hochaltar eingefügt. Drei kleinere Figuren in der Stadtpfarrkirche - darunter ein Sebastian und ein Antonius von Padua - könnten aufgrund ihres Stils ebenfalls aus der Wallfahrtskirche stammen.
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| Der Heilige Maximilian Emanuel, um 1764 - ursprünglich aus der Wallfahrtskirche auf dem Bernhardus - © GvT |
| Die Heilige Walburga, um 1764 - ursprünglich aus der Wallfahrtskirche auf dem Bernhardus - © GvT |
Vorbereitungen zur Versteigerung der Wallfahrtskirche im Oktober 1808
Zunächst war das weitere Schicksal des Kirchengebäudes unklar gewesen. Erst zwei Jahre nach der Schließung entschloss man sich, die Kirche samt Benefiziatenhaus zum Abriss freizugeben, nachdem sämtliche für den Patronatsherren interessanten Objekte aus der Kirche geholt und auf seine anderen Patronatskirchen verteilt worden waren.
Für die eigentliche Versteigerung Ende Oktober 1808 wurde eine Aufstellung erarbeitet, in der mögliche Werte nach Interessengruppen untergliedert wurden. So kamen spezielle Lose für Schreiner, Zimmerleute und Maurer zustande. Der Materialwert der Kirche wurde mit 1599 Gulden veranschlagt, der des Benefiziatenhauses mit 680 Gulden. Die Bretter des Kirchenbodens, die Kanzel, der Choraltar, die Nebenaltäre, Bet- und Beichtstühle, die Wandkästen in der Sakristei, zwei innere Kirchentüren und vieles mehr sollten an den Mann gebracht werden. Man hoffte, dass Zimmerleute die Balken, Bretter und Nägel vom Kirchendachboden gebrauchen könnten, und es fanden sich sicherlich Maurer, die für die über 18.400 Dachplatten Verwendung hatten.
Die Versteigerung
Zur Versteigerung der Wallfahrtskapelle im 25. Oktober 1808 wurden eigene Regeln geschaffen. Unter anderem hieß es in den Anweisung, dass jedem Bieter verdeutlicht werden sollte, dass die betroffenen Gebäude auf dem Bernhardus nicht stehen bleiben, sondern zum Abbrechen und Abräumen versteigert werden sollen. Die Käufer wurden verpflichtet, ihre ersteigerten Werte innerhalb von 8 Tagen abzubauen und wegzubringen. Die Kosten für Abbau und Abtransport wurden ihnen auferlegt. Um eine möglichst große Anzahl an Interessenten auf den Bernhardus zu locken, wurden öffentliche Bekanntmachungen herausgegeben und Ausschreibung an die umliegenden Pfarreien verschickt.
Das Ergebnis der Versteigerung vom 25. Oktober 1808 war folgendes:
- der mit 125 fl angesetzte Choraltar fand keinen Käufer,
- die beiden Nebenaltäre für 125 fl gingen an die Pfarrkirche nach Treffelhausen,
- die mit 40 fl taxierte Kanzel wurde für 25 fl nach Salach verkauft,
- ebenso gingen 20 Betstühle für 21 fl nach Salach (der Salacher Pfarrer erwies sich als hart im Verhandeln und konnte sich überwiegend durchsetzen);
- 5 Beichtstühle wurden für 3 fl nach Weiler (i.d.B.) verkauft,
- 4 einfache Beichtstühle ergatterte der Obermüller Joseph Hämmerle von Weißenstein,
- 2 Stühle aus dem Chor ersteigerte Wolfgang Nägele aus Treffelhausen,
- 2 Betstülchen sicherte sich der Salacher Pfarrer Ruf,
- 1 Stülchen kaufte Joseph Schmied von Weißenstein und
- 2 Wandkästen aus der Sakristei konnte Gabriel Nägele von Weißenstein gebrauchen.
- Die beiden Glocken mit 701 Pfund Gewicht wurden zunächst in der Hauptversteigerung ausgesetzt, weil sich kein Käufer gefunden hatte. Dann hatte der Nördlinger Jude Nattan sein Interesse bekundet, die Glocken gewogen und pro Pfund 26 Kreuzer geboten. Damit erhielt er den Zuschlag und bezahlte noch im November 1808 die Summe von 303 Gulden und 36 Kreuzern.
Zieht man Bilanz eine Bilanz von der Versteigerung, so muss man feststellen, dass die versteigerten Gegenstände großenteils weit unter Wert verkauft werden mussten. Die Erklärung hierfür liegt auf der Hand. Die Versteigerung fand in der Zeit nach der Säkularisierung des kirchlichen Gutes und der Mediatisierung der kleinen Adelherrschaften statt. Zum einen herrschte ein großes Überangebot an derartigen Angeboten auf dem Markt und die Napoleonischen Kriege taten das Ihre zum Verfall der Preise. Zum andern bevorzugte man in der Zwischenzeit einen modernen Stil - den Klassizismus. Damit galten die angebotenen Stücke als veraltet und minderwertig.
Welche Erkenntnisse ergeben sich nun zur barocken Wallfahrt auf den Bernhardus?
1. Die barocke Bernharduswallfahrt kam dem Bedürfnis der Menschen im 18. Jahrhundert besonders bei medizinischen Problemen entgegen. Sie pilgerten auf den Bernhardus, um dort für allgemeinen Beistand und insbesondere bei ihren Gebrechen zu bitten und zu erhalten.
2. Mit dem Bau der Wallfahrtskirche wurde der stetig steigenden Anzahl der Pilger ein Raum gegeben, der ihren Bedürfnissen Rechnung trug.
3. Die Kirche wurde im damals höchst modernen Stil des Barocks errichtet. Ihr Architekt, ihr Baumeister und die beteiltigten Kunsthandwerker gehörten zur Elite ihrer Zunft in jener Zeit.
4. Aus heutiger, kunsthistorischer Sicht ist der Verlust der Kirche ein Jammer. Die Wallfahrtskirche reihte sich in eine bedeutende Gruppe von barocken Kirchenbauten mit der Degginger Wallfahrtskirche Ave Maria und der Weißensteiner Stadtkirche ein. Gemeinsam begründeten sie eine kunsthistorische Einheit, die nicht von der Region, sondern von Bayern geprägt ist.
5. Das Ende der barocken Wallfahrt war nicht - wie man in den meisten bisherigen Darstellungen lesen kann - durch die Philosophie der Aufklärung hervorgerufen worden, sondern durch den drohenden Bankrott der Rechbergischen Herrschaften in den Napoleonischen Kriegen und der Not des unterversorgten Pfarrers in der Hohenrechberger Pfarrei.
Die bisherigen Deutungen beruhen auf falschen Annahmen. Dem bedeutenden Pfarrer Joseph Rink wird in diesem Zusammenhang Unrecht getan, ebenso dem scheinbar willenlosen Maximilian Emanuel von Rechberg. Stattdessen waren beide Männer hochgebildet. Maximilian Emanuel war Jurist, der das Kirchenrecht sehr gut kannte. Außerdem waren beide Männer Verfechter der katholischen Aufklärung und nicht - wie immer wieder unterstellt wird - der radikalen Aufklärung eines D’Alembert oder eines Holbach. Rechberg und Rink mussten Probleme lösen, die denen der heutigen katholischen Kirche in Deutschland in fataler Weise ähneln.
6. Heute finden sich nur noch wenig Überreste der barocken Wallfahrtskirche. Allen voran steht die alte Bernhardus-Figur bis heute auf dem rechten Seitenaltar in der Kirche auf dem Hohenrechberg. Dort findet sie jedoch nicht dieselbe Beachtung wie die ‘Schöne Maria’ im Hauptaltar. Bei der Beschreibung der Wallfahrt zum Hohenrechberg im Heimatbuch von 2004 wurde diejenige zum Bernhardus völlig ignoriert, nicht einmal ein Bild von der Figur wurde abgedruckt - das hat er definitiv nicht verdient.
Die beiden lebensgroßen Statuen im Weißensteiner Hauptaltar wurden oben bereits näher betrachtet.
Die nach Salach verkauften Stücke sind wohl spätestens mit dem Neubau der katholischen Kirche zu Beginn des 20. Jahrhunderts vernichtet worden. Die Treffelhauser Nebenaltäre wurde spätestens beim Dorfbrand im 19. Jahrhundert ein Raub der Flammen.
Der wohl markanteste Überrest der barocken Wallfahrt befindet sich heute auf zahlreichen Hinweisschildern - das Logo der Glaubenswege ist dem Aufriss der Wallfahrtskirche auf dem Bernhardus nachempfunden. Auf diese Weise ist die Existenz der barocken Wallfahrt präsenter denn je, obwohl kaum jemandem die Grundlage dieses Logos bewusst ist..
| Logo, Ausschnitt aus dem Titelblatt des Wanderführers 'Glaubenswege' |
Quellen und Literatur
GRFAD - einschlägige Archivalien zur Bernhardus-Wallfahrt
Gabriele von Trauchburg, Lauterstein - Kirchenführer, Lauterstein 2015
Glaubenswege. Wege für den Geist, die Seele; zum Wandern und Genießen - Wanderführer, Schwäbisch Gmünd 2016 (www.glaubenswege.de)
Dienstag, 6. März 2018
Die barocke Wallfahrt auf dem Bernhardus
Teil 6: Die Kirchweih und die Ausstattung der Wallfahrtskirche
© Gabriele von TrauchburgDie Kirchweih am 21. Juni 1733 (dieses Jahr vor 285 Jahren)
Am 21. Juni 1733 erfolgte die Weihe der neu errichteten Kirche. Zu Beginn der Bauarbeiten hatte der Stifter den Handwerkern den Arbeitsauftrag erteilt, diese Kirche auf das prächtigste auszuzieren. Anhand eines Berichts über die Weihefeierlichkeiten kann man bis heute sich Details über Aussehen der Kirche bildlich vorstellen.
Wenige Tage vor der Weihe war der Bischof von Uthina (= Titularbistum, zurückgehend auf eine Stadt südlich von Tunis) und Weihbischof von Konstanz, Johann Franz Anton Reichsfreiherr von Sirgenstein, nach Weißenstein gekommen. Graf Gaudenz hatte ihm einen 6spännigen Wagen entgegengeschickt, ließ sämtliche Glocken läuten und die sechs in Weißenstein vorhandenen Geschütze Salut donnern. Den ankommenden Bischof empfing der damalige Weißensteiner Pfarrer Steinmeyer mit einem kleinen lateinischen Gebet.
Der Weihbischof war im Hause Rechberg kein Unbekannter, hatte er doch schon die ganze Zeit das Projekt ‘Wallfahrt auf dem Bernhardus’ mit seinen Zustimmungen und Lizenzen begleitet.
Aus dem Augenzeugenbericht zur Weihe der neuen Wallfahrtskirche
Am 21. Juni 1733 begab sich der Weihbischof zusammen mit sämtlichen anwesenden Klerikern, der Herrschaft - Graf Gaudenz und seine Ehefrau Gräfin Maria Adelheid - und ihren Gästen vom Weißensteiner Schloss zu der eineinhalb Stunden entfernten neuen Kirche. In der alten, noch vorhandenen Kapelle zogen die Geistlichen ihre zeremoniellen Gewänder an. Anschließend formierte sich die Prozession vor dem Hauptportal der neuen Kirche und trotzte dabei dem Regenwetter.
Das Hauptportal war - wie die alte Kapellentür - in grüner Farbe gestrichen. Im Bogen über der Tür war eine Inschrift in Gold, Silber und weiteren Farben angebracht. Unter der Schrift befand sich ein Bildnis des Heiligen Bernhard, umgeben von vielen Gebrechlichen und hilfesuchenden Menschen. Die grüne Kirchentür wurde begleitet von vier Säulen, über denen sich das Wappen der Stifter befand - das Rechberg- und Törring-Seefeld-Wappen. Eine weitere Inschrift fand man am Eingang zur Sakristei im Glockenturm.
Die gesamte Prozession betrat zügig unter Trompetenfanfaren die neue Kirche. Beim Einzug in die Kirche wurde das Kreuz vorangetragen, dann folgten zwei Akolythe mit brennenden Kerzen, dann zwei Choralisten und schließlich der gesamte Klerus und zum Schluss 6 auf spanische Art gekleidete Knaben mit Fackeln. 4 Priester trugen auf einem nach allen Regeln der Kunst verzierten ‘serculo’ das Gnadenbild des Bernhard (= Translation des Gnadenbildes)
Überlegungen zum Augenzeugenbericht
An dieser Stelle will ich die Schilderungen zur Weihe der Kirche kurz unterbrechen. Der Bericht des Augenzeugen ist von Bedeutung, weil hier die Überführung (Translation) der Bernhardsfigur aus der alten Kapelle in die neue Kirche beschrieben wird. Damit ist eine bis heute in der Kunstwissenschaft herrschende Frage - ob für die Kirche eine neue Bernhard-Figur geschaffen wurde - eindeutig geklärt. Die in der ehemaligen Wallfahrtskirche aufgestellte Figur war zuvor bereits in der alten Kapelle gestanden und war als Gnadenbild in die neue Wallfahrtskapelle überführt worden. Bis heute ist diese kleine wundertätige Figur erhalten geblieben und befindet sich jetzt in der Wallfahrtskirche auf dem Hohenrechberg.
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| Heiliger Bernhard, vor 1690 - © GvT |
Noch mehr Einzelheiten aus dem Augenzeugenbericht zur Weihe
Außer dem Stifterpaar Graf Gaudenz und seiner Frau Gräfin Adelheid waren zahlreiche Gäste gekommen: Gräfin Maria Anna Fugger von Kirchheim geb. von Stein, die Herren Cajetan und Aloys Fugger von Kirchheim, Baron Bero von Rechberg-Osterberg - der Neffe und designierte Erbe von Graf Gaudenz, die aus der Nachbarschaft stammende Gräfin von Adelmann zu Hohenstatt samt ihren Kindern und dann Baron Reichlin zu Maisenburg aus dem Großen Lautertal mit Tochter und Sohn. Die adeligen Herrschaften wurden von den Beamten und Bediensteten begleitet. Nach den Ehrengästen drängte sich eine große Menge andächtigen Volks in die Kirche.
Während der Weihefeierlichkeiten assistierten dem Bischof die Geistlichen aus der Umgebung, so der Weißensteiner Pfarrer, sein Frühmesser, die Pfarrer von Ickingen, Bettringen, Weiler (i.d.B.), Treffelhausen, Winzingen und schließlich der Benefiziat vom Bernhardus und der Kaplan des Bischofs. Der Hochaltar wurde geweiht, nachdem das Gnadenbild seinen neuen Standort gefunden hatte. Wieder erklangen die Geschütze, begleitet wurden sie von Trompeten.
Soweit der Bericht des Augenzeugen.
Weitere Ausstattung der Kirche
Die Kirche war zu diesem Zeitpunkt ihrer Weihe noch nicht vollständig ausgestattet. Im Laufe der Zeit wurde die Innenausstattung der Bernharduskirche stetig ergänzt. Ein Inventar aus dem Jahre 1774 gibt hierzu einigen Aufschluss. So gab es eine große Monstranz sowie eine kleine silberne Monstranz mit einem Partikel des Heiligen Bernhard. Des weiteren war ein Ciborium (= Gefäß zur Aufbewahrung der konsekrierten Hostien) vorhanden. Dazu gab es mehrere Kelche - darunter einen, der ein Geschenk des Prälaten von Kaisheim (altes Kloster nördlich von Donauwörth) gewesen war; einen anderen hatte der Prälat des Klosters Schönthal geschenkt. Außerdem gab es noch zwei von der ‘Heiligenfabrik’ angeschaffte Kelche.
Mit dem Geschenk des Kaisheimer Prälaten, Roger Friesl, hatte es eine besondere Bewandnis. Nach seiner überstandenen Krankheit war Prälat Friesl am 17. April zu seiner versprochene Wallfahrt gekommen. An seinem Ziel gab er ein reichliches Opfer - wohl jenen im Inventar von 1774 erwähnten Kelch.
Es gab außerdem noch 5 Kruzifixe im Kirchenschatz. Eines war schwarz und mit Silber beschlagen, ein zweites war aus Messing hergestellt, zwei bestanden aus Holz, und das letzte war teilweise vergoldet. Dazu kamen 30 versilberte Leuchter. Die Ausstattung wurde zudem durch mehreren Messbüchern ergänzt. Des weiteren gab es einen Prozessionshimmel, Weihkessel, eine Kirchweihfahne und kleine Ausstattungsgegenstände, wie beispielsweise Blumenvasen. Ebenfalls zur Ausstattung gehörten mehrere Messgewänder und Zubehör, Altartücher und Auflagen.
Pilger und ihre Votivgaben
Die Nachrichten von den Wundern auf dem Bernhardus am Ende der 1720er Jahre hatten sich in rasender Geschwindigkeit verbreitet. Seither strömten immer mehr Pilger zur Kapelle, insbesondere zu den seit Dezember 1728 genehmigten Messen. Dann begannen umliegende Pfarreien, Prozessionen auf den Bernhardus zu unternehmen. Die jährliche Zahl der benötigten kleinen Hostien lag bei einigen Tausend. Besonders im Jahre 1774 kamen nach der überstanden mehrjährigen Hungersnot haufenweise Pilger auf den Berg.
In dem eben in jenem Jahr 1774 angelegten Inventar zur Wallfahrtkirche sind zahlreiche silberne Votivgaben vermerkt: eine Votivtafel, die nicht weiter beschrieben ist, sodann 6 Herzen, 5 Füße, 1 Kopfstück, 1 ganze Person, 4 Augen, 1 St. Johanneszunge und noch einiges mehr. Ebenfalls bei den Votivgaben ist die mit Gold und Silber verzierte Statue des General Gaudenz erwähnt.
Die Bernhardus-Bruderschaft
Bei der Bernhardus-Kirche hatte sich auch eine Bruderschaft etabliert. Sie warb mit Bruderschaftszeichen, Bruderschaftsbildern und Bruderschaftszetteln für sich. Sie zelebrierte ihre Gemeinschaft an 4 Festtagen im Jahr - St. Johannes, St. Jakob, St. Bartholomä und St. Matthäus. Oftmals sahen Bruderschaften einen ihrer Hauptzwecke darin, sich auch um die wirtschaftlichen Bedürfnisse ihrer Mitmenschen zu kümmern. Mit den Einnahmen aus der Bruderschaftskasse gewährten die Mitglieder Bedürftigen kleine Kredite zu einem festgelegten Prozentsatz. Auf diese Weise trugen Bruderschaften dazu bei, notwendige Investitionen zu ermöglichen oder kurze Durststrecken zu überbrücken. Als Kreditnehmer wurden sowohl Männer als auch Frauen berücksichtigt.
Quellen und Literatur
GRFAD - einschlägige Archivalien zum Bau der Wallfahrtskirche auf dem Bernhardus, insbesondere der Bericht über die Weihe der neuen Wallfahrtkirche auf dem Bernhardus
Mittwoch, 28. Februar 2018
Die barocke Wallfahrt auf dem Bernhardus - Teil 3: Aufbau und Organisation einer Wallfahrt
© Gabriele von Trauchburg
Man fragt sich unwillkürlich, weshalb der damalige Inhaber der Herrschaft Weißenstein, Graf Gaudenz von Rechberg, sich so sehr für die am Bernhardus geschehenen Wunder interessierte, dass er die Bereitschaft und das Engagement für die Errichtung einer Wallfahrt entwickelte.
Die Herrschaft Weißenstein und die Anfänge der Wallfahrt
Machen wir jetzt einen Zeitsprung in das Jahr 1720. Der Spanische Erbfolgekrieg war seit fünf Jahren beendet. Die Bayern hatten zwar keine nennenswerten territoriale Verluste erlitten, doch die lange Kriegsführung hatte ihre wirtschaftlichen Spuren hinterlassen.Warum erwähne ich Bayern - ganz einfach: die Mitglieder der Familie Rechberg gehörten als Hofbeamte in den höchsten Rängen zur Elite am Münchner Hof. Und hier tritt besonders Graf Gaudenz von Rechberg-Weißenstein (1664-1735) hervor. Gemäß den Familiengesetzen hatte er als Senior der Familie 1719 die rechbergischen Herrschaften Weißenstein und Kellmünz geerbt.
Graf Gaudenz von Rechberg-Weißenstein (1664-1735) war ein beeindruckender Herrschaftsinhaber gewesen. Am Ende seines Lebens konnte er auf eine steile Karriere zurückblicken. Er hatte seine Laufbahn als kurkölnischer und bayerischer Kammerherr begonnen, wurde dann in Bayern Geheimer Rath, Obersthofmarschall, Hofkriegsratspräsident (= Verteidigungsminister), General-Feldmarschall-Leutenant (= höchster ausführender Militärbefehlshaber), Kommandant sämtlicher kurbayerischen Truppen, Kommandant der Hauptstadt München und Pfleger (= Verwaltungschef) der Hofmarken Weilheim, Mattighofen und Wöhrt (b. Erding).
Verheiratet war er mit der 4 Jahre jüngeren Gräfin Maria Adelheid Ludovica (1668-1748). Sie stammte aus der hochadeligen, einflussreichen und begüterten Familie der Grafen von Toerring-Seefeld. Sie war die Tante der beiden wichtigsten bayerischen Minister in der Zeit des Kurfürsten Maximilian Emanuel. Das Paar hatte 9 Kinder.
Das Interesse des Grafen Gaudenz von Rechberg an den Wundern
Sie haben gerade eben gelesen, welch beachtliche berufliche Karriere Graf Gaudenz am bayerischen Hof in München machen konnte. Auf die meisten seiner Zeitgenossen musste er wie ein beneidenswerter Mann wirken.Und dennoch hatte ihn das Schicksal schwer getroffen. Er war der Vater von 9 Kindern. Sieben von ihnen starben im Zeitraum zwischen 1692 und 1708 jeweils im Alter zwischen 2 Monaten und 10 Jahren. Sein ältester Sohn starb 1715 vermutlich an einer Typhus- oder Cholerainfektion während seiner Kavalierstour in Paris. Seine jüngste Tochter starb 1721 im Alter von 21 Jahren im Kindbett. Alle Todesfälle hatten eines gemeinsam: Die Kunst der Ärzte war damals noch nicht soweit entwickelt, dass sie hätte helfen können. Hilfe aus dem Glauben war die einzige Hoffnung - und der Heilige Bernhard bot nun genau diese Hilfe in der eigenen Herrschaft.
Wie organisiert man eine Wallfahrt - die Infrastruktur, der Einzugsbereich
Es ist also nicht verwunderlich, dass sich Graf Gaudenz nach dem Bekanntwerden der Wundertätigkeit an der Kapelle auf dem Spitzkopf an das Bistum Konstanz mit der Bitte um die Genehmigung für das Abhalten von Gottesdiensten bei der Kapelle wandte.Das Jahre 1727 gilt als der Beginn der Bernhardus-Wallfahrt. Die Genehmigung für Gottesdienste wurde am 24. Juli 1728 erteilt. Ab diesem Zeitpunkt konnten nun mit Zustimmung des Konstanzer Weihbischofs Sirgenstein Heilige Messen in der Kapelle an einem tragbaren Altar gefeiert werden. Doch damit gab sich der Herrschaftsinhaber noch nicht zufrieden. Graf Gaudenz konnte beobachten, wie immer mehr Menschen auf den Bernhardus zu den Gottesdiensten kamen - sogar im Winter!! - und von immer neuen Wundern berichtet wurde. So beschloss der Graf, eine Wallfahrtskirche auf dem Spitzkopf zu errichten. Doch dafür mussten zuerst mehrere Voraussetzungen gegeben sein.
1. Die notwendigen Nachweise für die Wundertätigkeit
Die Diözese Konstanz verlangte schriftliche und bestätigte Nachweise für die auf dem Spitzkopf geschehenen Wunder. Diese waren mehreren Personen aus der katholischen Reichsstadt Schwäbisch Gmünd widerfahren. Diese sollten nun im Zuge des Genehmigungsverfahrens befragt und die schriftlichen Ergebnisse nach Konstanz übermittelt werden.
Von vier Personen sind die Wunder im Detail überliefert. Ein junger Mann aus Schwäbisch Gmünd litt an einer schmerzhaften Entzündung in seinen stark angeschwollenen Genitalien. Bewusst pilgerte er auf den Bernhardus, um zu beten. Als dabei seine Schmerzen unerträglich geworden waren, konnte er nicht mehr widerstehen und kratzte sich an der Entzündung. Die Haut platzte auf, der Eiter floss ab und die Hautlappen konnten später Ärzten entfernt werden. Alle Zeitgenossen führten die Heilung der Entzündung auf die Hilfe des Heiligen Bernhard zurück.
Ein weiterer Geheilter war ein Soldat, der zuvor in Ungarn gekämpft hatte. Die Verletzung, die er sich zugezogen hatte, stammte allerdings nicht aus einem heldenhaften Kampf, sondern er hat sie sich beim Stehlen von Kirschen zugezogen. Er war auf einen Baum geklettert, hatte einen besonders ertragreichen Ast mit dem Säbel abgeschlagen und beim Herunterklettern fiel dieser Mann vom Baum. Doch hatte er sich bei dieser Aktion nicht etwa einen Knochenbruch zugezogen, nein - er verlor seine Stimme. Er war fortan nicht mehr in der Lage zu sprechen. Er wurde aus dem Dienst entlassen und nach Hause geschickt. Über seine in der Region lebende Schwester hörte der Soldat von den Wundern auf dem Bernhardus, pilgerte hierher, betete und war fortan wieder in der Lage zu sprechen.
Der wohl prominenteste Geheilte war der Prälat des Klosters Kaisheim. Er musste starke Schmerzen in seinem Bein ertragen und stand Todesängste aus. In seiner Not gelobte er eine Wallfahrt zum Bernhardus für den Fall seiner Genesung. Und es ging dem Prälaten schlagartig besser. Die Schmerzen verschwanden fast vollständig. Als man sein krankes Bein mit einem Bildnis, das zuvor mit der Bernhardus-Figur in Berührung gekommen war, berührte, verschwanden die Schmerzen vollständig. Anfang April 1729 löste der Prälat sein Gelübde ein, kam auf den Bernhardus und machte eine großzügige Spende im Umfang von rund 250 Gulden.
Die genannten Fälle genügten zunächst jedoch noch nicht für die Begründung einer Wallfahrt. Aus diesem Grunde sollten weitere geheilte Personen befragt werden. Sie wohnten ebenfalls in der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd. Man wandte sich an den Magistrat der Stadt, doch der machte dem Vorhaben zunächst einen Strich durch die Rechnung. Seine Mitglieder wollten die Angelegenheit einfach aussitzen, gehörte man doch nicht zur Diözese Konstanz (Bernhardusberg), sondern zu Augsburg.
Als am Ende des Jahre 1729 noch immer keine schriftlich fixierten Nachweise vorlagen, wandte sich Graf Gaudenz zu Beginn des Jahres 1730 an den Augsburger Generalvikar Freiherr von Vöhlin mit der Bitte um Amtshilfe . Dieser beauftragte eigens einen Geistlichen, der die Befragung vornahm und bis Mitte Januar 1730 abschloss. Nun lag der bischöflichen Genehmigung nichts mehr im Wege.
2. Der Fundations- oder Stiftungsbrief
Der Stiftungsbrief für die Wallfahrt auf dem Bernhardus ist in lateinischer Sprache verfasst. Darin sind Graf Gaudenz und seine Frau Adelheid als Stifter der Wallfahrt auf den Bernhardus genannt.
Sie begnügten sich nicht nur, als Stifter genannt zu werden, sondern finanzierten zum überwiegenden Teil das neue Kirchengebäude sowie einen Benefiziaten, der dort den Pilgern zur Verfügung stand.
3. Die Finanzierung des Kirchenbaus
Die Wunder vom Bernhardus hatten sich schnell in der Region herumgesprochen. Dehalb strömten die Menschen von allen Seiten auf den Berg, in der Hoffnung auf ein Wunder auch für sich. Sie opferten hohe Summen, die allesamt für den Kirchbau verwendet werden sollten - und die Einnahmen flossen in beachtlicher Höhe.
In den Jahren 1729 bis 1733 kamen insgesamt ca. 1500 Gulden an Spenden zusammen. Den Rest - ca. 6500 Gulden übernahmen Graf Gaudenz und Gräfin Maria Adelheid aus eigenen Mitteln.
Quellen und Literatur
GRFAD - einschlägige Archivalien zur Wallfahrt auf den BernhardusMontag, 1. Januar 2018
Der italienische Barock in der Wallfahrtskapelle Hohenrechberg - Teil 10: Das Theatrum Sacrum
Die Wallfahrtskirche Hohenrechberg
Der italienische Barock in der Wallfahrtskapelle Hohenrechberg© Gabriele von Trauchburg
Teil 10: Das Theatrum Sacrum
Die neue Idee des Gianlorenzo Bernini
Der berühmte römische Bildhauer und Architekt Gianlorenzo Bernini formte in den 1650er und 1660er Jahren die Idee, die bis dahin zweidimensionale Darstellung des Heilsgeschehen dadurch lebendiger zu machen, dass er eine dritte Dimension einführte. Zu diesem Zweck begann er den Altar in den Chorraum hereinzurücken und die gesamte Umgebung des Altares in die Darstellung des Heilsgeschehens mit einzubeziehen. Die Grundlagen des Theatrum Sacrum waren gelegt. Erster Höhepunkte dieser neuen Gestaltungsideen ist die Kirche Sant'Andrea al Quirinale in Rom.Berninis Ideen und ihre Umsetzung durch Prospero Brenno
Prospero Brenno kannte ganz offensichtlich Berninis neue Ideen zur Gestaltung von Altären. Doch in Hohenrechberg besaß er erstmals die Gelegenheit, diese auch anzuwenden. Betrachtet man den Altarraum beim Betreten der Kirche, dann gewinnt man den Eindruck, dass er vom Boden bis zum Engel, der den großen Vorhang hält, aus einem zusammenhängenden Stück gearbeitet ist. Sogar die drei über dem Altar an der Decke schwebenden, die Szenerie beobachtenden Engel bilden zusätzlich den erweiterten Altarraum.| © GvT |
Gianlorenzo Bernini ist bei seinen Altarprojekten immer davon ausgegangen, dass es einen idealen Standort gibt, von dem aus das dargestellte Heilsgeschehen sich zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügt. Verändert der Betrachter seine Position innerhalb des Kirchenraumes, entdeckt er neue Aspekte des dargestellten Geschehens.
Um diesen Effekt zu erzielen, arrangierte Gianlorenzo Bernini den Chorraum auf völlig neue Weise. Zunächst rückte er den Altar deutlich in den Chorraum herein. Diesem Gestaltungsprinzip folgte auch Prospero Brenno in Hohenrechberg.
| © GvT |
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| © GvT |
Die vier musizierenden Engel auf dem Altar bilden das optischen Bindeglied zwischen dem auf der Wand aufgetragenen Blick in den Himmel und dem eigentlichen Altar mit dem Gnadenbild der Schönen Maria vom Hohenrechberg.
Der Eindruck eines Theatrum Sacrums wird noch durch die beiden
Logen des Oratoriums an der rechten Seite verstärkt.
Die kunsthistorische Bedeutung des Hohenrechberger Theatrum Sacrum
Der 1689 gestaltete Chorraum mit Hochaltar und Oratorium bildet ein Unikum im Werk von Prospero Brenno.Die Gestaltung des Chorraumes in der Münchner Theatinerkirche (1673-1675) folgt noch den traditionellen Vorstellungen. Die Annakapelle in der Franziskanerkirche Salzburg (1680) bot nicht genügend Raum, um die neuen Ideen von Gianlorenzo Bernini umzusetzen. Eine Anwendung der innovativen Vorstellungen Berninis findet sich auch nicht in der Klosterkirche Benediktbeuern (1687) oder in der Klosterkirche Weggental (1688). Als Grund hierfür sind wohl eher die Wünsche der jeweiligen Bauherren zu vermuten.
Prospero Brenno hatte also nur beim der Hohenrechberger Altar die neuartigen Ideen anwenden können. Da es vor 1688-89 keinen anderen Vertreter des italienischen Barocks und Verfechter von Gianlorenzo Berninis Ideen in der Umgebung von Hohenrechberg gab, blieb das hier erstmals umgesetzte Theatrum Sacrum einzigartig. Es ist damit das ältestes seiner Art wohl in ganz Süddeutschland.
Wie früh das Hohenrechberger Theatrum Sacrum entstand, lässt sich daran erkennen, dass die heute bekanntesten Heiligentheater erst 30 bis 50 Jahre später entstanden. Zu den bekanntesten zählt der Hochaltar des Klosters Weltenburg von den Gebrüdern Asam.
| Chor und Hochaltar der Klosterkirche Weltenburg, 1723-24 - © GvT |
Die Rezeption von Brennos Altargestaltung
Brennos Gestaltung des Hohenrechberger Hochaltares wirkte sich in der Folgezeit Wirkung auf die Gestaltung von Altären in der unmittelbaren Nachbarschaft aus.Winzingen
Die Winzinger Kirche St. Sebastian und Rochus war 1619 - also gerade zu Beginn des 30jährigen Krieges - von dem Graubündner Baumeister Anton Serro erbaut worden. Im Jahre 1694 - also 5 Jahre nach Abschluss der Arbeiten in Hohenrechberg - wurde sie umgestaltet.
Die künstlerische Verbindung zur nur wenige Kilometer entfernten Wallfahrtskirche Hohenrechberg findet sich bis heute in einigen Details.
| Engel als Schmuck eines Kapitels - inspiriert von den Engeln der Kapitelle von Hohenrechberg | - © GvT |
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| Kanzel mit Engelchen und einer aus Akanthusblättern herausragenden Traube, 1917 - © GvT |
Die künstlerische Beeinflussung bei der Umgestaltung der Winzinger Kirche durch den italienischen Barock von Hohenrechberg tritt am Hauptaltar zutage.
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| Rest des ehemaligen Hochaltars, 1694 - © GvT |
Lauterstein-Weißenstein
Aus den Heiligenrechnungen der Wallfahrtskirche Hohenrechberg kann man entnehmen, dass bei der Grundsteinlegung 1686 der junge Gaudenz von Rechberg-Weißenstein anwesend gewesen war. Er konnte also persönlich die Entwicklung der Kirche miterleben. Zudem war er ein enger Vertrauter des bayerischen Kurfürsten Maximilian Emanuel, der in denjenigen Zimmern in der Münchner Residenz lebte, die Prospero Brenno ausgestattet hatte. Es verwundert daher nicht, dass Gaudenz von Rechberg die Werke Prennos als Inspirationsquelle für den Weißensteiner Hochaltar nutzen ließ.
| Hochaltar in der Stadtpfarrkirche Weißenstein - © GvT |
| © GvT |
Wie schon in Hohenrechberg und in Winzingen erhält der Gläubige durch einen geöffneten Vorhang einen Blick in den Himmel, aus dem sich der Heilige Geist ergießt.
Quellen und Literatur
- Felix Ackermann, Die Altäre des Gianlorenzo Bernini - das barocke Altarensemble im Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation, Petersberg 2007- Gabriele von Trauchburg, Lauterstein - Weißenstein, Nenningen (Kirchenführer), Lauterstein 2015
- Heribert Hummel, Die Kirchen der Stadt Donzdorf (mit Winzingen), Weißenhorn 1995
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