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Montag, 28. Januar 2019

Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 6.5: Unterweckerstell - Die Kapelle als Investitionsbank für Kirchengebäude

© Gabriele von Trauchburg


In Teil 10.4. zu den Erläuterungen des Donzdorfer Kapellenwegs wird detailliert untersucht, wie sich eine Kapelle im Lautertal zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert finanzierte. Das Ergebnis sei hier kurz vorweggenommen: Geistliche Institutionen erhielten das Recht zum Geldverleih. Grund hierfür war, dass die Geldwirtschaft immer stärker um sich griff und auch das Land erreichte. Doch während in den großen Städten die Banken so berühmter Familien wie der Fugger und Welser in Augsburg oder der Besserer und Ehinger in Ulm agierten, gab es auf dem Lande ... niemand!!!
Wer also sollte ein derartiges Geschäftsmodell eröffnen, betreiben, keine Wucherzinsen verlangen, aber dennoch diesem neuen Wirtschaftsmodell zum Durchbruch verhelfen? Es kam nur eine Institution in Frage: die Kirche. Zudem war die Kirche diejenige Institution, die verwaltungstechnisch am weitesten entwickelt war und als überregionale Institution dafür sorgen konnte, dass keine individuellen Zinssätze, sondern ein einheitlicher Zinssatz flächendeckend durchgesetzt werden konnte.
In der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde deshalb innerhalb der Kirche erlaubt, Kredite zu vergeben und im Gegenzug einen festgeschriebenen Prozentsatz von 5 % an Zinsen zu verlangen. Diese Chance nutzten die Kapelle von Grünbach und die Kapelle von Unterweckerstell für sich, Unterweckerstell ab der Heiligenrechnung von 1589-91. Darin findet sich erstmals die Rubrik Ausgaben: Gelt - Hauptgut, damit man Zins erkhauffet.Der Titel der Rubrik ist äußerst aufschlussreich - man legt übergibt jemandem eine Geldsumme und kauft damit für sich selbst Zinseinnahmen.

Die Zahl der Kreditnehmer, vor allem Bauern und Handwerker aus der engeren Umgebung, lag anfangs bei zwei (1589-91) und stieg langsam auf vier (1595) und bis zur Jahrhundertwende auf sieben. Doch im Laufe der Zeit vermehrte sich die Zahl der von den Kapellenverwaltungen ausgegebenen Kredite bis 1679 auf 50 Kreditnehmer. Auffallend viele Kredite wurden zwischen 1769 und 1771 aufgenommen. Diese Entwicklung geht jedoch auf ein besonderes Ereignis zurück. Der damalige Herrschaftsinhaber von Donzdorf,  der junge Maximilian Emanuel von Rechberg, wagte ein wirtschaftliches Experiment. Er eröffnete seinen Untertanen die Möglichkeit, traditionelle Lehen - Häuser, Grundstücke - abzulösen und als Eigentum zu erwerben. Zahlreiche Donzdorfer wollten diese Gelegenheit nutzen, und nahmen deshalb Kredite in Unterweckerstell - und auch in Grünbach - auf.   
Mit diesem bisher in der Forschung wenig beachteten Material kann man also ziemlich genau die Entwicklung der Ökonomie auf dem Land beobachten (Teil 10.4, Label: Grünbach).

Neben der ländlichen Bevölkerung gibt es noch eine weitere Gruppe von Kreditnehmern. Es handelt sich dabei um kirchliche Verwaltungen. Blättert man die Heiligenrechnungen der Kirchen und Kapellen aus den Rechbergschen Herrschaften durch, so findet man eine ganze Reihe kirchlicher Verwaltungen mit Finanzbedarf: die Pfarrei St. Martinus Donzdorf, St. Laurentius in Hürbelsbach, die Wallfahrtskapelle zur Schönen Maria auf dem Hohenrechberg, die Pfarrkirche Ottenbach usw.
Die an die bedürftigen Institutionen ausgegebenen Krediten reichten von 20 bis 1291 Gulden, wie die nachfolgenden Beispiele zeigen.
  • 1613: St. Laurentius Hürbelsbach - 65 Gulden für das Gebäude  
  • 1690: St. Martinus Donzdorf - 200 Gulden, ursprünglich für eine neue Orgel, doch dann für eine neue, leider nicht näher bezeichnete Seitenkapelle
  • 1690: Kapelle Hohenrechberg - 333 Gulden für den Neubau der Kapelle
  • 1696: Kapelle Hohenrechberg - 533 Gulden für die Kapelle (Einbau der Orgel)  
  • 1701: St. Martinus Donzdorf - 200 Gulden für eine neue Orgel und 50 fl für weitere Arbeiten
  • 1703: St. Martinus Donzdorf - 1291 Gulden für den Neubau des Donzdorfer Pfarrhauses Hohenrechberg hat im gleichen Jahr die 533 fl von 1696 zurückgezahlt
  • 1729: St. Martinus Donzdorf - 48 Gulden für ein neues Kirchenpflaster
  • 1729: St. Peter Reichenbach - 20 Gulden ohne Verwendungsangabe 
  • 1739: St. Barbara Donzdorf - 401 Gulden für den Kapellenbau
  • 1741: St. Barbara Donzdorf - 20 Gulden zum Bau der Eremitage bei der Kapelle
  • 1741: St. Martinus Donzdorf - 25 Gulden für Bau- und Reparaturmaßnahmen am Pfarrhof
  • 1773: St. Martinus Donzdorf - 641Gulden für den Umbau von St. Martinus. Dies ist die erste Rate für den Beitrag. In der Folgezeit übernimmt St. Georg weitere Rechnungen und später fällige Zinsen, wie sich in den Heiligenrechnungen bis 1809 feststellen lässt.  
Das außergewöhnliche bei diesen Krediten ist, dass die geistlichen Kreditnehmer zwar zur Rückzahlung der Kredite verpflichtet waren, nicht jedoch zur Zahlung von Zinsen. Dies hatte zur Folge, dass Kredite über einen langen Zeitraum in Anspruch genommen werden konnten, wie das Beispiel von Hohenrechberg zeigt:
  • Hohenrechberg: Vom Kredit in Höhe von 333 Gulden (1690) standen 1733 noch 80 Gulden aus. 
  • St. Martinus: Vom Kredit in Höhe von 200 Gulden (1701) standen 1773 noch 200 Gulden aus. 
  • St. Martinus: Vom Kredit in Höhe von 1291 Gulden (1703) standen 1773 noch 706 Gulden aus. 
  • St. Martinus: weitere Kredite in Höhe von insgesamt 280 Gulden (ab 1741)
  • St. Barbara: Vom Kredit in Höhe von 401 Gulden (1739) standen 1773 noch 401 Gulden aus. 
Die Kreditvergabe an geistliche Kreditnehmer war räumlich beschränkt auf die Rechbergschen Herrschaften. Das bedeutet, dass sich diese Institutionen gegenseitig bei ihren Bauten unterstützten. Zudem zeigt die Heiligenrechnung von St. Georg in Unterweckerstell, dass sich ziemlich schnell die zinslosen Kredite zu großen Summen entwickeln konnten. Im Jahre 1773 hatte St. Georg deshalb Ausstände in Höhe von 1593 Gulden. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Pfarreiverwaltung St. Martinus die Filiale St. Georg als das eigene Schatzkästchen betrachtete. Für St. Georg bedeutete dies, dass die Kapellenverwaltung auf eine üppige Barockausstattung in der eigenen Kapelle verzichtete. 
Mit Hilfe der Vergabe von Krediten gelang es den Kapellenverwaltungen vom 16. bis 18. Jahrhundert, ihre Gebäude auf hohem künstlerischem Niveau auszustatten. Nur so war es möglich, dass sich in den ehemaligen Rechbergschen Herrschaften eine ganz eigene, von Bayern beeinflusste Kunstlandschaft kurz vor den Toren von Stuttgart entwickelte. Diese Bayerische Kunstexklave wird später in diesem Blog näher untersucht werden.

Quellen und Literatur

GRFAD - Heiligenrechnungen von St. Georg in Unterweckerstell




Mittwoch, 15. August 2018

Geschichte(n) der Stadt Donzdorf - Teil 5: Der Schmelzofen

© Gabriele von Trauchburg



Das Erz, so im Boden, ist nichts nutz.

Die Geschichte vom Donzdorfer Schmelzofen, der ältesten  frühindustriellen Anlage in unserem Landkreis


Der Donzdorfer Sandstein

Der Sandstein vom östlichen Albtrauf war schon im Mittelalter überregional bekannt und wurde zwischen dem 12. und 20. Jahrhundert in einem relativ großen Gebiet in zahlreichen Steinbrüchen rund um Donzdorf, Aalen und auch bei Lauchheim in Baden-Württemberg abgebaut.
Die in Donzdorf gebrochenen Steine dienten als Hauptwerkstoff für das Ulmer Münster, die St. Michaelskirche in Schwäbisch-Hall, die beiden Burgruinen Staufeneck und Hohenrechberg, dem Donzdorfer Schloss mit allen seinen Gebäudeteilen und -  gut sichtbar - seiner Schlossmauer sowie der Gingener Johanneskirche und im 19. Jahrhundert für die Fabrikbauten der SBI (Süddeutsche Baumwollindustrie) zwischen Kuchen und Gingen.
Dieser Donzdorfer Sandstein ist Bestandteil der ‘Eisensandstein-Formation’ des Süddeutschen Juragesteins. Dieses besteht aus mächtigen Sandsteinen, in die z.T. Eisenerzflöze eingelagert sind und früher abgebaut in Wasseralfingen, Kuchen und Geislingen wurden. Die Basis der Formation bildet in unserer Umgebung der Untere Donzdorfer Sandstein. Die Obergrenze ist der Top des Oberen Donzdorfer Sandsteins, wobei der eigentliche Eisensandstein im Unteren Donzdorfer Sandstein eingebettet ist.
Die räumliche und strukturelle Gliederung der Gesteinseinheiten der Eisensandstein-Formation stimmt weitgehend mit dem hier auftretenden Braunen Jura oder der Periode des Mitteljura überein. Deren Zusammensetzung ist in erster Linie von eisenführenden braunen Sandsteinen und Tonen geprägt. Sie hat eine maximale Mächtigkeit von bis zu 60 Metern.
Die Eisensandstein-Formation enthält, wie der Name bereits vermuten lässt, eisenoxidhaltige Sandsteine, daher kommt auch deren rostbrauen Gesteinsfarbe. Das Eisen ist lokal in größeren Mächtigkeiten zusammen geschwemmt worden. In Ostwürttemberg wurden zwei Flöze mit 1,4 und 1,7 m Mächtigkeit von 1365 bis in die 1950er Jahre in Geislingen bergmännisch abgebaut. Die Flöze haben zwischen 21 und 42% Eisengehalt und 26 bis 31% Kieselsäuregehalt. Dieser hohe Kieselsäuregehalt ist für die Verhüttung sehr ungünstig.

Donzdorfer Sandstein - © GvT

Im Mittleren Jura herrschte warmes Klima, das Amoniten günstige Lebensbedingungen bot. Anhand der einzelnen Vertreter dieser Spezies lässt sich die gesamte Epoche weiter untergliedern.
Der Mitteljura entstand vor 161,2 bis 175,6 Mio Jahren. Er wird in folgende vier Stufen unter gliedert: ‘Callovium’ (164,7–161,2 Mio Jahre), ‘Bathonium’ (167,7–164,7 Mio Jahre), ‘Bajocium’ (171,6–167,7 Mio Jahre) und die älteste Stufe ‘Aalenium’ (175,6–171,6 Mio Jahre). Diese letzte Stufe ist nach der ostwürttembergischen Stadt Aalen benannt - und dieses Schicht ist die Grundlage für die Bergwerke in Wasseralfingen, Geislingen und Kuchen sowie für den Schmelzofen in Donzdorf.
Die Schlüsse aus diesen Fakten: In Donzdorf ist auf einem Gestein gebaut, das aufgrund seiner Zusammensetzung einerseits fest genug, aber andererseits für filigrane Bearbeitung geeignet ist. Der Stein sich relativ leicht in welcher Form auch immer bearbeiten lässt. Vor allem die relativ einfache Verarbeitung ist für unser Thema später noch von großer Bedeutung.


Obervogt Johann Benedikt Jehlin und seine Entdeckung

Historische Karten oder der Donzdorfer Urkataster aus den 1820er Jahren enthalten meistens auch auch die alten Flurnamen. Diese mögen heute ihre Bedeutung verloren haben, aber für einen Historiker oder Volkskundler enthalten sie höchst interessante Aufschlüsse, so auch in unserem Zusammenhang.
Offenbar muss den Menschen vor rund 300 Jahren bewusst gewesen sein, dass in ihrer Umgebung Bodenschätze zu finden waren. Warum sonst bezeichneten sie den Aufstieg auf die Alb beim Messelstein als Kupfersteige und der oben anschließende Wald als Kupfersteighölzle? Ob gezielt gesucht oder nur durch Zufall entdeckt - im Jahre 1715 fand der Rechbergsche Obervogt Johann Benedikt Jehlin, der seit 1712 die Position des rechbergischen Obervogtes einnahm, während eines Rittes über die Kupfersteige Steine, die er als stark metallhaltig einstufte. Woher Jehlin stammte, was für eine Ausbildung er erhalten hatte, das weiß man nicht. Jedoch aufgrund seiner anschließenden Aktivitäten muss man davon ausgehen, dass er Kenntnisse über Erze und ihre Verarbeitung bereits besessen hatte.
Mit herrschaftlicher Billigung schickte er seine Steinfunde 1715 an Gutachter nach Stuttgart, Augsburg, Ulm, Wasseralfingen und München. Jeder der befragten Experten untersuchte die Proben auf Gold-, Silber-, Kupfer- und Eisengehalt. Ihre Ergebnisse stimmten alle überein. Vom erhofften Gold wurde zwar überhaupt nichts gefunden, von dem ebenfalls erwünschten Silber höchstens ganz geringe Mengen, Kupfer konnte gar nicht nachgewiesen werden, dafür aber Eisen in gewinnbringendem Maße. Die Funde von Donzdorf wurden als höherwertig, denn die aus Wasseralfingen, wo ja bereits Erz abgebaut wurde, eingestuft. Die übereinstimmenden Ergebnisse führten dazu, dass Jehlin unter Billigung der Herrschaft mit dem Entwurf für einen Schmelzofen begann.

Armut als Antriebsfeder

Nicht nur Jehlin, sondern auch die Donzdorfer Herrschaft hatte größtes Interesse daran, dieses vielversprechende Projekt zu verfolgen. Der Hintergrund liegt in den Folgen des Spanischen Erbfolgekrieges (1701 - 1713/14).
Die wirtschaftliche Situation in Donzdorf war nach dessen Ende alles andere als rosig. Die Rechberg hatten sich dem bayerischen Kurfürsten Maximilian Emanuel angeschlossen und an seiner Seite vernichtende militärische Niederlagen erlitten. Ihre kleine Herrschaft Blindheim bei Höchstädt war das Zentrum der Kampfhandlungen an der Donau und völlig zerstört. Der damalige Triumphator - John Churchill, der 1. englische Herzog von Marlborough - konnte aufgrund der Siegesgelder sich ein neues Schloss erbauen, und er nannte es nach dem Ort seines größten Trimphes - Blindheim bzw. auf englisch Blenheim Castle. Es ist dasjenige Schloss, in dem der englische Premier Winston Churchill seine Jugend verbrachte. (Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Blenheim_Palace)

Selbst nach dem Ende der Kriegshandlungen waren noch immer Einquartierungen von Husaren an der Tagesordnung, zudem bluteten Zahlungen für deren Ausrüstung und Verpflegung das Land aus. Obervogt Jehlin berichtete regelmäßig über die schwierigen Bedingungen im Lautertal an seine Herrschaft nach München. Graf Franz Albrecht von Rechberg machte sich ernsthafte Gedanken über den Zustand seiner Herrschaft: Daß die Dunzdorffischen Underthanen nit reich sein, will ich woll glauben; warumben sie aber so gar arm sein, wie ihr schreibt, das wais ich nit; ihr solt aber die Ursach, durch welche sie in so grosse Armueth khommen, berichten. Ist dan kein Mitl, wie diese Armuth zu steuren? 
Graf Franz Albrecht war der damalige Inhaber von Donzdorf. Er hatte wichtige Positionen am kurfürstlichen Hofe in München inne, besaß mehrere Herrschaften in Schwaben und in Bayern, dennoch war er auf die Einnahmen auch aus Donzdorf angewiesen. Deshalb zog der Graf aus der schlechten wirtschaftlichen Situation schon bald Konsequenzen. Er verfolgte den Gedanken, sich vom Kaiser einen genehmigten Viehmarkt einrichten zu lassen. Und trotz großer Skepsis erteilte der Graf einem Schatzsucher die Erlaubnis, nach einem Schatz beim Schloß Scharfenberg zu suchen - von dem gerüchteweise dort vergrabenen 10.000 Gulden wurde nichts gefunden, die Rechnung des Schatzsuchers war allerdings gewaltig.
Konkrete Hoffnungen auf eine schnelle Veränderung der Lage konnte hingegen der damalige Donzdorfer und Hohenrechberger Obervogt Johann Benedikt Jehlin mit seinem Projekt von einem Schmelzofen wecken.


Investitionen und Kalkulationen

Obervogt Jehlin war kein Träumer, sondern durch seinen Beruf bedingt ein sorgfältiger Planer und Rechner. Dies bewies er wiederum bei der Planung des Schmelzofens. Alles in allem rechnete Jehlin in Bezug auf einen Schmelzhof mit Investitionskosten in Höhe von 23.600 Gulden. Darin enthalten waren die Baukosten für mehrere Gebäude, eine erste Fuhre Kohlen, Betriebsmittel, Löhne usw.
In einem nächsten Schritt erstellte Obervogt Jehlin eine Gewinnprognose für das Vorhaben. Dazu errechnete er zuerst einen Durchschnittswert für das geförderte Eisen. Nach seiner Rechnung konnten innerhalb von 24 Stunden 20 Zentner Eisen gewonnen werden. Weiter ging Jehlin davon aus, daß man an sieben Tagen in der Woche im Schmelzofen arbeiten würde, also in einer Woche 140 Zentner gewinnen könnte. Innerhalb von elf Monaten, so errechnete er weiter, könnte man also 6720 Zentner Eisen fördern, für Instandsetzungsarbeiten an den einzelnen Werkselemente setzte Jehlin einen Monat pro Jahr an.
Diesen günstigen Prognosen standen die erforderlichen Energiekosten gegenüber. Jehlin war der Meinung, daß pro Woche 18 Wagen mit Kohle gebraucht würden. Für das Brennmaterial und dessen Transport veranschlagte er wöchentliche Kosten von 126 Gulden.
Für die von ihm errechneten 6720 Zentner Eisen veranschlagte Jehlin einen Verkaufswert von 2 Gulden pro Zentner. Somit kam er zu dem Schluß, daß im günstigsten Fall mit Einnahmen von 13.440 Gulden in einem Jahr zu rechnen war.
Dennoch war Jehlin kein grenzenloser Optimist. Aufgrund der Konstruktionsvoraussetzungen erkannte Jehlin die Problematik, dass die Wasserversorgung für den zweiten Ofen, den Läuterofen, im Winter gefrieren konnte. Für die Wasserzufuhr zum Schmelzofen hingegen bestand diese Gefahr nicht, denn angeblich konnte das Wasser in der Leitung aus Deicheln nicht gefrieren.

Arbeitsplätze

Die gesamte Anlage konnte nur mit Hilfe von Spezialisten betrieben werden. Jehlin ging davon aus, daß man einen Schmelzer, 6 Schmelzknechte, einen Pocherknecht, zwei Kohleträger, 7 Erzknappen, 3 Kalksteinbrecher, 14 Führer für die Kalksteine, 42 Führer für das Erzgestein, dann Schlackenführer, Schlackenwäscher und schließlich noch täglich 5 Tagelöhner als Arbeitskräfte benötigte. Das bedeutete, daß in diesem Werk mehr als 80 Personen Arbeit finden sollten. Nicht wenige dieser Aufgaben konnten von Tagelöhnern aus der direkten Umgebung erledigt werden. Falls also das Werk gebaut werden würde, bedeutete dies eine Verbesserung der Lebenssituation für mehr als 80 Familien.

Gewinnprognose

Jehlin zog von den erwarteten Jahreseinnahmen die entsprechenden Ausgaben ab und errechnete zuerst eine Summe von 1.718 Gulden Gewinn. Später korrigierte er seine Prognose noch um 976 Gulden nach oben - ohne hier allerdings den Grund dafür anzugeben - und kam so schließlich in seinem ungefehrlichen Überschlag, was das Eisenschmelzwerk zu Donzdorff jehrlich ertragen mechte, nämlich einen Gewinn von 2654 Gulden.
Vergleicht man diese Prognose mit dem Ertrag der aus den Orten Donzdorf und Wißgoldingen bestehenden Herrschaft Donzdorf, dann erkennt man, daß die Einnahmen aus diesen beiden Orten ziemlich genau der für den Schmelzofen vorhergesagten Gewinnsumme entsprach. Die Einnahmen des Amtes Donzdorf betrugen im Jahr 1722 ohne die Erträge aus dem Schmelzwerk 2622 Gulden. Graf Franz Albert hätte Geld in die Hände bekommen, das in seinem Umfang dem Besitz einer weiteren großen Herrschaft entsprochen hätte.

Zustimmung der Herrschaft

Der Herrschaftsbesitzer genehmigte die Investitionspläne. Da die Rechberg die Inhaber des sogenannten Bergregals waren, lag es an ihnen, als Besitzer möglicher Bodenschätze das Privileg zu ihrem Abbau erteilen.
Graf Franz Albert hatte nicht mehr die Gelegenheit, die Durchführung des Projektes Schmelzofen zu erleben. Zwar hatte er noch einen Vertragsentwurf ausfertigen lassen, in dem  alle Zuständigkeiten von Herrschaft und Obervogt Jehlin geregelt wurden, doch verstarb Graf Franz Albrecht, bevor der Vertrag unterzeichnet werden konnte.
Doch auch Graf Franz Albrechts ältester Sohn, Ferdinand Joseph, war an diesem Projekt höchst interessiert. Auf der Basis des Vertragsentwurfs entwickelte er einen eigenen Vertrag, den er am 16. März 1716 mit Jehlin abschloß. Dieser Vertrag sah folgende Punkte vor:
  • 1. Jehlin erhielt die Erlaubnis zum Bau sämtlicher notwendigen Gebäude auf Unterweckersteller Markung
  • 2. Da die geplanten Bauten Auswirkungen auf die Abgabenzahlungen der Untertanen hatten, mußte sich Jehlin verpflichten, in Verhandlungen mit den betroffenen Hofstelleninhabern zu treten, und die entstandenen Schäden durch Geldzahlungen oder Grundstückstausch auszugleichen. Deutlich stellt Graf Ferdinand Joseph jedoch klar, daß die Arbeiten am Schmelzwerk nicht durch die Weigerung eines Unterthanen in Verzug geraten durften. Falls einer mit der gebotenen Entschädigung nicht zufrieden sein sollte, sollte ein unabhängiges Schiedgericht endgültig über die angemessene Summe entscheiden.
  • 3. Graf Ferdinand Joseph verkaufte Jehling das notwendige Bauholz ohne Preisreduktion aus seinen Wäldern und unterstützte ihn bei dessen Abtransport.
  • 4. Benötigte Rohstoffe wie z.B. Kohle, die unmittelbar für die Inbetriebnahme des Schmelzofens notwendig waren, mußte Jehlin wieder auf eigene Kosten herbeischaffen lassen.
  • 5. Das Eisenerz durfte Jehlin an allen Fundstellen abgraben, wenn er sich zuvor mit den Besitzern der jeweiligen Grundstücke friedlich über eine Abfindung geeinigt hatte.
  • 6. Sämtliche künftigen Kosten mußten allein von Jehlin getragen werden.
  • 7. Jehlin musste jährlich ein Bestandsgeld in Höhe von 400 Gulden in den ersten drei Jahren bis 1719, danach in den folgenden 17 Jahren jeweils 1000 Gulden in bar an die herrschaftliche Kasse entrichten. 
  • 8. Das Unternehmen war zunächst auf einen Zeitraum von 20 Jahren angelegt. Sollte die Eisenhütte nach dieser Zeit noch immer Bestand haben, dann würde sie der Herrschaft anheim fallen. Bei dieser Gelegenheit wollte man eine Bilanz ziehen. Der Wert aller zu diesem Zeitpunkt vorhandenen Rohstoffe und hergestellten Produkte sollten Jehlin erstatten werden. Anschließend stand es der Herrschaft frei, die Eisenhütte an einen Lehensträger ihrer Wahl verleihen zu können.
  • 9. Sollte Jehlin innerhalb der nächsten 20 Jahre frühzeitig scheitern und mit seinen Bestandszahlungen in Verzug geraten, so viel die Schmelzofenanlage an die Herrschaft.
  • 10. Auch sollte das Unternehmen ein Ende haben, wenn das Erz in Unterweckerstell erschöpft sein sollte. Die im Jahre 1716 erteilte Lizenz für die Schmelzhütte erstreckte sich allein auf den Abbau von Eisenerz.

Suche nach Investoren

Weil Jehlin gezwungen war, das Schmelzwerk auf eigene Kosten einzurichten, benötigte er eine große Kreditsumme. Von Graf Ferdinand Joseph konnte er keine Gelder erwarten. Jehlin warb daher um möglichst große Summen von wenigen, finanzkräftigen Geldgebern. Seine Frau half ihm bei deren Beschaffung und setzte dabei anscheinend ihre weyblichen Freyheiten bewusst ein, wie ihr später vorgeworfen wurde. . 
Zu den Kreditgeber gehörten u.a.
    die württembergische Landhofmeisterin Gräfin von Würben
    das Kloster Kaisheim bei Donauwörth
    ein Kurpfalzbayerischer Hofkammerrat aus der Nähe von Donauwörth
    die Hohenrechbergische Kapelle und
    die Unterweckersteller Kapelle.
Beide Kapellen waren Wallfahrtskapellen, die durch Geldanlage ihr Vermögen weiter vergrößerten und dann Kleinkredite an bedürftige Menschen aus der Umgebung vergaben.

Kapelle St. Georg in Donzdorf-Unterweckerstell - © GvT


Fundstätten

Das Erz konnte teilweise unmittelbar unter der Erdoberfläche gewonnen werden. Diesen Rückschluss kann man aus der Tatsache ziehen, dass offenbar immer wieder der Notwendigkeit bestand, neue Grundstücke für den Schmelzhüttenbetrieb zu erwerben. Das bedeutet, daß zunächst keine Stollen in den Berg geschlagen werden mußten, sondern das erzhaltige Gestein kurz unter der Oberfläche zu finden war.
Erst später bestand die Norwendigkeit, Gruben anlegen lassen. Für diesen Zwecke benötigte Jehlin 1722 zum Abstützen der Gänge 52 Holzstämme aus dem Marren.

Aufkauf von Gelände

Zuerst brauchte Johann Benedikt Jehlin den Bauplatz, wo er seine Anlage errichten wollte. Zu diesem Zweck hatte er einen Platz etwa halbwegs zwischen Donzdorf und Unterweckerstell ausgesucht. Von verschiedenen Bauern beider Orte kaufte Grund.
   

Energie-Effizienz: Der erste Donzdorfer Stausee

Für den Betrieb des Schmelzofens wollte Jehlin die im Tal vorhandene Wasserkraft nutzen. Es gibt zwar reichlich Wasserläufe, die aber - jeder für sich allein genommen - einen zu geringen Wirkungsgrad besaßen. Daher war die Anlage eines kleinen Stausees unumgänglich. Durch das Sammeln des Wassers und die anschließend kontrollierte Abgabe über Holzwasserleitungen (Deicheln) auf mindestens ein Wasserrad konnte dieses Problem überwunden werden. Diese Arbeiten wurden mit dem Begriff ‘Wassergebäu’ umschrieben.


Die Bestandteile des Schmelzhofes

Die Köhlerei

Zwar hatte Jehlin bei seiner Betriebskalkulation ursprünglich geplant, den Schmelzofen mit Kohle zu befeuern. Doch die Hinweise auf Holzkäufe im Marren und Albbuch in den Donzdorfer Amtsrechnungen sowie auch aus weiter entfernt gelegenen Wäldern um Straßdorf und Schwäbisch Gmünd lassen darauf schließen, dass er dieses Holz in Holzkohle umwandeln ließ und diese dann als Brennstoff verwendete. Die so gewonnene Holzkohle wurde im Kohlhaus gelagert. Das Simonsbachtal muss damals völlig verqualmt gewesen sein!

Das Pochwerk

Bevor das Erz aus dem Gestein geschmolzen werden konnte, mußten die Gesteinsbrocken zerkleinert werden - was aufgrund des Donzdorfer Sandsteins relativ leicht gelang. Dieser Arbeitsgang erfolgte im sogenannten Pochhaus durch mit Wasserkraft betriebenen Hämmern. Die Existenz eines solchen Pochwerks belegt die Amtsrechung von 1722. Das Wasser wurde dann auf ein Wasserrad geleitet, mit dessen Hilfe die Hämmer des Pochwerkes bewegt wurden. Diese zerkleinerten das erzhaltige Gestein, aus dem im anschließenden Schmelzwerk das Erz herausgeschmolzen wurde.
Das Werk wurde nicht direkt am vorbeifließenden Simonsbach - auch Schmelzofenbach genannt - errichtet, sondern über eine Wasserleitung versorgt. Jehlin hatte sich für diese Bauvariante entschieden, weil der Simonsbach immer wieder starkes Hochwasser führte.

Der Schmelzofen

Am 1. Oktober 1715 war Grundsteinlegung für den Schmelzofen - also vor 295 Jahren. Er war ein würfelförmiger Bau aus Stein mit einer Höhe, Breite und Länge von 24 Schuh (= ca. 8 Meter).
Jehlin war erleichtert, als er vor dem Bau feststellen konnte, daß am Schmelzhaus sich ein Steinbruch gezeigt, aus dem das Baumaterial entnommen werden konnte. Er wertete diesen Umstand als glückliche Fügung Gottes. Doch war sich Jehlin nicht sicher, ob der Bau noch in jenem Jahr 1715 abgeschlossen werden konnte. Auf alle Fälle hatte er bereits das herrschaftliche Wappen von einem Maler anfertigen lassen. Nach dieser Vorlage sollte ein Bildhauer die entsprechenden Formen herstellen, damit man später die Wappen gießen konnte.
Damit bei diesem Verfahren eine ausreichende Temperatur erreicht wurde, wurde über große, vom Wasser gleichmäßig bewegte Blasebalge Luft in das Feuer geblasen. Also auch hier wurde wiederum die Wasserkraft des Schmelzofenbachs benötigt und genutzt.  

Der Läuterofen

Zusächlich zum Schmelzofen hatte Jehlin einen Leuterofen geplant. Dort sollte das Roheisen noch einmal erhitzt werden. Bei diesem Arbeitsgang war eine noch höhere als beim ersten notwendig, denn nur so gelang es, die noch im Eisen enthaltenen Verunreinigungen entfernen zu können. Anschließend wurde das reine Eisen in Gewichte gegossen.
An dieser Stelle darf man durchaus die Vermutung äußern, dass die in den 1790er Jahren in Weißenstein unbrauchbar gewordenen Eisenkanonen vielleicht aus Donzdorfer Eisen hergestellt worden waren.  

Schlackestein vom Schmelzhof in Donzdorf - © GvT


Die Produktpalette

Das im Schmelzofen gewonnene Eisen fand bereits in Donzdorf seine Abnehmer. So erwarb 1722 die Herrschaft unterschiedliche Gewichte im Gesamtvolumen von 34 Pfund. Weiter wurden für das Schloss 4 eiserne Öfen, 1 Herd und 1 Ofenplatten erkhaufft. Das herrschaftliche Jägerhaus erhielt 1724 einen Höllofen und die neue Amtsküche zwei Herdplatten.   
Die Herrschaft scheint das Eisen als Spekulationsobjekt entdeckt zu haben, denn sie kaufte immer wieder Eisenbarren in größerer Stückzahl auf. 

Die Geschäftsentwicklung

Zunächst scheint das Unternehmen erfolgreich gewesen zu sein. Zwar sind keinerlei detaillierte Abrechnungen vom Schmelzofen vorhanden, doch anhand der Donzdorfer Amtsrechnungen erhält man Einblick in die Geschäfte der Schmelzhütte. Die erste im Vertrag vereinbarte Zahlung von 400 fl ist in der Rechnung von 1718 enthalten. Danach hat Jehlin seine erste Rate an Jakobi 1717 entrichtet. Ab 1721 stiegen die Raten - wie vertraglich 1716 vereinbart - auf 1000 fl an.

Die Wende

Die einstmals hochgesteckten Hoffnungen auf satte Gewinne begannen sich seit spätestens 1722 zu verflüchtigen. In jenem Jahr richteten mehrere Gläubiger ihren Forderungen an Graf Aloys Clemens, der daraufhin das Vermögen von Jehlin einfror. Der Gmünder Kaufmann Johann Eustach Jaufter und seine Schwäger hatten sich bereits dessen Schäferei übertragen lassen. Für Jehlin wurde es immer schwieriger, neues Kapital zu beschaffen. Im Jahre 1723 konnte der Schmelzofen gerade mal 15 Wochen im Jahr betrieben werden.
Doch es kam noch schlimmer. Nachdem es der württembergischen Landgräfin von Würben und Freudenthal nicht gelungen war, ihre Zinsforderungen gerichtlich einzutreiben, erschien sie persönlich im Januar 1724 in Donzdorf, um dort Fakten zu schaffen. Der damals kranke Jehlin musste ihr auf ihr Drängen 5500 Zentner Eisenbarren, jeder Zentner per 2 Gulden 5 Kreuzer käufflich überlassen, welches einer Summa von 11.458 Gulden 20 Kreuzern ausmachet und wird, weilen man das Eyßen hochnöthig, Freytag oder Samstag mit dem Transport der Anfang gemacht werden, und muessen die Württembergischen Underthanen in denen Ambtern Göppingen und Heydenheim solches in der Frohn auf Königsbronn füehren...
Als Graf Aloys Clemens von diesem Geschäft erfuhr, legte er sein Veto dagegen ein, weil er diesen unerwartet schnellen Abschluss als schalckhafftigen und dem Grafen höchstschädlichen Streich betrachtete. Seine Donzdorfer Beamten mussten nun den Abtransport blockieren, was wiederum den Ruf von Jehlin noch weiter schädigte, hatte dieser doch gehofft, mit den Einnahmen aus diesem Verkauf sämtliche Kreditgeber auszahlen zu können.
Johann Benedikt Jehlin wies den Grafen Aloys Clemens vergeblich darauf hin, dass er mehrfach versucht hatte, sein Eisen zu verkaufen, es in Ulm nicht an den Mann gebracht hatte, man ihm in Ellwagen nur 1 Gulden für den Zentner geboten hatte und so betrachtet die von der Landgräfin gebotenen 2 Gulden und 5 Kreuzer ein äußerst erfreuliches Angebot gewesen waren.
Als Jehlin im württembergischen Amt Göppingen die Vorgänge rund um die Donzdorfische Blockade erklären wollte, wurde er gefangen genommen, ins Gefängnis nach Schorndorf gebracht und dort mehrere Wochen festgehalten. Gleichzeitig wurde in den Wirtshäusern der Umgebung öffentlich verkündigt, dass wenn man Jehlin Geld leiht, man keinen Kreuzer mehr zurückbekommen würde - der Ruf war endgültig ruiniert. Die Versuche seiner Frau, Geld für sich und ihre 10 Kinder durch den Verkauf von Stroh zu erwirtschaften, wurden ihr verboten. Sie konnte auch kein Vieh verkaufen, es war ihr verboten, die Trescher zu bezahlen. Außerdem wurde Jehlin, der sich nie etwas bei der Verwaltung der Rechbergschen Herrschaft Donzdorf hatte zuschulden kommen lassen, seines Amtes enthoben und seine Familie musste schleunigst die Dienstwohnung und den angegliederten Bauernhof verlassen.  
Jehlin sah sich daher gezwungen, die im Vertrag von 1716 eingefügte Klausel, anzuwenden, wonach er sein Werk verkaufen muss, wenn er in finanzielle Schwierigkeiten gerät. Er bot es weit unter Wert dem Grafen Aloys Clemens als Gesamtpaket für 6.500 Gulden an.
Jehlins Frau Anna Maria versuchte, bei der Gräfin Marie Eleonore Verständnis für die Lage der Familie zu erreichen. Sie schildert ihren Mann als einen rechtschaffenen Beamten, der auch dann, als der Schlosshof vollständig überschwemmt und die Roggenernte vollkommen vernichtet gewesen war, seine Bestandsgelder für den Schlosshof in vollem Umfang, ohne Abzüge an die Herrschaft entrichtet hatte. Doch alle Fürsprachen halfen nichts. Ab 1726 werden die Donzdorfer Amtsrechnungen von einer neue Handschrift ausgeführt, d.h. dass Jehlin den Posten eines Donzdorfischen Obervogtes verloren hatte.
Was ist mit ihm passiert? Es scheint, als ob man Johann Benedikt Jehlin und seiner Familie den Schmelzofen überlassen hat. Dieser ist weiterhin in Betrieb und die Herrschaft wird noch 1727 mit der Lieferung von reinem Eisen und Abschlägen auf das Bestandsgeld befriedigt. 
Nachdem die extrem schwierigen Jahre 1724 und 1725 überstanden waren, scheint der Schmelzofen noch einige Jahre auf kleinem Niveau Bestand gehabt zu haben. Über sein endgültiges Ende gibt es keine Nachrichten. 


Fazit aus den Vorgängen zwischen 1715 und 1725

Johann Benedikt Jehlin war ein für seine Zeit genialer Mann gewesen. Er hatte die Möglichkeiten, die sich im Simonsbachtal geboten hatten, erkannt. Sein größtes Problem war nicht mangelndes technisches Verständnis, sondern das zu geringe Eigenkapital.
Aus diesem Grunde stürzte er, als es zu einer Absatzkrise für Eisen auf den umliegenden regionalen Märkten kam, in eine massive Schuldenkrise. Die einsetzende Teufelsspirale  tat ihr übriges: Die Verweigerung der Herrschaft, dem Verkaufs-Deal mit Württemberg zuzustimmen, verschärfte die Krise. Jehlins Festnahme und die öffentliche Verkündung seiner Zahlungsschwierigkeiten sowie der Entzug des Vertrauens durch die Herrschaft führte zu seinem wirtschaftlichen Niedergang. Jehlin hatte viel riskiert und viel verloren.


Was ist geblieben?

Außer dem Hausnamen ‘Schmelzhof’ und den Archivalien im Gräflich Rechbergschen Familienarchiv in Donzdorf gibt es kaum noch Überreste von der ältesten frühindustriellen Anlage in unserem Landkreis.
Schon im Württembergischen Urkataster finden sich keine Hinweise mehr auf die ehemaligen Anlagen. Das Areal wurde zu einem Bauernhof umgebaut, aus dem sich die Wohnhäuser zweier Familien samt Nebengebäuden entwickelt haben.
In diesen Familien ist die Kenntnis über die Lage der ehemaligen Schachteingänge noch lebendig. Außerdem findet man auf ihrem Gelände hin und wieder schwarz glänzende Schlackesteine, Überreste aus der Zeit des Schmelzofens.
Die Kenntnis über die Existenz von Eisenerz in unserer Heimat ist auch gegenwärtig den großen deutschen (ehemaligen) Montanunternehmen durchaus geläufig. Im Gingener Rathaus gibt es Karte, in der die Schürfrechte für das gesamte Gingener und Donzdorfer Marrengebiet samt dem Simonsbachtal eingetragen sind. Ob und wie lange diese Schürfrechte noch Bestand haben werden, muss ich bei Gelegenheit einmal recherchieren.

Quellen und Literatur

GRFAD - einschlägige Archivalien zum Donzdorfer Schmelzhof



Mittwoch, 16. Mai 2018

Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 4.1: Hürbelsbach - eine kleine Siedlung im Mittelalter

© Gabriele von Trauchburg


Die erste schriftliche Erwähnung dieser kleinen Siedlung zwischen Süßen, Donzdorf und Gingen/Fils im Landkreis Göppingen stammt aus dem Jahr 1143. Der Ort selbst ist jedoch erheblich älter.
Wenn man eine solche Behauptung aufstellt, sollte es doch möglich sein, noch tiefer in die Geschichte einzutauchen. Gute Dienste leistet dabei oftmals die Untersuchung des Ortsnamen.

Die Bedeutung des Ortsnamen

Der Ortsname Hürbelsbach gibt die Lage am gleichnamigen Bach, der weiter oberhalb am Marren entspringt, an. Die Bezeichnung kommt wohl aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet ‘schmutziger Bach’. Tatsächlich kann man beobachten, dass dieses Gewässer an manchen Stellen über einen rostrot gefärbten Untergrund läuft. Dieser rührt von dem aus dem örtlichen Sandstein ausgewaschenen Eisen her. Der von der Geographie beeinflusste Ortsname hilft uns also bei der Datierung von dessen Alter nicht weiter.
Die frühe Geschichte der Siedlung ist jedoch mit der des benachbarten Dorfes Gingen/Fils aufs engste verknüpft. Und diese Verbindung gilt es jetzt näher unter die Lupe zu nehmen.  

Das Geschenk der Königin Kunigunde von 915 an das Reichskloster Lorsch

Das Reichskloster Lorsch an der Bergstraße lag etwa 60 Kilometer von Mainz entfernt. Bis zu seiner Auflösung im Jahre 1234 war es eines der bedeutendsten Klöster des Mittelalters. Die deutsche Königin Kunigunde befürchtete Ende 914/Anfang 915 einen baldigen Tod. Aus diesem Grund wollte sie sicher sein, dass Mönche des Klosters Lorsch regelmäßig für ihr Seelenheil beten würden.

Gedenkplatte für die in der ehemaligen Klosterkirche Lorsch unter anderen begrabene deutsche Königin Kunigunde - © GvT

Zu diesem Zweck schenkte Königin Kunigunde am 8. Februar 915 den Lorscher Mönchen einen breiten Streifen Land. Die Einnahmen daraus sollten zum Unterhalt der Klosterbrüder beitragen. Die Mönche ihrerseits sicherten der Königin zu, dass sie nach ihrem Tode regelmäßige Gebete für die Königin übernehmen würden.

Die Torhalle aus der Karolingerära am Eingang zum ehemaligen Reichskloster Lorsch - © GvT

In der zugehörigen Urkunde der Königin ist allerdings nur von Gingen/Fils die Rede. Dass die Schenkung jedoch nicht nur Gingen umfasste, erfährt man aus einem weiteren Lorscher Dokument. Weil Klöster nur über rechtliche Auseinandersetzungen ihre Stellung und ihren Besitz wahren konnten, waren sie zur lückenlosen Dokumentation ihrer Rechte und Besitzungen gezwungen. Daher funkionierten ihre Verwaltungen vorbildlich. So verwundert es nicht, dass es für das Kloster Lorsch eine Besitzaufzeichnung inklusive der damit verbundenen Rechte gab - den sogenannten Codex Laureshamensis.
In dieser leider undatierten, aber wohl um 1000 entstandenen Aufzeichnung ist die Gruppe der zur Schenkung von Gingen gehörenden Orte erwähnt. Danach umfasste sie die Orte Grünenberg, Gingen, die verschwundene Siedlung Marrbach am Fuße des Marren, Hürbelsbach sowie die verschwundenen Siedlungen Birchwang, Winterswang und Richardsweiler, aus dem die Jackenhöfe im Ottenbacher Tal hervorgingen.

Karte der zur Gingener Schenkung  der Königin Kunigunde gehördenden Orte - © Entwurf: GvT

Nun können wir also den Umfang der Schenkung von Königin Kunigunde genau umreißen: deren Nordende lag auf dem Aasrücken zwischen Hohenstaufen und Hohenrechberg und der südlichste Punkt war die Siedlung Grünenberg bei Gingen. Die in der Besitzaufzeichnung genannten Orte besaßen die Form einer Sichel. Das gesamte Gebiet zwischen Grünenberg und den Jackenhöfen unterstand dem klösterlichen Verwaltungsverband mit Sitz in Gingen und dessen Pfarrei. Die Siedlung Hürbelsbach bestand im 10. und 11. Jahrhundert gerade einmal aus einem großen Gehöft, auf dem nach Schätzungen von Archäologen rund 30 Menschen lebten. Die Menschen bearbeiteten ihre Äcker und leisteten ihre Abgaben. Laut Besitzverzeichnis lieferten die Hürbelsbacher in erster Linie Kleie ins Kloster - das zugehörige Korn wurde auf dem Markt verkauft und die Geldeinnahmen nach Lorsch geschickt. Dieses langgestreckte Gebilde hatte bis kurz nach 1100 Bestand.


Quellen und Literatur

 Gabriele von Trauchburg, 1100 Jahre Gingen an der Fils, Gingen 2015

Dienstag, 27. März 2018

Die barocke Wallfahrt auf dem Bernhardus 

Teil 9: Das Ende der Wallfahrtskirche auf dem Bernhardus, Zusammenfassung 

© Gabriele von Trauchburg

Was fängt man mit einer geschlossenen Kirche an?
Mit der Überführung der Bernhardus-Figur auf den Hohenrechberg begann die Zerstörung der Bernharduskirche. Am 18. Oktober 1806 wurden die ersten Kirchengeräte nach Donzdorf gebracht. Eine heute noch vorhandene Aufstellung besagt, dass eine Monstranz, ein Ziborium mit Deckel und Krone, 3 Kelche mit 3 Patenen und 2 Löffeln, zwei hölzerne schwarze, mächtig versilberte Kruzifixe schließlich noch ‘Kirchenwäsche’ (= Altartücher) nach Donzdorf gebracht worden waren. Einen Tag später erhielt die Kirche von Hohenrechberg ebenfalls in einer Liste zusammengefasste Gegenstände, unter anderem 3 Messbücher, 1 Evangelienbuch, Rosenkränze und große, schwere Kerzen.
Dem Treffelhauser Mesner und Orgelmacher Johann Schweizer war die Aufgabe übertragen worden, den Wert der Orgel auf dem Bernhardus festzulegen. Da das Basso-Octav-Register nicht mehr richtig funktionierte, wurde die Orgel auf den geringen Wert von 22 Gulden veranschlagt. Aufgrund einer herrschaftlichen Weisung wurde die Orgel der Kirche in Ottenbach zugesprochen, wo Maximilian Emanuel von Rechberg ebenfalls Patronatsherr war.

In der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Lauterstein-Weißenstein befinden sich heute zwei große weiße, teilvergoldete Statuten auf dem Hochaltar - der Heilige Maximilian Emanuel und die Heilige Walburga, die Namenspatrone des Herrscherpaares. Die beiden Figuren befanden sich ursprünglich auf dem linken Seitenaltar in der Bernhardus-Kirche und wurden aus der Wallfahrtskirche in die Stadtpfarrkirche gebracht und dort in den Hochaltar eingefügt. Drei kleinere Figuren in der Stadtpfarrkirche - darunter ein Sebastian und ein Antonius von Padua - könnten aufgrund ihres Stils ebenfalls aus der Wallfahrtskirche stammen. 

Der Heilige Maximilian Emanuel, um 1764 - ursprünglich aus der Wallfahrtskirche auf dem Bernhardus - © GvT


Die Heilige Walburga, um 1764 - ursprünglich aus der Wallfahrtskirche auf dem Bernhardus - © GvT



Vorbereitungen zur Versteigerung der Wallfahrtskirche im Oktober 1808 
Zunächst war das weitere Schicksal des Kirchengebäudes unklar gewesen. Erst zwei Jahre nach der Schließung entschloss man sich, die Kirche samt Benefiziatenhaus zum Abriss freizugeben, nachdem sämtliche für den Patronatsherren interessanten Objekte aus der Kirche geholt und auf seine anderen Patronatskirchen verteilt worden waren. 

Für die eigentliche Versteigerung Ende Oktober 1808 wurde eine Aufstellung erarbeitet, in der mögliche Werte nach Interessengruppen untergliedert wurden. So kamen spezielle Lose für Schreiner, Zimmerleute und Maurer zustande. Der Materialwert der Kirche wurde mit 1599 Gulden veranschlagt, der des Benefiziatenhauses mit 680 Gulden. Die Bretter des Kirchenbodens, die Kanzel, der Choraltar, die Nebenaltäre, Bet- und Beichtstühle, die Wandkästen in der Sakristei, zwei innere Kirchentüren und vieles mehr sollten an den Mann gebracht werden. Man hoffte, dass Zimmerleute die Balken, Bretter und Nägel vom Kirchendachboden gebrauchen könnten, und es fanden sich sicherlich Maurer, die für die über 18.400 Dachplatten Verwendung hatten. 


Die Versteigerung
Zur Versteigerung der Wallfahrtskapelle im 25. Oktober 1808 wurden eigene Regeln geschaffen. Unter anderem hieß es in den Anweisung, dass jedem Bieter verdeutlicht werden sollte, dass die betroffenen Gebäude auf dem Bernhardus nicht stehen bleiben, sondern zum Abbrechen und Abräumen versteigert werden sollen. Die Käufer wurden verpflichtet, ihre ersteigerten Werte innerhalb von 8 Tagen abzubauen und wegzubringen. Die Kosten für Abbau und Abtransport wurden ihnen auferlegt. Um eine möglichst große Anzahl an Interessenten auf den Bernhardus zu locken, wurden öffentliche Bekanntmachungen herausgegeben und Ausschreibung an die umliegenden Pfarreien verschickt.

Das Ergebnis der Versteigerung vom 25. Oktober 1808 war folgendes:
  • der mit 125 fl angesetzte Choraltar fand keinen Käufer, 
  • die beiden Nebenaltäre für 125 fl gingen an die Pfarrkirche nach Treffelhausen,
  • die mit 40 fl taxierte Kanzel wurde für 25 fl nach Salach verkauft, 
  • ebenso gingen 20 Betstühle für 21 fl nach Salach (der Salacher Pfarrer erwies sich als hart im Verhandeln und konnte sich überwiegend durchsetzen); 
  • 5 Beichtstühle wurden für 3 fl nach Weiler (i.d.B.) verkauft, 
  • 4 einfache Beichtstühle ergatterte der Obermüller Joseph Hämmerle von Weißenstein, 
  • 2 Stühle aus dem Chor ersteigerte Wolfgang Nägele aus Treffelhausen, 
  • 2 Betstülchen sicherte sich der Salacher Pfarrer Ruf, 
  • 1 Stülchen kaufte Joseph Schmied von Weißenstein und 
  • 2 Wandkästen aus der Sakristei konnte Gabriel Nägele von Weißenstein gebrauchen.
  • Die beiden Glocken mit 701 Pfund Gewicht wurden zunächst in der Hauptversteigerung ausgesetzt, weil sich kein Käufer gefunden hatte. Dann hatte der Nördlinger Jude Nattan sein Interesse bekundet, die Glocken gewogen und pro Pfund 26 Kreuzer geboten. Damit erhielt er den Zuschlag und bezahlte noch im November 1808 die Summe von 303 Gulden und 36 Kreuzern.
Den Abriss von Kirche und Benefiziatenhaus wollte ein Konsortium von 8 Männern übernehmen, die insgesamt 800 fl auf zwei Jahre verteilt dafür zu zahlen bereit waren. Wie weit sie in ihrer Arbeit bereits fortgeschritten waren, lässt sich am letzten Verkauf vom 20. Februar 1809 erkennen. Gabriel Nägele aus Weißenstein erwarb zu diesem Zeitpunkt den 9 Meter hohen, ehemals mit 125 fl angesetzten Choraltar für 15 Gulden. Er musste sich mit dem Ausbau desselben beeilen, weil die Kirche damals schon weitgehend abgebrochen war.

Zieht man Bilanz eine Bilanz von der Versteigerung, so muss man feststellen, dass die versteigerten Gegenstände großenteils weit unter Wert verkauft werden mussten. Die Erklärung hierfür liegt auf der Hand. Die Versteigerung fand in der Zeit nach der Säkularisierung des kirchlichen Gutes und der Mediatisierung der kleinen Adelherrschaften statt. Zum einen herrschte ein großes Überangebot an derartigen Angeboten auf dem Markt und die Napoleonischen Kriege taten das Ihre zum Verfall der Preise. Zum andern bevorzugte man in der Zwischenzeit einen modernen Stil - den Klassizismus. Damit galten die angebotenen Stücke als veraltet und minderwertig.

Welche Erkenntnisse ergeben sich nun zur barocken Wallfahrt auf den Bernhardus?
1. Die barocke Bernharduswallfahrt kam dem Bedürfnis der Menschen im 18. Jahrhundert besonders bei medizinischen Problemen entgegen. Sie pilgerten auf den Bernhardus, um dort für allgemeinen Beistand und insbesondere bei ihren Gebrechen zu bitten und zu erhalten.
2. Mit dem Bau der Wallfahrtskirche wurde der stetig steigenden Anzahl der Pilger ein Raum gegeben, der ihren Bedürfnissen Rechnung trug. 
3. Die Kirche wurde im damals höchst modernen Stil des Barocks errichtet. Ihr Architekt, ihr Baumeister und die beteiltigten Kunsthandwerker gehörten zur Elite ihrer Zunft in jener Zeit.
4. Aus heutiger, kunsthistorischer Sicht ist der Verlust der Kirche ein Jammer. Die Wallfahrtskirche reihte sich in eine bedeutende Gruppe von barocken Kirchenbauten mit der Degginger Wallfahrtskirche Ave Maria und der Weißensteiner Stadtkirche ein. Gemeinsam begründeten sie eine kunsthistorische Einheit, die nicht von der Region, sondern von Bayern geprägt ist.
5. Das Ende der barocken Wallfahrt war nicht - wie man in den meisten bisherigen Darstellungen lesen kann - durch die Philosophie der Aufklärung hervorgerufen worden, sondern durch den drohenden Bankrott der Rechbergischen Herrschaften in den Napoleonischen Kriegen und der Not des unterversorgten Pfarrers in der Hohenrechberger Pfarrei.
Die bisherigen Deutungen beruhen auf falschen Annahmen. Dem bedeutenden Pfarrer Joseph Rink wird in diesem Zusammenhang Unrecht getan, ebenso dem scheinbar willenlosen Maximilian Emanuel von Rechberg. Stattdessen waren beide Männer hochgebildet. Maximilian Emanuel war Jurist, der das Kirchenrecht sehr gut kannte. Außerdem waren beide Männer Verfechter der katholischen Aufklärung und nicht - wie immer wieder unterstellt wird - der radikalen Aufklärung eines D’Alembert oder eines Holbach. Rechberg und Rink mussten Probleme lösen, die denen der heutigen katholischen Kirche in Deutschland in fataler Weise ähneln.
6. Heute finden sich nur noch wenig Überreste der barocken Wallfahrtskirche. Allen voran steht die alte Bernhardus-Figur bis heute auf dem rechten Seitenaltar in der Kirche auf dem Hohenrechberg. Dort findet sie jedoch nicht dieselbe Beachtung wie die ‘Schöne Maria’ im Hauptaltar. Bei der Beschreibung der Wallfahrt zum Hohenrechberg im Heimatbuch von 2004 wurde diejenige zum Bernhardus völlig ignoriert, nicht einmal ein Bild von der Figur wurde abgedruckt - das hat er definitiv nicht verdient. 
Die beiden lebensgroßen Statuen im Weißensteiner Hauptaltar wurden oben bereits näher betrachtet.
Die nach Salach verkauften Stücke sind wohl spätestens mit dem Neubau der katholischen Kirche zu Beginn des 20. Jahrhunderts vernichtet worden. Die Treffelhauser Nebenaltäre wurde spätestens beim Dorfbrand im 19. Jahrhundert ein Raub der Flammen.
Der wohl markanteste Überrest der barocken Wallfahrt befindet sich heute auf zahlreichen Hinweisschildern - das Logo der Glaubenswege ist dem Aufriss der Wallfahrtskirche auf dem Bernhardus nachempfunden. Auf diese Weise ist die Existenz der barocken Wallfahrt präsenter denn je, obwohl kaum jemandem die Grundlage dieses Logos bewusst ist..

Logo, Ausschnitt aus dem Titelblatt des Wanderführers 'Glaubenswege'


Quellen und Literatur
GRFAD - einschlägige Archivalien zur Bernhardus-Wallfahrt
Gabriele von Trauchburg, Lauterstein - Kirchenführer, Lauterstein 2015
Glaubenswege. Wege für den Geist, die Seele; zum Wandern und Genießen - Wanderführer, Schwäbisch Gmünd 2016 (www.glaubenswege.de)

Donnerstag, 22. März 2018


Die barocke Wallfahrt auf dem Bernhardus 

Teil 8: Die Bernhardus-Wallfahrt als Retterin einer Pfarrei

© Gabriele von Trauchburg



Um das letzte Kapitel der barocken Wallfahrt auf den Bernhardus zu verstehen, müssen wir jetzt einen Sprung auf den rund 10 Kilometer Luftlinie entfernten Hohenrechberg machen.

Am 6. April 1798 berichtete der Hohenrechbergische Obervogt Schabel voller Empörung von  einem eigenmächtigen Handeln des dortigen Pfarrers Grupp, der eine Sammlung für die Verschönerung der Altäre in der Kirche auf dem Hohenrechberg veranstaltet hatte. Der Obervogt kritisierte diese Aktion vor allem deshalb, weil die Untertanen von Hohenrechberg durch die lange angedauerte Kriegserleidnisse (= französische Revolutionskriege) und andere Unfälle tiefest (finanziell) erschöpft und von schweren Schulden (durch die Betragsforderungen der Kriegsparteien) gedruckt sind ... und kümmerlich ihren nothdürftigen LebensUnterhalt gewinnen können.


Die Maßnahme des Pfarrers hatte jedoch einen ernsten Hintergrund, der in die Gründungszeit der Pfarrei zurückreicht. Mitte der 1760er Jahre hatten sich die Bewohner von Rechberg mit der Bitte, in einer eigenen Pfarrei zusammengefasst zu werden, an das Bistum Konstanz gewandt. Bis zu diesem Zeitpunkt gehörten sie nach wie vor zur Pfarrei Waldstetten. Der Waldstetter Patronatsherr, die Fürstpropstei Ellwangen, lehnte die Forderungen der Rechberger rundweg ab.
Dennoch leitete das Bistum Konstanz ein Prüfungsverfahren ein, in dem die Argumente beider Seiten zu Papier gebracht wurden. Vor allem beklagten die Bewohner Rechbergs, dass sie den beschwerlichen, sehr steilen Weg nach Waldstetten im Winter kaum bewältigen konnten - Taufen für Rechberger Säuglinge konnten nur im Sommer vollzogen werden.
Im ersten Entscheid vom 16. Juni 1767 sprach sich Konstanz für die Gründung einer eigenen Pfarrei aus. Ellwangen lehnte jedoch weiterhin ab und brachte den Fall vor das Erzbistum Mainz. Am 12. Oktober 1771 schließlich fällte Erzbischof Emmerich Joseph von Breidbach zu Bürresheim (1707-1774) seine Entscheidung zugunsten der Gläubigen von Rechberg.
Die anschließenden Verhandlungen um die Versorgung der künftigen Pfarrer auf dem Hohenrechberg konnten im November 1772 zwischen dem Bistum Konstanz und Maximilian Emanuel von Rechberg abgeschlossen werden. Der Gründungsvertrag der neuen Pfarrei auf dem Hohenrechberg wurde am 7. April 1773 vom Konstanzer Bischof ratifiziert. Der Stiftungsvertrag enthielt eine Klausel, die in jedem Fall die Sicherung des Einkommens für den Pfarrer gewährleistete. Für den schlimmsten Fall verpflichtete sich das Haus Rechberg als Patronatsherr, Einkommenseinbußen des Stelleninhabers auszugleichen.
Die Notwendigkeit, aber auch die Problematik dieser Klausel trat bereits kaum drei Jahrzehnte später in der Napoleonischen Zeit offen zutage. Wie die Bevölkerung in seinen Herrschaften besaß Maximilian Emanuel von Rechberg in dieser von ständigem Krieg und von zahllosen Truppendurchmärschen geprägten Zeit keine Einnahmen mehr aus seiner gleichnamigen Herrschaft - diese Gelder wurden wechselweise von den Kriegsparteien Frankreich und Österreich eingezogen und für ihre Kriegsführung verwendet.
Nur sein Einkommen als bayerischer Hofbeamter schützte Maximilian Emanuel von Rechberg vor dem Bankrott. Aus diesem Grunde hatte Rechberg wohl seinen Pfarrer angehalten, die Wallfahrt zu fördern. Doch scheinen die eingeleiteten Maßnahme nicht die gewünschte Wirkung hervorgebracht zu haben.

Neue Ideen brauchte die Pfarrorganisation
Die allgemeine politische Entwicklung mit ihren besonderen Auswirkungen auf die Pfarrei Rechberg zwang den Herrschaftsinhaber, über eine neue Möglichkeit der Finanzierung der von ihm gestifteten Pfarrei nachzudenken. Der findige Jurist Maximilian Emanuel von Rechberg sah die einzige Möglichkeit, der Pfarrei zusätzlich Geldmittel zu beschaffen, in der Suche nach unabhängig von den Einnahmen seiner Herrschaften bestehenden Einnahmen.
Daher stellte Maximilian Emanuel von Rechberg seit dem Jahre 1802 Überlegungen zur Übertragung des Gründungskapitals für das Benefiziums der Wallfahrt zum Heiligen Bernhard nach Hohenrechberg an. Mit diesem Benefizium war keine Pfarrei verbunden; die Seelsorge bezog sich allein auf die Pilger, die - wenn man sie zum Hohenrechberg umleitete - dort ebenfalls betreut wurden und dadurch gleichzeitig auch noch die Pfarrei Hohenrechberg unterstützen konnten.
Aus diesen Überlegungen heraus wandte sich Maximilian Emanuel von Rechberg im Mai 1806 an den Konstanzer Bischof. In seinem Schreiben bat er diesen, die arme Pfarrei Hohenrechberg dadurch unter die Arme zu greifen, dass er den Stiftungsfond der Bernhardus-Wallfahrt auf den Hohenrechberg übertragen würde. Seinen Schritt begründete Maximilian Emanuel geschickt damit, dass angeblich immer wieder der Vorwurf laut geworden war, dass der Andachtsort auf dem Spitzkopf zu weit von der Zivilisation entfernt sei und sich deshalb dort so manche Unsichtlichkeit zutrage. Ähnliche Vorwürfe finden sich ab den 1780er Jahren bei anderen entlegenen Wallfahrtsorten zuhauf, als man unter dem Einfluß der Aufklärungsphilosophie diese Einwände nutzte und innerhalb der katholischen Kirche gegen die teils ausufernden Formen der Volksreligiosität vorging, zahlreiche Wallfahrten einstellte und kleine Kapellen abriss.
Auf den ersten Blick mutet hier eine ähnliche Entwicklung auch für die Wallfahrt zum Heiligen Bernhard auf dem Bernhardus-Berg an. Die Verlegung geschah jedoch ausschließlich aufgrund wirtschaftlicher Voraussetzungen - doch wie heute auch: man muss die richtige Begründung liefern, um das zu erhalten, was man bekommen möchte.  

Proteste gegen die Aufhebung der Wallfahrt auf dem Bernhardus
Die Anstrengungen zur Verlegung der Wallfahrt blieben in der Region rund um den Bernhardus nicht unbemerkt. Mehrere Briefe an die Herrschaft enthielten scharfen Protest gegen das geplante Vorhaben. Doch sie konnten die Entwicklung letztendlich nicht aufhalten.

Die Verlegung der Wallfahrt vom Bernhardus nach Hohenrechberg 
Maximilian Emanuel von Rechberg erhielt die erforderliche Genehmigung zur Verlegung der Wallfahrt und konnte im Oktober 1806 die geplanten Veränderungen zugunsten der Pfarrei Hohenrechberg vollziehen lassen. Dem Hohenrechberger Pfarrer wurde damals aufgetragen, möglichst bei diesem Vorgang auf dem Bernhardus anwesend sein und sich eventuell einfindenden Menschen den Zweck dieser Übertragung erklären. In der Hohenrechberger Pfarrkirche sollte dann mit dem Einverständnis des Pfarrers die Statue des Heiligen auf einem Seitenaltar aufgestellt werden, und dieser dann künftig als St. Bernhardsaltar bezeichnet werden.

Gedenktafel von 1906. Sie erinnert an die Translation der Bernhardus-Wallfahrt vom Bernhardus nach Hohenrechberg - auf dem Bild zu sehen: die nach alten Plänen stilisierte barocke Wallfahrtskirche - © GvT

Der gesamte Vorgang wurde von einem bischöflichen Beauftragten überwacht. Anfang Oktober  (direkt nach dem 6. Oktober) nahm dieser die kleine wundertätige Statue des Heiligen Bernhard an sich und brachte sie anschließend in die Pfarrkirche nach Hohenrechberg. Dann kehrte er wieder auf den Bernhardus zurück und verschloss zusammen mit einem rechbergischen Beamten die Wallfahrtskapelle. Der bis dahin bei der Wallfahrt tätige Benifiziat sollte nach dem Willen des Maximilian Emanuel von Rechberg eine Pension und eine Wohnung in Weißenstein erhalten.



Das hier geschilderte Vorgehen zeigt, dass Rechberg zu demselben Mittel griff, die auch das Deutsche Reich in den Jahren 1802 und 1803 angewandte: Man hatte damals die Besitzungen der Kirche zugunsten des Staates eingezogen und die kirchlichen Würdenträger mit Pensionen abgefunden. Dieses Verfahren hatte nun auch Maximilian Emanuel von Rechberg angewandt - der große Unterschied dabei ist allerdings folgender: Während die Machthaber innerhalb des Deutschen Reiches das Kirchenvermögen und die Herrschaft über die kirchlichen Güter für sich selbst in Anspruch nahmen, übergab Maximilian Emanuel von Rechberg das Vermögen der Bernhardus-Wallfahrt wieder an die Kirche - hier: an die Pfarrei Hohenrechberg, um endgültig die in den 1790er Jahren aufgetretene Lücke in der Finanzierung dieser Pfarrei zu schließen.

Quellen und Literatur
GRFAD - einschlägige Quellen zur Wallfahrt auf dem Bernhardus
Gabriele von Trauchburg - Lauterstein. Der Kirchenführer, Lauterstein 2015
Gabriele von Trauchburg - Pfarr- und Wallfahrtskirche zur Schönen Maria auf dem Hohenrechberg, Kirchenführer, Rechberg 2016  

Montag, 1. Januar 2018

Der italienische Barock in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg - Teil 1: Die ersten Einschätzungen zum kunsthistorischen Wert der Wallfahrtskirche

Die Wallfahrtskirche Hohenrechberg

Der italienische Barock in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg



 © Gabriele von Trauchburg, September 2017


Teil 1: Die ersten Einschätzungen zum kunsthistorischen Wert der Wallfahrtskirche


Die kunst- und kulturhistorische Bedeutung der Innenausstattung in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg wurde über eine lange Zeit von Einschätzungen aus der zweiten Hälfte des 19.  und des beginnenden 20. Jahrhunderts geprägt. Karl Eduard Paulus ließ sich positiv von dem Reichtum der Stuckaturen beeindrucken, wie aus seiner Darstellung in der Oberamtsbeschreibung Gmünd von 1870 zu erkennen ist: Kräftige Portale führen in das Innere, einen weiten, schöngegliederten von Kreuz- und Tonnengewölben überspannten Raum, überraschend durch den Reichthum und die Pracht seiner Stuckaturen, welche die vielen Fresken an Wänden und Decke umziehen und sich über Pilaster, Altäre und Kanzel erstrecken. Aus ihren reichen Laubgewinden blicken viele treffliche Figuren besonders Engelsgestalten, und um die Kanzelbrüstung sitzen die vier Evangelisten. Auch die Kirchenstühle, und namentlich die Beichtstühle, sind von sehr bemerkenswerther Schönheit.

Die Wallfahrtskirche zur Schönen Maria auf dem Hohenrechberg, 1686-1689 - © GvT

Der in Schwäbisch Gmünd geborene Theologe und spätere Bischof Paul Wilhelm Keppler beschrieb in den 1888 erschienenen ‘Württembergs kirchliche Kunstalterthümer’ die Innenausstattung mit den kurzen Stichworten etwas grobe Stuckatur. Weitere Informationen zum Künstler oder zu den Ausführungen sucht man hier vergeblich. Die von Keppler gewählte Beschreibung lässt sich vor dem Hintergrund der durch Johann Michael Keller in Schwäbisch Gmünd eingeführten, leicht und graziös wirkenden Rokoko-Stuckaturen verstehen.

Eduard Paulus beschrieb im dritten Band der ‘Kunst- und Altertums-Denkmale im Königreich Württemberg' von 1907, der dem Jagstkreis und damit u.a. dem Oberamt Gmünd gewidmet ist, in wenigen Sätzen die Innenausstattung von Hohenrechberg. Im Innern Tonnen und Kreuzgewölbe mit derben Stuckverzierungen, die sich auch auf Altäre und Kanzel erstrecken, Laubgewinde mit Figuren von Engeln u.a. An der Kanzelbrüstung sitzen die vier Evangelisten in frei sich lösenden Figuren. ... Wo sich Keppler noch leicht negativ über die Ausstattung äußerte, hat Paulus zwanzig Jahre später ein deutlich abfälligeres Urteil gefällt.

In den von Georg Dehio begründeten Deutschen Kunstdenkmälern enthielt man sich einer Bewertung und beschränkte sich darauf, den Stuckateur Prosper Brenner zu benennen und zwar in der ins Deutsche übertragenen Version seines italienischen Namens. Danach verweist man auf die Volutengiebel. Besondere Eigenheiten, wie die abgebildeten mediterranen Früchte, bleiben unerwähnt.

Ob und welche dieser Einschätzungen nun tatsächlich die Bedeutung der Innenausstattung der  Wallfahrtskirche gerecht wird, werden die nachfolgenden Kapitel erweisen.

Quellen und Literatur

- Karl Eduard Paulus der Ältere unter Mitarbeit von seinem Sohn Eduard und – für das Geschichtliche – von Hermann Bauer, Beschreibung des Oberamts Gmünd, hrsg. v. d. Königlichen statistisch-topographischen Bureau, Stuttgart 1870, S. 405 - https://de.wikisource.org/wiki/Beschreibung_des_Oberamts_Gm%C3%BCnd/Kapitel_B_17

- Paul Keppler, Württemberg’s kirchliche Kunstalterthümer, Rottenburg am Neckar 1888, S. 135 - https://archive.org/stream/wrttembergskirc00keppgoog#page/n215/mode/1up

- Eduard v. Paulus/ Eugen Gradmann (Hrsg.), Die Kunst- und Altertums-Denkmale im Königreich Württemberg - Jagstkreis, Esslingen 1907, S. 453 - https://archive.org/stream/bub_gb_yxArAAAAIAAJ#page/n467/mode/2up

- Georg Dehio, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler - Baden-Württemberg I (Regierungsbezirke Stuttgart und Karlsruhe), bearb. v. Dagmar Zimdars, München 1993

Der italienische Barock in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg - Teil 3: Die Arbeiten des Prospero Brenno

Die Wallfahrtskirche Hohenrechberg


Der italienische Barock in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg



© Gabriele von Trauchburg



Teil 3: Die Arbeiten des Prospero Brenno


Über den 1638 geborenen  Prospero Brenno gibt es bis zum Alter von 34 Jahren keinerlei schriftliche Nachrichten. Das bedeutet, dass man keine Informationen über seine Ausbildung und seine ersten Aufträge besitzt. Auch für die Zeit danach findet man nur wenige schriftliche Unterlagen. Vielfach ist man deshalb darauf angewiesen, durch Stilvergleich die Werke Brennos zu identifizieren.

Würzburg, Rathaus - 1672
Erstmals in Akten nachweisbar wurde Prospero Brenno im Jahre 1672, als er in Würzburg den großen Saal im sogenannten ‘Roten Bau’ des Rathauses stuckierte. Dieser Saal wurde während des 2. Weltkriegs zerstört. Nur wenige alte Fotos sind erhalten geblieben und geben erste Hinweise auf seine künstlerische Handschrift. Mehrfach zeigen sie auffallend große Engel.

München, Theatinerkirche - 1673-1675
Im Jahr darauf findet man Prospero Brenno und seinen jüngeren Bruder Giovanni Battista II. sowie etwa 10 weitere Italiener auf der Baustelle der Münchner Theatinerkirche. Dort arbeitete Brenno ein Jahr lang unter der Leitung des aus Nürnberg gekommenen Carlo Moretti Brentano. Im Folgejahr 1674 ist Brentano wieder in Nürnberg, wo er die Decke im Fembohaus (Stadtmuseum) anfertigte.
Obwohl 1674 auch noch die Bauleitung von Agostino Barelli an Enrico Zucalli übergegangen war, arbeitete Prospero Brenno weiterhin in der Theatinerkirche. Er erhielt 7 Gulden pro Woche !!! als Arbeitslohn.
Der Stilvergleich mit seinen späteren Werken legt nahe, dass Brenno eine herausragende Position bei der Gestaltung der Theatinerkirche eingenommen hatte, es wird sogar angenommen, dass Brenno die Leitung der Stuckateure inne gehabt hatte, was aufgrund der Lohnhöhe durchaus gerechtfertigt wäre.

Theatinerkirche München - © GvT


München, Residenz - 1675
Kurz vor dem Abschluss der Stuckarbeiten in der Theatinerkirche wurde Brenno laut einer Anekdote 1675 von der Theatinerbaustelle abgeworben, um die Gestaltung der neuen Räume der Kurfürstin Henriette Adelaide vorzunehmen. Von ihren Zimmern ist heute nur noch der Deckenstuck im vierten Sommerzimmer erhalten geblieben. 

Salzburg, Annenkapelle in der Franziskanerkirche - 1679-80
Der nächste bekannte Auftrag führte Prospero Brenno in die Franziskanerkirche nach Salzburg. Dort wurde der Chor der gotischen Hallenkirche barockisiert. Hier stattete Brenno 1680 die Annakapelle aus. 
Gegenwärtig gilt aufgrund der Signatur 1680 PBSF ein 'Paolo Brenno (aus) Salorino fecit' als der Urheber der Stuckaturen in dieser Kapelle. Zwei Gründe sprechen jedoch gegen diese Interpretation des Künstlernamens:
  1. Wirft man einen Blick auf die im vorigen Kapitel beschriebenen biographischen Daten der Familie Brenno, so zeigt sich, dass der einzige bekannte Paolo Brenno der 1673 geborene Sohn von Prospero war. Dieser hätte dann im zarten Alter von 7 Jahren die Kapelle gestaltet - was doch wohl definitiv unwahrscheinlich ist.  
  2. zeigt ein Stilvergleich mit den nachfolgenden Werken von Prospero Brenno, dass sie in Teilen der Komposition wie der Ausführung mit der Gestaltung der Annakapelle übereinstimmen.
Erzbischof Max Gandolf Kuenberg stiftete 1679 die Annakapelle in der Franziskanerkirche. Im Gegensatz zu den benachbarten, überwiegend in Weiß gehaltenen Stuckaturen wählte der Stifter schwere, von dunkler Bronze überhöhte Stuckarbeiten. Die Kapelle besitzt einen Stuckaltar mit Engelkaryatiden - wie in Hohenrechberg.

Annenkapelle in der Franziskanerkirche in Salzburg - © GvT


Niederbayern, Saldenburg - um 1682
Die ab 1368 errichtete Burg Saldenburg gelangte 1677 in den Besitz der Grafenfamilie Preysing, die wie die Grafenfamilie Rechberg zum engsten Zirkel am kurfüstlichen Hofe in München zählte.
Durch einen Blitzschlag wurde der Wohnturm teilweise zerstörte und im Anschluss im Barockstil wiederhergestellt. Im Speisesaal und in der Burgkapelle sind die von Prospero Brenno angefertigten Stuckaturen zu sehen.   
In dieser Zeit arbeitete Prospero höchstwahrscheinlich auch in der Steinfelskirche in Landau/Isar.

Tegernsee, Klosterkirche St. Quirinus - ab 1678
Die Barockisierung der Tegernseer Klosterkirche St. Quirinus erfolgte ab 1678 nach den Plänen von Enrico Zuccalli. In die ursprünglich gotische Kirche wurde ein Querhaus eingezogen, wodurch auch eine Vierung entstand. Anschließend an die Bauarbeiten entstand bis um 1690 die reiche Stuckierung.
Die üppige, ganz in Weiß gehaltene Stuckdekoration mit Fruchtgehängen und Engelsfiguren stammt von italienischen Stuckateuren, deren Namen nicht überliefert sind. Bisher wurden die Stuckaturen in St. Quirinus Niccolò Perti zugeschrieben - wohl weil sie denen in der Theatinerkirche in München und in der Klosterkirche Benediktbeuern ähneln und Perti dort ebenfalls gearbeitet hatte.
Der Stilvergleich von Tegernsee, Benediktbeuren und Hohenrechberg legt jedoch die Vermutung nahe, dass hier Prospero Brenno in herausragender Position tätig war. In diesem Fall hätte also das bereits in der Münchner Theatinerkirche bewährte Duo Zucalli - Brenno ein zweites Mal zusammen gearbeitet.

Benediktbeuern, Klosterkirche und Klostergebäude - 1683-1686
Zwischen 1683 und 1686 wird Prospero Brenno als Stuckateur der neuen Stiftskirche von Benediktbeuern genannt. Hier arbeitete er wieder mit Niccolò Perti zusammen. Weil P. Leo Weber die Werke von Prospero Brenno nicht einzuschätzen vermochte, schreibt er Niccolò Perti die in seinen Augen qualitätsvolleren Arbeiten zu ohne einen konkreten Stilvergleich vorgenommen zu haben.

Klosterkirche Benediktbeuern - © GvT


Hohenrechberg, Wallfahrtskirche - 1688-1689
Wohl im Herbst 1687 kam Prospero Brenno nach Donzdorf (Lkr. Göppingen), der Residenz des Franz Albert von Rechberg. Gemeinsam mit ihm als Auftraggeber entwickelte Brenno die Innenausstattung für die im Bau befindliche neue Wallfahrtkirche auf dem Hohenrechberg (Schwäbisch Gmünd, Lkr. Ostalb).
Im Folgejahr gipsten Brenno und seine Mitarbeiter zuerst die gesamte Kirche aus, schufen die Pilaster mit den herauskragenden Kapitellen und Gesimsen, die Decke mit ihren zahlreichen Engeln und den üppig gestalteten Chor, ehe sie 1689 die Altäre aus Stuck und zuletzt die Kanzel errichteten.

Wallfahrtskirche Hohenrechberg - © GvT


Weggental, Wallfahrtskirche 
Wie in Hohenrechberg war auch bei der Wallfahrtskirche Weggental (Rottenburg a. Neckar) der Vorarlberger Baumeister Valerian Brenner tätig. Brenno und Brenner besaßen wohl eine ähnliche Arbeitsverbindung wie zuvor Brenno und Zucalli.
In der Wallfahrtskirche zur schmerzhaften Muttergottes im Weggental schuf Brenno gemeinsam mit seinen beiden Söhne Paolo und Giulio Francesco die Kapitelle und den Chor, wie der Stilvergleich eindeutig erkennen lässt.


Wallfahrtskirche Weggental, Rottenburg am Neckar - © GvT


Birenbach, Wallfahrtskirche - um 1689
Zwischen 1690 und 1698 wurde die Wallfahrtskirche Birenbach errichtet. Weil Baupläne und Archivalien aus der Bauzeit fehlen, ist man hier besonders auf den stilistischen Vergleich angewiesen. Als Baumeister gilt wie in Hohenrechberg Valerian Brenner. Und die Pilaster und Kapitelle weisen deutlich auf Prospero Brenno hin. Offenbar bewährte sich in der Wallfahrtskirche in Birenbach ein drittes Mal das Gespann Valerian Brenner und Prospero Brenno.

Wallfahrtskirche Birenbach (Lkr. Göppingen) - © GvT

Wettenhausen, Augustinerchorherrenstift - 1694
Ein viertes Mal lässt sich die Zusammenarbeit von Valerian Brenner und Prospero Brenno beim Augustinerchorherrenstift Wettenhausen nachweisen. Beim Bau der Kirche ab 1670 war Brenner vermutlich der Palier der herausragenden Vorarlberger Baumeisters Michael Thumb.
Im Jahre 1694 arbeitet Prospero Brenno an der Stuckausstattung des Augustinerchorherrenstifts Wettenhausen im Trupp von Hans Jörg Brix. Brenno werden unter anderem die überlebensgrossen, vollplastisch gearbeiteten Engel im sogenannten Kaisersaal des Konventsgebäudes zugeschrieben. Aber es gibt auch Details in der Kirche im Bereich der Decke und des Orgelsprospektes, die zur stilistischen Handschrift von Brenno passen.

Decke im Kaisersaal des Augustinerchorherrenstifts Wettenhausen - © GvT


Giovanni Prospero Brenno stirbt am 18. Januar 1696 im Alter von 60 Jahren in Salorino. Sein Sohn Paolo Gerolamo überlebt ihn gerade einmal um zwei Jahre.


Quellen und Literatur

Heunoske, Werner, Tessiner Stuckatoren im Umkreis des Münchner Hofes: die Brüder Prospero und Giovanni Battista II. Brenno, in: Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte, Bd. 61/2, 2004, S. 117-142
http://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/a-g/Brenni_Prospero.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Salorino - Stichwort: Persönlichkeiten
https://www.uibk.ac.at/aia/brenno_paolo.html
http://www.kirchen-fuehrer.info/franziskanerkirche-salzburg/fuehrung-durch-die-kirche/kapellenkranz.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Franziskanerkirche_(Salzburg)
https://www.erzbistum-muenchen.de/Pfarrei/PV-Tegernsee-Egern-Kreuth/cont/75205
Gabriele von Trauchburg, Pfarr- und Wallfahrtskirche zur Schönen Maria auf dem Hohenrechberg (Kirchenführer ), Rechberg 2016

Der italienische Barock in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg - Teil 4: Die Verpflichtung des Stuckateurs und Bildhauers Prospero Brenno (1638-1698) für die Wallfahrtskirche Hohenrechberg


Die Wallfahrtskirche Hohenrechberg


Der italienische Barock in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg


© Gabriele von Trauchburg


Teil 4: Die Verpflichtung des Stuckateurs und Bildhauers Prospero Brenno (1638-1698) für die Wallfahrtskirche Hohenrechberg



München - Die bayerische Residenzstadt als Vermittlerin für Kunst und Künstler

Als die Pläne für den Neubau der Wallfahrtskirche auf dem Hohenrechberg voranschritten, mussten zahlreiche Handwerker und Künstler ausgewählt und unter Vertrag genommen werden. Die überwiegende Anzahl der am Bau beteiligten Männer kam aus der Umgebung von Hohenrechberg (s. die 5 Beiträge  ‘Die Wallfahrtskirche Hohenrechberg - Gemeinsam für Gott’ in diesem Blog). Die Ausnahmen waren der Baumeister Valerian Brenner und der Stuckateur Prospero Brenno.
Die Verbindung zwischen Valerian Brenner und dem Auftraggeber, Bernhard Bero von Rechberg, rührt wohl daher, dass Brenner kurz zuvor für den Schwager von Bernhard Bero, Maximilian Fugger von Kirchdorf-Weißenhorn-Nordendorf, die zwischen Augsburg und Donauwörth gelegene Wallfahrtskirche Biberbach errichtet hatte.
Die Verbindung von Prospero Brenno nach Donzdorf war auf ganz anderer Ebene zustande gekommen. Prospero Brenno arbeitete in der ersten Hälfte der 1670er Jahre als Stuckateur bei der Ausgestaltung der von Kurfürst Ferdinand Maria von Bayern und seiner Frau Henriette Adelaide, einer geborenen Herzogin von Savoyen, gestifteten Theatinerkirche. Von dort warb ihn der kurbayerische Hof ab, damit Brenno im neu errichteten Flügel für die kurfürstliche Familie einige der neuen Räume ausstatten konnte.
Sowohl Bernhard Bero von Rechberg, zeitweilig der höchste Beamte am Münchner Hof, wie auch sein Sohn Franz Albert, der Oberstallmeister, gehörten zum engen Zirkel am Münchner Hof. Sie erlebten tagtäglich die Baufortschritte - zuerst an der Theatinerkirche und dann am Neubau der Residenz. Welcher der beiden Rechberg-Männer letztendlich die Entscheidung für die Verpflichtung von Prospero Brenno traf, ist nicht bekannt. Beide kannten die Arbeitsweise des Stuckateurs und Bernhard Bero als Obersthofmeister wusste auch Bescheid um dessen Kosten.
Prospero Brennos Vertrag wurde schließlich von Franz Albert von Rechberg unterzeichnet, weil sein Vater kurz nach der Grundsteinlegung im Juni 1686 verstorben war. Aus diesem Grund findet man auch mehrfach die Wappen von Franz Albert und seiner Frau Katharina, einer geborenen Gräfin von Spaur, in der Wallfahrtskirche.

Das Wappen des Bauherrn Franz Albert von Rechberg (links) und seiner Ehefrau Katharina, geb. von Spaur - © GvT

Katharina von Rechberg war eine der drei beliebtesten Hofdamen der bayerischen Kurfürstin Henriette Adelaide († 1676) gewesen und ist auf einem Gemälde in der Münchner Residenz dargestellt. Auch sie kannte die Baufortschritte in der Residenz und könnte meinungsbildend bei der Verpflichtung von Prospero Brenno mitgewirkt haben.  

Die Arbeitsverträge des Prospero Brenno bezüglich Hohenrechberg

Die Heiligenrechnungen der Wallfahrtskirche Hohenrechberg geben Aufschluss darüber, wann und wie die Entscheidungen zur Ausgestaltung des Innenraums der neuen Kirche erfolgten. Ein erster Aufenthalt geht in das Jahr 1687 zurück. Im Laufe jenen Jahres war Prospero Brenno nach Donzdorf gekommen. Während eines mehrtägigen Aufenthaltes fertigte er den Entwurf für die Ausgestaltung der Kapelle an. Dafür erhielt er eine einmalige Zahlung von 1 Gulden 27 Kreuzern.
Der Rechnungsposten über den Aufenthalt von Prospero Brenno in Donzdorf lässt einige Rückschlüsse zu. Die Heiligenrechnung datiert den Aufenthalt zwar nicht, er fand jedoch zu einem Zeitpunkt statt, als sich der Patronatsherr, Franz Albert von Rechberg, in seiner Residenz in Donzdorf aufhielt.
Das Hofleben in Europa folgte einem bestimmten Zyklus. Es dauerte meist vom Herbst bis ins Frühjahr. Ende März oder Anfang April reisten die Hofmitglieder auf ihre Ländereien, um die Getreideaussaat festzulegen und die Arbeiten über den Sommer hinweg zu überwachen. Im Herbst, nach dem Einbringen der Ernte, kehrten die Hofmitglieder in die Residenz zurück. Das Einbringen der Ernte war für jedes einzelne Mitglied von großer Bedeutung, weil das Ausmaß der Ernte über den finanziellen Spielraum für die kommenden 12 Monate entschied. Aus diesem Grund kann man bis in die Gegenwart in den europäischen Monarchien die Eröffnung des Parlaments in den Herbstmonaten verfolgen. 
Der Aufbruch hinaus auf die Ländereien erfolgte beim Münchner Hof meistens Ende März oder Anfang April, die Rückkehr geschah meist Mitte Oktober. Man darf also davon ausgehen, dass der Hohenrechberger Patronatsherr Franz Albert von Rechberg sich in diesem üblichen Zeitraum in Donzdorf aufhielt.
Das Treffen mit dem Stuckateur Prospero Brenno fand wohl Ende September oder Anfang Oktober 1687 statt. Die Arbeiten auf Baustellen endeten oft in diesem Zeitraum. Für einen Künstler war dann absehbar, wie weit sein Werk gediehen war und welche Aufträge er für das künftige Jahr annehmen konnte.

Vom Entwurf zur Ausführung
Bei dem Treffen von Franz Albert von Rechberg und Prospero Brenno entstand - laut Rechnungsposten - der Entwurf für die Innenausstattung der Wallfahrtskirche. Dieser umfasste wohl zunächst nur die Gestaltung von Decke und Wänden. Diese Vermutung ergibt sich aus der Tatsache, dass der Stuckateur von Mantriß (Mendrisio) aus der Schweiz, die Kapell auszugipsen per 350 fl und 6 Taller Leykauff verdingt worden war. Diese Arbeiten nahmen das gesamte Jahr 1688 in Anspruch. Prospero Brenno arbeitete wohl im gleichen Zeitraum wie die Maurer, nämlich vom 22. April bis 20. Oktober 1688. Am Ende dieses Zeitraums erhielt er die im Arbeitsvertrag festgelegte Gesamtsumme.

Eines der für die Wallfahrtskirche Hohenrechberg charakteristischen Kapitelle - © GvT
Bei Brennos Einstand auf der Baustelle 1688, gefeiert beim Wirt Nuding in Rechberg, wurde gleichzeitig auch noch der Vertrag über die Errichtung des Choraltars und der beiden Seitenaltäre abgeschlossen. Dieser regelte, dass der Stuckateur im darauffolgenden Jahr die gesamten Altäre und die Kanzel für die Wallfahrtskapelle anfertigen sollte. 
Nachdem notwendige Vorarbeiten erledigt waren, begann Prospero Brenno 1689 mit den Arbeiten für den Hochaltar und die beiden Seitenaltäre, anschließend gestaltete er das Oratorium, die vier Portale im Chor und zum Schluss die Kanzel. Für diese Arbeiten erhielt er insgesamt 430 Gulden.

Der rechte Seitenaltar in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg - © GvT

Die Kanzel mit den 4 Evangelisten, das Innere des Oratoriums und die Verkleidung der vier Portale im Chor mit Stuck und das Trinkgeld für seine Gesellen wurden mit 98 Gulden vergütet.

Die Kanzel der Wallfahrtskirche Hohenrechberg, links im Hintergrund das Oratorium - © GvT

Außerdem hatte Brenno noch zusätzlich zu den auf seinem Entwurf eingezeichneten Stuckaturen noch 12 Engelsköpfe, die Umrahmung des Oratorium und die lebensgroße, aus Ton gearbeitete Frauenfigur auf der Außenseite gefertigt. Hierfür erhielt er noch einmal 36 Gulden.

Die nach Osten gewandte Muttergottes - © GvT

Insgesamt konnte Prospero Breno 915 Gulden in Hohenrechberg verdienen. Er ist damit der bestbezahlte Künstler und Handwerker des gesamten Bauvorhabens. 

Quellen und Literatur 

GRFAD - Heiligenrechnungen Hohenrechberg 1687-1689
Gabriele von Trauchburg, Die Wallfahrtskapelle Hohenrechberg - Gemeinsam für Gott (Teile 4 und 5), in diesem Blog

 


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