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Montag, 21. Januar 2019

Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 6.3: Unterweckerstell - Die Ausstattung der Kapelle von der Romanik bis zur Spätgotik

 © Gabriele von Trauchburg



Trotz oder vielleicht gerade wegen ihres einfachen, schmucklosen Aussehens würde man niemals vermuten, dass sich hinter den Mauern von St. Georg in Unterweckerstell unterschiedlichste Kunststile befanden und noch befinden.

Romanik

Zwei architektonische Stilelemente stammen aus der Zeit der Romanik. Beide befinden sich im Bereich des Chors. Zum einen erkennt man dort das romanische Rundbogenfenster und im Innern kann man das massive Kreuzrippengewölbe betrachten. Gerade mit letzterem beschäftigte sich Teil 6.1. näher, denn dieses architektonische Stilelement dient als Datierungshilfe für die Entstehung der Unterweckersteller Georgs-Kapelle. Das Gewölbe wird in die 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert.

St. Georg mit seinem romanischen Fenster und seinem Kreuzrippengewölbe aus der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts - © GvT

Spätgotik

Während der Bauarbeiten von 1861 wurden vorhandene spätgotische Fresken freigelegt und von dem in München ausgebildeten Maler Wilhelm Traub abgezeichnet. Diese Zeichnungen lagen lange Zeit unbeachtet beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, sind aber inzwischen leider verschollen. Nur noch drei schwarz-weiße Detailfotos davon sind heute in Heribert Hummels Buch über die Wandmalereien im Kreis Göppingen erhalten. Den Künstler dieses Gemäldezyklus kennt man nicht.

Die Entstehung der Fresken im spätgotischen Stil geht wohl auf die 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts zurück. Die Teile der Wand- und Deckengemälde befanden sich in den einzelnen Segmenten des Kreuzrippengewölbes, den Gewölbekappen, sowie an den Wänden und zeigten Szenen aus dem Jüngsten Gericht.

Das Jüngste Gericht - ein Rekonstruktionsversuch

Die Szenen eines Jüngsten Gerichts folgen vorgegebenen Motiven, die am jeweiligen Ort den Gegebenheiten angepasst und mit Details ergänzt wurden. Nicht weit von Unterweckerstell ist  das große Gingener Wandbild von 1524 in der Johanneskirche zu bewundern. Dieses Gemälde enthält sämtliche unverzichtbaren Motive eines jüngsten Gerichts:
    - Christus auf dem Regenboden sitzend, Maria und Johannes d. Täufer als Anwälte der Armen Seelen zu seiner Seite
    - Die Apostel als Beisitzer des Gerichts
    - Den Einzug der Seeligen in den Himmel, mit Petrus an der Himmelstür
    - Die Hölle
    - Eine Gerichtsszene mit dem Kampf zwischen dem Erzengel Michael und dem Teufel um Arme Seelen

Fünf der zwölf Apostel, Kopie der gotischen Malereien in Unterweckerstell, Wilhelm Traub, 1861
Von den von Wilhelm Traub angefertigten Kopien der gotischen Malereien von St. Georg Unterweckerstell sind drei Fotos erhalten, die folgende Szenen zeigen:
    - 5 Apostel, darunter der Heilige Petrus (mit Schlüssel), Thomas (mit Lanze)
    - der Einzug der Gerechten in den Himmel
    - die Hölle
Mit Hilfe des Wissens um die Basismotive eines Jüngsten Gerichts und den architektonischen Details von Unterweckerstell kann man einen Rekonstruktionsversuch der spätgotischen Malereien im romanischen Chor von St. Georg in Unterweckerstell wagen.
Wilhelm Traub hat auf seiner erhaltenen Kopie der Apostel zusätzlich kleine, aber gut lesbare Hinweise auf deren ursprüngliche Anordnung hinterlassen. Die Abbildung oben zeigt vier eng beieinander stehende Apostel unter einem Bogen und durch eine Mittellinie getrennt. Diese vier Apostel waren an einer der drei Chorwände abgebildet - erkennbar anhand des Bogens in der Zeichnung. Die Hinweise von Wilhelm Traub - direkt unter der Bogenspitze - erklären, dass die beiden auf der linken Seite platzierten Apostel links vom Fenster und die beiden anderen rechts vom Fenster gewesen waren. Die feine Trennlinie zwischen den vier Männern deutet also die räumliche Trennung durch das dort ehemals vorhandene romanische Fenster an. Die Position des fünften Apostels wird mit den Worten auf der rechten Seite rechts vom Fenster beschrieben.
Aus diesen wenigen Hinweisen kann man nun folgende Schlüsse ziehen: Die zwölf Apostel - Basismotiv eines Jüngsten Gerichts - waren in Gruppen zu je vier auf die drei Wände des Chores verteilt. Aus den zahlreichen Darstellungen eines Jüngsten Gerichts geht hervor, dass Petrus - mit dem Himmelsschlüssel in der Hand - eine herausragende Stelle in direkter Umgebung von Jesus Christus einnahm. Auf der rechten Seite des Chores konnte er also nicht abgebildet gewesen sein, weil dort eine andere Gruppe mit dem fünften Apostel aus der Abzeichnung (s.o.) dargestellt war. Somit bleibt eigentlich nur die zentrale mittlere Rückwand des Chores übrig, auf der Petrus, Thomas und zwei weitere Apostel ihren Platz gefunden hatten. 
In den vier Gewölbekappen müssen sich vier Szenen befunden haben: Christus, auf dem Regenbogen sitzend, eventuell Maria und Johannes der Täufer als Fürsprecher der Armen Seelen ihm beigeordnet - weiter die Seligen am Eingang der Himmelspforte. 

Die Seligen am Eingang zum Himmel, Kopie der spätgotischen Fresken von Wilhelm Traub, 1861
Die Zeichnung von Wilhelm Traub zeigt Petrus auf der linken Bildseite am Eingang der Himmelpforte, aus der die Strahlen des Lichts im Himmel heraus leuchten. Von rechts kommen die Seligen, d.h. diejenigen Personen, die schon aufgrund ihrer Position oder ihres herausragenden Lebenswandels ohne Umweg über das Jüngste Gericht sofort in den Himmel aufgenommen werden: ein Papst (mit Spitzkappe und den drei Ringen), ein Bischof (mit Mitra), ein König (mit Krone), ein Ritter (mit Kettenhemd), Nonnen, Jungfrauen und Männer.
Das Himmelsgebälk oben links im Bild, gestützt von einer Säule, sowie die Position von Petrus und die Strahlen am Eingang in den Himmel deuten darauf hin, dass diese Szene wahrscheinlich auf die rechte Gewölbekappe des Chores gemalt worden war.


Die Hölle - Ausschnitt aus dem Jüngsten Gericht, Kopie vonWilhelm Traub, 1861
Die zweite Szene aus dem Bereich der Gewölbekappen zeigt einen Ausschnitt aus der Hölle. Ein gehörnter Teufel trägt eine wehklagende, sich wehrende Frau auf seinen Schultern zum Höllenfeuer hin. Der Erzengel Michael mit seinem Flammenschwert, der sich als einziger in die Hölle wagt, um dem Teufel Paroli zu bieten, versucht diese Arme Seele zu retten. Auch andere am unteren Bildrand hoffen noch auf den Erzengel.
Der Bildaufbau zeigt in der rechten oberen Ecke einen Teil der Gewölbekappe. Dies lässt die Vermutung zu, dass die Höllen-Szene auf der linken Seite im Chorgewölbe abgebildet gewesen war. Aufgrund der Erkenntnisse zum Aufbau der beiden Szenen zur Hölle und zum Eingang der Seligen in den Himmel wird klar, dass die Gemälde zum Schlussstein hin zentriert waren.
Nachdem nun zwei der vier Kappen im Kreuzgewölbe mit ihrer Bemalung festgelegt sind, erhebt sich die Frage, wie die beiden anderen Kappen, die vordere und die hintere ausgestaltet gewesen sein mochten. Zwei Basismotive stehen noch offen - eine Gerichtsszene und Christus auf dem Regenbogen thronend, flankiert von Maria und Johannes d. Täufer.
Ein Blick vom Langhaus in den Chor lässt zwei Lösungen als wahrscheinlich erscheinen: Christus als zentrale Persönlichkeit des christlichen Glaubens gehörte ins Zentrum des Gottesdienstgeschehens und sollte deshalb fast zwangsläufig im vorderen Segment dargestellt gewesen sein. In diesem Fall wäre für die Gerichtsszene - sichtbar für alle Gläubigen im Langhaus - nur die Rückseite geblieben. Diese hier vorgeschlagene Aufteilung der Gemälde im Chor wird zusätzlich durch die Funktion der Gemälde unterstützt. Die Positionierung des gesamten Gemäldezyklus im Chor entspricht derjenigen in den Kirchen von Krummwälden, Wangen-Oberwälden, Salach und Stötten. In allen diesen Kirchen findet man romanische oder gotische Gemälde im Chorgewölbe und an den Chorwänden. Diese Bildergalerien hatten die Aufgabe, den Geistlichen an seine Aufgaben als Seelsorger zu erinnern und Anstöße für seine Gebet und Predigen zu geben.
Hingegen zeigt das Beispiel der Wandmalereien in der Margaretenkirche in Salach, die eine ähnliche Chorstruktur wie Unterweckerstell aufweist, tatsächlich Christus als Weltenherrscher auf dem Regenbogen sitzend auf der rückwärtigen Gewölbekappe. Somit waren beide Gestaltungsvarianten möglich, die letztendliche Lösung ist also nicht mehr rekonstruierbar.
Weil das Original verloren gegangen ist und auch die im19. Jahrhundert angefertigten Kopien von den Chorgemälden verschollen sind, kann man kaum noch Aussagen über einen Stifter oder einen Maler wagen. Dennoch gibt es einzelne Hinweise: Betrachtet man die Darstellungen von der Hölle und vom Einzug der Seligen in den Himmel, so fallen auf den zweiten Blick weitere  Details auf. Die aus der offenen Himmelstür austretenden Strahlen wurden sicherlich mit gelber Farbe dargestellt. In der Höllendarstellung züngelten unzählige Flammen. Diese waren sehr wahrscheinlich in roter Farbe gemalt. Rot und gelb sind einerseits diejenigen Farben, mit denen man diese Motive am ehesten verbindet. Sie sind aber auch gleichzeitig die Wappenfarben der Grafen und Herren von Rechberg, die wiederum die Patronatsherren der Kapelle waren. Man darf also davon ausgehen, dass Mitglieder dieser Adelfamilie die Stifter des Chorgemäldes waren. 
Zu Beginn des 15. Jahrhunderts herrschte in Donzdorf der Familienzweig Rechberg-Illereichen, die im Lautertal und im Illertal ihre Herrschaftsschwerpunkte besaß. Wohl mit dem Tod von Albrecht von Rechberg-Illereichen um 1426 wurde die Herrschaft unter den beiden Söhnen Hugo und Gaudenz geteilt. Gaudenz erhielt die Herrschaft Illereichen, Hugo ist der Gründer des Familienzweiges Rechberg-Illereichen-Scharfenberg. 
Auch nach dem Tod seines Vaters besaß Hugo († 1469) Anteile an der Illereicher Herrschaft. Dies bedeutet, dass er ständig auf seinen Reisen zwischen den beiden Herrschaftsteilen Scharfenberg und Illereichen durch die Reichsstadt Ulm kam, wo in einem großen, überregionalen Kunstzentrum Bildhauer und Maler tätig waren. Man darf also durchaus die Vermutung äußern, dass das von den Rechberg gestiftete Unterweckersteller Chorgemälde von einem Ulmer Maler angefertigt worden war, wahrscheinlich sogar von Hugo von Rechberg-Illereichen-Scharfenberg, spätestens von seinem Sohn Hans († zw. 1497 und 1499).

Die Unterweckersteller Nothelfer 

In der Laibung des letzten verbliebenen romanischen Chorfensters hatte man außerdem die Darstellungen der beiden Nothelferinnen Barbara und Katharina entdeckt, die zumindest fragmentarisch noch in den 1970er Jahren vorhanden waren. Die Ausschmückung der Laibungen mit Nothelfern war offenbar eine gern genutzte Möglichkeit, die Gläubigen mit einem umfassenden Schutz für ihren Alltag zu versehen. In der Umgebung gibt es noch weitere, ähnliche Darstellungen:
  • Stötten (um 1500) - 4 Chorfenster: 1. 2 Nothelfer - 2. Barbara und Katharina - 3. Margareta und Ägidius, 4. Christophorus und Hl. Bischof (Hummel, 119)
  • Auendorf (gotisch) - Ostfenster: Barbara und Margartha, Südfenster: heiliger Bischof und unidentifizierter Nothelfer (Hummel, 98)
  • Betzgenried (nach 1405) - linkes Fenster im Chor: vermutlich 2 Nothelferinnen, ev. Barbara und Margareta (Hummel, 100)
Die Gruppe der 14 Nothelfer wurde in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts geschaffen, als es wegen der politischen Auseinandersetzungen zwischen dem Papst und Kaiser Ludwig d. Baiern auf Befehl des Papstes abgesehen von den großen christlichen Feiertagen - Weihnachten, Ostern und Pfingsten - keine Gottesdienste in den Herrschaftsgebieten der Anhänger des Kaisers gab. Damit die Menschen dennoch ihrem Glauben nachgehen konnten und sie in Notlagen Hilfe und Unterstützung fanden, stellten Theologen die Gruppe der 14 Nothelfer zusammen, die praktisch in allen Lebenslagen angerufen werden konnten.
Nur zwei Jahre nach dem Tod des Kaisers Ludwig dem Baiern (†1347) brach die Pest in Mitteleuropa aus. Die Epidemie raffte eine große Anzahl an Menschen hinweg. Aus seuchenhygienischen Gründen blieben erneut die Kirchen geschlossen. Und wieder mussten die Menschen auf die Hilfe und den Beistand der 14 Nothelfer hoffen.
Im Laufe der Zeit entwickelten sich einige ‘Lieblings-Nothelfer’ innerhalb ihrer Gruppe heraus:    
  • Heilige Barbara
  • Heilige Katharina
  • Heiliger Christophorus
  • Heilige Margareta
In Unterweckerstell darf man davon ausgehen, dass in den drei romanischen Chorfenstern jeweils zwei Heilige abgebildet gewesen waren. Die beiden Heiligen im zentralen Ostfenster sollen Barbara und Katharina gewesen sein. Die Heilige Barbara riefen die Menschen vor allem in der letzten Sekunde ihres irdischen Lebens an. Der an die Heilige gerichtete Hilferuf ersetzte die Krankensalbung, eines der sieben Sakramente der katholischen Kirche. Diese Form des Verständnisses der Krankensalbung, auch als letzte Ölung bezeichnet, hatte sich im Hochmittelalter entwickelt und galt bis ins 19. Jahrhundert. Gemeinsam mit der Heiligen Barbara wird eine weitere Nothelferin abgebildet, die Heilige Katharina. Sie war - wie die Heilige Barbara - eine Jungfrau und Märtyrerin. Sie galt als Beschützerin der Mädchen, Jungfrauen und Ehefrauen, galt zudem als Helferin bei Leiden der Zunge und Sprachschwierigkeiten und als Patronin der Gelehrten sowie auch zahlreicher Handwerksberufe. 
Der Kirchenpatron ist selbst ein heiliger Nothelfer. Seine Abbildung an einer der beiden anderen Laibungen, entbehrt nicht einer gewissen Wahrscheinlichkeit. Er gehört zur Gruppe der drei Ritter und Märtyrer Georg, Achatius und Eustachius. Der Heilige Georg wurde als Helfer bei Kriegsgefahren, Fieber und Pest verehrt, half im Kampf gegen jede Versuchung, wurde angefleht für gutes Wetter und zum Schutz der Haustiere. Eine weitere sehr populäre Heilige, die Heilige Margareta, könnte ebenfalls hier ihren Platz gefunden haben, denn sie war die Patronin der Gebärenden und half bei der Gesundung von allen Wunden.
Ebenfalls sehr wahrscheinlich war eine Abbildung des Heiligen Christopherus. Doch diese muss nicht zwingend in der Kirche gewesen sein, sondern könnte auch auf der nördlichen, vom Weg der Alten Donzdorfer Steige aus sichtbaren nördlichen gewesenen Außenmauer der Kapelle aufgemalt gewesen sein. Der große, starke, das Christuskind auf seinen Schultern tragende Christophorus war der Schutzheilige der Reisenden. Sein Anblick versprach Rettung aus jeglicher Gefahr und Hilfe gegen den unvorbereiteten Tod. Seine Einbindung in das Konzept der Notheiligen-Darstellungen in Unterweckerstell war geradezu prädestiniert für diese Kapelle an einer wichtigen historischen Straße.


Der Altar von Hürbelsbach - der ehemalige Altar von Unterweckerstell?

Der heute in Hürbelsbach aufgestellte Altar besitzt zwei Seitenflügel, die auf ihrer Innenseite die Heilige Katharina und den Heiligen Stefanus sowie die Heilige Margareta und den Heiligen Paulus dem Betrachter präsentieren. Diese Flügel sind Kopien. Sie besitzen keine Darstellungen auf den Außenseiten, weil der Hürbelsbacher Altar meistens in geöffneter Form den Kapellenbesuchern präsentiert wird.
Auf den Originalen hingegen findet man auf den beiden Außenseiten Heiligendarstellungen. Es handelt sich dabei um den Heiligen Georg und den Heiligen Johannes.
Von den insgesamt sechs Heiligen-darstellungen - Georg, Johannes, Katharina, Stefanus, Paulus und Margareta - gehören die Hälfte - Georg, Katharina und Margareta - zu den Nothelfern. Zudem gibt es keine einzigen Hinweis darauf, dass der Heilige Georg in Hürbelsbach verehrt wurde.
Legt man nun die gleiche Argumentation wie beim Donzdorfer bzw. Hürbelsbacher Altar zugrunde, kommt man zu dem Schluss, dass aufgrund der Tatsache, dass der Heilige Georg der Kapellenpatron von Unterweckerstell ist, die Darstellung des Heiligen Georg auf der Außenseite des Seitenflügels zur St. Georgskapelle gehören muss.
Heiliger Georg auf der Außenseite eines linken Altarflügels, Ende 15. Jahrhundert - © GvT

Von Experten werden die beiden Altarflügel in die Zeit am Ende des 15. Jahrhunderts datiert. Ihre Figuren stehen im Zusammenhang mit dem Leben im Diesseits wie auch im Jenseits. Auf diese Weise ergänzten sich in der Spätgotik Altar-, Wand- und Deckengemälde zu einem thematischen Ganzen.

Quellen und Literatur

GRFAD - Heiligenrechnungen von Unterweckerstell
- Heimatbuch Donzdorf, hrsg. v. Stadt Donzdorf, Donzdorf 1976
- Heribert Hummel, Donzdorf - Die Kirchen der Stadt Donzdorf - Kirchenführer, Weißenhorn 1995
- Heribert Hummel, Wandmalereien im Kreis Göppingen, Weißenhorn 1978
- Walter Ziegler, Die Kulturdenkmale des Kreises Göppingen, Göppingen o.J.

Sonntag, 30. Dezember 2018

Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 10.2: Grünbach - St. Peter: Eine Kapelle für Badende?

© Gabriele von Trauchburg


In Teil 1 zur Geschichte der Grünbacher Kapelle wurde bereits die Möglichkeit angesprochen, dass das 1481 genehmigte ‘Wildbad’ der Ausgangspunkt für den Um- und/oder Neubau der 1492 vollendeten Grünbacher Kapelle war. Eine dem Heiligen Petrus geweihte Kapelle gab es hier schon vor 1492. Erstmals urkundlich fassbar ist diese Grünbacher Petrus-Kapelle bereits 1401. 

St. Peter - der Kapellenpatron

Es gibt nur ein kirchliches, dem Heiligen Petrus geweihtes Gebäude im Lautertal - eben die Kapelle in Grünbach, außerdem befindet sich die Pfarrkirche St. Peter im Seitental von Reichenbach unter Rechberg. Der katholische Gedenktag für diesen Heiligen ist der 29. Juni. Sein Name bedeutet ‘der Fels’. Die Rolle des Petrus als einer der wichtigsten Jünger und Apostel Jesu lässt sich anhand der Bibel nachvollziehen.
Im Laufe der Zeit erhielt Petrus seine eigene Verehrung. Menschen wählten den ehemaligen Fischer zum Patron der Brückenbauer, wodurch die Grundlage für den Titel der Päpste - Pontifex Maximus = größter Brückenbauer - geschaffen wurde. In vielen mittelalterlichen Darstellungen erkennen wir Petrus anhand eines großen Schlüssels in seiner Hand. Nach gängigen Vorstellungen schloss er das Himmelstor, die Paradiespforte, auf - ein bis heute geläufiges Bild. 


St. Petrus - Patron der Grünbacher Kapelle - © GvT

Diese Rolle am Eingang des Himmel, auch als Himmelsschleuse angesehen, schrieb Petrus zudem die Funktion eines Wettermachers zu, wobei er entschied, ob die Himmelsschleuse zum Regnen geöffnet wurde oder nicht. 
Aufgrund seines ehemaligen Berufes als Fischer und seiner engen Beziehung zum Wasser entwickelte er sich auch zum Patron zahlreicher Berufe, z.B. Fischer, Fischhändler, Schiffer und Schiffbrüchigen, aber auch Walker, Netzweber, Tuchweber. Seine Bedeutung als Öffner und Schließer der Himmelspforte wurde verallgemeinert, wodurch ihn weitere Berufe als Patron in Anspruch nehmen konnten, beispielsweise Glaser, Schreiner, Schlosser, Schmiede. Weiter stand er Reuigen, Büßenden, Beichtenden und bei den Krankheiten Besessenheit, Fallsucht, Tollwut, Fieber, Schlangenbiss und Fußleiden bei.
Gerade die letztgenannten Krankheiten sind vielleicht ein Hinweis auf diejenigen Krankheit(en), die in Grünbach geheilt wurden oder bei denen zumindest Linderung eintrat.

Suche nach dem Stifter des Gemäldezyklus

Die neue Kapelle Grünbach erhielt beim Um- oder Neubau der Kapelle 1492 einen Gemäldezyklus, der heute noch weitgehend erhalten geblieben ist. Wer dieses Gemälde in Auftrag gegeben hat, ist nicht bekannt. Da man jedoch immer wieder einen wahrscheinlichen Zusammenhang zwischen dem Initiator des Grünbacher Wildbades von 1481 und dem Um-/Neubau der St. Peter-Kapelle von 1492 herstellt, darf man auch im Initiator des Wildbades den Auftraggeber vermuten: Heinrich von Rechberg-Weißenstein. Bereits 1481 muss er seine herrschaftliche Position in Grünbach soweit ausgebaut gehabt haben, dass er als Dorfherr den Antrag zur Genehmigung des Grünbacher Wildbades bei Kaiser Friedrich III. hatte stellen können.
Heinrich von Rechberg war der Kirche sehr zugetan: Am 28. August 1456 stiftete er ein Salve Regina, das von den beiden Weißensteiner Kaplänen jeden Samstag gesungen werden sollte. Drei Jahre später schuf Heinrich von Rechberg eine Frucht-Almosen-Stiftung für die Armen in seiner Stadt Weißenstein. Als nächstes stiftete Heinrich am 25. Januar 1478 die Pfarrei in Weißenstein. Zuvor hatte der Ort, obwohl rechtlich seit dem 14. Jahrhundert eine Stadt, zur Pfarrei Treffelhausen gehört. Im Zusammenhang mit der Gründung der Pfarrei entstand die im gotischen Stil erbaute Stadtpfarrkirche, wie sie noch auf dem bekannten Merian-Stich zu sehen ist. Zur Entschädigung verloren gegangener Zehnteinnahmen erhielt die Treffelhauser Kirche 1482 eine Frühmess-Pfründe und Schnittlingen eine wöchentliche Messe.
Betrachtet man dieses Engagement von Heinrich von Rechberg im kirchlichen und sozialen Bereich, so käme er als Initiator für die Umgestaltung der St. Peters-Kapelle tatsächlich in Frage. Diese Überlegungen erhalten jedoch dadurch einen Dämpfer, dass Heinrich von Rechberg-Weißenstein bereits 1489 verstarb. Falls er dennoch der Initiator der Um- bzw. Neubauten war, so wurden seine Ideen von seinem Sohn und Nachfolger Wilhelm III. nach seinem Tode weiterverfolgt und 1492 schließlich abgeschlossen. Die finanziellen Voraussetzungen in der Familie waren auf alle Fälle gegeben. Aus mehreren Urkunden geht hervor, dass Heinrich von Rechberg die finanziellen Strategien seines Vaters fortsetzt und sich als Kreditgeber von Bischöfen, Herzögen und Markgrafen erweist.
Dass das Gemälde von einem Vertreter der Familie Rechberg gestiftet wurde, darauf weist die Farbgebung hin. Zwei Farben treten im Gemäldezyklus besonders hervor: goldgelb und rot, die Wappenfarben der Rechberg. Tatsächlich benutzten die Herren und Grafen von Rechberg immer wieder ihre Wappenfarben bei der Gestaltung ihrer Gebäude und Kirchen, besonders eindrucksvoll in der Kapelle von Markt Altenstadt-Filzingen.    

Der Gemäldezyklus  

Das mehrteilige Wandgemälde befindet sich an der Nordwand im Langhaus. Aufgrund seiner Position innerhalb des Gebäudes wird deutlich, dass das Wandgemälde für die Kapellenbesucher im besonderen angefertigt worden war. Diese These ergibt sich aus folgender Beobachtung: In vielen Kirchen oder Kapellen wurden teure Wandgemälde nur im Chor - dem Platz der Geistlichkeit - ausgeführt. Diese Gemälde dienten der Betrachtung durch die Geistlichkeit. Besonders eindrucksvolle Beispiele hierfür sind die Wandgemälde in den Chören von Göppingen-Oberwälden, Eislingen-Krummwälden und Geislingen-Stötten.
Hingegen dienten diejenigen Gemälde, die im Langhaus angebracht waren, den  Gottesdienstbesuchern zur Belehrung. Dies wird besonders deutlich anhand des großen Wandgemäldes in der Gingener Johannes-Kirche.    

Das Thema des mehrteiligen Wandgemäldes ist die Passion Christi. Der Grünbacher Zyklus ist dabei in guter Gesellschaft, denn auch in anderen Kirchen in unserem Landkreis findet man dieses Motiv. 

Bisher konnte der Künstler des Grünbacher Wandgemäldes nicht identifiziert werden. Zieht man jedoch die engen politischen Verbindungen des Heinrich von Rechberg-Weißenstein mit der Reichsstadt Ulm in Betracht und berücksichtigt die wohl ulmischen Bildwerke in der von ihm gestifteten Stadtpfarrkirche von Weißenstein, so liegt durchaus die Vermutung nahe, dass es sich bei dem Grünbacher Künstler um einen Ulmer Maler handeln könnte.

Ausschnitt aus dem Passionszyklus in der Grünbacher St.-Peter-Kapelle, 1492 - © GvT
Der gotische Gemäldezyklus erstreckt sich über zwei Reihen. Die ausführlichste Form der gemalten Passionsgeschichte findet sich in Eislingen-Krummwälden. Dort umfasst das gesamte Wandgemälde 15 vollständige Einzelbilder, mit deren Hilfe sich auch die Bilder in Grünbach identifizieren lassen.
In der oberen Reihe erkennt man:
  • 1. Fußwaschung (?), Fragment
  • 2. Abendmahl
  • 3. Jesus am Ölberg
  • 4. Die schlafenden Jünger am Ölberg
  • 5. Verrat Jesu / Judaskuss
  • 6. - zerstört -
  • 7. Jesus bei Kaiphas (?), Fragment
  • 8. Jesus vor Herodes
In der unteren Reihe erkennt man:
  • 9. - zerstört - 
  • 10. Geißelung 
  • 11. Dornenkrönung 
  • 12. Ecce Homo (Seht, welch ein Mensch)
  • 13. Händewaschung des Pilatus (?)
  • 14. - zerstört -
  • 15. Kreuznagelung, Fragment
  • 16. Kreuzigung (vgl. H. Hummel, S. 112).
Ausschnitt aus dem Passionszyklus der Grünbacher St.-Peter-Kapelle, 1492 - © GvT
Von den ehemals wohl 16 Bildern lassen sich heute noch 10 Einzelbilder eindeutig identifizieren, drei von ihnen sind nur noch fragmentarisch erhalten und drei Bilder sind vollständig zerstört. Wie es zu diesen Verlusten kam, darüber berichte ich in Kapitel 10.5.   

Für die Ausführung des Gemäldes benutzte der Künstler wohl Vorlagen. Eine Besonderheit bildet dabei die aufwendige Architekturkulisse. Der Künstler projizierte das biblische Geschehen in eine zeitgenössische, städtische Gegenwart. Ein derartiges Vorgehen war damals durchaus häufiger zu finden, beispielsweise beim bekannten Altar des Ulmer Wengen-Klosters. Deshalb lautete denn auch der Titel zur Ausstellung anlässlich seiner Rekonstruktion ‘Jerusalem in Ulm’. Gleichzeitig bediente der Maler mit seinen drastischen Darstellungen der Szenen die Schaulust seiner Zeitgenossen.  
  

Quellen und Literatur

- Joseph Rink, Familiengeschichte der Grafen und Herren von Rechberg und Rothenlöwen, Teil 2
- Heribert Hummel, Wandmalereien im Kreis Göppingen (Veröffentlichungen des Kreisarchivs Göppingen Bd. 6), Weißenhorn 1978
- Gabriele von Trauchburg, Lauterstein - Weißenstein - Nenningen. Kirchenführer, Lauterstein 2015
- Jerusalem in Ulm. Der Flügelaltar aus St. Michael zu den Wengen, Katalog, Ulm 2015

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