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Montag, 1. Januar 2018

Der italienische Barock in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg - Teil 3: Die Arbeiten des Prospero Brenno

Die Wallfahrtskirche Hohenrechberg


Der italienische Barock in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg



© Gabriele von Trauchburg



Teil 3: Die Arbeiten des Prospero Brenno


Über den 1638 geborenen  Prospero Brenno gibt es bis zum Alter von 34 Jahren keinerlei schriftliche Nachrichten. Das bedeutet, dass man keine Informationen über seine Ausbildung und seine ersten Aufträge besitzt. Auch für die Zeit danach findet man nur wenige schriftliche Unterlagen. Vielfach ist man deshalb darauf angewiesen, durch Stilvergleich die Werke Brennos zu identifizieren.

Würzburg, Rathaus - 1672
Erstmals in Akten nachweisbar wurde Prospero Brenno im Jahre 1672, als er in Würzburg den großen Saal im sogenannten ‘Roten Bau’ des Rathauses stuckierte. Dieser Saal wurde während des 2. Weltkriegs zerstört. Nur wenige alte Fotos sind erhalten geblieben und geben erste Hinweise auf seine künstlerische Handschrift. Mehrfach zeigen sie auffallend große Engel.

München, Theatinerkirche - 1673-1675
Im Jahr darauf findet man Prospero Brenno und seinen jüngeren Bruder Giovanni Battista II. sowie etwa 10 weitere Italiener auf der Baustelle der Münchner Theatinerkirche. Dort arbeitete Brenno ein Jahr lang unter der Leitung des aus Nürnberg gekommenen Carlo Moretti Brentano. Im Folgejahr 1674 ist Brentano wieder in Nürnberg, wo er die Decke im Fembohaus (Stadtmuseum) anfertigte.
Obwohl 1674 auch noch die Bauleitung von Agostino Barelli an Enrico Zucalli übergegangen war, arbeitete Prospero Brenno weiterhin in der Theatinerkirche. Er erhielt 7 Gulden pro Woche !!! als Arbeitslohn.
Der Stilvergleich mit seinen späteren Werken legt nahe, dass Brenno eine herausragende Position bei der Gestaltung der Theatinerkirche eingenommen hatte, es wird sogar angenommen, dass Brenno die Leitung der Stuckateure inne gehabt hatte, was aufgrund der Lohnhöhe durchaus gerechtfertigt wäre.

Theatinerkirche München - © GvT


München, Residenz - 1675
Kurz vor dem Abschluss der Stuckarbeiten in der Theatinerkirche wurde Brenno laut einer Anekdote 1675 von der Theatinerbaustelle abgeworben, um die Gestaltung der neuen Räume der Kurfürstin Henriette Adelaide vorzunehmen. Von ihren Zimmern ist heute nur noch der Deckenstuck im vierten Sommerzimmer erhalten geblieben. 

Salzburg, Annenkapelle in der Franziskanerkirche - 1679-80
Der nächste bekannte Auftrag führte Prospero Brenno in die Franziskanerkirche nach Salzburg. Dort wurde der Chor der gotischen Hallenkirche barockisiert. Hier stattete Brenno 1680 die Annakapelle aus. 
Gegenwärtig gilt aufgrund der Signatur 1680 PBSF ein 'Paolo Brenno (aus) Salorino fecit' als der Urheber der Stuckaturen in dieser Kapelle. Zwei Gründe sprechen jedoch gegen diese Interpretation des Künstlernamens:
  1. Wirft man einen Blick auf die im vorigen Kapitel beschriebenen biographischen Daten der Familie Brenno, so zeigt sich, dass der einzige bekannte Paolo Brenno der 1673 geborene Sohn von Prospero war. Dieser hätte dann im zarten Alter von 7 Jahren die Kapelle gestaltet - was doch wohl definitiv unwahrscheinlich ist.  
  2. zeigt ein Stilvergleich mit den nachfolgenden Werken von Prospero Brenno, dass sie in Teilen der Komposition wie der Ausführung mit der Gestaltung der Annakapelle übereinstimmen.
Erzbischof Max Gandolf Kuenberg stiftete 1679 die Annakapelle in der Franziskanerkirche. Im Gegensatz zu den benachbarten, überwiegend in Weiß gehaltenen Stuckaturen wählte der Stifter schwere, von dunkler Bronze überhöhte Stuckarbeiten. Die Kapelle besitzt einen Stuckaltar mit Engelkaryatiden - wie in Hohenrechberg.

Annenkapelle in der Franziskanerkirche in Salzburg - © GvT


Niederbayern, Saldenburg - um 1682
Die ab 1368 errichtete Burg Saldenburg gelangte 1677 in den Besitz der Grafenfamilie Preysing, die wie die Grafenfamilie Rechberg zum engsten Zirkel am kurfüstlichen Hofe in München zählte.
Durch einen Blitzschlag wurde der Wohnturm teilweise zerstörte und im Anschluss im Barockstil wiederhergestellt. Im Speisesaal und in der Burgkapelle sind die von Prospero Brenno angefertigten Stuckaturen zu sehen.   
In dieser Zeit arbeitete Prospero höchstwahrscheinlich auch in der Steinfelskirche in Landau/Isar.

Tegernsee, Klosterkirche St. Quirinus - ab 1678
Die Barockisierung der Tegernseer Klosterkirche St. Quirinus erfolgte ab 1678 nach den Plänen von Enrico Zuccalli. In die ursprünglich gotische Kirche wurde ein Querhaus eingezogen, wodurch auch eine Vierung entstand. Anschließend an die Bauarbeiten entstand bis um 1690 die reiche Stuckierung.
Die üppige, ganz in Weiß gehaltene Stuckdekoration mit Fruchtgehängen und Engelsfiguren stammt von italienischen Stuckateuren, deren Namen nicht überliefert sind. Bisher wurden die Stuckaturen in St. Quirinus Niccolò Perti zugeschrieben - wohl weil sie denen in der Theatinerkirche in München und in der Klosterkirche Benediktbeuern ähneln und Perti dort ebenfalls gearbeitet hatte.
Der Stilvergleich von Tegernsee, Benediktbeuren und Hohenrechberg legt jedoch die Vermutung nahe, dass hier Prospero Brenno in herausragender Position tätig war. In diesem Fall hätte also das bereits in der Münchner Theatinerkirche bewährte Duo Zucalli - Brenno ein zweites Mal zusammen gearbeitet.

Benediktbeuern, Klosterkirche und Klostergebäude - 1683-1686
Zwischen 1683 und 1686 wird Prospero Brenno als Stuckateur der neuen Stiftskirche von Benediktbeuern genannt. Hier arbeitete er wieder mit Niccolò Perti zusammen. Weil P. Leo Weber die Werke von Prospero Brenno nicht einzuschätzen vermochte, schreibt er Niccolò Perti die in seinen Augen qualitätsvolleren Arbeiten zu ohne einen konkreten Stilvergleich vorgenommen zu haben.

Klosterkirche Benediktbeuern - © GvT


Hohenrechberg, Wallfahrtskirche - 1688-1689
Wohl im Herbst 1687 kam Prospero Brenno nach Donzdorf (Lkr. Göppingen), der Residenz des Franz Albert von Rechberg. Gemeinsam mit ihm als Auftraggeber entwickelte Brenno die Innenausstattung für die im Bau befindliche neue Wallfahrtkirche auf dem Hohenrechberg (Schwäbisch Gmünd, Lkr. Ostalb).
Im Folgejahr gipsten Brenno und seine Mitarbeiter zuerst die gesamte Kirche aus, schufen die Pilaster mit den herauskragenden Kapitellen und Gesimsen, die Decke mit ihren zahlreichen Engeln und den üppig gestalteten Chor, ehe sie 1689 die Altäre aus Stuck und zuletzt die Kanzel errichteten.

Wallfahrtskirche Hohenrechberg - © GvT


Weggental, Wallfahrtskirche 
Wie in Hohenrechberg war auch bei der Wallfahrtskirche Weggental (Rottenburg a. Neckar) der Vorarlberger Baumeister Valerian Brenner tätig. Brenno und Brenner besaßen wohl eine ähnliche Arbeitsverbindung wie zuvor Brenno und Zucalli.
In der Wallfahrtskirche zur schmerzhaften Muttergottes im Weggental schuf Brenno gemeinsam mit seinen beiden Söhne Paolo und Giulio Francesco die Kapitelle und den Chor, wie der Stilvergleich eindeutig erkennen lässt.


Wallfahrtskirche Weggental, Rottenburg am Neckar - © GvT


Birenbach, Wallfahrtskirche - um 1689
Zwischen 1690 und 1698 wurde die Wallfahrtskirche Birenbach errichtet. Weil Baupläne und Archivalien aus der Bauzeit fehlen, ist man hier besonders auf den stilistischen Vergleich angewiesen. Als Baumeister gilt wie in Hohenrechberg Valerian Brenner. Und die Pilaster und Kapitelle weisen deutlich auf Prospero Brenno hin. Offenbar bewährte sich in der Wallfahrtskirche in Birenbach ein drittes Mal das Gespann Valerian Brenner und Prospero Brenno.

Wallfahrtskirche Birenbach (Lkr. Göppingen) - © GvT

Wettenhausen, Augustinerchorherrenstift - 1694
Ein viertes Mal lässt sich die Zusammenarbeit von Valerian Brenner und Prospero Brenno beim Augustinerchorherrenstift Wettenhausen nachweisen. Beim Bau der Kirche ab 1670 war Brenner vermutlich der Palier der herausragenden Vorarlberger Baumeisters Michael Thumb.
Im Jahre 1694 arbeitet Prospero Brenno an der Stuckausstattung des Augustinerchorherrenstifts Wettenhausen im Trupp von Hans Jörg Brix. Brenno werden unter anderem die überlebensgrossen, vollplastisch gearbeiteten Engel im sogenannten Kaisersaal des Konventsgebäudes zugeschrieben. Aber es gibt auch Details in der Kirche im Bereich der Decke und des Orgelsprospektes, die zur stilistischen Handschrift von Brenno passen.

Decke im Kaisersaal des Augustinerchorherrenstifts Wettenhausen - © GvT


Giovanni Prospero Brenno stirbt am 18. Januar 1696 im Alter von 60 Jahren in Salorino. Sein Sohn Paolo Gerolamo überlebt ihn gerade einmal um zwei Jahre.


Quellen und Literatur

Heunoske, Werner, Tessiner Stuckatoren im Umkreis des Münchner Hofes: die Brüder Prospero und Giovanni Battista II. Brenno, in: Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte, Bd. 61/2, 2004, S. 117-142
http://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/a-g/Brenni_Prospero.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Salorino - Stichwort: Persönlichkeiten
https://www.uibk.ac.at/aia/brenno_paolo.html
http://www.kirchen-fuehrer.info/franziskanerkirche-salzburg/fuehrung-durch-die-kirche/kapellenkranz.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Franziskanerkirche_(Salzburg)
https://www.erzbistum-muenchen.de/Pfarrei/PV-Tegernsee-Egern-Kreuth/cont/75205
Gabriele von Trauchburg, Pfarr- und Wallfahrtskirche zur Schönen Maria auf dem Hohenrechberg (Kirchenführer ), Rechberg 2016

Der italienische Barock in der Wallfahrtskapelle Hohenrechberg - Teil 5: Die Arbeitsweise des Prospero Brenno

Die Wallfahrtskirche Hohenrechberg

Der italienische Barock in der Wallfahrtskapelle Hohenrechberg

© Gabriele von Trauchburg 


Teil 5: Die Arbeitsweise des Prospero Brenno

Aus der bisherigen Forschung geht hervor, dass Prospero Brenno in vielen Fällen gemeinsam mit einem Bruder, seinen Söhnen oder einem Vetter an einem Projekt arbeitete, beispielsweise in Würzburg, München oder Weggental b. Rottenburg a. Neckar. In anderen Fällen gehörte er zu einem größeren Trupp, in dem eine ganze Reihe von Stuckateuren arbeitete, etwa in München oder in Benediktbeuern.
In den Heiligenrechnungen der Wallfahrtskirche Hohenrechberg wird ausschließlich der Name Prospero Brenno genannt. Es ist jedoch nur schwer vorstellbar, dass Brenno die gesamte Ausstattung allein hergestellt hat. Vielmehr darf man auch hier vermuten, dass er nahe Verwandte in den Auftrag mit einbezogen hat. Darauf weist die Signatur am Fuß der Kanzel hin: IFBSFA1689 (s. Teil 11).

Die Arbeitswelt des Prospero Brenno lässt sich ziemlich gut anhand der Münchner Hofrechnungen ermitteln. Im Lauf der Jahrhunderte hatten die Zünfte strikte Arbeitsteilungen entwickelt, um auf diese Weise Arbeit für ihre Mitglieder zu sichern. Am Beispiel des Stuckateurshandwerks lässt sich diese Trennung und ihre Folgen besonders gut aufzeigen.
Stuckateure benötigten für die Herstellung von Bordüren oder anderer häufig wiederkehrender Ornamente aus Holz gefertigte Model. Dieses Arbeitsverfahren hatte nun zur Folge, dass Stuckateure zuerst ihre Entwürfe zu Papier brachten. Sie reichten dann die Entwürfe an einen ausgebildeten Bildhauer weiter. Der wiederum setzte die Papierzeichnungen in Holz um, so dass Model mit den gewünschten Mustern entstanden. Diese Model wurden den Stuckateuren übergeben, damit sie mit deren Hilfe die gewünschten Elemente herstellen konnten.
Prospero Brenno war nicht an diese traditionelle Arbeitsteilung gebunden, weil er in beiden Handwerken - das des Bildhauers und des Stuckateurs - ausgebildet war. Für ihn besaß diese Tatsache große Bedeutung, denn damit konnte er seine Entwürfe selbst in Holz modellieren und anschließend auch selbst die Stuckelemente herstellen - was ihm einen beachtlichen zeitlichen und finanziellen Vorteil einbrachte. Seine Fähigkeiten als Bildhauer stellte er unter anderem bei der Gestaltung der Kanzel unter Beweis. Prospero Brenno war also ein auf allen Ebenen seiner Kunst ausgebildeter Spezialist:
  1. Prospero Brenno verfügte über die Fähigkeiten, Entwürfe zur Ausstattung eines Gebäudes - sei es eine Residenz oder eine Kirche - anzufertigen. 
  2. Prospero Brenno war offensichtlich ein gefragter Stuckateur. Wenn er unter Vertrag genommen wurde, war er in der Lage, dem Auftraggeber ein Gesamtpaket vom Entwurf bis zur Fertigstellung aus einer Hand zu liefern. 

Prospero Brenno als Designer für andere Handwerker 

Die soeben gewonnene Erkenntnis hilft bei der weiteren Betrachtung der Hohenrechberger Ausstattung. Auffällig ist die Tatsache, dass nicht nur die Stuckaturen aus einer Hand gefertigt sind, sondern auch weitere Ausstattungsgegenstände wie die Beichtstühle und die Sitzbänke genau auf den Stil der Kirche abgestimmt sind und Ornamente aufzeigen, die man bis dahin in der Region sonst nicht kannte. Diese Beobachtung lässt nur einen Schluss zu: es war Prospero Brenno, der neben Decken, Wänden und Altären zudem noch die Beichtstühle und die Sitzbänke entworfen hatte. Die Ausführung erfolgte dann teilweise durch regionale Handwerker.
Diese These lässt sich eindeutig für die Sitzbänke belegen. Die Heiligenrechnungen von Hohenrechberg nennen den Schreiner Michael Frey aus Winzingen als deren Hersteller. Die Fratze im oberen Teil der Seitenwange gehört jedoch eindeutig ins stilistische Repertoire von Prospero Brenno.
Sitzbank von Michael Frey, Winzingen 1689 - mit einer Groteske, einer stilisierten Rose und einer Marienmuschel als Krönung- © GvT
Dieses Vorgehen, eigene Entwürfe fähigen Handwerkern zur Ausführung zu überlassen, eröffnete Brenno die Möglichkeit, auf mehreren Baustellen gleichzeitig als Auftragnehmer aufzutreten.  Dies scheint im Zeitraum zwischen 1688 und 1689 der Fall gewesen zu sein.

Prospero Brenno gleichzeitig an zwei Orten 

Aufgrund der Hohenrechberger Heiligenrechnungen und der darin vermerkten Arbeitsfortschritte weiß man definitiv, dass Prospero Brenno und seine Mitarbeiter 1688 und 1689 die Ausstattung der Wallfahrtskirche Hohenrechberg herstellten.
Parallel entstand die Wallfahrtskirche Weggental, wo die Söhne von Prospero Brenno nachgewiesen sind. Die stilistischen Parallelen in beiden Kirchen insbesondere bei den Kompositkapitellen sind unübersehbar. Sie würden noch deutlicher zutage treten, wenn die Hohenrechberger Kapitelle noch ihren ursprünglichen Zustand - reinweiß - besitzen würden. 


  © GvT

Die Kompositkapitelle von Weggental (oben) und Hohenrechberg (unten) - © GvT

Da die beiden Projektorte rund 100 Kilometer von einander entfernt liegen, konnten die beiden Aufträge nur dann gleichzeitig erledigt werden, wenn mehrere Personen für oder mit Brenno gearbeitet hatten.
Wie schon mehrfach angeführt, lieferte Brenno die Entwürfe und seine Mitarbeiter, wahrscheinlich in den meisten Fällen enge oder nahe Verwandte - erledigten die Ausführungen. Diese Arbeitsorganisation hätte dann zur Folge, dass Brenno - abhängig vom jeweiligen Auftrag - selbst als Unternehmer tätig war. Prospero Brenno war also weit mehr als ein einfacher 'Wanderarbeiter'.

Quellen und Literatur

BayHStA München - HR (Hofregistratur) II, Fasz. 14, 115
GRFAD - Heiligenrechnungen Hohenrechberg 1687-1689
 











Der italienische Barock in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg - Teil 12: Die kunsthistorische Bedeutung der Wallfahrtskirche Hohenrechberg

DIE WALLFAHRTSKIRCHE HOHENRECHBERG


Der italienische Barock in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg


© Dr. Gabriele von Trauchburg, Januar 2018

Teil 12: Die kunsthistorische Bedeutung der Wallfahrtskirche Hohenrechberg


Bis dato ist Prospero Brenno nur einigen wenigen Kunstkennern ein Begriff. Man kennt seinen Herkunftsort und seine Familienverhältnisse. Doch schon bei der Identifizierung seiner Werke, deren Qualität und deren Umfang gehen die Meinungen doch erheblich auseinander, wie die einzelnen Kapitel dieser Untersuchung gezeigt haben. Deshalb greife ich noch einmal einzelne Punkte auf und stelle ihnen die neuen Erkenntnisse gegenüber:

Prospero Brenno - kein Wanderarbeiter, sondern ein Unternehmer

Auf einer Website, die sich mit dem süddeutschen Barock beschäftigt, wurde Brenno tatsächlich als Wanderarbeiter bezeichnet. Diese Aussage soll wohl suggerieren, dass er 1. an mehreren Orten sein Handwerk ausübte und 2. allein unterwegs war.
Wie im Laufe der Untersuchung deutlich wurde, ist die Bezeichnung 'Wanderarbeiter' im Zusammenhang mit Prospero Brenno irreführend. Schon bei seinem ersten Auftreten in Würzburg 1670 arbeitete er gemeinsam mit seinem Bruder an der Stuckierung eines Saales im dortigen Rathaus. Einem einfachen Wanderarbeiter hätte man diese prestigeträchtige Arbeit sicherlich nicht anvertraut. Was waren also die besonderen Vorzüge Brennos gegenüber den einheimischen Künstlern?

Sein nächster Wirkungsort war München - zuerst die Theatinerkirche und anschließend die kurbayerische Residenz (1673-75). Im ersten Jahr ihrer Ausgestaltung arbeitete er unter dem in Nürnberg tätigen Carlo Moretti Brentano. Dieser kehrte aber noch, als die Arbeiten in der Kirche voranschritten, nach Nürnberg zurück, um dort seine Arbeiten fortzusetzen, während Brenno weiterhin in München arbeitete. Vergleicht man die stilistische Handschrift der beiden Künstler, so kann man deutliche Unterschiede feststellen. Der von Brenno geschaffene Stuck ist leichter und stilistisch vielfältiger. Man gewinnt den Eindruck, dass Moretti gemeinsam mit Brenno die Gestaltung entworfen hatte, die Ausführung aber in erster Linie bei Brenno lag.
Die Qualität von Brennos Arbeit - sowohl im Entwurf, wie auch in der Ausführung - müssen dann die Grundlage für seine Abwerbung bei den Theatinern gewesen sein. Die Kurfürstin persönlich wollte ihn für die Ausgestaltung ihrer neuen Räume in der Residenz.

Für das Jahr 1688 ist Prospero Brenno für die Ausstattung der beiden Wallfahrtskirchen Weggental b. Rottenburg a. Neckar und für Hohenrechberg belegt. Ein einfacher Wanderarbeiter ist jedoch nicht in der Lage, gleichzeitig an zwei Orten zu arbeiten. Vielmehr kann man davon ausgehen, dass er in beiden Fällen als Unternehmer auftrat, für beide Kirchen die Entwürfe lieferte, jedoch genügend potentielle  Mitarbeiter - seine Brüder, Söhne und Neffen - besaß, die die jeweiligen Arbeiten ausführten.

Prospero Brenno und der Salzburger Stuckateur PB

Beim  Anblick der ersten Fotos von der Annenkapelle in der Franziskanerkirche in Salzburg war ich wie vom Donner gerührt. Der Altar von 1680 wies die gleichen Engelkariathiden wie der Hochaltar der Wallfahrtskirche Hohenrechberg von 1689 auf. Die Signatur in Salzburg wird mit PB angegeben und mit Paolo Brenno übersetzt. In Hohenrechberg gibt es keine Signatur von Prospero Brenno.
Dennoch darf man davon ausgehen, dass hier ein und dieselbe Person am Werke war. Zum einen spricht die stilistische Übereinstimmung in Salzburg und Hohenrechberg dafür (s. Teil 7), und zum anderen haben die bisherigen genealogischen Untersuchungen nur einen einzigen Paolo Brenno nachweisen können - den Sohn von Prospero, der 1680 gerade einmal 7 Jahre alt gewesen war (s. Teil 2).   

Prospero Brenno und Gianlorenzo Bernini  

Über die Ausbildung und die frühen Arbeiten von Prospero Brenno ist nichts überliefert. Man weiß nur, dass er 1670 im Alter von 32 Jahren erstmals in Deutschland tätig ist. Zwei Jahre später gehört er zu den führenden Handwerkern beim Bau der Münchner Theatinerkirche, von wo er im Auftrag der bayerischen Kurfürstin Henriette Adelaide abgeworben wird, damit er ihre neuen Räume in der Münchner Residenz gestaltet. 1680 begegnet PB - bisher als Paolo Brenno übersetzt - in der Franziskanerkirche in Salzburg, wo er im Auftrag des Erzbischofs eine Kapelle ausarbeitet und signiert. 1685-1687 begegnet man Prospero Brenno in Benediktbeuern bei der Ausgestaltung der dortigen Klosterkirche und später noch einmal bei der Gestaltung der Kapitelräume. 1688 und 1689 arbeitete Brenno auf dem Hohenrechberg und in Weggental. Es blieb bisher ein Rätsel, wie es Prospero Brenno gelang, die prestigeträchtigen Aufträge zuerst in Würzburg und dann in München und Salzburg zu erhalten.
Eine Erklärung hierfür liefert die erstmals vorgenommene Untersuchung zu Brennos Stil. Ausgangspunkt war die Frage, woher er seine Inspirationen bezogen hatte und wie er sie im Laufe der Zeit umsetzte. Möglich war dies aufgrund der Tatsache, dass Prospero Brenno in Hohenrechberg als alleiniger Handwerker auftrat. Auf diese Weise konnte seine stilistische Handschrift herausgearbeitet werden.
Und diese erbrachte erstaunliches zutage: Sowohl der Hauptaltar wie auch die beiden Seitenaltäre von Hohenrechberg wurden nach Gestaltungsprinzipien von Gianlorenzo Bernini gearbeitet. Zudem weisen die von Brenno in seine Entwürfe eingearbeiteten Engel deutliche Parallelen zu den von Bernini entworfenen und von seinem Werkstattmitarbeiter Antonio Raggi ausgeführten Engeln in Santa Maria del Popolo und Sant'Andrea al Quirinale auf. Gestaltungsprinzipien und Ausführung wurden in den 1660er Jahren entwickelt - also nicht lange bevor Prospero Brenno erstmals nach Deutschland kam und in Würzburg seinen ersten Auftrag erledigte (s. Teil 8).
Diese Beobachtungen rechtfertigen nun das Aufstellen der These, dass Prospero Brenno wohl über einen längeren Zeitraum hinweg in Rom gewesen war und mit großer Wahrscheinlichkeit in der Werkstatt des führenden Architekten und Bildhauers Gianlorenzo Bermini gearbeitet hatte.


Prospero Brenno und die kunsthistorische Bedeutung der Wallfahrtskirche Hohenrechberg 

In der Wallfahrtskirche Hohenrechberg konnte Prospero Brenno erstmals vollständig die Ideen von Gianlorenzo Bernini umsetzen. Zuerst entwarf er für die Wallfahrtskirche ein Gesamtkonzept das Innere. Sämtliche Elemente wurden aufeinander abgestimmt: Decken und Wände, Altäre, Sitzbänke und Beichtstühle. Alle Details entstanden im italienischen Barock. Der Hohenrechberger Barock ist einzigartig: er ist der älteste erhaltene Barock in weitem Umkreis und zudem direkt von Rom ausgehend geprägt.
Brenno gestaltete mit dem Hochaltar in Hohenrechberg das wohl älteste Theatrum Sacrum in Süddeutschland. Es entstand 30-40 Jahre vor den großen Heiligentheatern beispielsweise in der Klosterkirche Weltenburg (s. Teil 10).
Dadurch dass Prospero Brenno federführend bei der Ausstattung in Hohenrechberg arbeitete, entstand hier sein Hauptwerk, das gleichzeitig den Höhepunkt seinen eigenständigen Werkes darstellt.


Prospero Brenno und seine künstlerische Ausstrahlung auf die Region um Hohenrechberg 

Im Teil 10 - Das Theatrum Sacrum - ist es bereits angeklungen, dass die Arbeit von Prospero Brenno sich auf weitere Kirchengebäude in der Region auswirkte - so auf die Wallfahrtskirche Birenbach, die Pfarrkirche Winzingen und auf die Stadtpfarrkirche Lauterstein-Weißenstein.
Es gibt jedoch noch einen weiteren Schwerpunkt, der allein aufgrund der stilistischen Übereinstimmungen Prospero Brenno und seinen Familienmitgliedern zugeschrieben werden muss: Der prachtvolle barocke Orgelprospekt der Heilig-Kreuz-Kirche in Schwäbisch Gmünd samt seinem alten Kirchengestühle. Offenbar brachte Brenno nicht nur nach Hohenrechberg, sondern auch nach Gmünd den italienischen Barock in seiner ganzen Fülle.

Orgelprospekt in der Heilig-Kreuz-Kirche Schwäbisch Gmünd, um 1688 - © GvT
 
 
 

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