Posts mit dem Label Heiliger Laurentius werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Heiliger Laurentius werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 3. Januar 2019

Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 10.6: Grünbach - Neogotik und Restaurierungen im 20. Jahrhundert

© Gabriele von Trauchburg


Nach dem Ende der Napoleonischen Zeit im Jahre 1815 waren alle finanziellen Strukturen zusammengebrochen, das Land von den überbordenen Finanzlasten des Krieges ruiniert. Der Staat konnte sich nur dadurch über Wasser halten, dass er das Vermögen von Hochstiften,  Klöstern und Reichsstädten 1803 einzog und für die eigenen Bedürfnisse ausgab. Dasselbe geschah mit den kleinen und mittleren autonomen Herrschaften 1806.
Die Vermögen von Pfarreien und Kapellen wurden erst nach 1810 beschnitten. Die rund 250 Jahre gängige Praxis des Geldverleihs durch Kapellenverwaltungen wurde untersagt und ihnen damit ihre finanzielle Unabhängigkeit und ihr Gestaltungsfreiraum vollständig genommen. Gleichzeitig bedeutete dies, dass der Geldverkehr erheblich beeinträchtig und damit vor allem die ländliche Ökonomie empfindlich getroffen wurde. Die kulturelle Vielfalt in Kunst und Handwerk brach vollkommen zusammen.

Die Neogotik

Daher ist es kein Wunder, dass die erste große Renovierung der Grünbacher Kapelle erst wieder nach 100 Jahre stattfand. Die barocke Ausstattung wurde dabei völlig entfernt. Statt dessen hielt die Neogotik Einzug.
Die Leitung der Umbauarbeiten von 1886/87 lag beim Donzdorfer Baumeister Johannes Kehrer. In der Grünbacher Kapelle ließ er ein weiteres Fenster auf der Nordseite durchbrechen und die restlichen rundbogig erweitern. Wände und Decken wurden von dem Maler und Illustrator Ludwig Traub (1844-1898 in Göppingen) gestaltet, der im Jahr davor den Laurentius-Zyklus in Hürbelsbach gemalt hatte.
1889 kam ein neuer Altar nach Grünbach, den der Kleinsüßener Schreiner Staudenmaier angefertigt hatte. Ebenfalls zu diesem Zeitpunkt könnte die Statue des Kapellenpatrons, St. Peter (Foto s. Teil 10.2: Grünbach - St. Peter: Eine Kapelle für Badende? (Label: Grünbach)), in die Kapelle gekommen sein.
Die neogotische Stilphase fand 1894 ihren Abschluss, als die bis dahin barocke Turmkuppel zugunsten eines  neuen Spitzhelms von L. Mohn aus Donzdorf entfernt wurde.

Turm von St. Peter in Grünbach - © GvT

Die Wiederentdeckung der gotischen Fresken

Bei der Sanierung von 1966/67 entfernte man die neogotischen Elemente aus der Kapelle. Bei der Renovierung der Wände konnte man die lange überdeckten gotischen Wandmalereien  wieder zutage fördern. Über ihre kulturelle Bedeutung habe ich bereits in Teil 2 der Geschichte der Grünbacher Kapelle gesprochen.
Das Kielbogenportal von St. Peter in Grünbach - © GvT

Das heutige Erscheinungsbild der Kapelle St. Peter in Grünbach

Heute betritt der Besucher die Kapelle durch das schmale Kielbogenportal auf der Südseite. Und sein Blick fällt zuerst auf den Zyklus der Passionsgeschichte Jesu auf der Nordseite. Dann gleitet der Blick weiter zum Altar im Chor.

Die Figurengruppe am Altar umfasst drei Figuren - das Kruzifix aus der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts und die beiden Assistenzfiguren der Muttergottes und des Apostels Johannes. Die beiden letztgenannten Figuren schuf einer der besten bayerischen Bildhauer des 19. Jahrhunderts, Anselm Sickinger. Sie waren bis 1938 Bestandteil des Hochaltars in St. Martinus Donzdorf, wie man aus einem Foto von 1927 erkennen kann.

Anselm Sickinger, Apostel Johannes -  © GvT
An der Südwand fanden drei große Figuren Platz: Die Heiligen Bernhard und Cyriakus sowie der Heilige Laurentius.
Der Heilige Laurentius kommt ursprünglich aus der Kapelle Hürbelsbach. Aus Sicherheitsgründen wurde er in den 1980er Jahren in die St. Peter-Kapelle gebracht, in Hürbelsbach hingegen befindet sich nur noch seine Kopie.


Die Heiligen Bernhard und Cyriakus gehörten möglicherweise zur ursprünglichen Ausstattung der Kapelle von 1492, denn sie werden in diese Zeit datiert. Ebenso kann ihr Bedeutung für die Gläubigen als wichtiges Indiz für ihre Zugehörigkeit gelten. Der Heilige Bernhard wurde von den Menschen bei medizinischen Problemen um Hilfe angerufen (vgl. in diesem Blog: Die barocke Wallfahrt auf dem Bernhardus - Teil 2: Der Heilige Bernhard vollbringt Wunder). Der Heilige Cyriakus mit dem gefangen genommenen Teufel galt als Beistand bei Versuchung und bösen Geistern, bei Besessenheit und Anfechtungen in der Todesstunde angerufen. Thematisch ergänzen also beide Heilige die Einrichtung eines Wildbades.
Heiliger Cyriakus - © GvT

Beim Verlassen der Kapelle fällt der Blick des Betrachters noch auf die kleinen Statuen der 12 Apostel vom Ende d. 19. Jahrhunderts.

Quellen und Literatur

Heimatbuch Donzdorf, hrsg. v. Stadt Donzdorf, Donzdorf 1976
http://karl-may-wiki.de/index.php/Ludwig_Traub
https://de.wikipedia.org/wiki/Anselm_Sickinger

Donnerstag, 6. Dezember 2018

Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 4.5: Hürbelsbach, nach 1493 - Die leere Grabkapelle braucht einen Altar

© Gabriele von Trauchburg

An dieser Stelle sei vorweggenommen, dass der in der Kunstgeschichte bekannte 'Donzdorfer Altar' seine Bezeichnung zu unrecht trägt. Aus diesem Grund war es bisher unmöglich, die Entstehung und die Aussage dieses Altares in das Werk des Ulmer Bildhauermeisters Bartholomäus Zeitblom einzuordnen. Mit diesem Post soll diese Lücke in der Forschung zum Werk von Bartholomäus Zeitblom geschlossen werden.

Eine leere Kapelle braucht einen Altar


Am Ende des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts prägte sich unter Wohlhabenden eine besondere Mode aus. Man stiftete großzügig für die Ausstattung von Kirchen und Kapellen. Dabei handelte man nach dem Motto: Tue Gutes und rede darüber.
Man begnügte sich deshalb nicht nur mit einer anonymen Stiftung, sondern man ließ alle Welt wissen, wer die Stiftung für einen Ausstattungsteil getätigt hatte. Deswegen zieren Wappen oder Stifterporträts oder am besten beides die jeweiligen Gegenstände. Des weiteren übten die Stifter Einfluss auf die Gestaltung ihrer Stiftungen aus.

Am Ende des 15. Jahrhunderts galt in Deutschland noch immer die Gotik als Maßstab für die Gestaltung von Gebäuden und von Innenausstattungen in den Kirchen, die Renaissance hielt erst langsam Einzug in die Kirchen. Deshalb darf man davon ausgehen, dass der Altar in der Hürbelsbacher Kapelle dem typischen, gotischen Aufbauschema folgte.
Ein gotischer Altar bestand traditionell aus dem Altartisch (Mensa), dem Aufsatz mit oder ohne Bild bzw. Schnitzerei (Predella), den Flügeln und dem Schrein (Retabel) und zuletzt dem Aufsatz (Gesprenge) (vgl. dazu http://www.angelfire.com/dc/stilkunde/mittelalter_fluegelaltar.html). Einen derartigen Altar gab es wohl auch in der Hürbelsbacher Kapelle. In den vorhandenen Akten findet sich kein Hinweis mehr darauf, wie dieser Altar ausgesehen haben könnte. Es gibt jedoch vier Gemälde und eine Holzfigur, die zwar keine Gesamtlösung, jedoch eine Vorstellung von der Ausstattung vermitteln können.

Wie der 'Donzdorfer Altar' zu seiner irreführenden Bezeichnung in der Kunstgeschichte kam


Immer wieder erregen die Bestandteile des sogenannten 'Donzdorfer Altares' Aufmerksamkeit. Zuletzt im Frühjahr 2015 bei der Ausstellung 'Jerusalem in Ulm - Der Flügelaltar St. Michael zu den Wengen'.  Dies hängt damit zusammen, dass die Altarflügel von dem Ulmer Maler Bartholomäus Zeitblom angefertigt worden waren. Und dieser galt lange Zeit als bester spätgotischer Maler, weshalb er im 19. Jahrhundert entsprechend hoch geschätzt wurde.
Hinzu kommt die wechselvolle Geschichte der Altarflügel seit ihrem Verkauf aus Donzdorf. Anfang des 19. Jahrhunderts veräußerte der damalige Donzdorfer Pfarrer Joseph Alois Rink die Seitenflügel. Dieser Verkauf beziehungsweise das Wissen darüber sorgte dafür, dass die erhaltenen Gemälde von zwei Seitenflügeln eines Altares die Bezeichnung 'Donzdorfer Altar' erhielten.

Gestützt wurde diese bisherige Benennung der Zeitblom-Altarflügel durch eine alte Postkarte von der Donzdorfer St. Martinus-Kirche aus der Zeit vor 1938, auf der ein neogotischer Seitenaltar mit einer Kopie eines der ehemaligen Flügelgemälde zu sehen ist.

linker Seitenaltar mit der Kopie im rechten Altarflügel, vor 1938 - © GvT
Auch wenn man nur einen Teil des Seitenaltares erkennen kann, so sind doch auffallend viele Frauen mit einem kleinen Kind im Schrein erkennbar. Zusätzlich stellt der rechte Seitenaltarflügel die Heimsuchung Mariens dar - also der Besuch der schwangeren Muttergottes bei ihrer ebenfalls schwangeren Cousine Elisabeth. Diese Häufung der Motive um Schwangerschaft und Kleinkinder ergänzt sich ideal mit der damaligen Aufgabe dieser Seitenkapelle als Taufkapelle.
Bei der Renovierung und Umgestaltung der Donzdorfer St. Martinus-Kirche 1938 wurde dann die Taufkapelle von der linken in die rechte Seitenkapelle verlegt. Der neogotische Altar samt dem Altarflügel mit der Zeitblomkopie wurde entfernt.   

Betrachtet man die auf den Altarflügeln dargestellten Heiligen, so sticht eine Darstellung besonders ins Auge - diejenige des Heiligen Laurentius. In der gesamten Donzdorfer Geschichte gab es im Mittelalter niemals eine wie auch immer geartete Verbindung zwischen der Donzdorfer Pfarrkirche St. Martinus, der Hürbelsbacher Kapelle und deren Kirchenpatron St. Laurentius. Das bedeutet nun, dass die Altarflügel nur aus der Hürbelsbacher Kapelle stammen können, müssen also eigentlich als "Hürbelsbacher Altar" bezeichnet werden. Die Gründe für diese Umbenennung werden im Laufe des Posts noch detailliert erläutert.

Der Verkauf des ‘Donzdorfer Altar’ bzw. 'Hürbelsbacher Altar' von Bartholomäus Zeitblom


Geschäftstüchtig war man damals zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch schon, denn man richtete sich nach den Kundenwünschen. Wer sollte schon einen ganzen, aus Holz gefertigten Altarflügel kaufen? Zum Aufhängen an der Wand war er zu schwer und außerdem konnte man nur entweder die Vorder- oder die Rückseite betrachten. Die Lösung für dieses Problem: Man sägte den Altarflügel einfach der Länge nach durch. So erhielt man plötzlich zwei Bilder, die sich viel besser vermarkten ließen.
Doch in Donzdorf ging man noch einen Schritt weiter. Die Höhe des Bildes wurde als zu groß empfunden. Daher kürzte man das Bild am unteren Ende, so dass ein Format entstand, das problemlos in ein Bürgerhaus passte. Genau dieses Verfahren wurde auch beim sogenannten 'Donzdorfer Altar' angewandt.

Maria Magdalena und Ursula, Kopie Anfang 19. Jh. 
© mp-foto martin paule fotodesign, Rechberghausen











































Die aus den beiden Altarflügeln gewonnenen vier Bilder fanden dann auch tatsächlich zwei Käufer: Die vier männlichen Heiligen der Außenseite - die Heiligen Sebastian und Georg sowie Laurentius und Wolfgang - gelangten in die Sammlung Hirscher und wurden von dort 1858 an die Kunsthalle Karlsruhe verkauft.
Auf der Innenseite waren die vier weibliche Heiligen - Maria und Elisabeth (Heimsuchung) sowie Magdalena und Ursula - zu sehen. Diese beiden Bilder gelangten über die Sammlung Laßberg in die Fürstenbergsche Sammlung nach Donaueschingen und dann in die Sammlung Würth.

Das Gestaltungsprogramm des Hürbelsbacher Altares auf der Außenseite


Im nächsten Schritt gilt es nun, das Programm, das dem Hürbelsbacher Altar zugrunde gelegen hatte, herauszuarbeiten und zu entschlüsseln. Dazu müssen wir die auf den vier Altarflügeln abgebildeten Figuren betrachteten und analysieren.
Bisher wurde in der Kunstgeschichte der Aufbau des Altares und die Position der einzelnen Heiligen innerhalb des Altares anhand ihrer Kopfhaltungen rekonstruiert. Ein Versuch, den Stifter und dessen Geschichte und Motivation zur Kapellenausstattung ausfindig zu machen, wurde bisher nicht unternommen. Diese Lücke soll nun geschlossen werden.

Die männlichen Heiligen auf der Außenseite 
Von den männlichen Heiligen - St. Sebastian, St. Georg, St. Laurentius und St. Wolfgang - schauen zwei der Heiligen dem Betrachter direkt ins Auge. Die Blickrichtung der beiden anderen ist entweder nach links oder nach rechts. 
Der eine Heilige, der nicht dem Betrachter ins Auge blickt, ist als Bischof gekennzeichnet. Er blickt nach links zum Kirchenpatron hin. Diese Blickrichtung lässt nun den Rückschluss zu, dass der Bischof auf der rechten Außenseite plaziert gewesen sein muss, sonst würde er ins Leere blicken.
Der Heilige mit dem Speer blickt nach rechts zu seinem Nachbarn im Bild, dem Heiligen Georg. Seine Blickrichtung macht nur dann Sinn, wenn er auf der linken Altarhälfte platziert war.
Setzt man die beiden Altarbilder auf diese Weise zusammen, dann ergibt sich eine harmonische, in sich geschlossene Bildkomposition der beiden äußeren Altarflügel. Die beiden zentralen Figuren sind der Ritterheilige Georg und der Kirchenpatron Laurentius, die beide dem Betrachter ins Auge blicken. Der Blick des Heilige Sebastian ruht auf dem Heiligen Georg, der Blick des Heiligen Wolfgangs auf dem des Kirchenpatrons. 


Heiliger Sebastian (links) und Heiliger Georg (rechts) - Bartholomäus Zeitblom, wohl 1495-96

Heiliger Laurentius (links) und Heiliger Wolfgang (rechts) - Bartholomäus Zeitblom, wohl 1495-96
Wenden wird uns den einzelnen Heiligen zu.

Der Heilige Sebastian
Auf dem ehemaligen linken Außenflügel erkennt man auf der linken Position den Pestheiligen Sebastian anhand von zwei Attributen, einem Pfeil und einem Schwert. Der Heilige Sebastian gehört zu den bekanntesten Heiligen und ist häufig in Kirchen und Kapellen anzutreffen. Man schreibt ihm den Schutz der Menschen vor der Pest zu.
Doch im Zusammenhang mit der Neueinrichtung von Hürbelsbach als Grabkapelle steht wohl eine andere Bedeutung im Vordergrund: Da Sebastian während seines Martyriums auf wundersame Weise nicht von den Pfeilen der auf ihn zielenden Bogenschützen getötet wurde, entwickelte er sich zum Patron der Bogen- und Armbrustschützen, von Soldaten und Kriegsinvaliden.
Wie im Post ‘Hürbelsbach - von der Pfarrkirche zur Grabkapelle, 1493-96' schon erwähnt, hatte Ritter Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen unter anderem an der Schlacht von Giengen an der Brenz 1462 teilgenommen und war dabei in Gefangenschaft geraten. Ritter Ulrich als Stifter hatte also einen ganz persönlichen Grund, diesen Heiligen in sein Altarprogramm mit aufzunehmen.

Der Heilige Georg
Der besonders von Rittern verehrte Heilige Georg ist das große Vorbild der männlichen Adeligen jener Zeit. Nicht wenige hatten sich deshalb in der Rittergesellschaft ‘St. Jörgenschild’ zusammengeschlossen. Kaiser Maximilian - mit dem Beinamen ‘der letzte Ritter’ - hat mit seinen Büchern die Welt der Ritter besonders stilisiert und idealisiert.

Grabplatte des Ritters Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen - ev. von Pantaleon Sidler aus Esslingen, um 1496 - © GvT

Ritter Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen, der zum Schmuck seines Grabmals einen überlebensgroßen bronzenen Ritter in seiner Rüstung hatte anfertigen lassen (vgl. den Post ´Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 4.4: Hürbelsbach 1493-96 - Von der Pfarrkirche zur Grabkapelle), huldigte dem Rittertum also in besonderer Weise auch auf dem Altar: Als Auftraggeber ließ er den Ritterheiligen in die Wappenfarben der Familie von Rechberg - rot und gold - kleiden, als Hommage an seine Familie und seinen einzigen Sohn.

Der Heilige Laurentius
Auf dem rechten Außenflügel sind links der Heilige Laurentius und rechts der Heilige Wolfgang von Regensburg dargestellt. Beide sind durch ihre Attribute - der Rost und Palmzweig für Laurentius, die Kirche für Wolfgang - eindeutig gekennzeichnet.
Der Heilige Lauretius war seit der Pfarreigründung durch das Klosters Anhausen im 12. Jahrhundert der Hürbelsbacher Kirchenpatron. Offenbar betrachtete Ulrich II. von Rechberg diesen Heiligen auch nach der Degradierung der Pfarrkirche zur Kapelle weiterhin als den rechtmäßigen Kirchenpatron seiner Grabkapelle. Somit ist es nicht verwunderlich, dass der Heilige Laurentius auf dem Hürbelsbacher Altar abgebildet ist. Gleichzeitig wird damit deutlich, dass dieser Zeitblom-Altar ausschließlich für diese Kapelle geschaffen wurde.

Der Heilige Wolfgang
Der Heilige Wolfgang von Regensburg wurde um 924 in der Gegend von Reutlingen geboren. Zunächst war er geistlicher Lehrer und Missionar, ehe er 972 zum Bischofvon Regensburg geweiht wurde. Wolfgang verstarb 994 in Pupping in Oberösterreich und wurde 1052 heiliggesprochen. Seine Attribute sind der Bischofsstab und in der Hand ein Kirchenmodell.
Die Legende erzählt, dass der heilige Wolfgang von Regensburg in St. Wolfgang am nach ihm benannten Wolfgangssee in Oberösterreich eine Kirche hatte errichten lassen. Später verstarb er während einer Inspektionsreise in einer Dorfkirche. Dort hatte man ihre Kirchentüren offen gelassen, damit alle Menschen sehen konnten, dass der Bischof eines ruhigen Todes starb.

Die Einordnung des heiligen Wolfgang in das Bildprogramm der Vorderseite des Hürbelsbacher Altares ist auf den ersten Blick nicht offensichtlich, verbindet man jedoch die Vita des Heiligen mit den Lebensumständen des Altarstifters, treten zwei Verbindungen zutage. Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen muss durch seinen Dienst bei Herzog Ludwig d. Reichen von Bayern-Landshut (= Niederbayern) mit der Verehrung von St. Wolfgang von Regensburg in Berührung gekommen sein. Auf diese Weise hatte er den historischen Regensburger Bischof Wolfgang als Kirchenbauer und seine Verehrung als Helfer für einen ruhigen Tod kennengelernt.
Auf dem ehemaligen Altarbild hält der Heilige Wolfgang in der einen Hand seinen fein ausgearbeiteten Bischofsstab und in der anderen das exakte Modell der Hürbelsbacher Kapelle.
Doch weshalb wählte Ulrich II. von Rechberg ausgerechnet den Regenburger Bischofsheiligen? Offensichtlich ist, dass Ulrich II. im Laufe seines Lebens den Bau mehrerer Kirchen oder Kapellen veranlasste oder gemeinsam mit weiteren Bauherren initiierte. 1488 ließ er die 1. steinerne Kapelle auf dem Hohenrechberg, im 20. Jahrhundert zum Gasthaus Rechberg umgebaut, errichten. Zudem war Ulrich II. Mitinitiator beim Bau zweier Kirchen, ebenfalls 1488 in Wetzgau b. Schwäbisch Gmünd und dann 1492 in Heuchlingen.

Die zum Gasthaus umgebaute erste steinerne Kapelle auf dem Hohenrechberg, © GvT
Weil der heilige Wolfgang das Modell der Hürbelsbacher Kapelle in Händen hält, darf man die Vermutung äußern, dass im Auftrag von Ulrich II. Bauarbeiten an der Kapelle vorgenommen wurden. In das Modell integriert ist eine deutlich sichtbare Glocke im Dachreiter. Wie schon zuvor erwähnt, stiftete Ulrich II. von Rechberg als erstes 1493 eine von Pantaleon Sidler gegossene Glocke. Auch die Gestaltung des Maßwerks der Fenster im Chor und das Kreuzrippengewölbe im Innern der Kapelle lässt die Vermutung einer Entstehung des älteren Kapellenteils oder dessen Umgestaltung um 1493 zu.

Modell, sogar mit Kirchenglocke
Der hellrot gedeckte Teil ist der ursprüngliche Teil der Kapelle




















Ein weiterer Grund für die Wahl von St. Wolfgang als Motiv im neuen Altar ist seine Verehrung als Helfer für einen ruhigen Tod, der Wunsch eines jeden Menschen. Diese Eigenschaft ist nun ideal für die Gestaltung eines Altares, der in einer Grabkapelle zu stehen kommen sollte.  

Das Gestaltungsprogramm des Hürbelsbacher Altares auf der Innenseite


Wie bei den Außenflügeln wurde in der Kunstgeschichte der Aufbau des Altares und die Position der einzelnen Heiligen innerhalb des Altares bisher anhand ihrer Kopfhaltungen rekonstruiert. Und wie in diesem Post für die Außenseite praktiziert, sollen die einzelnen weiblichen Heiligen in Verbindung mit dem Stifter Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen und seiner Familie gebracht werden.
Beim geöffneten Altar erblickten die Betrachter die Darstellungen von vier weiblichen Heiligenfiguren auf den Seitenflügeln. Traditionell gilt in der Kunstgeschichte, dass auf dem linken Altarflügel die beiden Heiligen Maria Magdalena und Ursula von Köln zu sehen waren, während auf dem rechten die Muttergottes und ihre Cousine Elisabeth dargestellt waren (vgl. Kat. Jerusalem in Ulm, 174f)

Maria und Elisabeth - Heimsuchung, Ausschnitt, Original Bartholomäus Zeitblom, 1492-1496 - © GvT
Maria Magdalema und Ursula, Ausschnitt, Original Bartholomäus Zeitblom, 1492-1496 - © GvT

Wenden wir uns den einzelnen Frauen zu:


Maria Magdalena
Auf dem unteren der beiden Flügelaltarbilder sind zwei Frauen abgebildet. Auf der linken Seite ist  Maria Magdalena mit einem Gefäß in der Hand dargestellt. Ursula ist mit dem Pfeil, der sie durchbohrte, gekennzeichnet.
Maria Magdalena hatte Jesus bei einer ihrer Begegnungen die Füße gesalbt, daher ihre Darstellung mit einem Deckelgefäß. Sie war eine begeisterte Anhängerin von Jesus Christus. Nach dessen Tod war Maria Magdalena die erste, der Jesus nach seiner Auferstehung als vermeintlicher Gärtner erschien. Maria Magdalena ist die erste Augenzeugin und Botschafterin des Auferstehungswunders an Ostern. 

Ursula von Köln
Ursula von Köln war der Legende nach eine Königstochter. Ursula kam von einer Pilgerfahrt nach Rom in Köln an. Sie wurde gemeinsam mit ihren Begleiterinnen überfallen und gefangen genommen. Alle Begleiterinnen von Ursula wurden misshandelt und getötet. Der Anführer wollte Ursula für sich, doch sie verweigerte sich. Deshalb wurde sie durch einen Pfeilschuss getötet (s. Attribut). Darauf hin kamen 11000 Engel (wohl die Seelen ihrer Begleiterinnen) über Köln und vertrieben die Feinde aus der Stadt.
Der Tod der Heiligen Ursula wird mit der Vertreibung der Hunnen aus Köln in Verbindung gebracht.  Bis heute wird die Heilige u.a. für eine gute Ehe und für einen ruhigen Tod verehrt sowie bei Kinderkrankheiten und gegen Qualen des Fegefeuers angerufen. Drei dieser vier Eigenschaften besitzen einen Bezug zum Altarstifter zu: Da wäre zunächst die gute Ehe. Davon zeugt die Sage vom Klopferle. Darin wird erzählt, dass Ulrich II. und seine Frau sich während ihrer ganzen Zeit immer kleine Nachrichten haben zukommen lassen.Ulrich II. von Rechberg bereitete sich systematisch auf sein Ableben vor, indem er die von ihm ausgewählte Grabkapelle bewusst ausstattete. Somit passen die beiden anderen der Heiligen Ursula zugeschriebenen Eigenschaften - die erneute Bitte für einen ruhigen Tod und die Hilfe gegen die Qualen des Fegefeuers - ideal zur Ausstattung einer Grabkapelle.

Maria und Elisabeth - Die Heimsuchung
Maria und ihre Cousine Elizabeth haben einen gemeinsamen Grund zur Freude. Völlig unerwartet waren beide Frauen guter Hoffnung - Maria mit Jesus und Elisabeth mit Johannes dem Täufer. Dieses Thema wird traditionell mit dem Titel ‘Heimsuchung’ bezeichnet. Man kann es als den Beginn neuen Lebens deuten.
Bei dieser Tafel handelt es sich um das einzige Gemälde, auf der die beiden dargestellten Heiligen miteinander interagieren. Das Motiv besitzt eine besondere Beziehung zum Stifter. Die Freude, auch noch im hohen Alter ein Kind zu erwarten, besaß für Ulrich II. und seine Frau Anna von Venningen einen konkreten Hintergrund. Das Paar war bereits 15 Jahre lang verheiratet, als ihnen der langersehnte männliche Erbe geboren wurde.

Überlegungen zum Schrein des Hürbelsbacher Altares


Zum Aussehen des Altarschreins gibt es keine schriftliche Überlieferung. Doch die Entwicklung der Themen auf den Innenflügeln - von der Empfängnis bis zum Tod und der Auferstehung - legt nahe, dass im Schrein ein Ereignis aus dem Leben Christi gezeigt wurde. In Betracht kommen 1. Maria und Christus-Kind - ähnlich wie in der Kirche auf dem Hohenrechberg oder 2. eine Kreuzigung oder Kreuzabnahme bzw. Pietà. Tatsächlich gibt es heute in der Hürbelsbacher Kapelle eine Pietà-Gruppe im dortigen Altar, die ebenfalls in die Zeit vor 1500 datiert wird  


Es ist jedoch eher unwahrscheinlich, dass diese Gruppe Bestandteil des Schreins war, denn im Verhältnis zur Größe der Seitenflügel ist sie zu klein. Bei einem eigens entworfenen Altar wäre zu erwarten, dass die Größenverhältnisse der Figuren im Schrein und der Flügelaltäre miteinander korrespondieren. 



Der Hürbelsbacher bzw. Donzdorfer Altar, die Heilige Apollonia und Nikolaus Weckmann


Von den übrigen Bestandteilen des 'Donzdorfer Altars' - Predella, Schrein oder Gesprenge - gibt es
keine gesicherte Überlieferung. Man darf jedoch davon ausgehen, dass geschnitzte Figuren im Schrein aufgestellt waren. Es gibt ein altes Schwarz-weiß-Foto aus der Nordwürttembergischen Zeitung (NWZ) aus den 1960er Jahren, auf dem eine Heilige Apollonia abgebildet ist (s.u.). Sie wird als Figur aus dem Hürbelsbacher Hochaltar deklariert.

Heilige Apollonia von Alexandria, 1969 gestohlen aus der Hürbelsbacher Kapelle

Diese 85 cm hohe Figur wurde zusammen mit einer weiteren Figur, der barocken, gleich großen  Heiligen Ottilie, 1969 aus der Hürbelsbacher Kapelle gestohlen. Beide Figuren gelten seither als verschollen.

Das Bildwerk der heiligen Apollonia konnte vor seinem Verschwinden noch keinem Ulmer Künstler zugeschrieben werden. Doch gelang der Ulmer Forschung in den vergangenen Jahren u.a. der Nachweis, dass viele Figuren von Zeitblom-Altären aus der Werkstatt des Ulmer Bildhauer Niklaus Weckmann stammten (Teget-Welz). Man darf deshalb vermuten, dass beim Hürbelsbacher Altar diese enge Arbeitsgemeinschaft der beiden Künstler ebenfalls bestanden hatte.
Betrachtet man die oben abgebildete, gestohlene Figur der Apollonia genauer, so scheint sich die These der Zusammenarbeit zwischen Batholomäus Zeitblom und Niklaus Weckmann auch hier zu bestätigen. Obwohl das einzige bisher vorhandene Foto nicht den gewöhnlichen Standards entspicht, so zeigt doch gerade die Gestaltung des Kopfes und des Faltenwurfs im Umhangs der Heiligen Apollonia die für Weckmann typischen Schemata  (Meisterwerke Massenhaft).
Mit dieser Erkenntnis wird gleichzeitig der Weckmann-Forschung ein wichtiges Instrument an die Hand gegeben. Klagte man in der Forschung bisher, dass man das Frühwerk von Niklaus Weckmann nur wage umreißen kann, so lässt sich nun mit der Heiligen Apollonia ein Werk von Weckmann auf einen engen Zeitraum zwischen 1493 und 1496 eingrenzen.

Neue Interpretation zum Hürbelsbacher bzw. Donzdorfer Altar


Durch die Verknüpfung von biographischen Daten aus dem Leben von Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen, ist es gelungen, das Programm des sogenannten Donzdorfer Altares zu entschlüsseln.
Die Außenseite befasst sich mit der Welt des Ritters Ulrich - dargestellt durch die Heiligen Sebastian und Georg - und seiner Verbindung zu Hürbelsbach - dargestellt durch den Heiligen Wolfgang als Kirchenbauer, der dem Kirchenpatron St. Laurentius seine von ihm ausgewählten und vermutlich erbaute Grabkapelle präsentiert.
Es fällt auf, dass der Heilige Wolfgang im Gegensatz zu den anderen drei Heiligen als älterer Mann mit ausgeprägten individuellen Zügen dargestellt ist. Ist es vielleicht möglich, dass sich der Stifter Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen in der Figur des St. Wolfgang abbilden ließ?
Die Innenseite des Altares beschäftigt sich mit dem Spannungsfeld, in das das Leben eines Menschen eingebettet ist: von der Geburt bis zum Tod und den Erwartungen beim jüngsten Gericht. Ausgehend von dieser Beobachtung verblüfft jedoch die bisher von der Kunstgeschichte vertretene Ansicht vom Aufbau des Altares:

    links: Maria Magdalena - die erste Zeugin des Auferstehung Christi
    links: Ursula - Bitte um einen ruhigen Tod und Beistand gegen die Qualen des Fegefeuers
    rechts: die junge Maria - die Geburt Christi ihrer Cousine ankündigend
    rechts: die ältere Elisabeth - die Geburt ihres Sohnes Johannes d. Täufers ankündigen

Diese bislang vertretene Gliederung basiert auf der Art und Weise der Aufstellung der beiden Bildtafeln von den vier weiblichen Heiligen neogotischen Altar von Donzdorf, wie sie auf der Postkarte von der Donzdorfer Kirche vor 1938 (s.o.) und einer Dokumentation des Landesdenkmalamtes von Baden-Württemberg (s.u.) zu sehen ist.  

https://www.bildindex.de/document/obj00071801?part=3&medium=mi05137g01

Doch parallel zur Außenseite des Hürbelsbacher Altares wurde auch dessen Innenseite bewusst gestaltet. Die Bilder der weiblichen Heiligenfiguren bilden thematisch und gestalterisch jeweils in sich geschlossene Einheiten, wie Blicke und Gestik verraten. Somit entscheidet der von ihnen verkörperte Glaubensinhalt über ihre Position auf der Innenseite des Retabels. Betrachtet man also die Frauen zusammen mit der Bedeutung, die sie für einen Gläubigen verkörperten, dann muss ihre Folge im Hürbelsbacher Altar eine andere gewesen sein:

        links: die junge Maria - die Geburt Christi ihrer Cousine ankündigend
        links: die ältere Elisabeth - die Geburt ihres Sohnes Johannes d. Täufers ankündigen
        rechts: Maria Magdalena - die erste Zeugin des Auferstehung Christi
        rechts: Ursula - Bitte um einen ruhigen Tod und Beistand gegen die Qualen des Fegefeuers

Diese Reihenfolge ist thematisch in sich geschlossen und gleichzeitig das Glaubensbekenntnis des Stifters Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen. 

Der Donzdorfer bzw. Hürbelsbacher Altares im Werk von Bartholomäus Zeitblom und Niklaus Weckmann


Bisher wird die Entstehung des sogenannten 'Donzdorfer Altares' mit um 1490 angegeben. Aufgrund der in diesem Blog zusammengetragenen Fakten kann man seine Entstehungszeit jetzt sehr viel präziser benennen. Der erste Eckpunkt der Datierung ist der Februar 1492. Damals wurde die Pfarrei Hürbelsbach aufgelöst und die Kircheneinrichtung in die Marienkapelle nach Klein-Süßen gebracht. Unmittelbar danach begann Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen mit der Umgestaltung der Hürbelsbacher Kapelle zu seiner Grabkapelle. Dies belegt die bis heute vorhandene Sidler-Glocke von 1493 im Turm der Kapelle, der zweite Eckpunkt in der Datierung. Der dritte Eckpunkt ist das Todesjahr von Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen im Jahre 1496.
Die gesamte neue Ausstattung des Hürbelsbacher Kirchengebäudes muss also zwischen den Jahren 1492-1496 entstanden sein. Ob und in welcher Weise damals das Kirchengebäude auch noch architektonisch verändert wurde, lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht sagen.
Vier Elemente lassen sich heute als Teile der dem neuen Zweck angepasst Einrichtung der Kapelle identifizieren.
  • die von Pantaleon Sidler im Jahre 1493 gegossene Glocke
  • das Epitaph von Ulrich II. - heute in St. Martinus Donzdorf (Foto s.o.)
  • das gestohlene Bildwerk der Heiligen Apollonia - Schwester des Heiligen Laurentius (Foto s.o.)
  • die ehemaligen, im 19. Jahrhundert gekürzten Flügel des Altars von Bartholomäus Zeitblom (Fotos s.o.)
Hürbelsbach ist nicht die einzige von Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen ausgestattete Kirche. Auch die von ihm erbaute erste steinerne Kirche auf dem Hohenrechberg besaß eine hochwertige Ausstattung, wie die Beschreibung in der Schwäbischen Chronik von Crusius  aufzeigt. Von dieser Ausstattung zeugt heute noch das große Cruzifix in der Hohenrechberger Kirche, das bis dato Michel Erhart zugeschreiben wird.


Literatur

https://de.wikipedia.org/wiki/Bartholom%C3%A4us_Zeitblom
https://de.wikipedia.org/wiki/Niklaus_Weckmann 
https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_von_Regensburg
https://www.heiligenlexikon.de/BiographienS/Sebastian.htm
https://www.heiligenlexikon.de/BiographienU/Ursula_von_Koeln.htm
https://www.bildindex.de/document/obj00071801?part=3&medium=mi05137g01- (Donzdorfer Altar)
http://www.inschriften.net/landkreis-goeppingen/inschrift/nr/di041-0125.html#content - Sidlerglocke
http://www.inschriften.net/landkreis-goeppingen/inschrift/nr/di041-0137.html#content - Epitaph


- Grimm, Claus Grimm / Konrad, Bernd, Die Fürstenberg-Sammlungen Donaueschingen. Altdeutsche und schweizerische Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts, München 1990, S. 118f
- Meisterwerke Massenhaft.  Die Bildhauerwerkstatt des Niklaus Weckmann und die Malerei in Ulm um 1500, Katalog, hrsg. v. Württembergisches Landesmuseum Stuttgart, Stuttgart 1993
- Dietlinde Bosch, Bartholomäus Zeitblom - Das künstlerische Werk (Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm 30), Ulm 1999- Teget-Welz, Manuel, Bartholomäus Zeitblom, Jörg Stocker und die Ulmer Kunstproduktion um 1500, in: Jerusalem in Ulm - Der Flügelaltar aus St. Michael zu den Wengen, hrsg.v. Ulmer Museum, Ulm 2015, S. 10-25, mit weiterführender Literatur.

- Trauchburg, Gabriele von, Pfarr- und Wallfahrtskirche zur Schönen Maria auf dem Hohenrechberg (Kirchenführer), Donzdorf 2016 

Freitag, 18. Mai 2018

Donzdorfer Kapellenweg - Teil 4.3: Von der Gründung der Pfarrei Hürbelsbach 1143 bis zu ihrem Ende

© Gabriele von Trauchburg

Mit der Herauslösung Hürbelsbachs aus dem Gingener Herrschaftsverband war auch gleichzeitig die Abtrennung von der Gingener Pfarrei verbunden gewesen. Das bedeutete ab 1106 konkret, dass die Bewohner von Hürbelsbach ohne geistlichen Beistand beim Gottesdienst, bei Heiraten, bei Taufen und bei Sterbefälle waren. Für die Menschen des Mittelalters war dies die schlimmste Vorstellung überhaupt. Deshalb besaß die Gründung der Pfarrei, sobald die Siedlung Hürbelsbach Bestandteil des neu gegründeten Klosters in Langenau 1125 oder spätestens 1143 in Anhausen gewesen war, für die Mönche des jungen Klosters oberste Priorität.
Die Existenz der Pfarrei bezeugt erstmals 1275 ein Zehntregister des Bistums Konstanz. Über den Umfang der neuen Pfarrei schweigen die Quellen zunächst. Erst 1464 und 1493 wird deutlich, dass zur Pfarrei Hürbelsbach ursprünglich auch die Siedlung Kleinsüßen mit ihrer Marienkapelle gehört hatte. Dieser Zusammenhang legt die Vermutung nahe, dass auch diese Siedlung ursprünglich einen Teil des Gingener Herrschaftsbereichs bildete.

Der Heilige Laurentius als Kirchenpatron von Hürbelsbach

Laurentius (dt. Lorenz) war bei Papst Sixtus II. (257-258) in Rom Erzdiakon gewesen. Der Legende nach verteilte er Kirchenvermögen an Arme, als die Enteignung der frühchristlichen Kirche durch die römische Staatsmacht drohte.
Zur Strafe wurde Laurentius gefoltert: man schlug ihn mit lebenden Skorpionen und drückte ihm glühende Eisenplatten auf die Hand. Beide Foltermethoden konnten Laurentius nichts anhaben, statt dessen traten mehrere Soldaten zum Christentum über. Dies verärgerte die römische Staatsmacht noch mehr, und sie ließ Laurentius deshalb auf einen glühenden Eisenrost legen und verbrennen. Er verstarb am 10. August 258.

Ausschnitt aus dem Zyklus zur Laurentius-Legende, Hürbelsbach - Ludwig Traub, 1884 - © GvT
Durch sein Martyrium ist der Heilige Laurentius der Schutzpatron aller Berufsgruppen, die mit Feuer zu tun haben, z.B. Bäcker, Bierbrauer, Köche, Wäscherinnen und Feuerwehrleuten. Wegen seiner Arbeit als Finanzverwalter des Papstes wird er von Archivaren und Bibliothekaren verehrt. In der Volksmedizin sprach man dem Heiligen Linderung bei Hexenschuss, Haut- und Ischiasproblemen zu. Sein Gedenktag ist der 10. August. In Donzdorf wird er jährlich mit einem Gottesdienst bei der Kapelle begangen.

 Heiliger Laurentius, um 1500 - © GvT


Kloster Anhausen als Patronatsherr von Hürbelsbach

Bis zur Auflösung der Pfarrei Hürbelsbach 1493 hatte das Kloster Anhausen das Patronat inne. Zu den Aufgaben eines Patronatsherren gehörte Errichtung, Ausstattung und Unterhalt der Kirche sowie der Wohnung des Pfarrers.
Ein Ausstattungsgegenstand der Kirche muss das bis heute erhaltene romanische Vortragekreuz gewesen sein, das in der Literatur als staufisches oder schwäbisches Vortragekreuz bezeichnet wird. Dieses Vortragekreuz aus Bronze wird in die 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts datiert und ist in seinem Erscheinungsbild einmalig. Es ist wohl eine Stiftung aus dem Umfeld der Pfalzgrafen oder Grafen von Dillingen, denn das junge Kloster Anhausen hatte sich eine derartige Arbeit wahrscheinlich nicht leisten können.


Replik des Hürbelsbacher Vortragekreuzes - © GvT
Doch von Anfang an gab es massive strukturelle Probleme in der Pfarrei Hürbelsbach. Im Gegensatz zu den benachbarten Pfarreien Gingen oder Donzdorf besaß Hürbelsbach zwar einen Widdumhof, jedoch kein Bevölkerung, die durch Zehnten zur Versorgung des Pfarrers beitrug. Zudem erhielt die junge Pfarrei auch keine große Unterstützung von dem ebenfalls ständig in wirtschaftlichen Schwierigkeiten gefangenen Kloster Anhausen.
Während des gesamten 15. Jahrhunderts scheint das Bistum Konstanz die Aufgaben eines Patronatsherrn übernommen zu haben, denn das Bistum Konstanz sorgte dafür, dass Geistliche aus umliegenden Gemeinden auch die seelsorgerische Arbeit von Hürbelsbach und Kleinsüßen übernahmen.

Ende der Pfarrei in Hürbelsbach

Am 14. Februar 1493 wurde die gesamte Pfarrei Hürbelsbach schließlich neu organisiert. In einem Vertrag wurde die Verlegung der Pfarrei von Hürbelsbach nach Kleinsüßen geregelt. Die Hürbelsbacher Kirche verlor ihren Status als Pfarrkirche. Im Kirchengebäude sollten künftig nur noch 1 Messe pro Woche und an besonderen, bis dahin üblichen Kirchenfesten Gottesdienste gefeiert werden: St. Laurentius, St. Stefan an Weihnachten, Ostermontag, an Pfingstmonstag, an Sonntag Laetare = Mittfasten und an Kirchweih. Das Kleinsüßener Patronat lag künftig - wie zuvor - beim Kloster Anhausen.
Da die bestehende Ausstattung nun in der neuen Pfarrkirche, der Marienkapelle in Kleinsüßen, benötigt wurde, leerte man wohl die alte Pfarrkirche und brachte alles notwendige nach Kleinsüßen. Auf diese Weise gelangte also das Vortragekreuz aus staufischer Zeit dorthin.

Quellen und Literatur

Wilhelm Volkert, Die Regesten der Bischofe und des Domkapitels von Augsburg, Bd. 1, Augsburg 1985, S. 300, Nr. 506
Ziegler Walter, Von Siezun bis Süßen - Ein Streifzug durch 900 Jahre, Süßen 1971, S. 33-41.
Die Zeit der Staufer, Bd. 1- Katalog, Stuttgart 1977, S. 510, Nr. 677a
Gabriele von Trauchburg, 1100 Jahre Gingen an der Fils, Gingen 2015

Geschichte(n) von Gingen/Fils - Teil 1.3: Die erste bekannte Gingener Dorfherrschaft: Königin Kunigunde

© Gabriele von Trauchburg Als zweite Frau möchte ich Ihnen die deutsche Königin Kunigunde vorstellen. Sie ist diejenige Königin, die ih...