Mittwoch, 28. Februar 2018

Die barocke Wallfahrt auf dem Bernhardus - Teil 3: Aufbau und Organisation einer Wallfahrt 


© Gabriele von Trauchburg


Man fragt sich unwillkürlich, weshalb der damalige Inhaber der Herrschaft Weißenstein, Graf Gaudenz von Rechberg, sich so sehr für die am Bernhardus geschehenen Wunder interessierte, dass er die Bereitschaft und das Engagement für die Errichtung einer Wallfahrt entwickelte. 

Die Herrschaft Weißenstein und die Anfänge der Wallfahrt

Machen wir jetzt einen Zeitsprung in das Jahr 1720. Der Spanische Erbfolgekrieg war seit fünf Jahren beendet. Die Bayern hatten zwar keine nennenswerten territoriale Verluste erlitten, doch die lange Kriegsführung hatte ihre wirtschaftlichen Spuren hinterlassen.
Warum erwähne ich Bayern - ganz einfach: die Mitglieder der Familie Rechberg gehörten als Hofbeamte in den höchsten Rängen zur Elite am Münchner Hof. Und hier tritt besonders Graf Gaudenz von Rechberg-Weißenstein (1664-1735) hervor. Gemäß den Familiengesetzen hatte er als Senior der Familie 1719 die rechbergischen Herrschaften Weißenstein und Kellmünz geerbt.
Graf Gaudenz von Rechberg-Weißenstein (1664-1735) war ein beeindruckender Herrschaftsinhaber gewesen. Am Ende seines Lebens konnte er auf eine steile Karriere zurückblicken. Er hatte seine Laufbahn als kurkölnischer und bayerischer Kammerherr begonnen, wurde dann in Bayern Geheimer Rath, Obersthofmarschall, Hofkriegsratspräsident (= Verteidigungsminister), General-Feldmarschall-Leutenant (= höchster ausführender Militärbefehlshaber), Kommandant sämtlicher kurbayerischen Truppen, Kommandant der Hauptstadt München und Pfleger (= Verwaltungschef) der Hofmarken Weilheim, Mattighofen und Wöhrt (b. Erding).
Verheiratet war er mit der 4 Jahre jüngeren Gräfin Maria Adelheid Ludovica (1668-1748). Sie stammte aus der hochadeligen, einflussreichen und begüterten Familie der Grafen von Toerring-Seefeld. Sie war die Tante der beiden wichtigsten bayerischen Minister in der Zeit des Kurfürsten Maximilian Emanuel. Das Paar hatte 9 Kinder.

Das Interesse des Grafen Gaudenz von Rechberg an den Wundern 

Sie haben gerade eben gelesen, welch beachtliche berufliche Karriere Graf Gaudenz am bayerischen Hof in München machen konnte. Auf die meisten seiner Zeitgenossen musste er wie ein beneidenswerter Mann wirken.
Und dennoch hatte ihn das Schicksal schwer getroffen. Er war der Vater von 9 Kindern. Sieben von ihnen starben im Zeitraum zwischen 1692 und 1708 jeweils im Alter zwischen 2 Monaten und 10 Jahren. Sein ältester Sohn starb 1715 vermutlich an einer Typhus- oder Cholerainfektion während seiner Kavalierstour in Paris. Seine jüngste Tochter starb 1721 im Alter von 21 Jahren im Kindbett. Alle Todesfälle hatten eines gemeinsam: Die  Kunst der Ärzte war damals noch nicht soweit entwickelt, dass sie hätte helfen können. Hilfe aus dem Glauben war die einzige Hoffnung - und der Heilige Bernhard bot nun genau diese Hilfe in der eigenen Herrschaft.

Wie organisiert man eine Wallfahrt - die Infrastruktur, der Einzugsbereich

Es ist also nicht verwunderlich, dass sich Graf Gaudenz nach dem Bekanntwerden der Wundertätigkeit an der Kapelle auf dem Spitzkopf an das Bistum Konstanz mit der Bitte um die Genehmigung für das Abhalten von Gottesdiensten bei der Kapelle wandte.
Das Jahre 1727 gilt als der Beginn der Bernhardus-Wallfahrt. Die Genehmigung für Gottesdienste wurde am 24. Juli 1728 erteilt. Ab diesem Zeitpunkt konnten nun mit Zustimmung des Konstanzer Weihbischofs Sirgenstein Heilige Messen in der Kapelle an einem tragbaren Altar gefeiert werden. Doch damit gab sich der Herrschaftsinhaber noch nicht zufrieden. Graf Gaudenz konnte beobachten, wie immer mehr Menschen auf den Bernhardus zu den Gottesdiensten kamen - sogar im Winter!! - und von immer neuen Wundern berichtet wurde. So beschloss der Graf, eine Wallfahrtskirche auf dem Spitzkopf zu errichten. Doch dafür mussten zuerst mehrere Voraussetzungen gegeben sein. 

1. Die notwendigen Nachweise für die Wundertätigkeit
Die Diözese Konstanz verlangte schriftliche und bestätigte Nachweise für die auf dem Spitzkopf geschehenen Wunder. Diese waren mehreren Personen aus der katholischen Reichsstadt Schwäbisch Gmünd widerfahren. Diese sollten nun im Zuge des Genehmigungsverfahrens befragt und die schriftlichen Ergebnisse nach Konstanz übermittelt werden.
Von vier Personen sind die Wunder im Detail überliefert. Ein junger Mann aus Schwäbisch Gmünd litt an einer schmerzhaften Entzündung in seinen stark angeschwollenen Genitalien. Bewusst pilgerte er auf den Bernhardus, um zu beten. Als dabei seine Schmerzen unerträglich geworden waren, konnte er nicht mehr widerstehen und kratzte sich an der Entzündung. Die Haut platzte auf, der Eiter floss ab und die Hautlappen konnten später Ärzten entfernt werden. Alle Zeitgenossen führten die Heilung der Entzündung auf die Hilfe des Heiligen Bernhard zurück. 
Ein weiterer Geheilter war ein Soldat, der zuvor in Ungarn gekämpft hatte. Die Verletzung, die er sich zugezogen hatte, stammte allerdings nicht aus einem heldenhaften Kampf, sondern er hat sie sich beim Stehlen von Kirschen zugezogen. Er war auf einen Baum geklettert, hatte einen besonders ertragreichen Ast mit dem Säbel abgeschlagen und beim Herunterklettern fiel dieser Mann vom Baum. Doch hatte er sich bei dieser Aktion nicht etwa einen Knochenbruch zugezogen, nein - er verlor seine Stimme. Er war fortan nicht mehr in der Lage zu sprechen. Er wurde aus dem Dienst entlassen und nach Hause geschickt. Über seine in der Region lebende Schwester hörte der Soldat von den Wundern auf dem Bernhardus, pilgerte hierher, betete und war fortan wieder in der Lage zu sprechen.
Der wohl prominenteste Geheilte war der Prälat des Klosters Kaisheim. Er musste starke Schmerzen in seinem Bein ertragen und stand Todesängste aus. In seiner Not gelobte er eine Wallfahrt zum Bernhardus für den Fall seiner Genesung. Und es ging dem Prälaten schlagartig besser. Die Schmerzen verschwanden fast vollständig. Als man sein krankes Bein mit einem Bildnis, das zuvor mit der Bernhardus-Figur in Berührung gekommen war, berührte, verschwanden die Schmerzen vollständig. Anfang April 1729 löste der Prälat sein Gelübde ein, kam auf den Bernhardus und machte eine großzügige Spende im Umfang von rund 250 Gulden.
Die genannten Fälle genügten zunächst jedoch noch nicht für die Begründung einer Wallfahrt. Aus diesem Grunde sollten weitere geheilte Personen befragt werden. Sie wohnten ebenfalls in der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd. Man wandte sich an den Magistrat der Stadt, doch der machte dem Vorhaben zunächst einen Strich durch die Rechnung. Seine Mitglieder wollten die Angelegenheit einfach aussitzen, gehörte man doch nicht zur Diözese Konstanz (Bernhardusberg), sondern zu Augsburg.
Als am Ende des Jahre 1729 noch immer keine schriftlich fixierten Nachweise vorlagen, wandte sich Graf Gaudenz zu Beginn des Jahres 1730 an den Augsburger Generalvikar Freiherr von Vöhlin mit der Bitte um Amtshilfe . Dieser beauftragte eigens einen Geistlichen, der die Befragung vornahm und bis Mitte Januar 1730 abschloss. Nun lag der bischöflichen Genehmigung nichts mehr im Wege.

2. Der Fundations- oder Stiftungsbrief
Der Stiftungsbrief für die Wallfahrt auf dem Bernhardus ist in lateinischer Sprache verfasst. Darin sind Graf Gaudenz und seine Frau Adelheid als Stifter der Wallfahrt auf den Bernhardus genannt.
Sie begnügten sich nicht nur, als Stifter genannt zu werden, sondern finanzierten zum überwiegenden Teil das neue Kirchengebäude sowie einen Benefiziaten, der dort den Pilgern zur Verfügung stand.  

3. Die Finanzierung des Kirchenbaus 
Die Wunder vom Bernhardus hatten sich schnell in der Region herumgesprochen. Dehalb strömten die Menschen von allen Seiten auf den Berg, in der Hoffnung auf ein Wunder auch für sich. Sie opferten hohe Summen, die allesamt für den Kirchbau verwendet werden sollten - und die Einnahmen flossen in beachtlicher Höhe.
In den Jahren 1729 bis 1733 kamen insgesamt ca. 1500 Gulden an Spenden zusammen. Den Rest - ca. 6500 Gulden übernahmen Graf Gaudenz und Gräfin Maria Adelheid aus eigenen Mitteln.


Quellen und Literatur 

GRFAD - einschlägige Archivalien zur Wallfahrt auf den Bernhardus

 

Dienstag, 27. Februar 2018

Geschichte(n) der Stadt Donzdorf

© Dr. Gabriele von Trauchburg



Teil 4: Älteste Hinweise auf das Christentum in Donzdorf - Die Stiftung einer  Kirche und das Patronatsrecht 


Der Beschützer der Kirche - der Patronatsherr

Je stärker die Christianisierung nach der Machtübernahme durch die Franken im 6. Jahrhundert voranschritt, desto größer wurde die Notwendigkeit einer Organisation in Form einer Pfarrei mit eigener Kirche. Doch wer sollte und konnte einen derartigen Vorgang organisieren?
Archäologische und schriftliche Quellen geben Einblick in diese Materie. Die Organisatoren gehörten der Führungsschicht an. So kam ein Adeliger und seine Familie für diese Aufgabe ebenso in Frage, wie ein Abt oder ein Bischof.

Stiftung einer Kirche

Beabsichtigte ein Adeliger eine Kirche zu stiften, so oblag ihm auch die Baupflicht. Er wählte einen angemessenen Baugrund aus seinem persönlichen Eigentum aus und stellte dieses Gelände zur Verfügung. Mit seinen eigenen finanziellen Mitteln sorgte er für einen angemessenen Kirchenbau - oftmals zuerst aus Holz, später aus Stein - und dessen weiteren Unterhalt. Vielfach ließ sich eine Gründerfamilie in der Folgezeit in ihrer eigenen Kirche begraben.
Weil derartige Stiftungen aus persönlichem Eigentum erfolgten, befanden sich in der Frühzeit der Christianisierung viele Kirchen im persönlichen Eigentum von Adeligen - es entstand das sogenannte Eigenkirchenwesen.  
Der Stifter und seine Familie besaßen aufgrund ihrer Stiftung das Recht, einen Geistlichen in sein Amt einzusetzen und ihn auch wieder davon zu entbinden. Deshalb war es Aufgabe des Kirchenstifters, dass er die Versorgung seines Geistlichen absicherte. Im Gegenzug war es Aufgabe des Geistlichen, den Stifter und seine Familie in sein regelmäßiges Gebet einzuschließen sowie die Seelsorge für die Menschen vor Ort zu übernehmen.
Damit eine Pfarrei lebensfähig war, schenkten Stifter Güter an ihre Kirche, aus deren Erträge der Pfarrer seinen Unterhalt bestreiten konnte. Die einfachen Menschen entrichteten dafür den sogenannten Zehnt.

Der Schutz von Kirchen, Pfarreien und Geistlichen bei den Alamannen

Die Kirche als Institution unterstand von Anfang an dem besonderen Schutz von König und Herzögen. Diese Beobachtung trifft auch im Stammesherzogtum der Alamannen zu. Hier galten die Regelungen des Stammesgesetzes, der Lex Alamannorum.
Dieses ging ursprünglich aus dem zu Beginn des 7. Jahrhunderts entstandenen Pactus Alamannorum hervor. In dieser älteren Gesetzessammlung gibt es noch keine Regelungen zu möglichen Verbrechen an Kircheneigentum oder an der Geistlichkeit. Diese erscheinen erst in der wohl um 720 schriftlich fixierten Lex Alamannorum. Die die Kirche betreffenden Bestimmungen stehen an prominenter Stelle - nämlich gleich zu Beginn des Stammesgesetzes. Sie umfassen rund ein Drittel aller Gesetze und beschäftigen sich mit dem Status der Kirche und ihrem Schutz. Da sämtliche Vorschriften durch den Konsens zwischen dem schwäbischen Herzog Lantfried und dem Adel in seinem Herzogtum entstanden sind, darf man davon ausgehen, dass diese Gesetze allgemein gültig waren. Dies würde bedeuten, dass zu Beginn des 8. Jahrhundert das Christentum bereits weit verbreitet war.  

Archäologische Spuren in der Donzdorfer Kirche St. Martinus

Die gerade zusammengestellten allgemein gültigen Erkenntnisse über die Entwicklung der Kirche und des Patronatsrechts sollen nun anhand von Donzdorf überprüft werden.
Die Lage der Donzdorfer Kirche St. Martinus ist beeindruckend. Der Kirchenbau liegt am Rande einer Geländezunge, die ursprünglich von zwei Seiten her vom Simonsbach umflossen wurde. Auf diese Weise besaß die Donzdorfer Kirche auch aus militärischer Sicht eine bedeutende Position im Lautertal. Gemeinsam mit der üblichen Kirchhofmauer, die in Teilen noch heute existiert, bestand hier eine sogenannte Wehrkirchenanlage, die den Bewohnern des Dorfes sowie ihrem Vieh Schutz bot.

Ausschnitt aus dem Donzdorfer Katasterplan, um 1850 - der hellblau markierte Simonsbach umfließt den Kirchberg von Südosten her, formt ein markantes Knie beim Pfarrhaus und fließt weiter Richtung Südwest bis zur Mündung in die Lauter. © GvT
 
Postkarte von St. Martinus, Donzdorf, um 1900 - links das Pfarrhaus, im Vordergrund die Brücke über den Simonsbach, im Hintergrund die Treppe hinauf zum Kirchberg, rechts und links der Treppe sind Teile der alten Wehrmaueranlage erkennbar. © GvT



Die erste Donzdorfer Kirche wurde aus Holz errichtet. Diese Erkenntnis gewann man beim Einbau einer neuen Fußbodenheizung im Jahre 1987. Damals wurde im Langhaus beim Südportal in die Tiefe gegraben. Dabei eröffneten sich die zahlreichen archäologischen Schichten der Kirche.

Die unterschiedlichen archäologischen Schichten unter dem Fußboden der Donzdorfer Kirche St. Martinus - © GvT

Am Fuß der einzelnen Schichten stieß man auf eine kohlschwarze Schicht aus der Zeit des 8. Jahrhunderts. Diese markiert einen sogenannten Brandhorizont und führte zu der Erkenntnis, dass hier ursprünglich eine Holzkirche gestanden hatte. Nachdem diese erste Kirche einem Feuer zum Opfer gefallen war, wurde der zweite Bau bereits aus Stein gefertigt.   

Die Donzdorfer Patronatsherren im Laufe der Zeit

Die Namen der ersten Donzdorfer Patronatsherren wird man wohl nie erfahren. Die ersten konkreten Hinweise auf die Inhaber des Patronatsrechts findet man erst im 14. Jahrhundert. Im Jahre 1379 kauften die Herren von Rechberg den Grafen von Helfenstein die Herrschaft Scharfenberg samt Donzdorf und Unterweckerstell ab. Abgesehen von einem kurzen, 10jährigen Intervall (1735-1745) behielten die Rechberg bis 1806 sowohl die Dorfherrschaft wie auch das Patronatsrecht in ihrer Hand.
Danach verblieb den Grafen von Rechberg nur noch das Patronatsrecht, das jedoch im Laufe der letzten 200 Jahre eine ganze Reihe von Veränderungen, die jetzt hier nicht erörtert werden, erfuhr.  
Gerade die Tatsache, dass sowohl das Dorf- wie auch das Patronatsrecht über Jahrhunderte hinweg immer in ein- und derselben Hand verblieben, lässt die Vermutung aufkommen, dass dieser Zustand auch schon 1379 in dieser Konstellation bestanden hatte. Das würde bedeuten, dass unmittelbar vor den Herren von Rechberg bereits die Grafen von Helfenstein sowohl Dorfherrschaft und Patronatsrecht über die Herrschaft Scharfenberg innegehabt hatten.
Die Helfensteiner Grafen ihrerseits waren Erben der Grafen von Dillingen, die auf einer Länge zwischen Aalen und Ulm den Albtrauf beherrschten und in Weißenstein und Hürbelsbach definitiv als Herrschaftsträger nachgewiesen sind.

Quellen und Literatur

- Claus-Dieter Schott, Lex Alamannorum. Text - Übersetzung - Kommentar zum Faksimile aus das Wandelgarius-Handschrift Codex Sangallensis 731, Augsburg 1993
- Pankraz Fried u. Wolf-Dieter Sick (Hrsg.), Die historische Landschaft zwischen Lech und Vogesen. Forschungen und Fragen zur gesamtalemannischen Geschichte, Augsburg 1988
- Immo Eberl, Wolfgang Hartung u. Joachim Jahn (Hrsg.), Früh- und hochmittelalterlicher Adel in Schwaben und Bayern, Sigmaringendorf 1988

Mittwoch, 7. Februar 2018

Geschichte(n) der Stadt Donzdorf

© Dr. Gabriele von Trauchburg



Teil 3: Älteste Hinweise auf das Christentum in Donzdorf - Das Kirchenpatrozinium


Es sind nicht immer nur die schriftlichen Überlieferungen, die Erkenntnisse über die frühe, mittelalterliche Geschichte liefern. Gerade in diesem Zeitraum sind ganz andere Möglichkeiten gefragt. Mal sehen, was sie zutage fördern:

Das Patrozinium einer Kirche

Im Frühmittelalter, also in der Zeit, als unsere Region christianisiert wurde, stifteten viele Adelige eine Kirche und sorgten für ihren Unterhalt. Deshalb besaßen sie auch das Recht, den Kirchenpatron auszuwählen. Zu bestimmten Zeiten gab es besonders bevorzugte Heilige. Diese Beobachtung hilft dabei, so manche Kirchenstiftung historisch einzuordnen. Dies gilt beispielsweise für den heiligen Martin von Tours.

Der Heilige Martin von Tours  

Der Heilige Martin stammt aus Ungarn, wo er wohl um 316 n. Chr. als Sohn eines politischen Amtsträgers, eines Tribuns, im heutigen Szombathely in Ungarn geboren wurde. Seine Erziehung erhielt er in der Heimatstadt des Vaters, im etwa 30 Kilometer südlich von Mailand gelegenen Pavia. Im Alter von 15 Jahren schickte ihn sein Vater zu einer Reiterkompanie nach Gallien. Im französischen Poitiers taufte ihn der dortige Bischof Hilarius drei Jahre später.
Das Wunder, das den heiligen Martin so berühmt machte, geschah vor dem Jahr 356 am Stadttor von Amiens. Der Reiterhauptmann teilte seinen großen Mantel in zwei Teile und überließ eine Hälfte einem Bettler.
Als im Jahre 356 ein neuer Feldzug gegen die Germanen von Worms ausgehend geplant wurde, verließ der Heilige Martin das Militär und kehrte statt dessen zum Bischof von Poitiers zurück. Dieser schickte ihn zunächst als Missionar nach Ungarn, wo er sich jedoch nicht gegen den dort verbreiteten Arianismus durchsetzen konnte. Der heilige Martin kehrte deshalb nach Poitiers zurück.
371/72 wurde Martin auf Drängen des Volkes zum Bischof von Tours gewählt. In dieser Funktion erwies er sich als gerechter und treusorgender Kirchenmann. Er gründete das unweit von Tours gelegene Kloster Marmoutier, das sich zu einem bedeutenden religiösen Zentrum entwickelte. In seinem Bistum gründete er zudem zahlreiche Pfarreien und organisierte den Pfarreiklerus. Aufgrund seiner asketischen Lebensweise beeindruckte er zahlreiche Zeitgenossen, die ihrerseits seine Lebensweise übernahmen und religiöse Zentren gründeten. Der Heilige Martin starb wohl am 8. November 397 im heutigen Candes-Saint-Martin bei Tours in Frankreich.

St. Martin gibt dem Bettler seinen halben Mantel, Ausschnitt aus dem Deckengemälde von Joseph Wannenmacher in St. Martin Donzdorf - © GvT

* 316/317 (oder um 336) in Sabaria,
316/317 (oder um 336) in Sabaria, heute Szombathely in Ungarn
† 8. November 397 (?) in Candes, heute Candes-Saint-Martin bei Tours in Frankreich










Martin war der Sohn eines heidnischen römischen Tribuns. Er wurde in Pavia, der Heimatstadt des Vaters, christlich erzogen und im Alter von zehn Jahren in die Gruppe der Katechumenen - der Taufbewerber - aufgenommen. Mit 15 Jahren musste er auf Wunsch des Vaters in den Soldatendienst bei einer römischen Reiterabteilung in Gallien eintreten. Im Alter von 18 Jahren wurde er von Hilarius, dem späteren Bischof von Poitiers, getauft. 356 schied er nahe Worms vor einem neuen Feldzug gegen die Germanen aus dem Militär aus, weil Christsein und Militärdienst sich nicht vereinbaren lassen. Zuvor geschah nach der Legende, was Martin weltberühmt machte: Martin begegnete am Stadttor von Amiens als Soldat hoch zu Ross einem frierenden Bettler, ihm schenkte er die mit dem Schwert geteilte Hälfte seines Mantels 1; in der folgenden Nacht erschien ihm dann Christus mit dem Mantelstück bekleidet: er war es, der Martin als Bettler geprüft hatte.

Der Heilige Martin als Staatsheiliger der Franken

Ausgehend von seiner Wirkungsstätte in Tours entwickelte sich eine große Verehrung von Bischof Martin. Im 6. Jahrhundert gab es bereits Martins-Kirchen in Rom und Italien. Der Martins-Kult wurde besonders von Benediktinern gefördert und verbreitet.
Zwei Könige taten das ihre, um die Verehrung des Heiligen Martin in ihren Herrschaftsgebieten  voranzubringen. Der Suebenkönig Chararich (550–559) trat zum Katholizismus über und ließ eine Martins-Kirche in Braga im heutigen Portugal errichten.
Der Frankenkönig Chlodwig I. (466-511) konvertierte nach der Schlacht gegen die Alamannen bei Zülpich 496 zum Christentum und erklärte den Heiligen Martin zum Schutzpatron über die fränkischen Könige und ihrer Herrschaft. Dieser Vorgang beinhaltete auch die Missionierung der heidnischen Bevölkerung in ihrem Herrschaftsbereich und die Grundlage für die Entwicklung hin zu einem christlichen Königreich der Franken.
Diese Politik wurde auch Chlodwigs Nachfolgern weiter verfolgt. Unter dem Karolinger Pippin dem Mittleren (635-714) wurde die Verehrung des Heiligen Martin weiter nach Friesland und in den rechtsrheinischen Raum getragen.

Alamannen kommen unter die Vorherrschaft der Franken zwischen 496 und 537

Bei den beiden Schlachten von Zülpich 496 und 506 wurde die Expansionspolitik der Alamannen in nördlicher Richtung von den Franken gestoppt, die ihrerseits damit begonnen hatten, unter der Führung der Merowinger und später der Karolinger ihr eigenes Königreich aufzubauen, das sich bis zum 9. Jahrhundert über weite Teile von West-, Mittel- und Südeuropa ausdehnte.
Die Niederlage der Alamannen bei der Schlacht von Zülpich im Jahre 496/97 bedeutete das Ende der alamannischen Autonomie. Um Schutz flehend wandten sie sich an den Ostgotenkönig Theoderich d. Gr. und wurden in großen Teilen in das ostgotische-italische Rätien auf- und gegen die Franken in Schutz genommen.
Diese alamannisch-italische Verbindung wurde 537 durch die byzantinischen Angriffe in Süditalien zerstört. Damit Ostgotenkönig Witigis sich militärisch gegen die byzantinischen Einfälle wehren konnte, sicherte er zunächst seine nördliche Grenze durch Verhandlungen mit den Franken ab. Als Gegenleistung für die Neutralität der Franken in diesem Konflikt überließ König Witigis dem Enkel von Chlodwig I., König Theudebert I., unter anderem Churrätien und das Protektorat über die Alamannen und andere benachbarte Stämme.
Das alamannische Gebiet umfasste damals neben Churrätien das gesamte Schweizer Alpenvorland bis zum Verlauf der Aare. Weiter verlief die Grenze nach der Aaremündung den Rhein hinab bis zum Rheinknie bei Basel, weiter zum Vogesenhauptkamm und an diesem entlang, dann durch die Rheinebene hindurch in Richtung des heutigen Heilbronn bis hinüber zum nördlichen Riesrand, von dort zur Donau und dann den Lech hinauf. Aufgrund des ostgotisch-fränkischen Vertrags von 537 kam das alamannische Gebiet bereits in der 1. Hälfte des 6. Jahrhunderts kampflos unter fränkischer Herrschaft. 

Die Bedeutung des Heiligen Martin von Tours für die Geschichtsschreibung


Der Wechsel aus dem Schutz der Ostgoten unter die Herrschaft der Franken hatte für die Alamannen weitreichende Folgen. Sie verloren ihre Souveränität, denn die Franken begannen damit, die neuen Gebiete in ihrem Sinne durchzuorganisieren.
Der bekannteste und bis heute offensichtlichste Weg der Franken, ihre neu gewonnenen Gebiete herrschaftlich zu durchdringen, war die Gründung einer Vielzahl von neuen Dörfern. Sie alle endeten auf die Silbe -heim. Diese Orte wurden nicht selten zu fränkischen Verwaltungszentren ausgebaut. Auch für den Landkreis Göppingen lässt sich diese fränkische Neuroganisation bis heute beobachten. Im Landkreis finden sich die beiden Orte Holz-heim und Türk-heim und in näherer Umgebung des Landkreises Kirchheim/Teck, Weilheim/Teck, Westerheim, Steinheim und Heidenheim.
Zusätzlich siedelten die Franken Angehörige anderer Völker des Frankenreichs im alamannischen Gebiet an, was sich bis heute in Ortsnamen wie beispielsweise Türkheim, Sachsenheim oder Frankenthal niederschlägt. Die ersten Bewohner von Geislingen-Türkheim stammten allerdings nicht aus der Türkei - die gab es damals noch gar nicht -, sondern aus Thüringen. Doch genügten diese wenigen Orte wirklich, um die Beherrschung eines neuen Gebietes zu sichern?
Es gab da noch eine weitere Methode zur Herrschaftssicherung. Man siedelte fränkische Familien im neuen Herrschaftsgebiet an. Das bekannteste, aber nicht einzige Beispiel für dieses Vorgehen sind die Welfen. Man darf deshalb durchaus die Vermutung äußern, dass auf dem in der Archäologie bekannten Herrschaftssitz auf dem Donzdorfer Waldenbühl eine Familie gesessen hatte, die Verbindungen zu den Franken besaß oder zumindest von diesen geduldet wurde.   
Und dann war da noch der Staatsheilige Martin von Tours. Mit dem Wechsel zum Christentum hatten sich die Frankenkönig verpflichtet, die Verbreitung des Christentums voranzutreiben. Als Zeichen ihrer Macht sorgten sie dabei für die Einführung des Christentums unter ihrem Kirchenpatron. Martins-Patrozinien gibt es im Landkreis Göppingen bis heute in Lauterstein-Nenningen, Donzdorf und Geislingen-Altenstadt, ursprünglich gab es noch ein St. Martin-Patrozinium bei der Göppinger Oberhofenkirche. Interessant ist dabei, dass alle vier Orte von strategisch wichtiger Bedeutung sind. 
Fasst man die hier gewonnenen Ergebnisse zusammen, so zeigt sich deutlich, dass sich die Übernahme der Herrschaft durch die Franken anhand von zwei Kriterien deutlich nachweisen lassen, zum einen anhand der beiden Ortsneugründungen, vor allem aber durch die vier Martins-Patrozinien in den bereits bestehenden alamannischen Orten Göppingen, Geislingen-Altenstadt, Nenningen und Donzdorf.
Mindestens in diesem Orten des Landkreises Göppingen wurde also nach 537 das Christentum eingeführt. Und diese Erkenntnis wird noch weiter durch die Donzdorfer Gürtelzungen mit Kreuzzeichen von der Mitte oder dem Ende des 7. Jahrhunderts gestützt (s. Geschichte(n) der Stadt Donzdorf - Teil 2). 

Quellen und Literatur

https://www.heiligenlexikon.de/BiographienM/Martin_von_Tours.htm
Pankraz Fried u. Wolf-Dieter Sick (Hrsg.), Die historische Landschaft zwischen Lech und Vogesen. Forschungen und Fragen zur gesamtalemannischen Geschichte, Augsburg 1988





Dienstag, 30. Januar 2018

Geschichte(n) der Stadt Donzdorf 

© Dr. Gabriele von Trauchburg


Teil 2: Älteste Hinweise auf das Christentum in Donzdorf - Grabbeigaben aus den Alamannengräbern in der Rosenstraße


Mehrere Ursachen führten in den Jahren 259/260 zur Aufgabe des Limes, dem Grenzsystem der Römer in Süddeutschland. Die Römer zogen sich hinter eine überwiegend von den Flüssen Rhein, Iller und Donau natürlich gebildete Grenze zurück. 

In das entstandene Machtvakuum beim Schwarzwald, der Schwäbisch Alb und des Allgäus drangen Alamannen vor. Sie errichteten in den von den Römern geschaffenen Kulturlandschaften neue Siedlungen mit der Endsilbe -ingen - Plochingen, Esslingen, Uhingen, Göppingen, Eislingen, Gingen, Geislingen, Überkingen und Deggingen, um hier die entsprechenden Orte des Filstals zu nennen. Die neuen Ortsgründungen lagen oftmals in direkter Nähe zur ehemals römischen Besiedlung. 

Über die Christianisierung der Alamannen weiß man noch wenig. Hinweise ergeben sich aus ihren Grabbeigaben. Die Alamannen legten ihre Toten in heute als Reihengräber bezeichnete Friedhöfe. Die Toten erhielten ihrem Status innerhalb der Dorfgemeinschaft gemäß Beigaben für ihr Leben im Jenseits. Für Frauen war das neben ihrer Kleidung deren Verzierung mit Fibeln, eine Art Sicherheitsnadeln, auch Gürtel - zum Teil aus Perlen - und daran befestigt eine Spindel. Die Männer wurden in ihren Uniformen beerdigt. Ein Teil davon war ein Gürtel an dem sogenannte Zungen befestigt waren. Diese waren bei reichen Männern mit Mustern verziert. 

Die Donzdorfer Alamannengräber

Erstmals stieß man 1901 beim Bau der Eisenbahnlinie Süßen-Weißenstein auf die Überreste eines alamannischen Friedhofs. In den 1920er Jahren kamen weitere Funde am Beginn des Gingener Wegs zutage und dann in den 1960er Jahren in der Rosenstraße. Die bis dahin schon zahlreichen Funde führten dazu, dass man das Donzdorfer Reihengräberfeld einer systematischen Untersuchung unterzog.
Auf noch unbebautem Gelände zwischen Gingener Weg und Rosenstraße konnten insgesamt 100 Gräber mit 106 Bestattungen nachgewiesen werden, darunter zwei enthauptete, auf die Bauchseite gelegte Pferde, die ihrem Besitzer im Jenseits zur Verfügung stehen sollten. Auch die hohe Anzahl der auf diesem kleinen Raum gefundenen Spathen (= 2schneidiges Schwert, Hauptwaffe der Männer) - nämlich 19 - weist darauf hin, dass in diesem Bereich des Gräberfeldes die in der Hierarchie hochrangigen Dorfmitglieder beerdigt worden waren.

Das Grab der Dame von Donzdorf

Der wohl schönste und aussagekräftigste Fund kam 2,48 m unter der Erdoberfläche zutage - das Grab der sogenannten Dame von Donzdorf. Es enthielt nur wenige, aber dafür besonders qualitätsvolle Beigaben. Um den Hals hatte sie einst eine Kette aus Glas- und Goldperlen getragen. Auf der Brust waren rechts und links je eine etwa 5 cm im Durchmesser große, goldene, mit dunkelrotem Alamandin (= Halbedelstein) verzierte Brosche an ihrer Kleidung befestigt gewesen. Am Ringfinger der linken Hand hatte ein goldener Ring mit Aufbau gesteckt.
Zu ihrer Kleidung hatte ein Wickelrock gehört, der von zwei prachtvollen, knapp 14 cm große Bügelfibeln (= eine Art Sicherheitsnadeln) aus Silber zusammengehalten wurde - ähnlich den Schottenröcken. Die Bügelfibeln waren aus massiven Silber gegossen. Deutlich erkennt man darin Spiralen, menschliche Masken und Tierleiber, die feuervergoldet sind. Die bei der Dame von Donzdorf gefundenen, in die 1. Hälfte des 6. Jahrhunderts datierten, großen Bügelfibeln stammen wohl ursprünglich aus Jütland.

Fibeln aus dem Grab der Dame von Donzdorf, 1. Hälfte 6. Jh. - © Landesmuseum Württemberg, Stuttgart

Heute sind diese wertvollen Stücke in der Schausammlung "LegendäreMeisterWerke" im Alten Schloss in Stuttgart zu sehen. 

Der älteste Hinweis auf das Christentum in Donzdorf - ein Kreuzzeichen


Bei den Ausgrabungen in der Rosenstraße entdeckte man auch mehrere Männergräber. Dabei entdeckte man am Gürtel, die mit Zungen aus Metall verziert waren. Nachdem diese Zungen gereinigt waren, zeigten diejenigen aus einem Grab auf dem Areal Rosenstraße bei näherer Betrachtung, dass sich am Beginn ihrer Inschrift ein Kreuz befindet. Anschließend kann man folgende Worte entziffern: ungetrübt (lauter, rein) möge sich jener der (ewigen) Ruhe erfreuen, der gegürtet war.
Der Fundort - der alamannische Friedhof von Donzdorf, Zungen an einem Gürtel sowie das Kreuz und die Inschrift auf jeder einzelnen Zunge - lässt sich mit einem Vers im Lukas-Evangelium 12, 34-35 in Verbindung bringen. Hier findet sich die Aufforderung, man solle gegürtet vor den Herrn treten - eine Aufforderung, die der Träger dieses Gürtels wortwörtlich genommen hatte. (Fotos zu den Metallzungen s. unten: www.inschriften.net)

Zeitliche Einordnung

Der Gürtel mit seinen Zungen wird in die Mitte bis zum Ende des 7. Jahrhunderts datiert.


Quellen und Literatur

http://www.inschriften.net/landkreis-goeppingen/inschrift/nr/di041-0001.html#content
https://www.museum-digital.de/bawue/index.php?t=objekt&oges=30
Eduard M. Neuffer, Das Adelsgrab im Reihengräberfeld von Donzdorf, in: Donzdorf - Heimatbuch, hrsg. v. d. Stadt Donzdorf, Donzdorf 1976 - Abbildung der Bügelfibeln der Adeligen von Donzdorf S. 24, Tafel 5. 

 

Dienstag, 2. Januar 2018

Geschichte(n) der Stadt Donzdorf - Teil 1: Das Scharfenschloss

© Dr. Gabriele von Trauchburg


Eigentlich ist es seltsam, dass Donzdorf erst ziemlich spät - nämlich 1275 - das erste Mal schriftlich erwähnt wird. Die Erklärung für diese Phänomen ist jedoch ziemlich einfach: es hängt damit zusammen, dass der Ort ursprünglich kein Herrschaftssitz gewesen ist. Der Herrschaftssitz war die Höhenburg Scharfenberg, auch Scharfenschloss, genannt. Aus diesem Grund wird jetzt das Augenmerk auf diese mittelalterliche Burg gelegt.

Strategische Lage

Der Kegel, auf dem die Ruine des Scharfenschlosses steht, ist von allen Seiten weithin sichtbar. Die Ruinen der mittelalterlichen Burg verschwinden heute hinter dem auf dem Kegel wachsenden Wald.
Die Lage der mittelalterlichen Burg weist alle typischen Eigenschaften eines derartigen Gebäudekomplexes auf.

Am Fuß der Ruine Scharfenschloss - © GvT
Die Ruine Scharfenschloss thront oberhalb von Donzdorf in 617 Metern Höhe auf einer vom Albtrauf unabhängigen Bergkuppel. Auf diese Weise war die alte, durch einen Mauerring geschützte Burg nahezu uneinnehmbar.
Der älteste Teil der Anlage ist der ehemalige Palas, der Wohnturm. Er ist in seinem Stumpf heute noch erhalten. Später kamen zwei große, mehrstöckige Gebäude hinzu, deren Grundrisse sich den Gegebenheiten auf dem Berg anpassten. Teilweise bestehen Teile des Palas und eines der großen Gebäude aus staufischen Buckelquadern.

Mauer der Ruine Scharfenschloss mit staufischen Buckelquadern (links) - © GvT
 Von der Burg besitzt man einen weiten Blick über den westlich gelegenen Albtrauf sowie das mittlere und untere Filstal. Durch das Filstal verlief eine Königs- oder Reichsstraße, die ständig unter besonderer Beobachtung stand.

Blick vom Scharfenschloss nach Westen entlang des Albtraufs - © GvT
In Süßen teilte sich diese Straße. Der eine Teil führte weiter über das Filstal nach Geislingen, dann nach Ulm und weiter Richtung Süden. Auf diesem Teil zogen die deutschen Könige und viele Kaufleute mit ihren vollbeladenen Wagen.  Der andere Teil der Straße führte ins Lautertal und von dort zum wohl niedrigsten Albaufstieg in Weißenstein.
Blick von der alten Donzdorfer Steige über den Kirchturm von St. Georg in Unterweckerstell zur Ruine Scharfenschloss - © GvT
Doch auch in Donzdorf gab es eine Steige. Von Donzdorf führte der Weg weiter nach Unterweckerstell und von dort hinauf auf die Albhochfläche. Dieser Weg lag direkt unterhalb der Burg Scharfenberg, der Ort und seine Steige gehörte zum Besitz der Burg. Diese Steige diente vor allem der Verbindung von Schwäbisch Hall und Schwäbisch Gmünd über Geislingen nach Ulm. 
Aufgrund der Kontrolle dieser drei wichtigen Albaufstiege kam der Burg Scharfenberg eine wichtige strategische Bedeutung zu.

Die Herren von Scharfenberg 


Der Name Scharfenberg taucht erstmals 1156 in einer Urkunde des Stauferkaisers Friedrich I. Barbarossa für das Kloster Maulbronn auf. Darin werden die beiden Herren Otto und Friedrich von Scharphinberch genannt. Einer ihrer Nachfahren war Gottfried von Scharfenberg, der 1194 mehrere seiner Leute an das Stauferkloster Lorch übergab, und der Zeuge für Kaiser Friedrich II, Heinrich von Scharfenberg 1214.
Diese beiden Urkunden legen nahe, dass die Burg Scharfenberg mit ihren heute noch sichtbaren staufischen Buckelquadern in der Zeit des großen Herrschergeschlechts angelegt wurde, und deren Inhaber zum Gefolge der Staufer gehörten.

Die Grafen von Helfenstein und die Herren von Rechberg

Zwischen 1194 und 1307 gibt es keine Nachrichten über die Burg und ihre Inhaber. In der Zeit des Niedergangs der Staufer 1268 und den anschließenden politischen Unruhen im Reich muss die Burg - aus welchen Gründen auch immer - zuerst in die Hand der Grafen von Helfenstein gelangt sein.
Doch deren wirtschaftliche Schwierigkeiten am Ende des 13. und zu Beginn des 14. Jahrhunderts sorgten dafür, dass die strategisch wichtige Burg 1307 an Albrecht von Rechberg-Staufeneck, genannt der Landvogt und Vogt von Achalm und Hohenstaufen, übergeben werden musste. Der Landvogt war ein hoher Beamter, der im Auftrag des Königs dessen Besitz in einer festgelegten Region verwaltete. 
Im Jahre 1309 kam es zu einem Rechtsstreit zwischen Albrecht von Rechberg und dem Grafen Ulrich von Helfenstein. In dessen Verlauf überfielen der Graf und seine Anhänger den königlichen Landvogt Albrecht, nahmen ihn gefangen, entwendeten ihm seine Pfandbriefe und zerstörten sie. König Heinrich VII. ließ ihm neue Pfandbriefexemplare 1312 in Pisa ausfertigen.
Bisher ist nicht eindeutig zu ermitteln, worum es bei dem Streit zwischen Albrecht von Rechberg und Ulrich von Helfenstein ging. Aber die Zerstörung der Pfandbriefe in der Hand von Albrecht von Rechberg lässt darauf schließen, dass Rechberg ein finanziell gut gestellter Adeliger und der Helfensteiner bei ihm verschuldet war. Es ist durchaus möglich, dass Albrecht von Rechberg mit Hilfe seines Pfandbriefes versuchte, dauerhaft die Burg Scharfenberg an sich zu bringen.  
Am Ende der Auseinandersetzung zwischen den beiden Männern erscheint die Burg auf dem Scharfenberg wieder in helfensteinischer Hand. Doch 1379 verloren die Helfensteiner die Burg letztendlich für immer. Gebhard von Rechberg-Illeraichen kaufte die Burg den nun finanziell nahezu ruinierten Grafen von Helfenstein in jenem Jahr ab.

Die Burg Scharfenberg und die Rechberg

Ab 1379 verblieb die Burg, der zugehörige, am Fuß des Bergkegels gelegene Scharfenhof sowie der halbe Teil der Herrschaft Donzdorf ununterbrochen bis 1732 im Besitz der Herren von Rechberg-Illeraichen. Es bildete sich sogar eine eigene Linie Seitenlinie Rechberg-Scharfenberg aus, die allerdings bereits 1549 im Mannesstamm erlosch. Somit wurde Margarethe von Rechberg-Scharfenberg die Erbin dieser Seitenlinie. Sie war jedoch schon seit 1536 mit Hans von Rechberg-Illeraichen aus dem Hauptzweig der Familie verheiratet, sodass der Besitz dieser Seitenlinie mit dem des Hauptzweiges der Familie wieder zusammengeführt wurde.

Giebelmauer des nördlichen Gebäudes mit Renaissance-Elementen - © GvT

Überreste des nördlichen Gebäudes - © GvT

Dieses Ehepaar Hans und Margarethe von Rechberg-Illeraichen erbaute das Renaissanceschloss in Donzdorf und verließ die mittelalterliche Höhenburg. Der Schwerpunkt der Herrschaft verlagerte sich nun ins Tal nach Donzdorf. Auf der Burg lebte fortan nur noch ein Verwalter mit seiner Familie.
Im 18. Jahrhundert wechselte die Burg dreimal den Besitzer. Durch Erbschaft gelangte sie an die Familie von Reichenstein und Baumgarten. Diese verkaufte 1735 Herrschaft und Burg an Württemberg. 1745 kaufte die andere Linie - Rechberg-Weißenstein - den württembergischen Anteil der Herrschaft Donzdorf und damit auch Burg Scharfenberg zurück (Vgl. Donzdorfer Kapellenweg - Teil 3: Barbarakapelle).
Inzwischen war der Verfall der Burg weit fortgeschritten. Da trotz intensiver Suche keine sinnvolle Nutzung für die Burg im 19. Jahrhundert gefunden werden konnte, wurde sie dem Zerfall preisgegeben. Zuletzt wechselte die Burgruine 1971 den Besitzer.


Quellen und Literatur

- GRFAD - einschlägige Archivalien und Chronik des Pfarrers Joseph Rink
- Württembergisches Urkundenbuch Bd. II, S. 299, Nr. 485 - https://www.wubonline.de/?mp=1&md[visiblemask]=0
- Trauchburg, Gabriele von, Die Rechbergischen Adelssitze als Spiegel familiären Aufstiegs, in: Adelssitze - Adelsherrschaft - Adelsrepräsentation in Altbayern, Franken und Schwaben, Neuburg a.d. Donau 2012, S. 85-133
- https://de.wikipedia.org/wiki/Burg_Scharfenberg_(Donzdorf)


Montag, 1. Januar 2018

Der italienische Barock in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg - Teil 1: Die ersten Einschätzungen zum kunsthistorischen Wert der Wallfahrtskirche

Die Wallfahrtskirche Hohenrechberg

Der italienische Barock in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg



 © Gabriele von Trauchburg, September 2017


Teil 1: Die ersten Einschätzungen zum kunsthistorischen Wert der Wallfahrtskirche


Die kunst- und kulturhistorische Bedeutung der Innenausstattung in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg wurde über eine lange Zeit von Einschätzungen aus der zweiten Hälfte des 19.  und des beginnenden 20. Jahrhunderts geprägt. Karl Eduard Paulus ließ sich positiv von dem Reichtum der Stuckaturen beeindrucken, wie aus seiner Darstellung in der Oberamtsbeschreibung Gmünd von 1870 zu erkennen ist: Kräftige Portale führen in das Innere, einen weiten, schöngegliederten von Kreuz- und Tonnengewölben überspannten Raum, überraschend durch den Reichthum und die Pracht seiner Stuckaturen, welche die vielen Fresken an Wänden und Decke umziehen und sich über Pilaster, Altäre und Kanzel erstrecken. Aus ihren reichen Laubgewinden blicken viele treffliche Figuren besonders Engelsgestalten, und um die Kanzelbrüstung sitzen die vier Evangelisten. Auch die Kirchenstühle, und namentlich die Beichtstühle, sind von sehr bemerkenswerther Schönheit.

Die Wallfahrtskirche zur Schönen Maria auf dem Hohenrechberg, 1686-1689 - © GvT

Der in Schwäbisch Gmünd geborene Theologe und spätere Bischof Paul Wilhelm Keppler beschrieb in den 1888 erschienenen ‘Württembergs kirchliche Kunstalterthümer’ die Innenausstattung mit den kurzen Stichworten etwas grobe Stuckatur. Weitere Informationen zum Künstler oder zu den Ausführungen sucht man hier vergeblich. Die von Keppler gewählte Beschreibung lässt sich vor dem Hintergrund der durch Johann Michael Keller in Schwäbisch Gmünd eingeführten, leicht und graziös wirkenden Rokoko-Stuckaturen verstehen.

Eduard Paulus beschrieb im dritten Band der ‘Kunst- und Altertums-Denkmale im Königreich Württemberg' von 1907, der dem Jagstkreis und damit u.a. dem Oberamt Gmünd gewidmet ist, in wenigen Sätzen die Innenausstattung von Hohenrechberg. Im Innern Tonnen und Kreuzgewölbe mit derben Stuckverzierungen, die sich auch auf Altäre und Kanzel erstrecken, Laubgewinde mit Figuren von Engeln u.a. An der Kanzelbrüstung sitzen die vier Evangelisten in frei sich lösenden Figuren. ... Wo sich Keppler noch leicht negativ über die Ausstattung äußerte, hat Paulus zwanzig Jahre später ein deutlich abfälligeres Urteil gefällt.

In den von Georg Dehio begründeten Deutschen Kunstdenkmälern enthielt man sich einer Bewertung und beschränkte sich darauf, den Stuckateur Prosper Brenner zu benennen und zwar in der ins Deutsche übertragenen Version seines italienischen Namens. Danach verweist man auf die Volutengiebel. Besondere Eigenheiten, wie die abgebildeten mediterranen Früchte, bleiben unerwähnt.

Ob und welche dieser Einschätzungen nun tatsächlich die Bedeutung der Innenausstattung der  Wallfahrtskirche gerecht wird, werden die nachfolgenden Kapitel erweisen.

Quellen und Literatur

- Karl Eduard Paulus der Ältere unter Mitarbeit von seinem Sohn Eduard und – für das Geschichtliche – von Hermann Bauer, Beschreibung des Oberamts Gmünd, hrsg. v. d. Königlichen statistisch-topographischen Bureau, Stuttgart 1870, S. 405 - https://de.wikisource.org/wiki/Beschreibung_des_Oberamts_Gm%C3%BCnd/Kapitel_B_17

- Paul Keppler, Württemberg’s kirchliche Kunstalterthümer, Rottenburg am Neckar 1888, S. 135 - https://archive.org/stream/wrttembergskirc00keppgoog#page/n215/mode/1up

- Eduard v. Paulus/ Eugen Gradmann (Hrsg.), Die Kunst- und Altertums-Denkmale im Königreich Württemberg - Jagstkreis, Esslingen 1907, S. 453 - https://archive.org/stream/bub_gb_yxArAAAAIAAJ#page/n467/mode/2up

- Georg Dehio, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler - Baden-Württemberg I (Regierungsbezirke Stuttgart und Karlsruhe), bearb. v. Dagmar Zimdars, München 1993

Der italienische Barock in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg - Teil 2: Der Künstler des italienischen Barocks in Hohenrechberg

© Gabriele von Trauchburg, September 2017


Teil 2: Der Künstler des italienischen Barocks in Hohenrechberg

Mit Prospero Brenno zog der italienische Barock in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg ein. Im folgenden soll dieser Mann und anschließend sein Werk vorgestellt werden.

Biographische Daten zur Familie des Prospero Brenno

Es ist einigermaßen schwierig, die in der Literatur und im Netz kursierenden genealogischen Details zu einem stimmigen ganzen zusammenzustellen. Hier ein erster Versuch:

Prospero Brenno - in einer Innsbrucker Auflistung als Paolo bezeichnet - entstammt einer Tessiner Stuckatorenfamilie des 17. und 18. Jahrhunderts, deren Werke man in Ober- und Niederbayern, Franken, Bayerisch-Schwaben, Salzburg und Dänemark findet. Während der Stuckateur Prospero in Hohenrechberg unter dem Namen ‘Brenno’ bekannt ist, heißt die Familie in ihren Heimatort ‘Brenni’.

Der Vater von Prospero Brenno war Giulio Brenni (1609–1682). Seine Ehefrau hieß Lucrezia, weitere Details zu ihrer Herkunft fehlen. Die Familie kommt aus Salorino im Bezirk Mendrisio des schweizerischer Kantons Tessin. Giovanni Prospero Brenni (1638–1696) - so sein voller Name -  war verheiratet mit Marta Vassalli (gestorben 1707), die aus einer Familie von Architekten und Stuckateuren aus Riva San Vitale stammt.
Das Paar hatte mindestens zwei Söhne, Giulio Francesco (1667–1694) und Paolo Gerolamo (1673–1698). Beide sind als Stuckateure im Schwäbischen und in Franken nachweisbar.

Prospero Brenno hatte noch einen Bruder, Giovanni Battista II. (1649–1712). Zeitweise arbeiteten die beiden Männer zusammen in Würzburg (1670) und in München (1673-75). Später ließ sich Giovanni Battista II. in Würzburg nieder und stattete eine Reihe von Kirchen, darunter die Klosterkirche Ebrach aus. Zu seinen Mitarbeitern im Kloster Ebrach zählte sein Neffe Giulio Francesco.
Der Sohn von Giovanni Battista II. war Carlo Enrico Antonio Brenni (1688–1745). Nachdem er zunächst bei seinem Vater gelernt und gearbeitet hatte, wanderte er weiter nach Norden, arbeitete in St. Michaelis in Hamburg, im Schloss Eutin bei Lübeck, wurde schließlich Hofstuckateur in Dänemark und stattete die Schlösser Fredensborg und Clausholm aus.

Die erste Generation der Brenni in Deutschland begann als saisonale Stuckateure in Altbayern, Schwaben, Salzburg und Franken. Giovanno Battista II. ließ sich in Franken nieder, von wo aus seine Nachkommen ihr Handwerk fortsetzten.
In der Literatur wird Prospero Brenno als Wanderhandwerker oder Wanderkünstler in Franken, Altbayer und Schwaben beschrieben. Ob ihm diese Charakterisierung gerecht wird, muss im Laufe der Untersuchung im Auge behalten werden.

Quellen und Literatur

Heunoske, Werner, Tessiner Stuckatoren im Umkreis des Münchner Hofes: Die Brüder Prospero und Giovanni Battista II. Brenno, in: Zeitschrift für Schweizere Archäologie und Kunstgeschichte, Bd. 61/2, 2004, S. 117-142
Heunoske, Werner, Hauptwerke der Tessiner Stuckatoren Brenni in den Hochstiften Würzburg und Bamberg, in: https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/icomoshefte/article/viewFile/20434/14220
https://www.uibk.ac.at/aia/brenno_paolo.html
http://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/a-g/Brenni_Prospero.html
http://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/a-g/Brenni_Francesco.html
http://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/a-g/Brenni_GiovanBattista-II.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Salorino - Stichwort: Persönlichkeiten
http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D25589.php
http://www.herrenchiemsee.de/deutsch/a_schloss/sakral.htm
http://www.sikart.ch/kuenstlerinnen.aspx?id=11197642
http://www.treccani.it/enciclopedia/brenno_(Dizionario-Biografico)/
Ramharter, Johannes, "Weil der Altar altershalben unförmblich und paufellig ...": Rechtsfragen zur Ausstattung von Sakralbauten im Salzburger Raum, Wien u.a. 1996 - https://books.google.de/books?id=9GxXntJ0JBEC&pg=PA127&lpg=PA127&dq=Salzburg+Kajetanerkirche+Brenno&source=bl&ots=oQWtnsX262&sig=Z23oAshEQmYJhlMpTZxOEI7cqBs&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwi_8Litx97XAhVNKuwKHYNzBtgQ6AEIUjAK#v=onepage&q=Salzburg%20Kajetanerkirche%20Brenno&f=false

Der italienische Barock in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg - Teil 3: Die Arbeiten des Prospero Brenno

Die Wallfahrtskirche Hohenrechberg


Der italienische Barock in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg



© Gabriele von Trauchburg



Teil 3: Die Arbeiten des Prospero Brenno


Über den 1638 geborenen  Prospero Brenno gibt es bis zum Alter von 34 Jahren keinerlei schriftliche Nachrichten. Das bedeutet, dass man keine Informationen über seine Ausbildung und seine ersten Aufträge besitzt. Auch für die Zeit danach findet man nur wenige schriftliche Unterlagen. Vielfach ist man deshalb darauf angewiesen, durch Stilvergleich die Werke Brennos zu identifizieren.

Würzburg, Rathaus - 1672
Erstmals in Akten nachweisbar wurde Prospero Brenno im Jahre 1672, als er in Würzburg den großen Saal im sogenannten ‘Roten Bau’ des Rathauses stuckierte. Dieser Saal wurde während des 2. Weltkriegs zerstört. Nur wenige alte Fotos sind erhalten geblieben und geben erste Hinweise auf seine künstlerische Handschrift. Mehrfach zeigen sie auffallend große Engel.

München, Theatinerkirche - 1673-1675
Im Jahr darauf findet man Prospero Brenno und seinen jüngeren Bruder Giovanni Battista II. sowie etwa 10 weitere Italiener auf der Baustelle der Münchner Theatinerkirche. Dort arbeitete Brenno ein Jahr lang unter der Leitung des aus Nürnberg gekommenen Carlo Moretti Brentano. Im Folgejahr 1674 ist Brentano wieder in Nürnberg, wo er die Decke im Fembohaus (Stadtmuseum) anfertigte.
Obwohl 1674 auch noch die Bauleitung von Agostino Barelli an Enrico Zucalli übergegangen war, arbeitete Prospero Brenno weiterhin in der Theatinerkirche. Er erhielt 7 Gulden pro Woche !!! als Arbeitslohn.
Der Stilvergleich mit seinen späteren Werken legt nahe, dass Brenno eine herausragende Position bei der Gestaltung der Theatinerkirche eingenommen hatte, es wird sogar angenommen, dass Brenno die Leitung der Stuckateure inne gehabt hatte, was aufgrund der Lohnhöhe durchaus gerechtfertigt wäre.

Theatinerkirche München - © GvT


München, Residenz - 1675
Kurz vor dem Abschluss der Stuckarbeiten in der Theatinerkirche wurde Brenno laut einer Anekdote 1675 von der Theatinerbaustelle abgeworben, um die Gestaltung der neuen Räume der Kurfürstin Henriette Adelaide vorzunehmen. Von ihren Zimmern ist heute nur noch der Deckenstuck im vierten Sommerzimmer erhalten geblieben. 

Salzburg, Annenkapelle in der Franziskanerkirche - 1679-80
Der nächste bekannte Auftrag führte Prospero Brenno in die Franziskanerkirche nach Salzburg. Dort wurde der Chor der gotischen Hallenkirche barockisiert. Hier stattete Brenno 1680 die Annakapelle aus. 
Gegenwärtig gilt aufgrund der Signatur 1680 PBSF ein 'Paolo Brenno (aus) Salorino fecit' als der Urheber der Stuckaturen in dieser Kapelle. Zwei Gründe sprechen jedoch gegen diese Interpretation des Künstlernamens:
  1. Wirft man einen Blick auf die im vorigen Kapitel beschriebenen biographischen Daten der Familie Brenno, so zeigt sich, dass der einzige bekannte Paolo Brenno der 1673 geborene Sohn von Prospero war. Dieser hätte dann im zarten Alter von 7 Jahren die Kapelle gestaltet - was doch wohl definitiv unwahrscheinlich ist.  
  2. zeigt ein Stilvergleich mit den nachfolgenden Werken von Prospero Brenno, dass sie in Teilen der Komposition wie der Ausführung mit der Gestaltung der Annakapelle übereinstimmen.
Erzbischof Max Gandolf Kuenberg stiftete 1679 die Annakapelle in der Franziskanerkirche. Im Gegensatz zu den benachbarten, überwiegend in Weiß gehaltenen Stuckaturen wählte der Stifter schwere, von dunkler Bronze überhöhte Stuckarbeiten. Die Kapelle besitzt einen Stuckaltar mit Engelkaryatiden - wie in Hohenrechberg.

Annenkapelle in der Franziskanerkirche in Salzburg - © GvT


Niederbayern, Saldenburg - um 1682
Die ab 1368 errichtete Burg Saldenburg gelangte 1677 in den Besitz der Grafenfamilie Preysing, die wie die Grafenfamilie Rechberg zum engsten Zirkel am kurfüstlichen Hofe in München zählte.
Durch einen Blitzschlag wurde der Wohnturm teilweise zerstörte und im Anschluss im Barockstil wiederhergestellt. Im Speisesaal und in der Burgkapelle sind die von Prospero Brenno angefertigten Stuckaturen zu sehen.   
In dieser Zeit arbeitete Prospero höchstwahrscheinlich auch in der Steinfelskirche in Landau/Isar.

Tegernsee, Klosterkirche St. Quirinus - ab 1678
Die Barockisierung der Tegernseer Klosterkirche St. Quirinus erfolgte ab 1678 nach den Plänen von Enrico Zuccalli. In die ursprünglich gotische Kirche wurde ein Querhaus eingezogen, wodurch auch eine Vierung entstand. Anschließend an die Bauarbeiten entstand bis um 1690 die reiche Stuckierung.
Die üppige, ganz in Weiß gehaltene Stuckdekoration mit Fruchtgehängen und Engelsfiguren stammt von italienischen Stuckateuren, deren Namen nicht überliefert sind. Bisher wurden die Stuckaturen in St. Quirinus Niccolò Perti zugeschrieben - wohl weil sie denen in der Theatinerkirche in München und in der Klosterkirche Benediktbeuern ähneln und Perti dort ebenfalls gearbeitet hatte.
Der Stilvergleich von Tegernsee, Benediktbeuren und Hohenrechberg legt jedoch die Vermutung nahe, dass hier Prospero Brenno in herausragender Position tätig war. In diesem Fall hätte also das bereits in der Münchner Theatinerkirche bewährte Duo Zucalli - Brenno ein zweites Mal zusammen gearbeitet.

Benediktbeuern, Klosterkirche und Klostergebäude - 1683-1686
Zwischen 1683 und 1686 wird Prospero Brenno als Stuckateur der neuen Stiftskirche von Benediktbeuern genannt. Hier arbeitete er wieder mit Niccolò Perti zusammen. Weil P. Leo Weber die Werke von Prospero Brenno nicht einzuschätzen vermochte, schreibt er Niccolò Perti die in seinen Augen qualitätsvolleren Arbeiten zu ohne einen konkreten Stilvergleich vorgenommen zu haben.

Klosterkirche Benediktbeuern - © GvT


Hohenrechberg, Wallfahrtskirche - 1688-1689
Wohl im Herbst 1687 kam Prospero Brenno nach Donzdorf (Lkr. Göppingen), der Residenz des Franz Albert von Rechberg. Gemeinsam mit ihm als Auftraggeber entwickelte Brenno die Innenausstattung für die im Bau befindliche neue Wallfahrtkirche auf dem Hohenrechberg (Schwäbisch Gmünd, Lkr. Ostalb).
Im Folgejahr gipsten Brenno und seine Mitarbeiter zuerst die gesamte Kirche aus, schufen die Pilaster mit den herauskragenden Kapitellen und Gesimsen, die Decke mit ihren zahlreichen Engeln und den üppig gestalteten Chor, ehe sie 1689 die Altäre aus Stuck und zuletzt die Kanzel errichteten.

Wallfahrtskirche Hohenrechberg - © GvT


Weggental, Wallfahrtskirche 
Wie in Hohenrechberg war auch bei der Wallfahrtskirche Weggental (Rottenburg a. Neckar) der Vorarlberger Baumeister Valerian Brenner tätig. Brenno und Brenner besaßen wohl eine ähnliche Arbeitsverbindung wie zuvor Brenno und Zucalli.
In der Wallfahrtskirche zur schmerzhaften Muttergottes im Weggental schuf Brenno gemeinsam mit seinen beiden Söhne Paolo und Giulio Francesco die Kapitelle und den Chor, wie der Stilvergleich eindeutig erkennen lässt.


Wallfahrtskirche Weggental, Rottenburg am Neckar - © GvT


Birenbach, Wallfahrtskirche - um 1689
Zwischen 1690 und 1698 wurde die Wallfahrtskirche Birenbach errichtet. Weil Baupläne und Archivalien aus der Bauzeit fehlen, ist man hier besonders auf den stilistischen Vergleich angewiesen. Als Baumeister gilt wie in Hohenrechberg Valerian Brenner. Und die Pilaster und Kapitelle weisen deutlich auf Prospero Brenno hin. Offenbar bewährte sich in der Wallfahrtskirche in Birenbach ein drittes Mal das Gespann Valerian Brenner und Prospero Brenno.

Wallfahrtskirche Birenbach (Lkr. Göppingen) - © GvT

Wettenhausen, Augustinerchorherrenstift - 1694
Ein viertes Mal lässt sich die Zusammenarbeit von Valerian Brenner und Prospero Brenno beim Augustinerchorherrenstift Wettenhausen nachweisen. Beim Bau der Kirche ab 1670 war Brenner vermutlich der Palier der herausragenden Vorarlberger Baumeisters Michael Thumb.
Im Jahre 1694 arbeitet Prospero Brenno an der Stuckausstattung des Augustinerchorherrenstifts Wettenhausen im Trupp von Hans Jörg Brix. Brenno werden unter anderem die überlebensgrossen, vollplastisch gearbeiteten Engel im sogenannten Kaisersaal des Konventsgebäudes zugeschrieben. Aber es gibt auch Details in der Kirche im Bereich der Decke und des Orgelsprospektes, die zur stilistischen Handschrift von Brenno passen.

Decke im Kaisersaal des Augustinerchorherrenstifts Wettenhausen - © GvT


Giovanni Prospero Brenno stirbt am 18. Januar 1696 im Alter von 60 Jahren in Salorino. Sein Sohn Paolo Gerolamo überlebt ihn gerade einmal um zwei Jahre.


Quellen und Literatur

Heunoske, Werner, Tessiner Stuckatoren im Umkreis des Münchner Hofes: die Brüder Prospero und Giovanni Battista II. Brenno, in: Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte, Bd. 61/2, 2004, S. 117-142
http://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/a-g/Brenni_Prospero.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Salorino - Stichwort: Persönlichkeiten
https://www.uibk.ac.at/aia/brenno_paolo.html
http://www.kirchen-fuehrer.info/franziskanerkirche-salzburg/fuehrung-durch-die-kirche/kapellenkranz.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Franziskanerkirche_(Salzburg)
https://www.erzbistum-muenchen.de/Pfarrei/PV-Tegernsee-Egern-Kreuth/cont/75205
Gabriele von Trauchburg, Pfarr- und Wallfahrtskirche zur Schönen Maria auf dem Hohenrechberg (Kirchenführer ), Rechberg 2016

Der italienische Barock in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg - Teil 4: Die Verpflichtung des Stuckateurs und Bildhauers Prospero Brenno (1638-1698) für die Wallfahrtskirche Hohenrechberg


Die Wallfahrtskirche Hohenrechberg


Der italienische Barock in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg


© Gabriele von Trauchburg


Teil 4: Die Verpflichtung des Stuckateurs und Bildhauers Prospero Brenno (1638-1698) für die Wallfahrtskirche Hohenrechberg



München - Die bayerische Residenzstadt als Vermittlerin für Kunst und Künstler

Als die Pläne für den Neubau der Wallfahrtskirche auf dem Hohenrechberg voranschritten, mussten zahlreiche Handwerker und Künstler ausgewählt und unter Vertrag genommen werden. Die überwiegende Anzahl der am Bau beteiligten Männer kam aus der Umgebung von Hohenrechberg (s. die 5 Beiträge  ‘Die Wallfahrtskirche Hohenrechberg - Gemeinsam für Gott’ in diesem Blog). Die Ausnahmen waren der Baumeister Valerian Brenner und der Stuckateur Prospero Brenno.
Die Verbindung zwischen Valerian Brenner und dem Auftraggeber, Bernhard Bero von Rechberg, rührt wohl daher, dass Brenner kurz zuvor für den Schwager von Bernhard Bero, Maximilian Fugger von Kirchdorf-Weißenhorn-Nordendorf, die zwischen Augsburg und Donauwörth gelegene Wallfahrtskirche Biberbach errichtet hatte.
Die Verbindung von Prospero Brenno nach Donzdorf war auf ganz anderer Ebene zustande gekommen. Prospero Brenno arbeitete in der ersten Hälfte der 1670er Jahre als Stuckateur bei der Ausgestaltung der von Kurfürst Ferdinand Maria von Bayern und seiner Frau Henriette Adelaide, einer geborenen Herzogin von Savoyen, gestifteten Theatinerkirche. Von dort warb ihn der kurbayerische Hof ab, damit Brenno im neu errichteten Flügel für die kurfürstliche Familie einige der neuen Räume ausstatten konnte.
Sowohl Bernhard Bero von Rechberg, zeitweilig der höchste Beamte am Münchner Hof, wie auch sein Sohn Franz Albert, der Oberstallmeister, gehörten zum engen Zirkel am Münchner Hof. Sie erlebten tagtäglich die Baufortschritte - zuerst an der Theatinerkirche und dann am Neubau der Residenz. Welcher der beiden Rechberg-Männer letztendlich die Entscheidung für die Verpflichtung von Prospero Brenno traf, ist nicht bekannt. Beide kannten die Arbeitsweise des Stuckateurs und Bernhard Bero als Obersthofmeister wusste auch Bescheid um dessen Kosten.
Prospero Brennos Vertrag wurde schließlich von Franz Albert von Rechberg unterzeichnet, weil sein Vater kurz nach der Grundsteinlegung im Juni 1686 verstorben war. Aus diesem Grund findet man auch mehrfach die Wappen von Franz Albert und seiner Frau Katharina, einer geborenen Gräfin von Spaur, in der Wallfahrtskirche.

Das Wappen des Bauherrn Franz Albert von Rechberg (links) und seiner Ehefrau Katharina, geb. von Spaur - © GvT

Katharina von Rechberg war eine der drei beliebtesten Hofdamen der bayerischen Kurfürstin Henriette Adelaide († 1676) gewesen und ist auf einem Gemälde in der Münchner Residenz dargestellt. Auch sie kannte die Baufortschritte in der Residenz und könnte meinungsbildend bei der Verpflichtung von Prospero Brenno mitgewirkt haben.  

Die Arbeitsverträge des Prospero Brenno bezüglich Hohenrechberg

Die Heiligenrechnungen der Wallfahrtskirche Hohenrechberg geben Aufschluss darüber, wann und wie die Entscheidungen zur Ausgestaltung des Innenraums der neuen Kirche erfolgten. Ein erster Aufenthalt geht in das Jahr 1687 zurück. Im Laufe jenen Jahres war Prospero Brenno nach Donzdorf gekommen. Während eines mehrtägigen Aufenthaltes fertigte er den Entwurf für die Ausgestaltung der Kapelle an. Dafür erhielt er eine einmalige Zahlung von 1 Gulden 27 Kreuzern.
Der Rechnungsposten über den Aufenthalt von Prospero Brenno in Donzdorf lässt einige Rückschlüsse zu. Die Heiligenrechnung datiert den Aufenthalt zwar nicht, er fand jedoch zu einem Zeitpunkt statt, als sich der Patronatsherr, Franz Albert von Rechberg, in seiner Residenz in Donzdorf aufhielt.
Das Hofleben in Europa folgte einem bestimmten Zyklus. Es dauerte meist vom Herbst bis ins Frühjahr. Ende März oder Anfang April reisten die Hofmitglieder auf ihre Ländereien, um die Getreideaussaat festzulegen und die Arbeiten über den Sommer hinweg zu überwachen. Im Herbst, nach dem Einbringen der Ernte, kehrten die Hofmitglieder in die Residenz zurück. Das Einbringen der Ernte war für jedes einzelne Mitglied von großer Bedeutung, weil das Ausmaß der Ernte über den finanziellen Spielraum für die kommenden 12 Monate entschied. Aus diesem Grund kann man bis in die Gegenwart in den europäischen Monarchien die Eröffnung des Parlaments in den Herbstmonaten verfolgen. 
Der Aufbruch hinaus auf die Ländereien erfolgte beim Münchner Hof meistens Ende März oder Anfang April, die Rückkehr geschah meist Mitte Oktober. Man darf also davon ausgehen, dass der Hohenrechberger Patronatsherr Franz Albert von Rechberg sich in diesem üblichen Zeitraum in Donzdorf aufhielt.
Das Treffen mit dem Stuckateur Prospero Brenno fand wohl Ende September oder Anfang Oktober 1687 statt. Die Arbeiten auf Baustellen endeten oft in diesem Zeitraum. Für einen Künstler war dann absehbar, wie weit sein Werk gediehen war und welche Aufträge er für das künftige Jahr annehmen konnte.

Vom Entwurf zur Ausführung
Bei dem Treffen von Franz Albert von Rechberg und Prospero Brenno entstand - laut Rechnungsposten - der Entwurf für die Innenausstattung der Wallfahrtskirche. Dieser umfasste wohl zunächst nur die Gestaltung von Decke und Wänden. Diese Vermutung ergibt sich aus der Tatsache, dass der Stuckateur von Mantriß (Mendrisio) aus der Schweiz, die Kapell auszugipsen per 350 fl und 6 Taller Leykauff verdingt worden war. Diese Arbeiten nahmen das gesamte Jahr 1688 in Anspruch. Prospero Brenno arbeitete wohl im gleichen Zeitraum wie die Maurer, nämlich vom 22. April bis 20. Oktober 1688. Am Ende dieses Zeitraums erhielt er die im Arbeitsvertrag festgelegte Gesamtsumme.

Eines der für die Wallfahrtskirche Hohenrechberg charakteristischen Kapitelle - © GvT
Bei Brennos Einstand auf der Baustelle 1688, gefeiert beim Wirt Nuding in Rechberg, wurde gleichzeitig auch noch der Vertrag über die Errichtung des Choraltars und der beiden Seitenaltäre abgeschlossen. Dieser regelte, dass der Stuckateur im darauffolgenden Jahr die gesamten Altäre und die Kanzel für die Wallfahrtskapelle anfertigen sollte. 
Nachdem notwendige Vorarbeiten erledigt waren, begann Prospero Brenno 1689 mit den Arbeiten für den Hochaltar und die beiden Seitenaltäre, anschließend gestaltete er das Oratorium, die vier Portale im Chor und zum Schluss die Kanzel. Für diese Arbeiten erhielt er insgesamt 430 Gulden.

Der rechte Seitenaltar in der Wallfahrtskirche Hohenrechberg - © GvT

Die Kanzel mit den 4 Evangelisten, das Innere des Oratoriums und die Verkleidung der vier Portale im Chor mit Stuck und das Trinkgeld für seine Gesellen wurden mit 98 Gulden vergütet.

Die Kanzel der Wallfahrtskirche Hohenrechberg, links im Hintergrund das Oratorium - © GvT

Außerdem hatte Brenno noch zusätzlich zu den auf seinem Entwurf eingezeichneten Stuckaturen noch 12 Engelsköpfe, die Umrahmung des Oratorium und die lebensgroße, aus Ton gearbeitete Frauenfigur auf der Außenseite gefertigt. Hierfür erhielt er noch einmal 36 Gulden.

Die nach Osten gewandte Muttergottes - © GvT

Insgesamt konnte Prospero Breno 915 Gulden in Hohenrechberg verdienen. Er ist damit der bestbezahlte Künstler und Handwerker des gesamten Bauvorhabens. 

Quellen und Literatur 

GRFAD - Heiligenrechnungen Hohenrechberg 1687-1689
Gabriele von Trauchburg, Die Wallfahrtskapelle Hohenrechberg - Gemeinsam für Gott (Teile 4 und 5), in diesem Blog

 


Der italienische Barock in der Wallfahrtskapelle Hohenrechberg - Teil 5: Die Arbeitsweise des Prospero Brenno

Die Wallfahrtskirche Hohenrechberg

Der italienische Barock in der Wallfahrtskapelle Hohenrechberg

© Gabriele von Trauchburg 


Teil 5: Die Arbeitsweise des Prospero Brenno

Aus der bisherigen Forschung geht hervor, dass Prospero Brenno in vielen Fällen gemeinsam mit einem Bruder, seinen Söhnen oder einem Vetter an einem Projekt arbeitete, beispielsweise in Würzburg, München oder Weggental b. Rottenburg a. Neckar. In anderen Fällen gehörte er zu einem größeren Trupp, in dem eine ganze Reihe von Stuckateuren arbeitete, etwa in München oder in Benediktbeuern.
In den Heiligenrechnungen der Wallfahrtskirche Hohenrechberg wird ausschließlich der Name Prospero Brenno genannt. Es ist jedoch nur schwer vorstellbar, dass Brenno die gesamte Ausstattung allein hergestellt hat. Vielmehr darf man auch hier vermuten, dass er nahe Verwandte in den Auftrag mit einbezogen hat. Darauf weist die Signatur am Fuß der Kanzel hin: IFBSFA1689 (s. Teil 11).

Die Arbeitswelt des Prospero Brenno lässt sich ziemlich gut anhand der Münchner Hofrechnungen ermitteln. Im Lauf der Jahrhunderte hatten die Zünfte strikte Arbeitsteilungen entwickelt, um auf diese Weise Arbeit für ihre Mitglieder zu sichern. Am Beispiel des Stuckateurshandwerks lässt sich diese Trennung und ihre Folgen besonders gut aufzeigen.
Stuckateure benötigten für die Herstellung von Bordüren oder anderer häufig wiederkehrender Ornamente aus Holz gefertigte Model. Dieses Arbeitsverfahren hatte nun zur Folge, dass Stuckateure zuerst ihre Entwürfe zu Papier brachten. Sie reichten dann die Entwürfe an einen ausgebildeten Bildhauer weiter. Der wiederum setzte die Papierzeichnungen in Holz um, so dass Model mit den gewünschten Mustern entstanden. Diese Model wurden den Stuckateuren übergeben, damit sie mit deren Hilfe die gewünschten Elemente herstellen konnten.
Prospero Brenno war nicht an diese traditionelle Arbeitsteilung gebunden, weil er in beiden Handwerken - das des Bildhauers und des Stuckateurs - ausgebildet war. Für ihn besaß diese Tatsache große Bedeutung, denn damit konnte er seine Entwürfe selbst in Holz modellieren und anschließend auch selbst die Stuckelemente herstellen - was ihm einen beachtlichen zeitlichen und finanziellen Vorteil einbrachte. Seine Fähigkeiten als Bildhauer stellte er unter anderem bei der Gestaltung der Kanzel unter Beweis. Prospero Brenno war also ein auf allen Ebenen seiner Kunst ausgebildeter Spezialist:
  1. Prospero Brenno verfügte über die Fähigkeiten, Entwürfe zur Ausstattung eines Gebäudes - sei es eine Residenz oder eine Kirche - anzufertigen. 
  2. Prospero Brenno war offensichtlich ein gefragter Stuckateur. Wenn er unter Vertrag genommen wurde, war er in der Lage, dem Auftraggeber ein Gesamtpaket vom Entwurf bis zur Fertigstellung aus einer Hand zu liefern. 

Prospero Brenno als Designer für andere Handwerker 

Die soeben gewonnene Erkenntnis hilft bei der weiteren Betrachtung der Hohenrechberger Ausstattung. Auffällig ist die Tatsache, dass nicht nur die Stuckaturen aus einer Hand gefertigt sind, sondern auch weitere Ausstattungsgegenstände wie die Beichtstühle und die Sitzbänke genau auf den Stil der Kirche abgestimmt sind und Ornamente aufzeigen, die man bis dahin in der Region sonst nicht kannte. Diese Beobachtung lässt nur einen Schluss zu: es war Prospero Brenno, der neben Decken, Wänden und Altären zudem noch die Beichtstühle und die Sitzbänke entworfen hatte. Die Ausführung erfolgte dann teilweise durch regionale Handwerker.
Diese These lässt sich eindeutig für die Sitzbänke belegen. Die Heiligenrechnungen von Hohenrechberg nennen den Schreiner Michael Frey aus Winzingen als deren Hersteller. Die Fratze im oberen Teil der Seitenwange gehört jedoch eindeutig ins stilistische Repertoire von Prospero Brenno.
Sitzbank von Michael Frey, Winzingen 1689 - mit einer Groteske, einer stilisierten Rose und einer Marienmuschel als Krönung- © GvT
Dieses Vorgehen, eigene Entwürfe fähigen Handwerkern zur Ausführung zu überlassen, eröffnete Brenno die Möglichkeit, auf mehreren Baustellen gleichzeitig als Auftragnehmer aufzutreten.  Dies scheint im Zeitraum zwischen 1688 und 1689 der Fall gewesen zu sein.

Prospero Brenno gleichzeitig an zwei Orten 

Aufgrund der Hohenrechberger Heiligenrechnungen und der darin vermerkten Arbeitsfortschritte weiß man definitiv, dass Prospero Brenno und seine Mitarbeiter 1688 und 1689 die Ausstattung der Wallfahrtskirche Hohenrechberg herstellten.
Parallel entstand die Wallfahrtskirche Weggental, wo die Söhne von Prospero Brenno nachgewiesen sind. Die stilistischen Parallelen in beiden Kirchen insbesondere bei den Kompositkapitellen sind unübersehbar. Sie würden noch deutlicher zutage treten, wenn die Hohenrechberger Kapitelle noch ihren ursprünglichen Zustand - reinweiß - besitzen würden. 


  © GvT

Die Kompositkapitelle von Weggental (oben) und Hohenrechberg (unten) - © GvT

Da die beiden Projektorte rund 100 Kilometer von einander entfernt liegen, konnten die beiden Aufträge nur dann gleichzeitig erledigt werden, wenn mehrere Personen für oder mit Brenno gearbeitet hatten.
Wie schon mehrfach angeführt, lieferte Brenno die Entwürfe und seine Mitarbeiter, wahrscheinlich in den meisten Fällen enge oder nahe Verwandte - erledigten die Ausführungen. Diese Arbeitsorganisation hätte dann zur Folge, dass Brenno - abhängig vom jeweiligen Auftrag - selbst als Unternehmer tätig war. Prospero Brenno war also weit mehr als ein einfacher 'Wanderarbeiter'.

Quellen und Literatur

BayHStA München - HR (Hofregistratur) II, Fasz. 14, 115
GRFAD - Heiligenrechnungen Hohenrechberg 1687-1689
 











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