Mittwoch, 15. August 2018

Geschichte(n) der Stadt Donzdorf - Teil 5: Der Schmelzofen

© Gabriele von Trauchburg



Das Erz, so im Boden, ist nichts nutz.

Die Geschichte vom Donzdorfer Schmelzofen, der ältesten  frühindustriellen Anlage in unserem Landkreis


Der Donzdorfer Sandstein

Der Sandstein vom östlichen Albtrauf war schon im Mittelalter überregional bekannt und wurde zwischen dem 12. und 20. Jahrhundert in einem relativ großen Gebiet in zahlreichen Steinbrüchen rund um Donzdorf, Aalen und auch bei Lauchheim in Baden-Württemberg abgebaut.
Die in Donzdorf gebrochenen Steine dienten als Hauptwerkstoff für das Ulmer Münster, die St. Michaelskirche in Schwäbisch-Hall, die beiden Burgruinen Staufeneck und Hohenrechberg, dem Donzdorfer Schloss mit allen seinen Gebäudeteilen und -  gut sichtbar - seiner Schlossmauer sowie der Gingener Johanneskirche und im 19. Jahrhundert für die Fabrikbauten der SBI (Süddeutsche Baumwollindustrie) zwischen Kuchen und Gingen.
Dieser Donzdorfer Sandstein ist Bestandteil der ‘Eisensandstein-Formation’ des Süddeutschen Juragesteins. Dieses besteht aus mächtigen Sandsteinen, in die z.T. Eisenerzflöze eingelagert sind und früher abgebaut in Wasseralfingen, Kuchen und Geislingen wurden. Die Basis der Formation bildet in unserer Umgebung der Untere Donzdorfer Sandstein. Die Obergrenze ist der Top des Oberen Donzdorfer Sandsteins, wobei der eigentliche Eisensandstein im Unteren Donzdorfer Sandstein eingebettet ist.
Die räumliche und strukturelle Gliederung der Gesteinseinheiten der Eisensandstein-Formation stimmt weitgehend mit dem hier auftretenden Braunen Jura oder der Periode des Mitteljura überein. Deren Zusammensetzung ist in erster Linie von eisenführenden braunen Sandsteinen und Tonen geprägt. Sie hat eine maximale Mächtigkeit von bis zu 60 Metern.
Die Eisensandstein-Formation enthält, wie der Name bereits vermuten lässt, eisenoxidhaltige Sandsteine, daher kommt auch deren rostbrauen Gesteinsfarbe. Das Eisen ist lokal in größeren Mächtigkeiten zusammen geschwemmt worden. In Ostwürttemberg wurden zwei Flöze mit 1,4 und 1,7 m Mächtigkeit von 1365 bis in die 1950er Jahre in Geislingen bergmännisch abgebaut. Die Flöze haben zwischen 21 und 42% Eisengehalt und 26 bis 31% Kieselsäuregehalt. Dieser hohe Kieselsäuregehalt ist für die Verhüttung sehr ungünstig.

Donzdorfer Sandstein - © GvT

Im Mittleren Jura herrschte warmes Klima, das Amoniten günstige Lebensbedingungen bot. Anhand der einzelnen Vertreter dieser Spezies lässt sich die gesamte Epoche weiter untergliedern.
Der Mitteljura entstand vor 161,2 bis 175,6 Mio Jahren. Er wird in folgende vier Stufen unter gliedert: ‘Callovium’ (164,7–161,2 Mio Jahre), ‘Bathonium’ (167,7–164,7 Mio Jahre), ‘Bajocium’ (171,6–167,7 Mio Jahre) und die älteste Stufe ‘Aalenium’ (175,6–171,6 Mio Jahre). Diese letzte Stufe ist nach der ostwürttembergischen Stadt Aalen benannt - und dieses Schicht ist die Grundlage für die Bergwerke in Wasseralfingen, Geislingen und Kuchen sowie für den Schmelzofen in Donzdorf.
Die Schlüsse aus diesen Fakten: In Donzdorf ist auf einem Gestein gebaut, das aufgrund seiner Zusammensetzung einerseits fest genug, aber andererseits für filigrane Bearbeitung geeignet ist. Der Stein sich relativ leicht in welcher Form auch immer bearbeiten lässt. Vor allem die relativ einfache Verarbeitung ist für unser Thema später noch von großer Bedeutung.


Obervogt Johann Benedikt Jehlin und seine Entdeckung

Historische Karten oder der Donzdorfer Urkataster aus den 1820er Jahren enthalten meistens auch auch die alten Flurnamen. Diese mögen heute ihre Bedeutung verloren haben, aber für einen Historiker oder Volkskundler enthalten sie höchst interessante Aufschlüsse, so auch in unserem Zusammenhang.
Offenbar muss den Menschen vor rund 300 Jahren bewusst gewesen sein, dass in ihrer Umgebung Bodenschätze zu finden waren. Warum sonst bezeichneten sie den Aufstieg auf die Alb beim Messelstein als Kupfersteige und der oben anschließende Wald als Kupfersteighölzle? Ob gezielt gesucht oder nur durch Zufall entdeckt - im Jahre 1715 fand der Rechbergsche Obervogt Johann Benedikt Jehlin, der seit 1712 die Position des rechbergischen Obervogtes einnahm, während eines Rittes über die Kupfersteige Steine, die er als stark metallhaltig einstufte. Woher Jehlin stammte, was für eine Ausbildung er erhalten hatte, das weiß man nicht. Jedoch aufgrund seiner anschließenden Aktivitäten muss man davon ausgehen, dass er Kenntnisse über Erze und ihre Verarbeitung bereits besessen hatte.
Mit herrschaftlicher Billigung schickte er seine Steinfunde 1715 an Gutachter nach Stuttgart, Augsburg, Ulm, Wasseralfingen und München. Jeder der befragten Experten untersuchte die Proben auf Gold-, Silber-, Kupfer- und Eisengehalt. Ihre Ergebnisse stimmten alle überein. Vom erhofften Gold wurde zwar überhaupt nichts gefunden, von dem ebenfalls erwünschten Silber höchstens ganz geringe Mengen, Kupfer konnte gar nicht nachgewiesen werden, dafür aber Eisen in gewinnbringendem Maße. Die Funde von Donzdorf wurden als höherwertig, denn die aus Wasseralfingen, wo ja bereits Erz abgebaut wurde, eingestuft. Die übereinstimmenden Ergebnisse führten dazu, dass Jehlin unter Billigung der Herrschaft mit dem Entwurf für einen Schmelzofen begann.

Armut als Antriebsfeder

Nicht nur Jehlin, sondern auch die Donzdorfer Herrschaft hatte größtes Interesse daran, dieses vielversprechende Projekt zu verfolgen. Der Hintergrund liegt in den Folgen des Spanischen Erbfolgekrieges (1701 - 1713/14).
Die wirtschaftliche Situation in Donzdorf war nach dessen Ende alles andere als rosig. Die Rechberg hatten sich dem bayerischen Kurfürsten Maximilian Emanuel angeschlossen und an seiner Seite vernichtende militärische Niederlagen erlitten. Ihre kleine Herrschaft Blindheim bei Höchstädt war das Zentrum der Kampfhandlungen an der Donau und völlig zerstört. Der damalige Triumphator - John Churchill, der 1. englische Herzog von Marlborough - konnte aufgrund der Siegesgelder sich ein neues Schloss erbauen, und er nannte es nach dem Ort seines größten Trimphes - Blindheim bzw. auf englisch Blenheim Castle. Es ist dasjenige Schloss, in dem der englische Premier Winston Churchill seine Jugend verbrachte. (Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Blenheim_Palace)

Selbst nach dem Ende der Kriegshandlungen waren noch immer Einquartierungen von Husaren an der Tagesordnung, zudem bluteten Zahlungen für deren Ausrüstung und Verpflegung das Land aus. Obervogt Jehlin berichtete regelmäßig über die schwierigen Bedingungen im Lautertal an seine Herrschaft nach München. Graf Franz Albrecht von Rechberg machte sich ernsthafte Gedanken über den Zustand seiner Herrschaft: Daß die Dunzdorffischen Underthanen nit reich sein, will ich woll glauben; warumben sie aber so gar arm sein, wie ihr schreibt, das wais ich nit; ihr solt aber die Ursach, durch welche sie in so grosse Armueth khommen, berichten. Ist dan kein Mitl, wie diese Armuth zu steuren? 
Graf Franz Albrecht war der damalige Inhaber von Donzdorf. Er hatte wichtige Positionen am kurfürstlichen Hofe in München inne, besaß mehrere Herrschaften in Schwaben und in Bayern, dennoch war er auf die Einnahmen auch aus Donzdorf angewiesen. Deshalb zog der Graf aus der schlechten wirtschaftlichen Situation schon bald Konsequenzen. Er verfolgte den Gedanken, sich vom Kaiser einen genehmigten Viehmarkt einrichten zu lassen. Und trotz großer Skepsis erteilte der Graf einem Schatzsucher die Erlaubnis, nach einem Schatz beim Schloß Scharfenberg zu suchen - von dem gerüchteweise dort vergrabenen 10.000 Gulden wurde nichts gefunden, die Rechnung des Schatzsuchers war allerdings gewaltig.
Konkrete Hoffnungen auf eine schnelle Veränderung der Lage konnte hingegen der damalige Donzdorfer und Hohenrechberger Obervogt Johann Benedikt Jehlin mit seinem Projekt von einem Schmelzofen wecken.


Investitionen und Kalkulationen

Obervogt Jehlin war kein Träumer, sondern durch seinen Beruf bedingt ein sorgfältiger Planer und Rechner. Dies bewies er wiederum bei der Planung des Schmelzofens. Alles in allem rechnete Jehlin in Bezug auf einen Schmelzhof mit Investitionskosten in Höhe von 23.600 Gulden. Darin enthalten waren die Baukosten für mehrere Gebäude, eine erste Fuhre Kohlen, Betriebsmittel, Löhne usw.
In einem nächsten Schritt erstellte Obervogt Jehlin eine Gewinnprognose für das Vorhaben. Dazu errechnete er zuerst einen Durchschnittswert für das geförderte Eisen. Nach seiner Rechnung konnten innerhalb von 24 Stunden 20 Zentner Eisen gewonnen werden. Weiter ging Jehlin davon aus, daß man an sieben Tagen in der Woche im Schmelzofen arbeiten würde, also in einer Woche 140 Zentner gewinnen könnte. Innerhalb von elf Monaten, so errechnete er weiter, könnte man also 6720 Zentner Eisen fördern, für Instandsetzungsarbeiten an den einzelnen Werkselemente setzte Jehlin einen Monat pro Jahr an.
Diesen günstigen Prognosen standen die erforderlichen Energiekosten gegenüber. Jehlin war der Meinung, daß pro Woche 18 Wagen mit Kohle gebraucht würden. Für das Brennmaterial und dessen Transport veranschlagte er wöchentliche Kosten von 126 Gulden.
Für die von ihm errechneten 6720 Zentner Eisen veranschlagte Jehlin einen Verkaufswert von 2 Gulden pro Zentner. Somit kam er zu dem Schluß, daß im günstigsten Fall mit Einnahmen von 13.440 Gulden in einem Jahr zu rechnen war.
Dennoch war Jehlin kein grenzenloser Optimist. Aufgrund der Konstruktionsvoraussetzungen erkannte Jehlin die Problematik, dass die Wasserversorgung für den zweiten Ofen, den Läuterofen, im Winter gefrieren konnte. Für die Wasserzufuhr zum Schmelzofen hingegen bestand diese Gefahr nicht, denn angeblich konnte das Wasser in der Leitung aus Deicheln nicht gefrieren.

Arbeitsplätze

Die gesamte Anlage konnte nur mit Hilfe von Spezialisten betrieben werden. Jehlin ging davon aus, daß man einen Schmelzer, 6 Schmelzknechte, einen Pocherknecht, zwei Kohleträger, 7 Erzknappen, 3 Kalksteinbrecher, 14 Führer für die Kalksteine, 42 Führer für das Erzgestein, dann Schlackenführer, Schlackenwäscher und schließlich noch täglich 5 Tagelöhner als Arbeitskräfte benötigte. Das bedeutete, daß in diesem Werk mehr als 80 Personen Arbeit finden sollten. Nicht wenige dieser Aufgaben konnten von Tagelöhnern aus der direkten Umgebung erledigt werden. Falls also das Werk gebaut werden würde, bedeutete dies eine Verbesserung der Lebenssituation für mehr als 80 Familien.

Gewinnprognose

Jehlin zog von den erwarteten Jahreseinnahmen die entsprechenden Ausgaben ab und errechnete zuerst eine Summe von 1.718 Gulden Gewinn. Später korrigierte er seine Prognose noch um 976 Gulden nach oben - ohne hier allerdings den Grund dafür anzugeben - und kam so schließlich in seinem ungefehrlichen Überschlag, was das Eisenschmelzwerk zu Donzdorff jehrlich ertragen mechte, nämlich einen Gewinn von 2654 Gulden.
Vergleicht man diese Prognose mit dem Ertrag der aus den Orten Donzdorf und Wißgoldingen bestehenden Herrschaft Donzdorf, dann erkennt man, daß die Einnahmen aus diesen beiden Orten ziemlich genau der für den Schmelzofen vorhergesagten Gewinnsumme entsprach. Die Einnahmen des Amtes Donzdorf betrugen im Jahr 1722 ohne die Erträge aus dem Schmelzwerk 2622 Gulden. Graf Franz Albert hätte Geld in die Hände bekommen, das in seinem Umfang dem Besitz einer weiteren großen Herrschaft entsprochen hätte.

Zustimmung der Herrschaft

Der Herrschaftsbesitzer genehmigte die Investitionspläne. Da die Rechberg die Inhaber des sogenannten Bergregals waren, lag es an ihnen, als Besitzer möglicher Bodenschätze das Privileg zu ihrem Abbau erteilen.
Graf Franz Albert hatte nicht mehr die Gelegenheit, die Durchführung des Projektes Schmelzofen zu erleben. Zwar hatte er noch einen Vertragsentwurf ausfertigen lassen, in dem  alle Zuständigkeiten von Herrschaft und Obervogt Jehlin geregelt wurden, doch verstarb Graf Franz Albrecht, bevor der Vertrag unterzeichnet werden konnte.
Doch auch Graf Franz Albrechts ältester Sohn, Ferdinand Joseph, war an diesem Projekt höchst interessiert. Auf der Basis des Vertragsentwurfs entwickelte er einen eigenen Vertrag, den er am 16. März 1716 mit Jehlin abschloß. Dieser Vertrag sah folgende Punkte vor:
  • 1. Jehlin erhielt die Erlaubnis zum Bau sämtlicher notwendigen Gebäude auf Unterweckersteller Markung
  • 2. Da die geplanten Bauten Auswirkungen auf die Abgabenzahlungen der Untertanen hatten, mußte sich Jehlin verpflichten, in Verhandlungen mit den betroffenen Hofstelleninhabern zu treten, und die entstandenen Schäden durch Geldzahlungen oder Grundstückstausch auszugleichen. Deutlich stellt Graf Ferdinand Joseph jedoch klar, daß die Arbeiten am Schmelzwerk nicht durch die Weigerung eines Unterthanen in Verzug geraten durften. Falls einer mit der gebotenen Entschädigung nicht zufrieden sein sollte, sollte ein unabhängiges Schiedgericht endgültig über die angemessene Summe entscheiden.
  • 3. Graf Ferdinand Joseph verkaufte Jehling das notwendige Bauholz ohne Preisreduktion aus seinen Wäldern und unterstützte ihn bei dessen Abtransport.
  • 4. Benötigte Rohstoffe wie z.B. Kohle, die unmittelbar für die Inbetriebnahme des Schmelzofens notwendig waren, mußte Jehlin wieder auf eigene Kosten herbeischaffen lassen.
  • 5. Das Eisenerz durfte Jehlin an allen Fundstellen abgraben, wenn er sich zuvor mit den Besitzern der jeweiligen Grundstücke friedlich über eine Abfindung geeinigt hatte.
  • 6. Sämtliche künftigen Kosten mußten allein von Jehlin getragen werden.
  • 7. Jehlin musste jährlich ein Bestandsgeld in Höhe von 400 Gulden in den ersten drei Jahren bis 1719, danach in den folgenden 17 Jahren jeweils 1000 Gulden in bar an die herrschaftliche Kasse entrichten. 
  • 8. Das Unternehmen war zunächst auf einen Zeitraum von 20 Jahren angelegt. Sollte die Eisenhütte nach dieser Zeit noch immer Bestand haben, dann würde sie der Herrschaft anheim fallen. Bei dieser Gelegenheit wollte man eine Bilanz ziehen. Der Wert aller zu diesem Zeitpunkt vorhandenen Rohstoffe und hergestellten Produkte sollten Jehlin erstatten werden. Anschließend stand es der Herrschaft frei, die Eisenhütte an einen Lehensträger ihrer Wahl verleihen zu können.
  • 9. Sollte Jehlin innerhalb der nächsten 20 Jahre frühzeitig scheitern und mit seinen Bestandszahlungen in Verzug geraten, so viel die Schmelzofenanlage an die Herrschaft.
  • 10. Auch sollte das Unternehmen ein Ende haben, wenn das Erz in Unterweckerstell erschöpft sein sollte. Die im Jahre 1716 erteilte Lizenz für die Schmelzhütte erstreckte sich allein auf den Abbau von Eisenerz.

Suche nach Investoren

Weil Jehlin gezwungen war, das Schmelzwerk auf eigene Kosten einzurichten, benötigte er eine große Kreditsumme. Von Graf Ferdinand Joseph konnte er keine Gelder erwarten. Jehlin warb daher um möglichst große Summen von wenigen, finanzkräftigen Geldgebern. Seine Frau half ihm bei deren Beschaffung und setzte dabei anscheinend ihre weyblichen Freyheiten bewusst ein, wie ihr später vorgeworfen wurde. . 
Zu den Kreditgeber gehörten u.a.
    die württembergische Landhofmeisterin Gräfin von Würben
    das Kloster Kaisheim bei Donauwörth
    ein Kurpfalzbayerischer Hofkammerrat aus der Nähe von Donauwörth
    die Hohenrechbergische Kapelle und
    die Unterweckersteller Kapelle.
Beide Kapellen waren Wallfahrtskapellen, die durch Geldanlage ihr Vermögen weiter vergrößerten und dann Kleinkredite an bedürftige Menschen aus der Umgebung vergaben.

Kapelle St. Georg in Donzdorf-Unterweckerstell - © GvT


Fundstätten

Das Erz konnte teilweise unmittelbar unter der Erdoberfläche gewonnen werden. Diesen Rückschluss kann man aus der Tatsache ziehen, dass offenbar immer wieder der Notwendigkeit bestand, neue Grundstücke für den Schmelzhüttenbetrieb zu erwerben. Das bedeutet, daß zunächst keine Stollen in den Berg geschlagen werden mußten, sondern das erzhaltige Gestein kurz unter der Oberfläche zu finden war.
Erst später bestand die Norwendigkeit, Gruben anlegen lassen. Für diesen Zwecke benötigte Jehlin 1722 zum Abstützen der Gänge 52 Holzstämme aus dem Marren.

Aufkauf von Gelände

Zuerst brauchte Johann Benedikt Jehlin den Bauplatz, wo er seine Anlage errichten wollte. Zu diesem Zweck hatte er einen Platz etwa halbwegs zwischen Donzdorf und Unterweckerstell ausgesucht. Von verschiedenen Bauern beider Orte kaufte Grund.
   

Energie-Effizienz: Der erste Donzdorfer Stausee

Für den Betrieb des Schmelzofens wollte Jehlin die im Tal vorhandene Wasserkraft nutzen. Es gibt zwar reichlich Wasserläufe, die aber - jeder für sich allein genommen - einen zu geringen Wirkungsgrad besaßen. Daher war die Anlage eines kleinen Stausees unumgänglich. Durch das Sammeln des Wassers und die anschließend kontrollierte Abgabe über Holzwasserleitungen (Deicheln) auf mindestens ein Wasserrad konnte dieses Problem überwunden werden. Diese Arbeiten wurden mit dem Begriff ‘Wassergebäu’ umschrieben.


Die Bestandteile des Schmelzhofes

Die Köhlerei

Zwar hatte Jehlin bei seiner Betriebskalkulation ursprünglich geplant, den Schmelzofen mit Kohle zu befeuern. Doch die Hinweise auf Holzkäufe im Marren und Albbuch in den Donzdorfer Amtsrechnungen sowie auch aus weiter entfernt gelegenen Wäldern um Straßdorf und Schwäbisch Gmünd lassen darauf schließen, dass er dieses Holz in Holzkohle umwandeln ließ und diese dann als Brennstoff verwendete. Die so gewonnene Holzkohle wurde im Kohlhaus gelagert. Das Simonsbachtal muss damals völlig verqualmt gewesen sein!

Das Pochwerk

Bevor das Erz aus dem Gestein geschmolzen werden konnte, mußten die Gesteinsbrocken zerkleinert werden - was aufgrund des Donzdorfer Sandsteins relativ leicht gelang. Dieser Arbeitsgang erfolgte im sogenannten Pochhaus durch mit Wasserkraft betriebenen Hämmern. Die Existenz eines solchen Pochwerks belegt die Amtsrechung von 1722. Das Wasser wurde dann auf ein Wasserrad geleitet, mit dessen Hilfe die Hämmer des Pochwerkes bewegt wurden. Diese zerkleinerten das erzhaltige Gestein, aus dem im anschließenden Schmelzwerk das Erz herausgeschmolzen wurde.
Das Werk wurde nicht direkt am vorbeifließenden Simonsbach - auch Schmelzofenbach genannt - errichtet, sondern über eine Wasserleitung versorgt. Jehlin hatte sich für diese Bauvariante entschieden, weil der Simonsbach immer wieder starkes Hochwasser führte.

Der Schmelzofen

Am 1. Oktober 1715 war Grundsteinlegung für den Schmelzofen - also vor 295 Jahren. Er war ein würfelförmiger Bau aus Stein mit einer Höhe, Breite und Länge von 24 Schuh (= ca. 8 Meter).
Jehlin war erleichtert, als er vor dem Bau feststellen konnte, daß am Schmelzhaus sich ein Steinbruch gezeigt, aus dem das Baumaterial entnommen werden konnte. Er wertete diesen Umstand als glückliche Fügung Gottes. Doch war sich Jehlin nicht sicher, ob der Bau noch in jenem Jahr 1715 abgeschlossen werden konnte. Auf alle Fälle hatte er bereits das herrschaftliche Wappen von einem Maler anfertigen lassen. Nach dieser Vorlage sollte ein Bildhauer die entsprechenden Formen herstellen, damit man später die Wappen gießen konnte.
Damit bei diesem Verfahren eine ausreichende Temperatur erreicht wurde, wurde über große, vom Wasser gleichmäßig bewegte Blasebalge Luft in das Feuer geblasen. Also auch hier wurde wiederum die Wasserkraft des Schmelzofenbachs benötigt und genutzt.  

Der Läuterofen

Zusächlich zum Schmelzofen hatte Jehlin einen Leuterofen geplant. Dort sollte das Roheisen noch einmal erhitzt werden. Bei diesem Arbeitsgang war eine noch höhere als beim ersten notwendig, denn nur so gelang es, die noch im Eisen enthaltenen Verunreinigungen entfernen zu können. Anschließend wurde das reine Eisen in Gewichte gegossen.
An dieser Stelle darf man durchaus die Vermutung äußern, dass die in den 1790er Jahren in Weißenstein unbrauchbar gewordenen Eisenkanonen vielleicht aus Donzdorfer Eisen hergestellt worden waren.  

Schlackestein vom Schmelzhof in Donzdorf - © GvT


Die Produktpalette

Das im Schmelzofen gewonnene Eisen fand bereits in Donzdorf seine Abnehmer. So erwarb 1722 die Herrschaft unterschiedliche Gewichte im Gesamtvolumen von 34 Pfund. Weiter wurden für das Schloss 4 eiserne Öfen, 1 Herd und 1 Ofenplatten erkhaufft. Das herrschaftliche Jägerhaus erhielt 1724 einen Höllofen und die neue Amtsküche zwei Herdplatten.   
Die Herrschaft scheint das Eisen als Spekulationsobjekt entdeckt zu haben, denn sie kaufte immer wieder Eisenbarren in größerer Stückzahl auf. 

Die Geschäftsentwicklung

Zunächst scheint das Unternehmen erfolgreich gewesen zu sein. Zwar sind keinerlei detaillierte Abrechnungen vom Schmelzofen vorhanden, doch anhand der Donzdorfer Amtsrechnungen erhält man Einblick in die Geschäfte der Schmelzhütte. Die erste im Vertrag vereinbarte Zahlung von 400 fl ist in der Rechnung von 1718 enthalten. Danach hat Jehlin seine erste Rate an Jakobi 1717 entrichtet. Ab 1721 stiegen die Raten - wie vertraglich 1716 vereinbart - auf 1000 fl an.

Die Wende

Die einstmals hochgesteckten Hoffnungen auf satte Gewinne begannen sich seit spätestens 1722 zu verflüchtigen. In jenem Jahr richteten mehrere Gläubiger ihren Forderungen an Graf Aloys Clemens, der daraufhin das Vermögen von Jehlin einfror. Der Gmünder Kaufmann Johann Eustach Jaufter und seine Schwäger hatten sich bereits dessen Schäferei übertragen lassen. Für Jehlin wurde es immer schwieriger, neues Kapital zu beschaffen. Im Jahre 1723 konnte der Schmelzofen gerade mal 15 Wochen im Jahr betrieben werden.
Doch es kam noch schlimmer. Nachdem es der württembergischen Landgräfin von Würben und Freudenthal nicht gelungen war, ihre Zinsforderungen gerichtlich einzutreiben, erschien sie persönlich im Januar 1724 in Donzdorf, um dort Fakten zu schaffen. Der damals kranke Jehlin musste ihr auf ihr Drängen 5500 Zentner Eisenbarren, jeder Zentner per 2 Gulden 5 Kreuzer käufflich überlassen, welches einer Summa von 11.458 Gulden 20 Kreuzern ausmachet und wird, weilen man das Eyßen hochnöthig, Freytag oder Samstag mit dem Transport der Anfang gemacht werden, und muessen die Württembergischen Underthanen in denen Ambtern Göppingen und Heydenheim solches in der Frohn auf Königsbronn füehren...
Als Graf Aloys Clemens von diesem Geschäft erfuhr, legte er sein Veto dagegen ein, weil er diesen unerwartet schnellen Abschluss als schalckhafftigen und dem Grafen höchstschädlichen Streich betrachtete. Seine Donzdorfer Beamten mussten nun den Abtransport blockieren, was wiederum den Ruf von Jehlin noch weiter schädigte, hatte dieser doch gehofft, mit den Einnahmen aus diesem Verkauf sämtliche Kreditgeber auszahlen zu können.
Johann Benedikt Jehlin wies den Grafen Aloys Clemens vergeblich darauf hin, dass er mehrfach versucht hatte, sein Eisen zu verkaufen, es in Ulm nicht an den Mann gebracht hatte, man ihm in Ellwagen nur 1 Gulden für den Zentner geboten hatte und so betrachtet die von der Landgräfin gebotenen 2 Gulden und 5 Kreuzer ein äußerst erfreuliches Angebot gewesen waren.
Als Jehlin im württembergischen Amt Göppingen die Vorgänge rund um die Donzdorfische Blockade erklären wollte, wurde er gefangen genommen, ins Gefängnis nach Schorndorf gebracht und dort mehrere Wochen festgehalten. Gleichzeitig wurde in den Wirtshäusern der Umgebung öffentlich verkündigt, dass wenn man Jehlin Geld leiht, man keinen Kreuzer mehr zurückbekommen würde - der Ruf war endgültig ruiniert. Die Versuche seiner Frau, Geld für sich und ihre 10 Kinder durch den Verkauf von Stroh zu erwirtschaften, wurden ihr verboten. Sie konnte auch kein Vieh verkaufen, es war ihr verboten, die Trescher zu bezahlen. Außerdem wurde Jehlin, der sich nie etwas bei der Verwaltung der Rechbergschen Herrschaft Donzdorf hatte zuschulden kommen lassen, seines Amtes enthoben und seine Familie musste schleunigst die Dienstwohnung und den angegliederten Bauernhof verlassen.  
Jehlin sah sich daher gezwungen, die im Vertrag von 1716 eingefügte Klausel, anzuwenden, wonach er sein Werk verkaufen muss, wenn er in finanzielle Schwierigkeiten gerät. Er bot es weit unter Wert dem Grafen Aloys Clemens als Gesamtpaket für 6.500 Gulden an.
Jehlins Frau Anna Maria versuchte, bei der Gräfin Marie Eleonore Verständnis für die Lage der Familie zu erreichen. Sie schildert ihren Mann als einen rechtschaffenen Beamten, der auch dann, als der Schlosshof vollständig überschwemmt und die Roggenernte vollkommen vernichtet gewesen war, seine Bestandsgelder für den Schlosshof in vollem Umfang, ohne Abzüge an die Herrschaft entrichtet hatte. Doch alle Fürsprachen halfen nichts. Ab 1726 werden die Donzdorfer Amtsrechnungen von einer neue Handschrift ausgeführt, d.h. dass Jehlin den Posten eines Donzdorfischen Obervogtes verloren hatte.
Was ist mit ihm passiert? Es scheint, als ob man Johann Benedikt Jehlin und seiner Familie den Schmelzofen überlassen hat. Dieser ist weiterhin in Betrieb und die Herrschaft wird noch 1727 mit der Lieferung von reinem Eisen und Abschlägen auf das Bestandsgeld befriedigt. 
Nachdem die extrem schwierigen Jahre 1724 und 1725 überstanden waren, scheint der Schmelzofen noch einige Jahre auf kleinem Niveau Bestand gehabt zu haben. Über sein endgültiges Ende gibt es keine Nachrichten. 


Fazit aus den Vorgängen zwischen 1715 und 1725

Johann Benedikt Jehlin war ein für seine Zeit genialer Mann gewesen. Er hatte die Möglichkeiten, die sich im Simonsbachtal geboten hatten, erkannt. Sein größtes Problem war nicht mangelndes technisches Verständnis, sondern das zu geringe Eigenkapital.
Aus diesem Grunde stürzte er, als es zu einer Absatzkrise für Eisen auf den umliegenden regionalen Märkten kam, in eine massive Schuldenkrise. Die einsetzende Teufelsspirale  tat ihr übriges: Die Verweigerung der Herrschaft, dem Verkaufs-Deal mit Württemberg zuzustimmen, verschärfte die Krise. Jehlins Festnahme und die öffentliche Verkündung seiner Zahlungsschwierigkeiten sowie der Entzug des Vertrauens durch die Herrschaft führte zu seinem wirtschaftlichen Niedergang. Jehlin hatte viel riskiert und viel verloren.


Was ist geblieben?

Außer dem Hausnamen ‘Schmelzhof’ und den Archivalien im Gräflich Rechbergschen Familienarchiv in Donzdorf gibt es kaum noch Überreste von der ältesten frühindustriellen Anlage in unserem Landkreis.
Schon im Württembergischen Urkataster finden sich keine Hinweise mehr auf die ehemaligen Anlagen. Das Areal wurde zu einem Bauernhof umgebaut, aus dem sich die Wohnhäuser zweier Familien samt Nebengebäuden entwickelt haben.
In diesen Familien ist die Kenntnis über die Lage der ehemaligen Schachteingänge noch lebendig. Außerdem findet man auf ihrem Gelände hin und wieder schwarz glänzende Schlackesteine, Überreste aus der Zeit des Schmelzofens.
Die Kenntnis über die Existenz von Eisenerz in unserer Heimat ist auch gegenwärtig den großen deutschen (ehemaligen) Montanunternehmen durchaus geläufig. Im Gingener Rathaus gibt es Karte, in der die Schürfrechte für das gesamte Gingener und Donzdorfer Marrengebiet samt dem Simonsbachtal eingetragen sind. Ob und wie lange diese Schürfrechte noch Bestand haben werden, muss ich bei Gelegenheit einmal recherchieren.

Quellen und Literatur

GRFAD - einschlägige Archivalien zum Donzdorfer Schmelzhof



Sonntag, 20. Mai 2018

Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 4.4: Hürbelsbach 1493-96 - Von der Pfarrkirche zur Grabkapelle

© Gabriele von Trauchburg

Nachdem die Hürbelsbacher Pfarrkirche zur Filialkirche degradiert worden war, wählte Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen sie zu seiner Grablege aus. Wer war dieser Mann?

Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg (✝ 1496) 

1462 kämpfte Ulrich II. während des bayerischen Krieges (1459-63) im Heer des Markgrafen Albrecht Achilles von Ansbach-Brandenburg gegen Herzog Ludwig den Reichen von Bayern-Landshut bei Giengen/Brenz und geriet dabei in bayerische Gefangenschaft. Ein Jahr später trat er in die Dienste des Herzogs.
Ulrich II. stand außerdem mit dem württembergischen Herzog Eberhard im Bart - derjenige aus der württembergischen Hymne - und Kaiser Maximilian in engem Kontakt. Mit dem Herzog und zwei seiner Vettern pilgerte Ulrich II. 1468 nach Jerusalem und wurde dort zum Ritter des Heiligen Kreuzes geschlagen. Zuhause organisierte er seine Herrschaften Hohenrechberg, Heuchlingen, Eschach und Wangen bei Gaildorf nach modernsten Gesichtspunkten. Zudem war Ulrich ein aktiver Patronatsherr. An der Finanzierung von zwei Dorfkirchen in seinen Herrschaftsgebieten war er aktiv beteiligt und auf dem Hohenrechberg errichtete er die erste Wallfahrtskapelle aus Stein. Ulrich II. starb 1496.
 

Die Entwicklung der Hürbelsbacher Kirche zur Grabkapelle

Nach wie vor ist unklar, auf welche Weise sich Ulrich II. die Hürbelsbacher Kirche als Grablege für sicherte. Bis zur Verlegung der Pfarrei 1493 war die Kirche Eigentum des Klosters Anhausen. Eine Urkunde, die die Nutzung der zur Kapelle umgewandelten Kirche regelt, ist nicht überliefert. Auch das Motiv, gerade an diesem Ort, wo Ulrich II. keinerlei Besitz- oder Herrschaftsrechte besaß, seine Grabkapelle einzurichten, ist bislang unklar. Man kann nur festhalten, dass 1493 plötzlich große Investitionen in das kleine Gotteshaus getätigt wurden.

Die Hürbelsbacher Kapelle - © GvT

Noch in das Jahr 1493 datiert die in Esslingen bei dem damals hochangesehenen Esslinger Glockengießer Pantaleon Sidler angefertigte Glocke. Sie kann nur nach dem Aufhebungsvertrag bezüglich der Pfarrei Hürbelsbach vom 14. Februar 1493 (vgl. Teil 4.3) entstanden sein, denn es macht keinen Sinn, eine finanziell ruinierte, gerade im Auflösen begriffene Pfarrkirche mit einer neuen Glocke auszustatten. Folglich kann nur Ulrich II. von Rechberg diese Glocke gestiftet haben. Und sie schlägt auch noch nach über 500 Jahren im Glockenturm. 
Wohl gleichzeitig gab Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen sein Epitaph in Auftrag. Er ließ ein bronzenes Halbrelief von einem überlebensgroßen Ritter in vollem Harnisch und auf einem Hund stehend anfertigen. Über den Künstler kann man nur spekulieren. Bisher hat man Nürnberger Meister in Betracht bezogen. Nachdem jedoch Sidler bereits die Glocke goss, könnte der Ritter im Harnisch durchaus auch in dessen Werkstatt angefertigt worden sein. Das Epitaph wurde noch zu Lebzeiten von Ulrich II. fertiggestellt. Heute befindet es sich in der Gruftkapelle der Grafen von Rechberg in der Donzdorfer St. Martinus-Kirche.

Epitaph des Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg in St. Martinus Donzdorf - © GvT

Zwischen 1493 und 1496 entstand für die Hürbelsbacher Kapelle auch noch ein Altar, dessen Flügel Bartholomäus Zeitblom bemalte. Auch dieser Altar gehörte zu der neuen, von Ulrich II. von Rechberg gestifteten Ausstattung der Kapelle Hürbelsbach und wird anschließend noch genauer betrachtet.

Quellen und Literatur

http://www.inschriften.net/landkreis-goeppingen/inschrift/nr/di041-0125.html#content
Joseph Alois Rink, Familiengeschichte der Grafen und Herren von Rechberg und Rothenlöwen -
II. Theil: Geschichte der Hohenrechbergischen Hauptlinie, Manuskript 1821
https://de.wikipedia.org/wiki/Bayerischer_Krieg_(1459%E2%80%931463)

Freitag, 18. Mai 2018

Donzdorfer Kapellenweg - Teil 4.3: Von der Gründung der Pfarrei Hürbelsbach 1143 bis zu ihrem Ende

© Gabriele von Trauchburg

Mit der Herauslösung Hürbelsbachs aus dem Gingener Herrschaftsverband war auch gleichzeitig die Abtrennung von der Gingener Pfarrei verbunden gewesen. Das bedeutete ab 1106 konkret, dass die Bewohner von Hürbelsbach ohne geistlichen Beistand beim Gottesdienst, bei Heiraten, bei Taufen und bei Sterbefälle waren. Für die Menschen des Mittelalters war dies die schlimmste Vorstellung überhaupt. Deshalb besaß die Gründung der Pfarrei, sobald die Siedlung Hürbelsbach Bestandteil des neu gegründeten Klosters in Langenau 1125 oder spätestens 1143 in Anhausen gewesen war, für die Mönche des jungen Klosters oberste Priorität.
Die Existenz der Pfarrei bezeugt erstmals 1275 ein Zehntregister des Bistums Konstanz. Über den Umfang der neuen Pfarrei schweigen die Quellen zunächst. Erst 1464 und 1493 wird deutlich, dass zur Pfarrei Hürbelsbach ursprünglich auch die Siedlung Kleinsüßen mit ihrer Marienkapelle gehört hatte. Dieser Zusammenhang legt die Vermutung nahe, dass auch diese Siedlung ursprünglich einen Teil des Gingener Herrschaftsbereichs bildete.

Der Heilige Laurentius als Kirchenpatron von Hürbelsbach

Laurentius (dt. Lorenz) war bei Papst Sixtus II. (257-258) in Rom Erzdiakon gewesen. Der Legende nach verteilte er Kirchenvermögen an Arme, als die Enteignung der frühchristlichen Kirche durch die römische Staatsmacht drohte.
Zur Strafe wurde Laurentius gefoltert: man schlug ihn mit lebenden Skorpionen und drückte ihm glühende Eisenplatten auf die Hand. Beide Foltermethoden konnten Laurentius nichts anhaben, statt dessen traten mehrere Soldaten zum Christentum über. Dies verärgerte die römische Staatsmacht noch mehr, und sie ließ Laurentius deshalb auf einen glühenden Eisenrost legen und verbrennen. Er verstarb am 10. August 258.

Ausschnitt aus dem Zyklus zur Laurentius-Legende, Hürbelsbach - Ludwig Traub, 1884 - © GvT
Durch sein Martyrium ist der Heilige Laurentius der Schutzpatron aller Berufsgruppen, die mit Feuer zu tun haben, z.B. Bäcker, Bierbrauer, Köche, Wäscherinnen und Feuerwehrleuten. Wegen seiner Arbeit als Finanzverwalter des Papstes wird er von Archivaren und Bibliothekaren verehrt. In der Volksmedizin sprach man dem Heiligen Linderung bei Hexenschuss, Haut- und Ischiasproblemen zu. Sein Gedenktag ist der 10. August. In Donzdorf wird er jährlich mit einem Gottesdienst bei der Kapelle begangen.

 Heiliger Laurentius, um 1500 - © GvT


Kloster Anhausen als Patronatsherr von Hürbelsbach

Bis zur Auflösung der Pfarrei Hürbelsbach 1493 hatte das Kloster Anhausen das Patronat inne. Zu den Aufgaben eines Patronatsherren gehörte Errichtung, Ausstattung und Unterhalt der Kirche sowie der Wohnung des Pfarrers.
Ein Ausstattungsgegenstand der Kirche muss das bis heute erhaltene romanische Vortragekreuz gewesen sein, das in der Literatur als staufisches oder schwäbisches Vortragekreuz bezeichnet wird. Dieses Vortragekreuz aus Bronze wird in die 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts datiert und ist in seinem Erscheinungsbild einmalig. Es ist wohl eine Stiftung aus dem Umfeld der Pfalzgrafen oder Grafen von Dillingen, denn das junge Kloster Anhausen hatte sich eine derartige Arbeit wahrscheinlich nicht leisten können.


Replik des Hürbelsbacher Vortragekreuzes - © GvT
Doch von Anfang an gab es massive strukturelle Probleme in der Pfarrei Hürbelsbach. Im Gegensatz zu den benachbarten Pfarreien Gingen oder Donzdorf besaß Hürbelsbach zwar einen Widdumhof, jedoch kein Bevölkerung, die durch Zehnten zur Versorgung des Pfarrers beitrug. Zudem erhielt die junge Pfarrei auch keine große Unterstützung von dem ebenfalls ständig in wirtschaftlichen Schwierigkeiten gefangenen Kloster Anhausen.
Während des gesamten 15. Jahrhunderts scheint das Bistum Konstanz die Aufgaben eines Patronatsherrn übernommen zu haben, denn das Bistum Konstanz sorgte dafür, dass Geistliche aus umliegenden Gemeinden auch die seelsorgerische Arbeit von Hürbelsbach und Kleinsüßen übernahmen.

Ende der Pfarrei in Hürbelsbach

Am 14. Februar 1493 wurde die gesamte Pfarrei Hürbelsbach schließlich neu organisiert. In einem Vertrag wurde die Verlegung der Pfarrei von Hürbelsbach nach Kleinsüßen geregelt. Die Hürbelsbacher Kirche verlor ihren Status als Pfarrkirche. Im Kirchengebäude sollten künftig nur noch 1 Messe pro Woche und an besonderen, bis dahin üblichen Kirchenfesten Gottesdienste gefeiert werden: St. Laurentius, St. Stefan an Weihnachten, Ostermontag, an Pfingstmonstag, an Sonntag Laetare = Mittfasten und an Kirchweih. Das Kleinsüßener Patronat lag künftig - wie zuvor - beim Kloster Anhausen.
Da die bestehende Ausstattung nun in der neuen Pfarrkirche, der Marienkapelle in Kleinsüßen, benötigt wurde, leerte man wohl die alte Pfarrkirche und brachte alles notwendige nach Kleinsüßen. Auf diese Weise gelangte also das Vortragekreuz aus staufischer Zeit dorthin.

Quellen und Literatur

Wilhelm Volkert, Die Regesten der Bischofe und des Domkapitels von Augsburg, Bd. 1, Augsburg 1985, S. 300, Nr. 506
Ziegler Walter, Von Siezun bis Süßen - Ein Streifzug durch 900 Jahre, Süßen 1971, S. 33-41.
Die Zeit der Staufer, Bd. 1- Katalog, Stuttgart 1977, S. 510, Nr. 677a
Gabriele von Trauchburg, 1100 Jahre Gingen an der Fils, Gingen 2015

Donnerstag, 17. Mai 2018

Donzdorfer Kapellenweg - Teil 4.2: Ein Streit und seine Folgen - Das Schicksal von Hürbelsbach zwischen 1106-1143

© Gabriele von Trauchburg


Entweder im Jahre 1106 oder 1107 richteten die Lorscher Mönche gleichzeitig ein Schreiben an Papst Paschalis II. (1099–1118), dem Garanten ihres Klosters, und an den deutschen König Heinrich V. (1099–1125). Diese beiden Schreiben lenken den Blick auf Auseinandersetzungen zwischen den Lorscher Mönchen und namentlich nicht genannten Adeligen. Adelige hatten den Mönchen einen Teil ihres zu Gingen gehörenden Besitzes und damit ihre Einnahmen unrechtmäßig an sich gerissen. Zwar ist in den Schreiben nicht ausdrücklich von Hürbelsbach die Rede, doch die nachfolgenden Ereignisse von 1125 und 1143 lassen nur diesen einen Schluss zu. 
                               

Die allgemeine Lage um 1125

Pfalzgraf Manegold d.J. von Dillingen (um 1065 - nach 1143), der königliche Verwalter in Ulm von 1112-1125, gründete 1125 ein Kloster in Langenau. Diese Klostergründung erfolgte in einer politisch äußerst angespannten Lage.
Die 100jährige Herrschaft der Salier ging mit dem Tod Kaiser Heinrichs V. im Jahre 1125 zu Ende. Zwei Männer beanspruchten die Nachfolge für sich - der Sachse Lothar von Supplinburg und der Staufer Konrad III. Aus der Königswahl ging Supplinburg als Sieger hervor. Zur Sicherung seiner Machtbasis in Süddeutschland verlangte König Lothar die Herausgabe des gesamten Salierbesitzes. Dieses Vergehen war durchaus üblich.
Doch der Gegner des Königs, der Staufer Konrad III., war ein Enkel Kaiser Heinrichs IV. und beanspruchte das Eigengut der Salier für sich. Darüber entstanden juristische Unsichertheit und Streitigkeiten in Süddeutschland, in deren Verlauf die Stadt Augsburg 1132 von den Truppen Lothar von Supplinburgs komplett zerstört wurden.
Das neugegründete Kloster in Langenau lag in unmittelbarer Nachbarschaft zur Reichsstraße zwischen der Königspfalz Ulm und der Reichsstadt Augsburg und war damit in seinem Bestand gefährdet. Aufgrund dieser unsicheren Lage wurde die Langenauer Klosterneugründung letztendlich 1143 nach Anhausen bei Herbrechtingen - also ins Einflussgebiet der Grafen von Dillingen - verlegt. In der Anhauser Stiftungsurkunde von 1143 werden die 1125 gestifteten Klostergüter, darunter Hürbelsbach, ausdrücklich als Bestandteil der älteren Stiftung bestätigt. Diese Urkunde von 1143 enthält somit die erste datierte Nennung von Hürbelsbach.

Die Legalisierung eines Diebstahls

Nachdem in der Stiftungsurkunde des Klosters Anhausen Hürbelsbach auftaucht, ohne dass im Kloster Lorsch eine Verkaufsurkunde über den Ort existiert, muss man in Hürbelsbach den in den Briefen von 1106 unrechtmäßig entwendeten Lorscher Besitz erkennen.
Doch keine 20 Jahre später findet sich dieser ehemalige Lorscher Klosterbesitz plötzlich als Stiftungsgut bei der Neugründung des Langenauer Klosters wieder. Wie konnte es dazu kommen? Ein Blick in das Stammesgesetz der Alamannen hilft dabei weiter. Darin ist verankert, dass keiner von den Laien sich unterstehe, Kirchengut ohne Urkunde zu besitzen; wenn er keine Urkunde vorweist, dass er vom Hirten der Kirche erworben habe, stehe der Besitz der Kirche zu.
Eine schriftliche Rechtfertigung für den Stiftungsvorgang rund um Hürbelsbach gibt es nicht, doch man findet dazu eine durchaus plausible Erklärung. Die Kirche konnte keinen Krieg mit Waffen führen, dafür verfügte sie über ein äußerst wirksames Mittel, möglichen Räubern größten Respekt einzuflößen: Sie verwies auf das Jüngste Gericht und die Aussicht auf ein ewiges Fegefeuer. Dabei war nicht nur derjenige, der diesen Frevel begangen hatte, davon betroffen, sondern auch seine Nachfahren. Was lag also näher, als das geraubte geistliche Gut in ein neues Kloster einzubringen, das zudem unter der Kontrolle der Familie der Dillinger stand und von einem Bischof abgesegnet wurde, der rein zufällig zur eigenen Familie gehörte?

Das Interesse des Pfalzgrafen Manegold an Hürbelsbach

Pfalzgraf Manegold d.J. von Dillingen residierte als Vertreter des Königs in der Königspfalz in Ulm. Zu seinen Aufgaben gehörten Kontrollfunktionen und die Vertretung des Königs innerhalb des Stammesherzogtums. Das Interesse des Pfalzgrafen Manegold d.J. an Hürbelsbach lässt sich aus der einzigartigen geographischen Lage der Siedlung leicht erkennen. Auf einem Hügel des auslaufenden Marrens überwacht Hürbelsbach den Eingang in das Lautertal und das Filstal. Von Plochingen kommend verlief der direkte Weg zur Königspfalz Ulm durch das Filstal bis nach Geislingen. Damit wurde Hürbelsbach zum strategischen Vorposten von Ulm.

Blick von Hürbelsbach ins Filstal Richtung Göppingen - © GvT

Möglicherweise spielte die außerordentliche Lage von Hürbelsbach in den Auseinandersetzungen um die Herrschaft zwischen Kaiser Heinrich IV. und seinem Sohn Heinrich V. in den Jahren 1105 und 1106 eine entscheidende Rolle, so dass sich Pfalzgraf Manegold zu dieser Vorgehensweise genötigt  gesehen hatte.

Quellen und Literatur

- Schott, Clausdieter, Lex Alamannorum. Das Gesetz der Alemannen - Text, Übersetzung, Kommentar zum Faksimile aus der Wandelgarius-Handschrift Codex Sangallensis 731, Augsburg 1993, S. 95
- Volkert, Wilhelm, Die Regesten der Bischöfe und des Domkapitels von Augsburg, Bd. 1 - Von den Anfängen bis 1152, Augsburg 1985, S. 300f
- Geschichte der Stadt Augsburg, hrsg. v. Gunther Gottlieb u.a., Stuttgart 1984
- Gabriele von Trauchburg, 1100 Jahre Gingen an der Fils, Gingen/Fils 2015

Mittwoch, 16. Mai 2018

Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 4.1: Hürbelsbach - eine kleine Siedlung im Mittelalter

© Gabriele von Trauchburg


Die erste schriftliche Erwähnung dieser kleinen Siedlung zwischen Süßen, Donzdorf und Gingen/Fils im Landkreis Göppingen stammt aus dem Jahr 1143. Der Ort selbst ist jedoch erheblich älter.
Wenn man eine solche Behauptung aufstellt, sollte es doch möglich sein, noch tiefer in die Geschichte einzutauchen. Gute Dienste leistet dabei oftmals die Untersuchung des Ortsnamen.

Die Bedeutung des Ortsnamen

Der Ortsname Hürbelsbach gibt die Lage am gleichnamigen Bach, der weiter oberhalb am Marren entspringt, an. Die Bezeichnung kommt wohl aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet ‘schmutziger Bach’. Tatsächlich kann man beobachten, dass dieses Gewässer an manchen Stellen über einen rostrot gefärbten Untergrund läuft. Dieser rührt von dem aus dem örtlichen Sandstein ausgewaschenen Eisen her. Der von der Geographie beeinflusste Ortsname hilft uns also bei der Datierung von dessen Alter nicht weiter.
Die frühe Geschichte der Siedlung ist jedoch mit der des benachbarten Dorfes Gingen/Fils aufs engste verknüpft. Und diese Verbindung gilt es jetzt näher unter die Lupe zu nehmen.  

Das Geschenk der Königin Kunigunde von 915 an das Reichskloster Lorsch

Das Reichskloster Lorsch an der Bergstraße lag etwa 60 Kilometer von Mainz entfernt. Bis zu seiner Auflösung im Jahre 1234 war es eines der bedeutendsten Klöster des Mittelalters. Die deutsche Königin Kunigunde befürchtete Ende 914/Anfang 915 einen baldigen Tod. Aus diesem Grund wollte sie sicher sein, dass Mönche des Klosters Lorsch regelmäßig für ihr Seelenheil beten würden.

Gedenkplatte für die in der ehemaligen Klosterkirche Lorsch unter anderen begrabene deutsche Königin Kunigunde - © GvT

Zu diesem Zweck schenkte Königin Kunigunde am 8. Februar 915 den Lorscher Mönchen einen breiten Streifen Land. Die Einnahmen daraus sollten zum Unterhalt der Klosterbrüder beitragen. Die Mönche ihrerseits sicherten der Königin zu, dass sie nach ihrem Tode regelmäßige Gebete für die Königin übernehmen würden.

Die Torhalle aus der Karolingerära am Eingang zum ehemaligen Reichskloster Lorsch - © GvT

In der zugehörigen Urkunde der Königin ist allerdings nur von Gingen/Fils die Rede. Dass die Schenkung jedoch nicht nur Gingen umfasste, erfährt man aus einem weiteren Lorscher Dokument. Weil Klöster nur über rechtliche Auseinandersetzungen ihre Stellung und ihren Besitz wahren konnten, waren sie zur lückenlosen Dokumentation ihrer Rechte und Besitzungen gezwungen. Daher funkionierten ihre Verwaltungen vorbildlich. So verwundert es nicht, dass es für das Kloster Lorsch eine Besitzaufzeichnung inklusive der damit verbundenen Rechte gab - den sogenannten Codex Laureshamensis.
In dieser leider undatierten, aber wohl um 1000 entstandenen Aufzeichnung ist die Gruppe der zur Schenkung von Gingen gehörenden Orte erwähnt. Danach umfasste sie die Orte Grünenberg, Gingen, die verschwundene Siedlung Marrbach am Fuße des Marren, Hürbelsbach sowie die verschwundenen Siedlungen Birchwang, Winterswang und Richardsweiler, aus dem die Jackenhöfe im Ottenbacher Tal hervorgingen.

Karte der zur Gingener Schenkung  der Königin Kunigunde gehördenden Orte - © Entwurf: GvT

Nun können wir also den Umfang der Schenkung von Königin Kunigunde genau umreißen: deren Nordende lag auf dem Aasrücken zwischen Hohenstaufen und Hohenrechberg und der südlichste Punkt war die Siedlung Grünenberg bei Gingen. Die in der Besitzaufzeichnung genannten Orte besaßen die Form einer Sichel. Das gesamte Gebiet zwischen Grünenberg und den Jackenhöfen unterstand dem klösterlichen Verwaltungsverband mit Sitz in Gingen und dessen Pfarrei. Die Siedlung Hürbelsbach bestand im 10. und 11. Jahrhundert gerade einmal aus einem großen Gehöft, auf dem nach Schätzungen von Archäologen rund 30 Menschen lebten. Die Menschen bearbeiteten ihre Äcker und leisteten ihre Abgaben. Laut Besitzverzeichnis lieferten die Hürbelsbacher in erster Linie Kleie ins Kloster - das zugehörige Korn wurde auf dem Markt verkauft und die Geldeinnahmen nach Lorsch geschickt. Dieses langgestreckte Gebilde hatte bis kurz nach 1100 Bestand.


Quellen und Literatur

 Gabriele von Trauchburg, 1100 Jahre Gingen an der Fils, Gingen 2015

Dienstag, 15. Mai 2018

Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 3: Die Barbarakapelle

© Gabriele von Trauchburg


Teil 3: Die Barbarakapelle 

Es ist nicht das erste Mal, dass man versucht, Licht ins Dunkel um diese Kapelle zu bringen. Denn das größte Problem besteht darin, dass es nur sehr, sehr wenige Unterlagen zur Geschichte dieser Kapelle gibt. Aus dem Wenigen versuche ich nun dennoch eine einigermaßen fundierte Geschichte herauszuarbeiten.   


Die ältere Kapelle

Aus der Literatur ist bekannt, dass in den Jahren 1582 und 1583 der ursprünglich bei der Pfarrkirche St. Martinus gelegene Friedhof an seinen heutigen Standort verlegt wurde. Möglicherweise stand diese Maßnahme im Zusammenhang mit der Fertigstellung des Donzdorfer Schlosses von 1569 oder der Entstehung des sogenannten Oberdorfes in unmittelbarer Nähe der Kapelle. 

Gleich im Anschluss an die Verlegung wurde dort 1585 die Barbarakapelle gebaut. Sie besaß wahrscheinlich die gleiche Größe wie die heutige Kapelle. Über den Baustil weiß man nichts. Es ist jedoch durchaus wahrscheinlich, dass die Kapelle - wie auch das herrschaftliche Schloss im Dorfzentrum - bereits deutlich sichtbare Züge des Renaissance-Stils aufwies. 

Auch gibt es keine Unterlagen über die Ausstattung der Kapelle. Aufgrund der Wahl der Heiligen Barbara als Kapellenpatronin darf man vermuten, dass im  Chor ein Altar mit einer Figur oder einer Bildtafel der Heiligen Barbara gestanden hatte. 

 

Wer war der Bauherr der barocken Kapelle?

Bereits um 1700 brach man die baufällig gewordene Barbarakapelle ab. Es dauerte dann fast 40 Jahre, bis man einen Neubau ins Auge fasste. In der Zwischenzeit hatte es eine Reihe von herrschaftlichen Veränderungen in Donzdorf gegeben. Zwischen 1702 und 1704 kam es in unmittelbarer Umgebung von Donzdorf zu kriegerischen Auseinandersetzungen im Rahmen des Spanischen Erbfolgekrieges. Donzdorf war Auf- und Abmarschgebiet und hatte daher große finanzielle Belastungen zu tragen. 

Die wirtschaftliche prekäre Situation hielt weit über den bis 1715 andauernden Krieg an. Der Donzdorfer Obervogt Jehlin versuchte deshalb seit den 1720er Jahren durch die Investition in den Bau einer Schmelzhütte - nicht allzu weit von der Barbarakapelle entfernt - die schwierige Lage zu verbessern, scheiterte jedoch letztendlich.

Hinzu kam, dass der letzte Donzdorfer Herrschaftsinhaber aus der Linie Staufeneck im Jahre 1732 verstarb. Im Namen seiner Erbtöchter veräußerte Graf Paul Nikolaus Reich von Reichenstein 1735 den halben Rechbergschen Anteil der Herrschaft Donzdorf mit Gütern auf dem Scharfenberg und Wißgoldingen an Herzog Carl Alexander von Württemberg. 

Der Ritterkanton Kocher, zu dessen Organisation die Herrschaft Donzdorf gehörte, wandte sämtliche ihm zur Verfügung stehenden rechtlichen Mittel an, um diesen Verkauf zu verhindern. Denn Güter unter der Organisation eines Ritterkantons durften nicht ohne dessen Genehmigung verkauft werden. Er klagte deshalb vor dem Kaiser in Wien und erhielt Recht. Schließlich sah sich der württembergische Herzog 1737 gezwungen, die Herrschaft Donzdorf zum Kaufpreis von 1735 an den Ritterkanton zu übergeben. 

Der Ritterkanton hatte im Zusammenspiel mit dem Vertreter der letzten, noch verbliebenen Rechbergschen Linie, Johann Bero von Rechberg-Weißenstein, die Rückgewinnung von Donzdorf für den Ritterkanton und damit letztendlich für die Familie Rechberg betrieben. Dies bedeutete, dass ab 1737 ein Obervogt des Ritterkantons Kocher die Verwaltung des rechbergischen Teils von Donzdorf erledigte. Diese Erkenntnisse ist wichtig, um die folgenden Vorgänge zu verstehen.   

 

Der Bau der barocken Barbarakapelle

Der Ritterkanton Kocher als Patronatsherr der Donzdorfer Pfarrei St. Martinus begann 1738 mit den Planungen für eine neue Kapelle - also genau ein Jahr nach Abschluss des gewonnenen Prozesses gegen Württemberg. Das Motiv für den Neubau einer seit nahezu 40 Jahren nicht mehr vorhandenen Kapelle liegt nicht direkt auf der Hand.

Schon im Dezember 1739 war der Bau abgeschlossen, teilweise finanziert durch einen Kredit der Kapellenverwaltung Unterweckerstell (vgl. Teil 6.5 - Unterweckerstell, Label Unterweckerstell). Die gesamten Bauarbeiten leitete der damalige Donzdorfer Obervogt des Kanton Kochers, Merz. Dieser wandte sich nach Abschluss der Bauarbeiten an ein nicht namentlich genanntes männliches Mitglied des Hauses Rechberg, um an die finanzielle Zusage für den Kapellenbau zu erinnern. Merz erwähnte dabei, dass noch eine Differenz von 100 Gulden ausgeglichen werden musste. Aus diesem Schreiben geht hervor, dass die gräfliche Familie Rechberg über den Bau der Kapelle bestens informiert war - zudem hatte ein Untertan der Rechbergischen Herrschaft Weißenstein die Arbeiten des Baumeisters übernommen. Die Weihe der neuen Kapelle erfolgte dennoch erst 1748, also zu einem Zeitpunkt, als Donzdorf sich bereits wieder drei Jahre in der Hand der Familie Rechberg-Illereichen-Weißenstein befand.

Der lange Zeitraum zwischen Fertigstellung und Weihe hing möglicherweise auch mit dem Ausbruch des Österreichischen Erbfolgekrieges von 1740-1748 zusammen. Der bayerische Kurfürst Karl Albrecht hatte die Thronfolge der Habsburgerin Maria Theresia nicht anerkannt und sich zum deutschen Kaiser krönen lassen. Diese Haltung führte zwangsläufig zum Krieg und letztlich zur Niederlage von Karl Albrecht. In seinem Heer hatten die beiden einzigen waffenfähigen Rechberg, Johann Bero von Rechberg-Weißenstein und seine jüngerer Bruder Franz Xaver Leo gekämpft.

Die Barbarakapelle in Donzdorf, 1739 - © GvT

Baumeister war der Weißensteiner Maurermeister Philipp Spengler. Er schuf einen für die damalige Zeit hochmodernen Bau. Statt der alten strengen Sakralarchitektur mit rechteckigem Kapellenraum und angefügtem gerundetem Chor schuf er anstelle des harten, kantigen Übergangs von Kapellenraum und Chor eine sanfte, gerundete Übergangsform. In diesen  Übergängen wurden Nischen für Altäre eingerichtet. 
 

Der Innenraum der Barbarakapelle - © GvT

Die Kapelle ist der Heiligen Barbara geweiht. Sie ist eine der 14 Nothelfer. Man ruft sie insbesondere in den letzten Sekunden des Lebens an. Die Hinwendung zu dieser Heiligen ist für einen Sterbenden dann von größter Bedeutung, wenn für ihn keine andere Möglichkeit mehr auf den Erhalt des Sterbesakraments besteht.  

 

Die Ausstattung der Kapelle 

Das Innere der Barbarakapelle ist heute in schlichter Einfachheit gehalten. Im Chor steht ein triumphierender Auferstehungschristus. Im Kapellenraum kann man gotische, der Ulmer Schule zuzuordnende Heiligenfiguren bewundern. Auf der linken Seite steht eine spätgotische Marienfigur, die ursprünglich Teil einer Kreuzigungsgruppe gewesen war. In der linken ‘Seitenaltar’-Nische befindet sich eine Maria Magdalena, die den Deckel eines Salbgefäßes in einer Hand hält, das Gefäß selbst ist nicht mehr erhalten. Der Maria Magdalena gegenüber befindet sich in der rechten Nische eine Madonna mit Kind aus dem Umfeld des berühmten Ulmer Bildhauers Hans Multscher aus der Zeit um 1470. Zuletzt steht ganz rechts eine Anna Selbdritt - die Großmutter Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Enkel Jesus.
Zwischen den gotischen Figuren sticht eine 1780 eigens eingebaute Mauernische auf der linken Seite ins Auge. Darin fand ein so genannter Schulterwundenheiland seinen Platz. Diese Darstellung der Leiden Christi geht auf eine Vision der Mystikerin Crescentia von Kaufbeuren (1703-1744) zurück, die der Irseer Pater Magnus Remy in bildliche Form umsetzte. Auf dem Umweg über den kurfürstlichen Hof in München gelangte diese Verehrung auch in Rechbergische Herrschaften - 1779 in die Wallfahrtskirche auf dem Hohenrechberg, 1780 hier in die Barbarakapelle in Donzdorf und in die Alte Gottesacker-Kapelle von Illereichen.

Der Crescentianischer Kerkerchristus von 1780 - © GvT

 

Das Außergewöhnliche an der Kapelle

So klein die Kapelle auch ist, so besitzt sie unter den barocken Kirchen und Kapellen im Landkreis Göppingen dennoch ein außergewöhnliches Merkmal. Vergleicht man die barocken Kirchengebäude, so findet man die typischen barocken Elemente im Bereich der Ausstattung, d.h. in Form von Stuckaturen, Gemälden oder Bildnissen. Die Architektur der Kirchengebäude folgt der traditionellen Weise mit einem rechteckigen Langhaus und einem gerundeten Chor. Die einzige Ausnahme von diesem Schema, die ich im Landkreis kenne, ist die Donzdorfer Barbarakapelle. 

Von außen betrachtet folgt sie dem traditionellen Architekturschema. Doch im Inneren hält sie eine Überraschung bereit. Am Übergang vom Hauptraum zum Chor finden sich zu beiden Seiten zwei oval ausgeformte Nischen, in denen die Seitenaltäre untergebracht waren. 

Diese ovale Form im Übergang vom Hauptraum zum Chor ist ein architektonisches Element, das in Rom bereits in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eingeführt worden war. In Süddeutschland ist es vor allem Dominikus Zimmermann, der die Auflösung der traditionellen Raumstrukturen in kirchlichen Gebäuden vorantrieb - so 1728–1733 in der 'schönsten Dorfkirche der Welt' in Steinhausen, 1735–1740 in der Frauenkirche von Günzburg und 1745–1754 in der Wieskirche bei Steingaden. 

 

Die ganz eigene Führung des Lichts im Chorraum - © GvT

Der Weißensteiner Baumeister Philipp Spengler begnügte sich jedoch nicht nur mit der Nachahmung des Zimmermannschen Prinzips der Auflösung der alten Strukturen, sondern er nahm die neue ovale Gestaltungsform zu Hilfe, um somit die Aufmerksamkeit noch stärker auf den Chor zu lenken. Spengler verkleinerte mit Hilfe der ovalen Nischen den Choreingang. Auf diese Weise verschwinden für den Betrachter beinahe die beiden Chorseitenfenster. Hingegen reflektieren die eingezogenen Nischenmauern das Licht der Chorseitenfenster, so dass eine ganz eigene Atmosphäre im Chorraum entsteht.    

  

Quellen und Literatur

Hauptstaatsarchiv Stuttgart, A 224 Bü 196 und A 164 Bü 28, 6

GRFAD, RA 4471 - Akte zur Barbarakapelle Donzdorf, 1738

Josef Rink, Familien Geschichte der Rechberg - Teil 5, Manuskript 1821

Heribert Hummel, Donzdorf - Die Kirchen der Stadt Donzdorf, Weißenhorn  1995

https://www.augsburger-allgemeine.de/illertissen/Erinnerung-an-die-Leiden-Christi-id24625926.html

 

 

Montag, 14. Mai 2018

Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 1: Wie kommt man zu einem Kapellenweg?

© Gabriele von Trauchburg 

 

Teil 1: Wie kommt man zu einem Kapellenweg?

Vor ein paar Jahren kam dem langjährige 2. Vorsitzende des Kirchengemeinderates von St. Martinus Donzdorf, Bernhard Baum, bei einer Wanderung in den Salzburger Alpen die Idee, in seiner Heimatstadt ebenfalls einen Kapellenweg zu errichten.

Auf Donzdorfer Gemarkung stehen mehrere Kapellen. Allein südlich der Lauter gibt es die Hürbelsbacher Kapelle, die Barbarakapelle, die Unterweckersteller Kapelle, die Kapelle beim Scharfenhof und die kleine Kapelle beim Donzdorfer Flugplatz. Hinzu kommt noch die Kapelle St. Peter in Grünbach. Unweit davon entfernt liegt die Pietà-Kapelle von Lauterstein-Nenningen.

Als das Vorhaben erste konkrete Formen annahm, hatte gerade der Landkreis Göppingen seine Städte und Gemeinden dazu aufgerufen, eigene touristische Rundwege zu entwickeln. Nun galt es, zunächst die Kirchengemeinde Donzdorf ins Boot zu holen und anschließend auch die Stadtverwaltung Donzdorf. Beide Institutionen nahmen das Projekt mit Begeisterung auf.

Innerhalb kurzer Zeit konnte ein knapp 22 Kilometer langer, durch die schönsten Ecken der Donzdorfer Gemarkung führender Weg gefunden werden. 
© - Mit freundlicher Genehmigung der Stadt Donzdorf

 Auch ein Logo war schnell entwickelt.


© - Mit freundlicher Genehmigung der Stadt Donzdorf

Die Wegweiser für den neuen Kapellenweg wurde jetzt im Frühjahr 2018 aufgestellt.


© GvT
Was noch fehlte, war eine grundlegende Erforschung der einzelnen Kapellen. Noch nie hatte sich jemand daran gesetzt, die Geschichte und Kunstgeschichte der einzelnen Gebäude im Detail zu erfassen. Diese Arbeit nahm im gesamten Vorhaben den längsten Zeitraum ein. Doch das Ergebnis kann sich - wie man anhand der folgenden Einzelkapitel leicht erkennen kann - sehen lassen. Aufgrund der neuen Erkenntnisse werden jetzt für jede Kapelle passend zu ihrer Geschichte eine Fürbitte formuliert.

Das Ziel des gesamten Vorhabens ist, die Kapellen wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken, ihre vielfältigen Besonderheiten herauszuheben und ihre Geschichte offenzulegen. Die meisten Kapellen liegen an einer von uns heute als malerisch empfundenen Stelle, doch ihre vielen Besucher der vergangenen Jahrhunderte suchten hier Trost und göttlichen Beistand bei den vielfältigen Krankheiten und Gefahren, denen sie in ihrem Alltag gegenüberstanden. Heute mögen die Sorgen andere als früher sein, doch noch immer können die Kapellen ihren Besuchern als ein Ort der Einkehr und Hilfe bei der Bewältigung des Alltags dienen. 

Ich hoffe nun, dass Sie, liebe Leser, mir auf den neuen Donzdorfer Kapellenweg folgen werden.

Dienstag, 27. März 2018

Die barocke Wallfahrt auf dem Bernhardus 

Teil 9: Das Ende der Wallfahrtskirche auf dem Bernhardus, Zusammenfassung 

© Gabriele von Trauchburg

Was fängt man mit einer geschlossenen Kirche an?
Mit der Überführung der Bernhardus-Figur auf den Hohenrechberg begann die Zerstörung der Bernharduskirche. Am 18. Oktober 1806 wurden die ersten Kirchengeräte nach Donzdorf gebracht. Eine heute noch vorhandene Aufstellung besagt, dass eine Monstranz, ein Ziborium mit Deckel und Krone, 3 Kelche mit 3 Patenen und 2 Löffeln, zwei hölzerne schwarze, mächtig versilberte Kruzifixe schließlich noch ‘Kirchenwäsche’ (= Altartücher) nach Donzdorf gebracht worden waren. Einen Tag später erhielt die Kirche von Hohenrechberg ebenfalls in einer Liste zusammengefasste Gegenstände, unter anderem 3 Messbücher, 1 Evangelienbuch, Rosenkränze und große, schwere Kerzen.
Dem Treffelhauser Mesner und Orgelmacher Johann Schweizer war die Aufgabe übertragen worden, den Wert der Orgel auf dem Bernhardus festzulegen. Da das Basso-Octav-Register nicht mehr richtig funktionierte, wurde die Orgel auf den geringen Wert von 22 Gulden veranschlagt. Aufgrund einer herrschaftlichen Weisung wurde die Orgel der Kirche in Ottenbach zugesprochen, wo Maximilian Emanuel von Rechberg ebenfalls Patronatsherr war.

In der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Lauterstein-Weißenstein befinden sich heute zwei große weiße, teilvergoldete Statuten auf dem Hochaltar - der Heilige Maximilian Emanuel und die Heilige Walburga, die Namenspatrone des Herrscherpaares. Die beiden Figuren befanden sich ursprünglich auf dem linken Seitenaltar in der Bernhardus-Kirche und wurden aus der Wallfahrtskirche in die Stadtpfarrkirche gebracht und dort in den Hochaltar eingefügt. Drei kleinere Figuren in der Stadtpfarrkirche - darunter ein Sebastian und ein Antonius von Padua - könnten aufgrund ihres Stils ebenfalls aus der Wallfahrtskirche stammen. 

Der Heilige Maximilian Emanuel, um 1764 - ursprünglich aus der Wallfahrtskirche auf dem Bernhardus - © GvT


Die Heilige Walburga, um 1764 - ursprünglich aus der Wallfahrtskirche auf dem Bernhardus - © GvT



Vorbereitungen zur Versteigerung der Wallfahrtskirche im Oktober 1808 
Zunächst war das weitere Schicksal des Kirchengebäudes unklar gewesen. Erst zwei Jahre nach der Schließung entschloss man sich, die Kirche samt Benefiziatenhaus zum Abriss freizugeben, nachdem sämtliche für den Patronatsherren interessanten Objekte aus der Kirche geholt und auf seine anderen Patronatskirchen verteilt worden waren. 

Für die eigentliche Versteigerung Ende Oktober 1808 wurde eine Aufstellung erarbeitet, in der mögliche Werte nach Interessengruppen untergliedert wurden. So kamen spezielle Lose für Schreiner, Zimmerleute und Maurer zustande. Der Materialwert der Kirche wurde mit 1599 Gulden veranschlagt, der des Benefiziatenhauses mit 680 Gulden. Die Bretter des Kirchenbodens, die Kanzel, der Choraltar, die Nebenaltäre, Bet- und Beichtstühle, die Wandkästen in der Sakristei, zwei innere Kirchentüren und vieles mehr sollten an den Mann gebracht werden. Man hoffte, dass Zimmerleute die Balken, Bretter und Nägel vom Kirchendachboden gebrauchen könnten, und es fanden sich sicherlich Maurer, die für die über 18.400 Dachplatten Verwendung hatten. 


Die Versteigerung
Zur Versteigerung der Wallfahrtskapelle im 25. Oktober 1808 wurden eigene Regeln geschaffen. Unter anderem hieß es in den Anweisung, dass jedem Bieter verdeutlicht werden sollte, dass die betroffenen Gebäude auf dem Bernhardus nicht stehen bleiben, sondern zum Abbrechen und Abräumen versteigert werden sollen. Die Käufer wurden verpflichtet, ihre ersteigerten Werte innerhalb von 8 Tagen abzubauen und wegzubringen. Die Kosten für Abbau und Abtransport wurden ihnen auferlegt. Um eine möglichst große Anzahl an Interessenten auf den Bernhardus zu locken, wurden öffentliche Bekanntmachungen herausgegeben und Ausschreibung an die umliegenden Pfarreien verschickt.

Das Ergebnis der Versteigerung vom 25. Oktober 1808 war folgendes:
  • der mit 125 fl angesetzte Choraltar fand keinen Käufer, 
  • die beiden Nebenaltäre für 125 fl gingen an die Pfarrkirche nach Treffelhausen,
  • die mit 40 fl taxierte Kanzel wurde für 25 fl nach Salach verkauft, 
  • ebenso gingen 20 Betstühle für 21 fl nach Salach (der Salacher Pfarrer erwies sich als hart im Verhandeln und konnte sich überwiegend durchsetzen); 
  • 5 Beichtstühle wurden für 3 fl nach Weiler (i.d.B.) verkauft, 
  • 4 einfache Beichtstühle ergatterte der Obermüller Joseph Hämmerle von Weißenstein, 
  • 2 Stühle aus dem Chor ersteigerte Wolfgang Nägele aus Treffelhausen, 
  • 2 Betstülchen sicherte sich der Salacher Pfarrer Ruf, 
  • 1 Stülchen kaufte Joseph Schmied von Weißenstein und 
  • 2 Wandkästen aus der Sakristei konnte Gabriel Nägele von Weißenstein gebrauchen.
  • Die beiden Glocken mit 701 Pfund Gewicht wurden zunächst in der Hauptversteigerung ausgesetzt, weil sich kein Käufer gefunden hatte. Dann hatte der Nördlinger Jude Nattan sein Interesse bekundet, die Glocken gewogen und pro Pfund 26 Kreuzer geboten. Damit erhielt er den Zuschlag und bezahlte noch im November 1808 die Summe von 303 Gulden und 36 Kreuzern.
Den Abriss von Kirche und Benefiziatenhaus wollte ein Konsortium von 8 Männern übernehmen, die insgesamt 800 fl auf zwei Jahre verteilt dafür zu zahlen bereit waren. Wie weit sie in ihrer Arbeit bereits fortgeschritten waren, lässt sich am letzten Verkauf vom 20. Februar 1809 erkennen. Gabriel Nägele aus Weißenstein erwarb zu diesem Zeitpunkt den 9 Meter hohen, ehemals mit 125 fl angesetzten Choraltar für 15 Gulden. Er musste sich mit dem Ausbau desselben beeilen, weil die Kirche damals schon weitgehend abgebrochen war.

Zieht man Bilanz eine Bilanz von der Versteigerung, so muss man feststellen, dass die versteigerten Gegenstände großenteils weit unter Wert verkauft werden mussten. Die Erklärung hierfür liegt auf der Hand. Die Versteigerung fand in der Zeit nach der Säkularisierung des kirchlichen Gutes und der Mediatisierung der kleinen Adelherrschaften statt. Zum einen herrschte ein großes Überangebot an derartigen Angeboten auf dem Markt und die Napoleonischen Kriege taten das Ihre zum Verfall der Preise. Zum andern bevorzugte man in der Zwischenzeit einen modernen Stil - den Klassizismus. Damit galten die angebotenen Stücke als veraltet und minderwertig.

Welche Erkenntnisse ergeben sich nun zur barocken Wallfahrt auf den Bernhardus?
1. Die barocke Bernharduswallfahrt kam dem Bedürfnis der Menschen im 18. Jahrhundert besonders bei medizinischen Problemen entgegen. Sie pilgerten auf den Bernhardus, um dort für allgemeinen Beistand und insbesondere bei ihren Gebrechen zu bitten und zu erhalten.
2. Mit dem Bau der Wallfahrtskirche wurde der stetig steigenden Anzahl der Pilger ein Raum gegeben, der ihren Bedürfnissen Rechnung trug. 
3. Die Kirche wurde im damals höchst modernen Stil des Barocks errichtet. Ihr Architekt, ihr Baumeister und die beteiltigten Kunsthandwerker gehörten zur Elite ihrer Zunft in jener Zeit.
4. Aus heutiger, kunsthistorischer Sicht ist der Verlust der Kirche ein Jammer. Die Wallfahrtskirche reihte sich in eine bedeutende Gruppe von barocken Kirchenbauten mit der Degginger Wallfahrtskirche Ave Maria und der Weißensteiner Stadtkirche ein. Gemeinsam begründeten sie eine kunsthistorische Einheit, die nicht von der Region, sondern von Bayern geprägt ist.
5. Das Ende der barocken Wallfahrt war nicht - wie man in den meisten bisherigen Darstellungen lesen kann - durch die Philosophie der Aufklärung hervorgerufen worden, sondern durch den drohenden Bankrott der Rechbergischen Herrschaften in den Napoleonischen Kriegen und der Not des unterversorgten Pfarrers in der Hohenrechberger Pfarrei.
Die bisherigen Deutungen beruhen auf falschen Annahmen. Dem bedeutenden Pfarrer Joseph Rink wird in diesem Zusammenhang Unrecht getan, ebenso dem scheinbar willenlosen Maximilian Emanuel von Rechberg. Stattdessen waren beide Männer hochgebildet. Maximilian Emanuel war Jurist, der das Kirchenrecht sehr gut kannte. Außerdem waren beide Männer Verfechter der katholischen Aufklärung und nicht - wie immer wieder unterstellt wird - der radikalen Aufklärung eines D’Alembert oder eines Holbach. Rechberg und Rink mussten Probleme lösen, die denen der heutigen katholischen Kirche in Deutschland in fataler Weise ähneln.
6. Heute finden sich nur noch wenig Überreste der barocken Wallfahrtskirche. Allen voran steht die alte Bernhardus-Figur bis heute auf dem rechten Seitenaltar in der Kirche auf dem Hohenrechberg. Dort findet sie jedoch nicht dieselbe Beachtung wie die ‘Schöne Maria’ im Hauptaltar. Bei der Beschreibung der Wallfahrt zum Hohenrechberg im Heimatbuch von 2004 wurde diejenige zum Bernhardus völlig ignoriert, nicht einmal ein Bild von der Figur wurde abgedruckt - das hat er definitiv nicht verdient. 
Die beiden lebensgroßen Statuen im Weißensteiner Hauptaltar wurden oben bereits näher betrachtet.
Die nach Salach verkauften Stücke sind wohl spätestens mit dem Neubau der katholischen Kirche zu Beginn des 20. Jahrhunderts vernichtet worden. Die Treffelhauser Nebenaltäre wurde spätestens beim Dorfbrand im 19. Jahrhundert ein Raub der Flammen.
Der wohl markanteste Überrest der barocken Wallfahrt befindet sich heute auf zahlreichen Hinweisschildern - das Logo der Glaubenswege ist dem Aufriss der Wallfahrtskirche auf dem Bernhardus nachempfunden. Auf diese Weise ist die Existenz der barocken Wallfahrt präsenter denn je, obwohl kaum jemandem die Grundlage dieses Logos bewusst ist..

Logo, Ausschnitt aus dem Titelblatt des Wanderführers 'Glaubenswege'


Quellen und Literatur
GRFAD - einschlägige Archivalien zur Bernhardus-Wallfahrt
Gabriele von Trauchburg, Lauterstein - Kirchenführer, Lauterstein 2015
Glaubenswege. Wege für den Geist, die Seele; zum Wandern und Genießen - Wanderführer, Schwäbisch Gmünd 2016 (www.glaubenswege.de)

Donnerstag, 22. März 2018


Die barocke Wallfahrt auf dem Bernhardus 

Teil 8: Die Bernhardus-Wallfahrt als Retterin einer Pfarrei

© Gabriele von Trauchburg



Um das letzte Kapitel der barocken Wallfahrt auf den Bernhardus zu verstehen, müssen wir jetzt einen Sprung auf den rund 10 Kilometer Luftlinie entfernten Hohenrechberg machen.

Am 6. April 1798 berichtete der Hohenrechbergische Obervogt Schabel voller Empörung von  einem eigenmächtigen Handeln des dortigen Pfarrers Grupp, der eine Sammlung für die Verschönerung der Altäre in der Kirche auf dem Hohenrechberg veranstaltet hatte. Der Obervogt kritisierte diese Aktion vor allem deshalb, weil die Untertanen von Hohenrechberg durch die lange angedauerte Kriegserleidnisse (= französische Revolutionskriege) und andere Unfälle tiefest (finanziell) erschöpft und von schweren Schulden (durch die Betragsforderungen der Kriegsparteien) gedruckt sind ... und kümmerlich ihren nothdürftigen LebensUnterhalt gewinnen können.


Die Maßnahme des Pfarrers hatte jedoch einen ernsten Hintergrund, der in die Gründungszeit der Pfarrei zurückreicht. Mitte der 1760er Jahre hatten sich die Bewohner von Rechberg mit der Bitte, in einer eigenen Pfarrei zusammengefasst zu werden, an das Bistum Konstanz gewandt. Bis zu diesem Zeitpunkt gehörten sie nach wie vor zur Pfarrei Waldstetten. Der Waldstetter Patronatsherr, die Fürstpropstei Ellwangen, lehnte die Forderungen der Rechberger rundweg ab.
Dennoch leitete das Bistum Konstanz ein Prüfungsverfahren ein, in dem die Argumente beider Seiten zu Papier gebracht wurden. Vor allem beklagten die Bewohner Rechbergs, dass sie den beschwerlichen, sehr steilen Weg nach Waldstetten im Winter kaum bewältigen konnten - Taufen für Rechberger Säuglinge konnten nur im Sommer vollzogen werden.
Im ersten Entscheid vom 16. Juni 1767 sprach sich Konstanz für die Gründung einer eigenen Pfarrei aus. Ellwangen lehnte jedoch weiterhin ab und brachte den Fall vor das Erzbistum Mainz. Am 12. Oktober 1771 schließlich fällte Erzbischof Emmerich Joseph von Breidbach zu Bürresheim (1707-1774) seine Entscheidung zugunsten der Gläubigen von Rechberg.
Die anschließenden Verhandlungen um die Versorgung der künftigen Pfarrer auf dem Hohenrechberg konnten im November 1772 zwischen dem Bistum Konstanz und Maximilian Emanuel von Rechberg abgeschlossen werden. Der Gründungsvertrag der neuen Pfarrei auf dem Hohenrechberg wurde am 7. April 1773 vom Konstanzer Bischof ratifiziert. Der Stiftungsvertrag enthielt eine Klausel, die in jedem Fall die Sicherung des Einkommens für den Pfarrer gewährleistete. Für den schlimmsten Fall verpflichtete sich das Haus Rechberg als Patronatsherr, Einkommenseinbußen des Stelleninhabers auszugleichen.
Die Notwendigkeit, aber auch die Problematik dieser Klausel trat bereits kaum drei Jahrzehnte später in der Napoleonischen Zeit offen zutage. Wie die Bevölkerung in seinen Herrschaften besaß Maximilian Emanuel von Rechberg in dieser von ständigem Krieg und von zahllosen Truppendurchmärschen geprägten Zeit keine Einnahmen mehr aus seiner gleichnamigen Herrschaft - diese Gelder wurden wechselweise von den Kriegsparteien Frankreich und Österreich eingezogen und für ihre Kriegsführung verwendet.
Nur sein Einkommen als bayerischer Hofbeamter schützte Maximilian Emanuel von Rechberg vor dem Bankrott. Aus diesem Grunde hatte Rechberg wohl seinen Pfarrer angehalten, die Wallfahrt zu fördern. Doch scheinen die eingeleiteten Maßnahme nicht die gewünschte Wirkung hervorgebracht zu haben.

Neue Ideen brauchte die Pfarrorganisation
Die allgemeine politische Entwicklung mit ihren besonderen Auswirkungen auf die Pfarrei Rechberg zwang den Herrschaftsinhaber, über eine neue Möglichkeit der Finanzierung der von ihm gestifteten Pfarrei nachzudenken. Der findige Jurist Maximilian Emanuel von Rechberg sah die einzige Möglichkeit, der Pfarrei zusätzlich Geldmittel zu beschaffen, in der Suche nach unabhängig von den Einnahmen seiner Herrschaften bestehenden Einnahmen.
Daher stellte Maximilian Emanuel von Rechberg seit dem Jahre 1802 Überlegungen zur Übertragung des Gründungskapitals für das Benefiziums der Wallfahrt zum Heiligen Bernhard nach Hohenrechberg an. Mit diesem Benefizium war keine Pfarrei verbunden; die Seelsorge bezog sich allein auf die Pilger, die - wenn man sie zum Hohenrechberg umleitete - dort ebenfalls betreut wurden und dadurch gleichzeitig auch noch die Pfarrei Hohenrechberg unterstützen konnten.
Aus diesen Überlegungen heraus wandte sich Maximilian Emanuel von Rechberg im Mai 1806 an den Konstanzer Bischof. In seinem Schreiben bat er diesen, die arme Pfarrei Hohenrechberg dadurch unter die Arme zu greifen, dass er den Stiftungsfond der Bernhardus-Wallfahrt auf den Hohenrechberg übertragen würde. Seinen Schritt begründete Maximilian Emanuel geschickt damit, dass angeblich immer wieder der Vorwurf laut geworden war, dass der Andachtsort auf dem Spitzkopf zu weit von der Zivilisation entfernt sei und sich deshalb dort so manche Unsichtlichkeit zutrage. Ähnliche Vorwürfe finden sich ab den 1780er Jahren bei anderen entlegenen Wallfahrtsorten zuhauf, als man unter dem Einfluß der Aufklärungsphilosophie diese Einwände nutzte und innerhalb der katholischen Kirche gegen die teils ausufernden Formen der Volksreligiosität vorging, zahlreiche Wallfahrten einstellte und kleine Kapellen abriss.
Auf den ersten Blick mutet hier eine ähnliche Entwicklung auch für die Wallfahrt zum Heiligen Bernhard auf dem Bernhardus-Berg an. Die Verlegung geschah jedoch ausschließlich aufgrund wirtschaftlicher Voraussetzungen - doch wie heute auch: man muss die richtige Begründung liefern, um das zu erhalten, was man bekommen möchte.  

Proteste gegen die Aufhebung der Wallfahrt auf dem Bernhardus
Die Anstrengungen zur Verlegung der Wallfahrt blieben in der Region rund um den Bernhardus nicht unbemerkt. Mehrere Briefe an die Herrschaft enthielten scharfen Protest gegen das geplante Vorhaben. Doch sie konnten die Entwicklung letztendlich nicht aufhalten.

Die Verlegung der Wallfahrt vom Bernhardus nach Hohenrechberg 
Maximilian Emanuel von Rechberg erhielt die erforderliche Genehmigung zur Verlegung der Wallfahrt und konnte im Oktober 1806 die geplanten Veränderungen zugunsten der Pfarrei Hohenrechberg vollziehen lassen. Dem Hohenrechberger Pfarrer wurde damals aufgetragen, möglichst bei diesem Vorgang auf dem Bernhardus anwesend sein und sich eventuell einfindenden Menschen den Zweck dieser Übertragung erklären. In der Hohenrechberger Pfarrkirche sollte dann mit dem Einverständnis des Pfarrers die Statue des Heiligen auf einem Seitenaltar aufgestellt werden, und dieser dann künftig als St. Bernhardsaltar bezeichnet werden.

Gedenktafel von 1906. Sie erinnert an die Translation der Bernhardus-Wallfahrt vom Bernhardus nach Hohenrechberg - auf dem Bild zu sehen: die nach alten Plänen stilisierte barocke Wallfahrtskirche - © GvT

Der gesamte Vorgang wurde von einem bischöflichen Beauftragten überwacht. Anfang Oktober  (direkt nach dem 6. Oktober) nahm dieser die kleine wundertätige Statue des Heiligen Bernhard an sich und brachte sie anschließend in die Pfarrkirche nach Hohenrechberg. Dann kehrte er wieder auf den Bernhardus zurück und verschloss zusammen mit einem rechbergischen Beamten die Wallfahrtskapelle. Der bis dahin bei der Wallfahrt tätige Benifiziat sollte nach dem Willen des Maximilian Emanuel von Rechberg eine Pension und eine Wohnung in Weißenstein erhalten.



Das hier geschilderte Vorgehen zeigt, dass Rechberg zu demselben Mittel griff, die auch das Deutsche Reich in den Jahren 1802 und 1803 angewandte: Man hatte damals die Besitzungen der Kirche zugunsten des Staates eingezogen und die kirchlichen Würdenträger mit Pensionen abgefunden. Dieses Verfahren hatte nun auch Maximilian Emanuel von Rechberg angewandt - der große Unterschied dabei ist allerdings folgender: Während die Machthaber innerhalb des Deutschen Reiches das Kirchenvermögen und die Herrschaft über die kirchlichen Güter für sich selbst in Anspruch nahmen, übergab Maximilian Emanuel von Rechberg das Vermögen der Bernhardus-Wallfahrt wieder an die Kirche - hier: an die Pfarrei Hohenrechberg, um endgültig die in den 1790er Jahren aufgetretene Lücke in der Finanzierung dieser Pfarrei zu schließen.

Quellen und Literatur
GRFAD - einschlägige Quellen zur Wallfahrt auf dem Bernhardus
Gabriele von Trauchburg - Lauterstein. Der Kirchenführer, Lauterstein 2015
Gabriele von Trauchburg - Pfarr- und Wallfahrtskirche zur Schönen Maria auf dem Hohenrechberg, Kirchenführer, Rechberg 2016  

Geschichte(n) von Gingen/Fils - Teil 1.3: Die erste bekannte Gingener Dorfherrschaft: Königin Kunigunde

© Gabriele von Trauchburg Als zweite Frau möchte ich Ihnen die deutsche Königin Kunigunde vorstellen. Sie ist diejenige Königin, die ih...