Donnerstag, 6. Dezember 2018

Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 4.5: Hürbelsbach, nach 1493 - Die leere Grabkapelle braucht einen Altar

© Gabriele von Trauchburg

An dieser Stelle sei vorweggenommen, dass der in der Kunstgeschichte bekannte 'Donzdorfer Altar' seine Bezeichnung zu unrecht trägt. Aus diesem Grund war es bisher unmöglich, die Entstehung und die Aussage dieses Altares in das Werk des Ulmer Bildhauermeisters Bartholomäus Zeitblom einzuordnen. Mit diesem Post soll diese Lücke in der Forschung zum Werk von Bartholomäus Zeitblom geschlossen werden.

Eine leere Kapelle braucht einen Altar


Am Ende des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts prägte sich unter Wohlhabenden eine besondere Mode aus. Man stiftete großzügig für die Ausstattung von Kirchen und Kapellen. Dabei handelte man nach dem Motto: Tue Gutes und rede darüber.
Man begnügte sich deshalb nicht nur mit einer anonymen Stiftung, sondern man ließ alle Welt wissen, wer die Stiftung für einen Ausstattungsteil getätigt hatte. Deswegen zieren Wappen oder Stifterporträts oder am besten beides die jeweiligen Gegenstände. Des weiteren übten die Stifter Einfluss auf die Gestaltung ihrer Stiftungen aus.

Am Ende des 15. Jahrhunderts galt in Deutschland noch immer die Gotik als Maßstab für die Gestaltung von Gebäuden und von Innenausstattungen in den Kirchen, die Renaissance hielt erst langsam Einzug in die Kirchen. Deshalb darf man davon ausgehen, dass der Altar in der Hürbelsbacher Kapelle dem typischen, gotischen Aufbauschema folgte.
Ein gotischer Altar bestand traditionell aus dem Altartisch (Mensa), dem Aufsatz mit oder ohne Bild bzw. Schnitzerei (Predella), den Flügeln und dem Schrein (Retabel) und zuletzt dem Aufsatz (Gesprenge) (vgl. dazu http://www.angelfire.com/dc/stilkunde/mittelalter_fluegelaltar.html). Einen derartigen Altar gab es wohl auch in der Hürbelsbacher Kapelle. In den vorhandenen Akten findet sich kein Hinweis mehr darauf, wie dieser Altar ausgesehen haben könnte. Es gibt jedoch vier Gemälde und eine Holzfigur, die zwar keine Gesamtlösung, jedoch eine Vorstellung von der Ausstattung vermitteln können.

Wie der 'Donzdorfer Altar' zu seiner irreführenden Bezeichnung in der Kunstgeschichte kam


Immer wieder erregen die Bestandteile des sogenannten 'Donzdorfer Altares' Aufmerksamkeit. Zuletzt im Frühjahr 2015 bei der Ausstellung 'Jerusalem in Ulm - Der Flügelaltar St. Michael zu den Wengen'.  Dies hängt damit zusammen, dass die Altarflügel von dem Ulmer Maler Bartholomäus Zeitblom angefertigt worden waren. Und dieser galt lange Zeit als bester spätgotischer Maler, weshalb er im 19. Jahrhundert entsprechend hoch geschätzt wurde.
Hinzu kommt die wechselvolle Geschichte der Altarflügel seit ihrem Verkauf aus Donzdorf. Anfang des 19. Jahrhunderts veräußerte der damalige Donzdorfer Pfarrer Joseph Alois Rink die Seitenflügel. Dieser Verkauf beziehungsweise das Wissen darüber sorgte dafür, dass die erhaltenen Gemälde von zwei Seitenflügeln eines Altares die Bezeichnung 'Donzdorfer Altar' erhielten.

Gestützt wurde diese bisherige Benennung der Zeitblom-Altarflügel durch eine alte Postkarte von der Donzdorfer St. Martinus-Kirche aus der Zeit vor 1938, auf der ein neogotischer Seitenaltar mit einer Kopie eines der ehemaligen Flügelgemälde zu sehen ist.

linker Seitenaltar mit der Kopie im rechten Altarflügel, vor 1938 - © GvT
Auch wenn man nur einen Teil des Seitenaltares erkennen kann, so sind doch auffallend viele Frauen mit einem kleinen Kind im Schrein erkennbar. Zusätzlich stellt der rechte Seitenaltarflügel die Heimsuchung Mariens dar - also der Besuch der schwangeren Muttergottes bei ihrer ebenfalls schwangeren Cousine Elisabeth. Diese Häufung der Motive um Schwangerschaft und Kleinkinder ergänzt sich ideal mit der damaligen Aufgabe dieser Seitenkapelle als Taufkapelle.
Bei der Renovierung und Umgestaltung der Donzdorfer St. Martinus-Kirche 1938 wurde dann die Taufkapelle von der linken in die rechte Seitenkapelle verlegt. Der neogotische Altar samt dem Altarflügel mit der Zeitblomkopie wurde entfernt.   

Betrachtet man die auf den Altarflügeln dargestellten Heiligen, so sticht eine Darstellung besonders ins Auge - diejenige des Heiligen Laurentius. In der gesamten Donzdorfer Geschichte gab es im Mittelalter niemals eine wie auch immer geartete Verbindung zwischen der Donzdorfer Pfarrkirche St. Martinus, der Hürbelsbacher Kapelle und deren Kirchenpatron St. Laurentius. Das bedeutet nun, dass die Altarflügel nur aus der Hürbelsbacher Kapelle stammen können, müssen also eigentlich als "Hürbelsbacher Altar" bezeichnet werden. Die Gründe für diese Umbenennung werden im Laufe des Posts noch detailliert erläutert.

Der Verkauf des ‘Donzdorfer Altar’ bzw. 'Hürbelsbacher Altar' von Bartholomäus Zeitblom


Geschäftstüchtig war man damals zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch schon, denn man richtete sich nach den Kundenwünschen. Wer sollte schon einen ganzen, aus Holz gefertigten Altarflügel kaufen? Zum Aufhängen an der Wand war er zu schwer und außerdem konnte man nur entweder die Vorder- oder die Rückseite betrachten. Die Lösung für dieses Problem: Man sägte den Altarflügel einfach der Länge nach durch. So erhielt man plötzlich zwei Bilder, die sich viel besser vermarkten ließen.
Doch in Donzdorf ging man noch einen Schritt weiter. Die Höhe des Bildes wurde als zu groß empfunden. Daher kürzte man das Bild am unteren Ende, so dass ein Format entstand, das problemlos in ein Bürgerhaus passte. Genau dieses Verfahren wurde auch beim sogenannten 'Donzdorfer Altar' angewandt.

Maria Magdalena und Ursula, Kopie Anfang 19. Jh. 
© mp-foto martin paule fotodesign, Rechberghausen











































Die aus den beiden Altarflügeln gewonnenen vier Bilder fanden dann auch tatsächlich zwei Käufer: Die vier männlichen Heiligen der Außenseite - die Heiligen Sebastian und Georg sowie Laurentius und Wolfgang - gelangten in die Sammlung Hirscher und wurden von dort 1858 an die Kunsthalle Karlsruhe verkauft.
Auf der Innenseite waren die vier weibliche Heiligen - Maria und Elisabeth (Heimsuchung) sowie Magdalena und Ursula - zu sehen. Diese beiden Bilder gelangten über die Sammlung Laßberg in die Fürstenbergsche Sammlung nach Donaueschingen und dann in die Sammlung Würth.

Das Gestaltungsprogramm des Hürbelsbacher Altares auf der Außenseite


Im nächsten Schritt gilt es nun, das Programm, das dem Hürbelsbacher Altar zugrunde gelegen hatte, herauszuarbeiten und zu entschlüsseln. Dazu müssen wir die auf den vier Altarflügeln abgebildeten Figuren betrachteten und analysieren.
Bisher wurde in der Kunstgeschichte der Aufbau des Altares und die Position der einzelnen Heiligen innerhalb des Altares anhand ihrer Kopfhaltungen rekonstruiert. Ein Versuch, den Stifter und dessen Geschichte und Motivation zur Kapellenausstattung ausfindig zu machen, wurde bisher nicht unternommen. Diese Lücke soll nun geschlossen werden.

Die männlichen Heiligen auf der Außenseite 
Von den männlichen Heiligen - St. Sebastian, St. Georg, St. Laurentius und St. Wolfgang - schauen zwei der Heiligen dem Betrachter direkt ins Auge. Die Blickrichtung der beiden anderen ist entweder nach links oder nach rechts. 
Der eine Heilige, der nicht dem Betrachter ins Auge blickt, ist als Bischof gekennzeichnet. Er blickt nach links zum Kirchenpatron hin. Diese Blickrichtung lässt nun den Rückschluss zu, dass der Bischof auf der rechten Außenseite plaziert gewesen sein muss, sonst würde er ins Leere blicken.
Der Heilige mit dem Speer blickt nach rechts zu seinem Nachbarn im Bild, dem Heiligen Georg. Seine Blickrichtung macht nur dann Sinn, wenn er auf der linken Altarhälfte platziert war.
Setzt man die beiden Altarbilder auf diese Weise zusammen, dann ergibt sich eine harmonische, in sich geschlossene Bildkomposition der beiden äußeren Altarflügel. Die beiden zentralen Figuren sind der Ritterheilige Georg und der Kirchenpatron Laurentius, die beide dem Betrachter ins Auge blicken. Der Blick des Heilige Sebastian ruht auf dem Heiligen Georg, der Blick des Heiligen Wolfgangs auf dem des Kirchenpatrons. 


Heiliger Sebastian (links) und Heiliger Georg (rechts) - Bartholomäus Zeitblom, wohl 1495-96

Heiliger Laurentius (links) und Heiliger Wolfgang (rechts) - Bartholomäus Zeitblom, wohl 1495-96
Wenden wird uns den einzelnen Heiligen zu.

Der Heilige Sebastian
Auf dem ehemaligen linken Außenflügel erkennt man auf der linken Position den Pestheiligen Sebastian anhand von zwei Attributen, einem Pfeil und einem Schwert. Der Heilige Sebastian gehört zu den bekanntesten Heiligen und ist häufig in Kirchen und Kapellen anzutreffen. Man schreibt ihm den Schutz der Menschen vor der Pest zu.
Doch im Zusammenhang mit der Neueinrichtung von Hürbelsbach als Grabkapelle steht wohl eine andere Bedeutung im Vordergrund: Da Sebastian während seines Martyriums auf wundersame Weise nicht von den Pfeilen der auf ihn zielenden Bogenschützen getötet wurde, entwickelte er sich zum Patron der Bogen- und Armbrustschützen, von Soldaten und Kriegsinvaliden.
Wie im Post ‘Hürbelsbach - von der Pfarrkirche zur Grabkapelle, 1493-96' schon erwähnt, hatte Ritter Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen unter anderem an der Schlacht von Giengen an der Brenz 1462 teilgenommen und war dabei in Gefangenschaft geraten. Ritter Ulrich als Stifter hatte also einen ganz persönlichen Grund, diesen Heiligen in sein Altarprogramm mit aufzunehmen.

Der Heilige Georg
Der besonders von Rittern verehrte Heilige Georg ist das große Vorbild der männlichen Adeligen jener Zeit. Nicht wenige hatten sich deshalb in der Rittergesellschaft ‘St. Jörgenschild’ zusammengeschlossen. Kaiser Maximilian - mit dem Beinamen ‘der letzte Ritter’ - hat mit seinen Büchern die Welt der Ritter besonders stilisiert und idealisiert.

Grabplatte des Ritters Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen - ev. von Pantaleon Sidler aus Esslingen, um 1496 - © GvT

Ritter Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen, der zum Schmuck seines Grabmals einen überlebensgroßen bronzenen Ritter in seiner Rüstung hatte anfertigen lassen (vgl. den Post ´Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 4.4: Hürbelsbach 1493-96 - Von der Pfarrkirche zur Grabkapelle), huldigte dem Rittertum also in besonderer Weise auch auf dem Altar: Als Auftraggeber ließ er den Ritterheiligen in die Wappenfarben der Familie von Rechberg - rot und gold - kleiden, als Hommage an seine Familie und seinen einzigen Sohn.

Der Heilige Laurentius
Auf dem rechten Außenflügel sind links der Heilige Laurentius und rechts der Heilige Wolfgang von Regensburg dargestellt. Beide sind durch ihre Attribute - der Rost und Palmzweig für Laurentius, die Kirche für Wolfgang - eindeutig gekennzeichnet.
Der Heilige Lauretius war seit der Pfarreigründung durch das Klosters Anhausen im 12. Jahrhundert der Hürbelsbacher Kirchenpatron. Offenbar betrachtete Ulrich II. von Rechberg diesen Heiligen auch nach der Degradierung der Pfarrkirche zur Kapelle weiterhin als den rechtmäßigen Kirchenpatron seiner Grabkapelle. Somit ist es nicht verwunderlich, dass der Heilige Laurentius auf dem Hürbelsbacher Altar abgebildet ist. Gleichzeitig wird damit deutlich, dass dieser Zeitblom-Altar ausschließlich für diese Kapelle geschaffen wurde.

Der Heilige Wolfgang
Der Heilige Wolfgang von Regensburg wurde um 924 in der Gegend von Reutlingen geboren. Zunächst war er geistlicher Lehrer und Missionar, ehe er 972 zum Bischofvon Regensburg geweiht wurde. Wolfgang verstarb 994 in Pupping in Oberösterreich und wurde 1052 heiliggesprochen. Seine Attribute sind der Bischofsstab und in der Hand ein Kirchenmodell.
Die Legende erzählt, dass der heilige Wolfgang von Regensburg in St. Wolfgang am nach ihm benannten Wolfgangssee in Oberösterreich eine Kirche hatte errichten lassen. Später verstarb er während einer Inspektionsreise in einer Dorfkirche. Dort hatte man ihre Kirchentüren offen gelassen, damit alle Menschen sehen konnten, dass der Bischof eines ruhigen Todes starb.

Die Einordnung des heiligen Wolfgang in das Bildprogramm der Vorderseite des Hürbelsbacher Altares ist auf den ersten Blick nicht offensichtlich, verbindet man jedoch die Vita des Heiligen mit den Lebensumständen des Altarstifters, treten zwei Verbindungen zutage. Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen muss durch seinen Dienst bei Herzog Ludwig d. Reichen von Bayern-Landshut (= Niederbayern) mit der Verehrung von St. Wolfgang von Regensburg in Berührung gekommen sein. Auf diese Weise hatte er den historischen Regensburger Bischof Wolfgang als Kirchenbauer und seine Verehrung als Helfer für einen ruhigen Tod kennengelernt.
Auf dem ehemaligen Altarbild hält der Heilige Wolfgang in der einen Hand seinen fein ausgearbeiteten Bischofsstab und in der anderen das exakte Modell der Hürbelsbacher Kapelle.
Doch weshalb wählte Ulrich II. von Rechberg ausgerechnet den Regenburger Bischofsheiligen? Offensichtlich ist, dass Ulrich II. im Laufe seines Lebens den Bau mehrerer Kirchen oder Kapellen veranlasste oder gemeinsam mit weiteren Bauherren initiierte. 1488 ließ er die 1. steinerne Kapelle auf dem Hohenrechberg, im 20. Jahrhundert zum Gasthaus Rechberg umgebaut, errichten. Zudem war Ulrich II. Mitinitiator beim Bau zweier Kirchen, ebenfalls 1488 in Wetzgau b. Schwäbisch Gmünd und dann 1492 in Heuchlingen.

Die zum Gasthaus umgebaute erste steinerne Kapelle auf dem Hohenrechberg, © GvT
Weil der heilige Wolfgang das Modell der Hürbelsbacher Kapelle in Händen hält, darf man die Vermutung äußern, dass im Auftrag von Ulrich II. Bauarbeiten an der Kapelle vorgenommen wurden. In das Modell integriert ist eine deutlich sichtbare Glocke im Dachreiter. Wie schon zuvor erwähnt, stiftete Ulrich II. von Rechberg als erstes 1493 eine von Pantaleon Sidler gegossene Glocke. Auch die Gestaltung des Maßwerks der Fenster im Chor und das Kreuzrippengewölbe im Innern der Kapelle lässt die Vermutung einer Entstehung des älteren Kapellenteils oder dessen Umgestaltung um 1493 zu.

Modell, sogar mit Kirchenglocke
Der hellrot gedeckte Teil ist der ursprüngliche Teil der Kapelle




















Ein weiterer Grund für die Wahl von St. Wolfgang als Motiv im neuen Altar ist seine Verehrung als Helfer für einen ruhigen Tod, der Wunsch eines jeden Menschen. Diese Eigenschaft ist nun ideal für die Gestaltung eines Altares, der in einer Grabkapelle zu stehen kommen sollte.  

Das Gestaltungsprogramm des Hürbelsbacher Altares auf der Innenseite


Wie bei den Außenflügeln wurde in der Kunstgeschichte der Aufbau des Altares und die Position der einzelnen Heiligen innerhalb des Altares bisher anhand ihrer Kopfhaltungen rekonstruiert. Und wie in diesem Post für die Außenseite praktiziert, sollen die einzelnen weiblichen Heiligen in Verbindung mit dem Stifter Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen und seiner Familie gebracht werden.
Beim geöffneten Altar erblickten die Betrachter die Darstellungen von vier weiblichen Heiligenfiguren auf den Seitenflügeln. Traditionell gilt in der Kunstgeschichte, dass auf dem linken Altarflügel die beiden Heiligen Maria Magdalena und Ursula von Köln zu sehen waren, während auf dem rechten die Muttergottes und ihre Cousine Elisabeth dargestellt waren (vgl. Kat. Jerusalem in Ulm, 174f)

Maria und Elisabeth - Heimsuchung, Ausschnitt, Original Bartholomäus Zeitblom, 1492-1496 - © GvT
Maria Magdalema und Ursula, Ausschnitt, Original Bartholomäus Zeitblom, 1492-1496 - © GvT

Wenden wir uns den einzelnen Frauen zu:


Maria Magdalena
Auf dem unteren der beiden Flügelaltarbilder sind zwei Frauen abgebildet. Auf der linken Seite ist  Maria Magdalena mit einem Gefäß in der Hand dargestellt. Ursula ist mit dem Pfeil, der sie durchbohrte, gekennzeichnet.
Maria Magdalena hatte Jesus bei einer ihrer Begegnungen die Füße gesalbt, daher ihre Darstellung mit einem Deckelgefäß. Sie war eine begeisterte Anhängerin von Jesus Christus. Nach dessen Tod war Maria Magdalena die erste, der Jesus nach seiner Auferstehung als vermeintlicher Gärtner erschien. Maria Magdalena ist die erste Augenzeugin und Botschafterin des Auferstehungswunders an Ostern. 

Ursula von Köln
Ursula von Köln war der Legende nach eine Königstochter. Ursula kam von einer Pilgerfahrt nach Rom in Köln an. Sie wurde gemeinsam mit ihren Begleiterinnen überfallen und gefangen genommen. Alle Begleiterinnen von Ursula wurden misshandelt und getötet. Der Anführer wollte Ursula für sich, doch sie verweigerte sich. Deshalb wurde sie durch einen Pfeilschuss getötet (s. Attribut). Darauf hin kamen 11000 Engel (wohl die Seelen ihrer Begleiterinnen) über Köln und vertrieben die Feinde aus der Stadt.
Der Tod der Heiligen Ursula wird mit der Vertreibung der Hunnen aus Köln in Verbindung gebracht.  Bis heute wird die Heilige u.a. für eine gute Ehe und für einen ruhigen Tod verehrt sowie bei Kinderkrankheiten und gegen Qualen des Fegefeuers angerufen. Drei dieser vier Eigenschaften besitzen einen Bezug zum Altarstifter zu: Da wäre zunächst die gute Ehe. Davon zeugt die Sage vom Klopferle. Darin wird erzählt, dass Ulrich II. und seine Frau sich während ihrer ganzen Zeit immer kleine Nachrichten haben zukommen lassen.Ulrich II. von Rechberg bereitete sich systematisch auf sein Ableben vor, indem er die von ihm ausgewählte Grabkapelle bewusst ausstattete. Somit passen die beiden anderen der Heiligen Ursula zugeschriebenen Eigenschaften - die erneute Bitte für einen ruhigen Tod und die Hilfe gegen die Qualen des Fegefeuers - ideal zur Ausstattung einer Grabkapelle.

Maria und Elisabeth - Die Heimsuchung
Maria und ihre Cousine Elizabeth haben einen gemeinsamen Grund zur Freude. Völlig unerwartet waren beide Frauen guter Hoffnung - Maria mit Jesus und Elisabeth mit Johannes dem Täufer. Dieses Thema wird traditionell mit dem Titel ‘Heimsuchung’ bezeichnet. Man kann es als den Beginn neuen Lebens deuten.
Bei dieser Tafel handelt es sich um das einzige Gemälde, auf der die beiden dargestellten Heiligen miteinander interagieren. Das Motiv besitzt eine besondere Beziehung zum Stifter. Die Freude, auch noch im hohen Alter ein Kind zu erwarten, besaß für Ulrich II. und seine Frau Anna von Venningen einen konkreten Hintergrund. Das Paar war bereits 15 Jahre lang verheiratet, als ihnen der langersehnte männliche Erbe geboren wurde.

Überlegungen zum Schrein des Hürbelsbacher Altares


Zum Aussehen des Altarschreins gibt es keine schriftliche Überlieferung. Doch die Entwicklung der Themen auf den Innenflügeln - von der Empfängnis bis zum Tod und der Auferstehung - legt nahe, dass im Schrein ein Ereignis aus dem Leben Christi gezeigt wurde. In Betracht kommen 1. Maria und Christus-Kind - ähnlich wie in der Kirche auf dem Hohenrechberg oder 2. eine Kreuzigung oder Kreuzabnahme bzw. Pietà. Tatsächlich gibt es heute in der Hürbelsbacher Kapelle eine Pietà-Gruppe im dortigen Altar, die ebenfalls in die Zeit vor 1500 datiert wird  


Es ist jedoch eher unwahrscheinlich, dass diese Gruppe Bestandteil des Schreins war, denn im Verhältnis zur Größe der Seitenflügel ist sie zu klein. Bei einem eigens entworfenen Altar wäre zu erwarten, dass die Größenverhältnisse der Figuren im Schrein und der Flügelaltäre miteinander korrespondieren. 



Der Hürbelsbacher bzw. Donzdorfer Altar, die Heilige Apollonia und Nikolaus Weckmann


Von den übrigen Bestandteilen des 'Donzdorfer Altars' - Predella, Schrein oder Gesprenge - gibt es
keine gesicherte Überlieferung. Man darf jedoch davon ausgehen, dass geschnitzte Figuren im Schrein aufgestellt waren. Es gibt ein altes Schwarz-weiß-Foto aus der Nordwürttembergischen Zeitung (NWZ) aus den 1960er Jahren, auf dem eine Heilige Apollonia abgebildet ist (s.u.). Sie wird als Figur aus dem Hürbelsbacher Hochaltar deklariert.

Heilige Apollonia von Alexandria, 1969 gestohlen aus der Hürbelsbacher Kapelle

Diese 85 cm hohe Figur wurde zusammen mit einer weiteren Figur, der barocken, gleich großen  Heiligen Ottilie, 1969 aus der Hürbelsbacher Kapelle gestohlen. Beide Figuren gelten seither als verschollen.

Das Bildwerk der heiligen Apollonia konnte vor seinem Verschwinden noch keinem Ulmer Künstler zugeschrieben werden. Doch gelang der Ulmer Forschung in den vergangenen Jahren u.a. der Nachweis, dass viele Figuren von Zeitblom-Altären aus der Werkstatt des Ulmer Bildhauer Niklaus Weckmann stammten (Teget-Welz). Man darf deshalb vermuten, dass beim Hürbelsbacher Altar diese enge Arbeitsgemeinschaft der beiden Künstler ebenfalls bestanden hatte.
Betrachtet man die oben abgebildete, gestohlene Figur der Apollonia genauer, so scheint sich die These der Zusammenarbeit zwischen Batholomäus Zeitblom und Niklaus Weckmann auch hier zu bestätigen. Obwohl das einzige bisher vorhandene Foto nicht den gewöhnlichen Standards entspicht, so zeigt doch gerade die Gestaltung des Kopfes und des Faltenwurfs im Umhangs der Heiligen Apollonia die für Weckmann typischen Schemata  (Meisterwerke Massenhaft).
Mit dieser Erkenntnis wird gleichzeitig der Weckmann-Forschung ein wichtiges Instrument an die Hand gegeben. Klagte man in der Forschung bisher, dass man das Frühwerk von Niklaus Weckmann nur wage umreißen kann, so lässt sich nun mit der Heiligen Apollonia ein Werk von Weckmann auf einen engen Zeitraum zwischen 1493 und 1496 eingrenzen.

Neue Interpretation zum Hürbelsbacher bzw. Donzdorfer Altar


Durch die Verknüpfung von biographischen Daten aus dem Leben von Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen, ist es gelungen, das Programm des sogenannten Donzdorfer Altares zu entschlüsseln.
Die Außenseite befasst sich mit der Welt des Ritters Ulrich - dargestellt durch die Heiligen Sebastian und Georg - und seiner Verbindung zu Hürbelsbach - dargestellt durch den Heiligen Wolfgang als Kirchenbauer, der dem Kirchenpatron St. Laurentius seine von ihm ausgewählten und vermutlich erbaute Grabkapelle präsentiert.
Es fällt auf, dass der Heilige Wolfgang im Gegensatz zu den anderen drei Heiligen als älterer Mann mit ausgeprägten individuellen Zügen dargestellt ist. Ist es vielleicht möglich, dass sich der Stifter Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen in der Figur des St. Wolfgang abbilden ließ?
Die Innenseite des Altares beschäftigt sich mit dem Spannungsfeld, in das das Leben eines Menschen eingebettet ist: von der Geburt bis zum Tod und den Erwartungen beim jüngsten Gericht. Ausgehend von dieser Beobachtung verblüfft jedoch die bisher von der Kunstgeschichte vertretene Ansicht vom Aufbau des Altares:

    links: Maria Magdalena - die erste Zeugin des Auferstehung Christi
    links: Ursula - Bitte um einen ruhigen Tod und Beistand gegen die Qualen des Fegefeuers
    rechts: die junge Maria - die Geburt Christi ihrer Cousine ankündigend
    rechts: die ältere Elisabeth - die Geburt ihres Sohnes Johannes d. Täufers ankündigen

Diese bislang vertretene Gliederung basiert auf der Art und Weise der Aufstellung der beiden Bildtafeln von den vier weiblichen Heiligen neogotischen Altar von Donzdorf, wie sie auf der Postkarte von der Donzdorfer Kirche vor 1938 (s.o.) und einer Dokumentation des Landesdenkmalamtes von Baden-Württemberg (s.u.) zu sehen ist.  

https://www.bildindex.de/document/obj00071801?part=3&medium=mi05137g01

Doch parallel zur Außenseite des Hürbelsbacher Altares wurde auch dessen Innenseite bewusst gestaltet. Die Bilder der weiblichen Heiligenfiguren bilden thematisch und gestalterisch jeweils in sich geschlossene Einheiten, wie Blicke und Gestik verraten. Somit entscheidet der von ihnen verkörperte Glaubensinhalt über ihre Position auf der Innenseite des Retabels. Betrachtet man also die Frauen zusammen mit der Bedeutung, die sie für einen Gläubigen verkörperten, dann muss ihre Folge im Hürbelsbacher Altar eine andere gewesen sein:

        links: die junge Maria - die Geburt Christi ihrer Cousine ankündigend
        links: die ältere Elisabeth - die Geburt ihres Sohnes Johannes d. Täufers ankündigen
        rechts: Maria Magdalena - die erste Zeugin des Auferstehung Christi
        rechts: Ursula - Bitte um einen ruhigen Tod und Beistand gegen die Qualen des Fegefeuers

Diese Reihenfolge ist thematisch in sich geschlossen und gleichzeitig das Glaubensbekenntnis des Stifters Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen. 

Der Donzdorfer bzw. Hürbelsbacher Altares im Werk von Bartholomäus Zeitblom und Niklaus Weckmann


Bisher wird die Entstehung des sogenannten 'Donzdorfer Altares' mit um 1490 angegeben. Aufgrund der in diesem Blog zusammengetragenen Fakten kann man seine Entstehungszeit jetzt sehr viel präziser benennen. Der erste Eckpunkt der Datierung ist der Februar 1492. Damals wurde die Pfarrei Hürbelsbach aufgelöst und die Kircheneinrichtung in die Marienkapelle nach Klein-Süßen gebracht. Unmittelbar danach begann Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen mit der Umgestaltung der Hürbelsbacher Kapelle zu seiner Grabkapelle. Dies belegt die bis heute vorhandene Sidler-Glocke von 1493 im Turm der Kapelle, der zweite Eckpunkt in der Datierung. Der dritte Eckpunkt ist das Todesjahr von Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen im Jahre 1496.
Die gesamte neue Ausstattung des Hürbelsbacher Kirchengebäudes muss also zwischen den Jahren 1492-1496 entstanden sein. Ob und in welcher Weise damals das Kirchengebäude auch noch architektonisch verändert wurde, lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht sagen.
Vier Elemente lassen sich heute als Teile der dem neuen Zweck angepasst Einrichtung der Kapelle identifizieren.
  • die von Pantaleon Sidler im Jahre 1493 gegossene Glocke
  • das Epitaph von Ulrich II. - heute in St. Martinus Donzdorf (Foto s.o.)
  • das gestohlene Bildwerk der Heiligen Apollonia - Schwester des Heiligen Laurentius (Foto s.o.)
  • die ehemaligen, im 19. Jahrhundert gekürzten Flügel des Altars von Bartholomäus Zeitblom (Fotos s.o.)
Hürbelsbach ist nicht die einzige von Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen ausgestattete Kirche. Auch die von ihm erbaute erste steinerne Kirche auf dem Hohenrechberg besaß eine hochwertige Ausstattung, wie die Beschreibung in der Schwäbischen Chronik von Crusius  aufzeigt. Von dieser Ausstattung zeugt heute noch das große Cruzifix in der Hohenrechberger Kirche, das bis dato Michel Erhart zugeschreiben wird.


Literatur

https://de.wikipedia.org/wiki/Bartholom%C3%A4us_Zeitblom
https://de.wikipedia.org/wiki/Niklaus_Weckmann 
https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_von_Regensburg
https://www.heiligenlexikon.de/BiographienS/Sebastian.htm
https://www.heiligenlexikon.de/BiographienU/Ursula_von_Koeln.htm
https://www.bildindex.de/document/obj00071801?part=3&medium=mi05137g01- (Donzdorfer Altar)
http://www.inschriften.net/landkreis-goeppingen/inschrift/nr/di041-0125.html#content - Sidlerglocke
http://www.inschriften.net/landkreis-goeppingen/inschrift/nr/di041-0137.html#content - Epitaph


- Grimm, Claus Grimm / Konrad, Bernd, Die Fürstenberg-Sammlungen Donaueschingen. Altdeutsche und schweizerische Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts, München 1990, S. 118f
- Meisterwerke Massenhaft.  Die Bildhauerwerkstatt des Niklaus Weckmann und die Malerei in Ulm um 1500, Katalog, hrsg. v. Württembergisches Landesmuseum Stuttgart, Stuttgart 1993
- Dietlinde Bosch, Bartholomäus Zeitblom - Das künstlerische Werk (Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm 30), Ulm 1999- Teget-Welz, Manuel, Bartholomäus Zeitblom, Jörg Stocker und die Ulmer Kunstproduktion um 1500, in: Jerusalem in Ulm - Der Flügelaltar aus St. Michael zu den Wengen, hrsg.v. Ulmer Museum, Ulm 2015, S. 10-25, mit weiterführender Literatur.

- Trauchburg, Gabriele von, Pfarr- und Wallfahrtskirche zur Schönen Maria auf dem Hohenrechberg (Kirchenführer), Donzdorf 2016 

Mittwoch, 15. August 2018

Geschichte(n) der Stadt Donzdorf - Teil 5: Der Schmelzofen

© Gabriele von Trauchburg



Das Erz, so im Boden, ist nichts nutz.

Die Geschichte vom Donzdorfer Schmelzofen, der ältesten  frühindustriellen Anlage in unserem Landkreis


Der Donzdorfer Sandstein

Der Sandstein vom östlichen Albtrauf war schon im Mittelalter überregional bekannt und wurde zwischen dem 12. und 20. Jahrhundert in einem relativ großen Gebiet in zahlreichen Steinbrüchen rund um Donzdorf, Aalen und auch bei Lauchheim in Baden-Württemberg abgebaut.
Die in Donzdorf gebrochenen Steine dienten als Hauptwerkstoff für das Ulmer Münster, die St. Michaelskirche in Schwäbisch-Hall, die beiden Burgruinen Staufeneck und Hohenrechberg, dem Donzdorfer Schloss mit allen seinen Gebäudeteilen und -  gut sichtbar - seiner Schlossmauer sowie der Gingener Johanneskirche und im 19. Jahrhundert für die Fabrikbauten der SBI (Süddeutsche Baumwollindustrie) zwischen Kuchen und Gingen.
Dieser Donzdorfer Sandstein ist Bestandteil der ‘Eisensandstein-Formation’ des Süddeutschen Juragesteins. Dieses besteht aus mächtigen Sandsteinen, in die z.T. Eisenerzflöze eingelagert sind und früher abgebaut in Wasseralfingen, Kuchen und Geislingen wurden. Die Basis der Formation bildet in unserer Umgebung der Untere Donzdorfer Sandstein. Die Obergrenze ist der Top des Oberen Donzdorfer Sandsteins, wobei der eigentliche Eisensandstein im Unteren Donzdorfer Sandstein eingebettet ist.
Die räumliche und strukturelle Gliederung der Gesteinseinheiten der Eisensandstein-Formation stimmt weitgehend mit dem hier auftretenden Braunen Jura oder der Periode des Mitteljura überein. Deren Zusammensetzung ist in erster Linie von eisenführenden braunen Sandsteinen und Tonen geprägt. Sie hat eine maximale Mächtigkeit von bis zu 60 Metern.
Die Eisensandstein-Formation enthält, wie der Name bereits vermuten lässt, eisenoxidhaltige Sandsteine, daher kommt auch deren rostbrauen Gesteinsfarbe. Das Eisen ist lokal in größeren Mächtigkeiten zusammen geschwemmt worden. In Ostwürttemberg wurden zwei Flöze mit 1,4 und 1,7 m Mächtigkeit von 1365 bis in die 1950er Jahre in Geislingen bergmännisch abgebaut. Die Flöze haben zwischen 21 und 42% Eisengehalt und 26 bis 31% Kieselsäuregehalt. Dieser hohe Kieselsäuregehalt ist für die Verhüttung sehr ungünstig.

Donzdorfer Sandstein - © GvT

Im Mittleren Jura herrschte warmes Klima, das Amoniten günstige Lebensbedingungen bot. Anhand der einzelnen Vertreter dieser Spezies lässt sich die gesamte Epoche weiter untergliedern.
Der Mitteljura entstand vor 161,2 bis 175,6 Mio Jahren. Er wird in folgende vier Stufen unter gliedert: ‘Callovium’ (164,7–161,2 Mio Jahre), ‘Bathonium’ (167,7–164,7 Mio Jahre), ‘Bajocium’ (171,6–167,7 Mio Jahre) und die älteste Stufe ‘Aalenium’ (175,6–171,6 Mio Jahre). Diese letzte Stufe ist nach der ostwürttembergischen Stadt Aalen benannt - und dieses Schicht ist die Grundlage für die Bergwerke in Wasseralfingen, Geislingen und Kuchen sowie für den Schmelzofen in Donzdorf.
Die Schlüsse aus diesen Fakten: In Donzdorf ist auf einem Gestein gebaut, das aufgrund seiner Zusammensetzung einerseits fest genug, aber andererseits für filigrane Bearbeitung geeignet ist. Der Stein sich relativ leicht in welcher Form auch immer bearbeiten lässt. Vor allem die relativ einfache Verarbeitung ist für unser Thema später noch von großer Bedeutung.


Obervogt Johann Benedikt Jehlin und seine Entdeckung

Historische Karten oder der Donzdorfer Urkataster aus den 1820er Jahren enthalten meistens auch auch die alten Flurnamen. Diese mögen heute ihre Bedeutung verloren haben, aber für einen Historiker oder Volkskundler enthalten sie höchst interessante Aufschlüsse, so auch in unserem Zusammenhang.
Offenbar muss den Menschen vor rund 300 Jahren bewusst gewesen sein, dass in ihrer Umgebung Bodenschätze zu finden waren. Warum sonst bezeichneten sie den Aufstieg auf die Alb beim Messelstein als Kupfersteige und der oben anschließende Wald als Kupfersteighölzle? Ob gezielt gesucht oder nur durch Zufall entdeckt - im Jahre 1715 fand der Rechbergsche Obervogt Johann Benedikt Jehlin, der seit 1712 die Position des rechbergischen Obervogtes einnahm, während eines Rittes über die Kupfersteige Steine, die er als stark metallhaltig einstufte. Woher Jehlin stammte, was für eine Ausbildung er erhalten hatte, das weiß man nicht. Jedoch aufgrund seiner anschließenden Aktivitäten muss man davon ausgehen, dass er Kenntnisse über Erze und ihre Verarbeitung bereits besessen hatte.
Mit herrschaftlicher Billigung schickte er seine Steinfunde 1715 an Gutachter nach Stuttgart, Augsburg, Ulm, Wasseralfingen und München. Jeder der befragten Experten untersuchte die Proben auf Gold-, Silber-, Kupfer- und Eisengehalt. Ihre Ergebnisse stimmten alle überein. Vom erhofften Gold wurde zwar überhaupt nichts gefunden, von dem ebenfalls erwünschten Silber höchstens ganz geringe Mengen, Kupfer konnte gar nicht nachgewiesen werden, dafür aber Eisen in gewinnbringendem Maße. Die Funde von Donzdorf wurden als höherwertig, denn die aus Wasseralfingen, wo ja bereits Erz abgebaut wurde, eingestuft. Die übereinstimmenden Ergebnisse führten dazu, dass Jehlin unter Billigung der Herrschaft mit dem Entwurf für einen Schmelzofen begann.

Armut als Antriebsfeder

Nicht nur Jehlin, sondern auch die Donzdorfer Herrschaft hatte größtes Interesse daran, dieses vielversprechende Projekt zu verfolgen. Der Hintergrund liegt in den Folgen des Spanischen Erbfolgekrieges (1701 - 1713/14).
Die wirtschaftliche Situation in Donzdorf war nach dessen Ende alles andere als rosig. Die Rechberg hatten sich dem bayerischen Kurfürsten Maximilian Emanuel angeschlossen und an seiner Seite vernichtende militärische Niederlagen erlitten. Ihre kleine Herrschaft Blindheim bei Höchstädt war das Zentrum der Kampfhandlungen an der Donau und völlig zerstört. Der damalige Triumphator - John Churchill, der 1. englische Herzog von Marlborough - konnte aufgrund der Siegesgelder sich ein neues Schloss erbauen, und er nannte es nach dem Ort seines größten Trimphes - Blindheim bzw. auf englisch Blenheim Castle. Es ist dasjenige Schloss, in dem der englische Premier Winston Churchill seine Jugend verbrachte. (Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Blenheim_Palace)

Selbst nach dem Ende der Kriegshandlungen waren noch immer Einquartierungen von Husaren an der Tagesordnung, zudem bluteten Zahlungen für deren Ausrüstung und Verpflegung das Land aus. Obervogt Jehlin berichtete regelmäßig über die schwierigen Bedingungen im Lautertal an seine Herrschaft nach München. Graf Franz Albrecht von Rechberg machte sich ernsthafte Gedanken über den Zustand seiner Herrschaft: Daß die Dunzdorffischen Underthanen nit reich sein, will ich woll glauben; warumben sie aber so gar arm sein, wie ihr schreibt, das wais ich nit; ihr solt aber die Ursach, durch welche sie in so grosse Armueth khommen, berichten. Ist dan kein Mitl, wie diese Armuth zu steuren? 
Graf Franz Albrecht war der damalige Inhaber von Donzdorf. Er hatte wichtige Positionen am kurfürstlichen Hofe in München inne, besaß mehrere Herrschaften in Schwaben und in Bayern, dennoch war er auf die Einnahmen auch aus Donzdorf angewiesen. Deshalb zog der Graf aus der schlechten wirtschaftlichen Situation schon bald Konsequenzen. Er verfolgte den Gedanken, sich vom Kaiser einen genehmigten Viehmarkt einrichten zu lassen. Und trotz großer Skepsis erteilte der Graf einem Schatzsucher die Erlaubnis, nach einem Schatz beim Schloß Scharfenberg zu suchen - von dem gerüchteweise dort vergrabenen 10.000 Gulden wurde nichts gefunden, die Rechnung des Schatzsuchers war allerdings gewaltig.
Konkrete Hoffnungen auf eine schnelle Veränderung der Lage konnte hingegen der damalige Donzdorfer und Hohenrechberger Obervogt Johann Benedikt Jehlin mit seinem Projekt von einem Schmelzofen wecken.


Investitionen und Kalkulationen

Obervogt Jehlin war kein Träumer, sondern durch seinen Beruf bedingt ein sorgfältiger Planer und Rechner. Dies bewies er wiederum bei der Planung des Schmelzofens. Alles in allem rechnete Jehlin in Bezug auf einen Schmelzhof mit Investitionskosten in Höhe von 23.600 Gulden. Darin enthalten waren die Baukosten für mehrere Gebäude, eine erste Fuhre Kohlen, Betriebsmittel, Löhne usw.
In einem nächsten Schritt erstellte Obervogt Jehlin eine Gewinnprognose für das Vorhaben. Dazu errechnete er zuerst einen Durchschnittswert für das geförderte Eisen. Nach seiner Rechnung konnten innerhalb von 24 Stunden 20 Zentner Eisen gewonnen werden. Weiter ging Jehlin davon aus, daß man an sieben Tagen in der Woche im Schmelzofen arbeiten würde, also in einer Woche 140 Zentner gewinnen könnte. Innerhalb von elf Monaten, so errechnete er weiter, könnte man also 6720 Zentner Eisen fördern, für Instandsetzungsarbeiten an den einzelnen Werkselemente setzte Jehlin einen Monat pro Jahr an.
Diesen günstigen Prognosen standen die erforderlichen Energiekosten gegenüber. Jehlin war der Meinung, daß pro Woche 18 Wagen mit Kohle gebraucht würden. Für das Brennmaterial und dessen Transport veranschlagte er wöchentliche Kosten von 126 Gulden.
Für die von ihm errechneten 6720 Zentner Eisen veranschlagte Jehlin einen Verkaufswert von 2 Gulden pro Zentner. Somit kam er zu dem Schluß, daß im günstigsten Fall mit Einnahmen von 13.440 Gulden in einem Jahr zu rechnen war.
Dennoch war Jehlin kein grenzenloser Optimist. Aufgrund der Konstruktionsvoraussetzungen erkannte Jehlin die Problematik, dass die Wasserversorgung für den zweiten Ofen, den Läuterofen, im Winter gefrieren konnte. Für die Wasserzufuhr zum Schmelzofen hingegen bestand diese Gefahr nicht, denn angeblich konnte das Wasser in der Leitung aus Deicheln nicht gefrieren.

Arbeitsplätze

Die gesamte Anlage konnte nur mit Hilfe von Spezialisten betrieben werden. Jehlin ging davon aus, daß man einen Schmelzer, 6 Schmelzknechte, einen Pocherknecht, zwei Kohleträger, 7 Erzknappen, 3 Kalksteinbrecher, 14 Führer für die Kalksteine, 42 Führer für das Erzgestein, dann Schlackenführer, Schlackenwäscher und schließlich noch täglich 5 Tagelöhner als Arbeitskräfte benötigte. Das bedeutete, daß in diesem Werk mehr als 80 Personen Arbeit finden sollten. Nicht wenige dieser Aufgaben konnten von Tagelöhnern aus der direkten Umgebung erledigt werden. Falls also das Werk gebaut werden würde, bedeutete dies eine Verbesserung der Lebenssituation für mehr als 80 Familien.

Gewinnprognose

Jehlin zog von den erwarteten Jahreseinnahmen die entsprechenden Ausgaben ab und errechnete zuerst eine Summe von 1.718 Gulden Gewinn. Später korrigierte er seine Prognose noch um 976 Gulden nach oben - ohne hier allerdings den Grund dafür anzugeben - und kam so schließlich in seinem ungefehrlichen Überschlag, was das Eisenschmelzwerk zu Donzdorff jehrlich ertragen mechte, nämlich einen Gewinn von 2654 Gulden.
Vergleicht man diese Prognose mit dem Ertrag der aus den Orten Donzdorf und Wißgoldingen bestehenden Herrschaft Donzdorf, dann erkennt man, daß die Einnahmen aus diesen beiden Orten ziemlich genau der für den Schmelzofen vorhergesagten Gewinnsumme entsprach. Die Einnahmen des Amtes Donzdorf betrugen im Jahr 1722 ohne die Erträge aus dem Schmelzwerk 2622 Gulden. Graf Franz Albert hätte Geld in die Hände bekommen, das in seinem Umfang dem Besitz einer weiteren großen Herrschaft entsprochen hätte.

Zustimmung der Herrschaft

Der Herrschaftsbesitzer genehmigte die Investitionspläne. Da die Rechberg die Inhaber des sogenannten Bergregals waren, lag es an ihnen, als Besitzer möglicher Bodenschätze das Privileg zu ihrem Abbau erteilen.
Graf Franz Albert hatte nicht mehr die Gelegenheit, die Durchführung des Projektes Schmelzofen zu erleben. Zwar hatte er noch einen Vertragsentwurf ausfertigen lassen, in dem  alle Zuständigkeiten von Herrschaft und Obervogt Jehlin geregelt wurden, doch verstarb Graf Franz Albrecht, bevor der Vertrag unterzeichnet werden konnte.
Doch auch Graf Franz Albrechts ältester Sohn, Ferdinand Joseph, war an diesem Projekt höchst interessiert. Auf der Basis des Vertragsentwurfs entwickelte er einen eigenen Vertrag, den er am 16. März 1716 mit Jehlin abschloß. Dieser Vertrag sah folgende Punkte vor:
  • 1. Jehlin erhielt die Erlaubnis zum Bau sämtlicher notwendigen Gebäude auf Unterweckersteller Markung
  • 2. Da die geplanten Bauten Auswirkungen auf die Abgabenzahlungen der Untertanen hatten, mußte sich Jehlin verpflichten, in Verhandlungen mit den betroffenen Hofstelleninhabern zu treten, und die entstandenen Schäden durch Geldzahlungen oder Grundstückstausch auszugleichen. Deutlich stellt Graf Ferdinand Joseph jedoch klar, daß die Arbeiten am Schmelzwerk nicht durch die Weigerung eines Unterthanen in Verzug geraten durften. Falls einer mit der gebotenen Entschädigung nicht zufrieden sein sollte, sollte ein unabhängiges Schiedgericht endgültig über die angemessene Summe entscheiden.
  • 3. Graf Ferdinand Joseph verkaufte Jehling das notwendige Bauholz ohne Preisreduktion aus seinen Wäldern und unterstützte ihn bei dessen Abtransport.
  • 4. Benötigte Rohstoffe wie z.B. Kohle, die unmittelbar für die Inbetriebnahme des Schmelzofens notwendig waren, mußte Jehlin wieder auf eigene Kosten herbeischaffen lassen.
  • 5. Das Eisenerz durfte Jehlin an allen Fundstellen abgraben, wenn er sich zuvor mit den Besitzern der jeweiligen Grundstücke friedlich über eine Abfindung geeinigt hatte.
  • 6. Sämtliche künftigen Kosten mußten allein von Jehlin getragen werden.
  • 7. Jehlin musste jährlich ein Bestandsgeld in Höhe von 400 Gulden in den ersten drei Jahren bis 1719, danach in den folgenden 17 Jahren jeweils 1000 Gulden in bar an die herrschaftliche Kasse entrichten. 
  • 8. Das Unternehmen war zunächst auf einen Zeitraum von 20 Jahren angelegt. Sollte die Eisenhütte nach dieser Zeit noch immer Bestand haben, dann würde sie der Herrschaft anheim fallen. Bei dieser Gelegenheit wollte man eine Bilanz ziehen. Der Wert aller zu diesem Zeitpunkt vorhandenen Rohstoffe und hergestellten Produkte sollten Jehlin erstatten werden. Anschließend stand es der Herrschaft frei, die Eisenhütte an einen Lehensträger ihrer Wahl verleihen zu können.
  • 9. Sollte Jehlin innerhalb der nächsten 20 Jahre frühzeitig scheitern und mit seinen Bestandszahlungen in Verzug geraten, so viel die Schmelzofenanlage an die Herrschaft.
  • 10. Auch sollte das Unternehmen ein Ende haben, wenn das Erz in Unterweckerstell erschöpft sein sollte. Die im Jahre 1716 erteilte Lizenz für die Schmelzhütte erstreckte sich allein auf den Abbau von Eisenerz.

Suche nach Investoren

Weil Jehlin gezwungen war, das Schmelzwerk auf eigene Kosten einzurichten, benötigte er eine große Kreditsumme. Von Graf Ferdinand Joseph konnte er keine Gelder erwarten. Jehlin warb daher um möglichst große Summen von wenigen, finanzkräftigen Geldgebern. Seine Frau half ihm bei deren Beschaffung und setzte dabei anscheinend ihre weyblichen Freyheiten bewusst ein, wie ihr später vorgeworfen wurde. . 
Zu den Kreditgeber gehörten u.a.
    die württembergische Landhofmeisterin Gräfin von Würben
    das Kloster Kaisheim bei Donauwörth
    ein Kurpfalzbayerischer Hofkammerrat aus der Nähe von Donauwörth
    die Hohenrechbergische Kapelle und
    die Unterweckersteller Kapelle.
Beide Kapellen waren Wallfahrtskapellen, die durch Geldanlage ihr Vermögen weiter vergrößerten und dann Kleinkredite an bedürftige Menschen aus der Umgebung vergaben.

Kapelle St. Georg in Donzdorf-Unterweckerstell - © GvT


Fundstätten

Das Erz konnte teilweise unmittelbar unter der Erdoberfläche gewonnen werden. Diesen Rückschluss kann man aus der Tatsache ziehen, dass offenbar immer wieder der Notwendigkeit bestand, neue Grundstücke für den Schmelzhüttenbetrieb zu erwerben. Das bedeutet, daß zunächst keine Stollen in den Berg geschlagen werden mußten, sondern das erzhaltige Gestein kurz unter der Oberfläche zu finden war.
Erst später bestand die Norwendigkeit, Gruben anlegen lassen. Für diesen Zwecke benötigte Jehlin 1722 zum Abstützen der Gänge 52 Holzstämme aus dem Marren.

Aufkauf von Gelände

Zuerst brauchte Johann Benedikt Jehlin den Bauplatz, wo er seine Anlage errichten wollte. Zu diesem Zweck hatte er einen Platz etwa halbwegs zwischen Donzdorf und Unterweckerstell ausgesucht. Von verschiedenen Bauern beider Orte kaufte Grund.
   

Energie-Effizienz: Der erste Donzdorfer Stausee

Für den Betrieb des Schmelzofens wollte Jehlin die im Tal vorhandene Wasserkraft nutzen. Es gibt zwar reichlich Wasserläufe, die aber - jeder für sich allein genommen - einen zu geringen Wirkungsgrad besaßen. Daher war die Anlage eines kleinen Stausees unumgänglich. Durch das Sammeln des Wassers und die anschließend kontrollierte Abgabe über Holzwasserleitungen (Deicheln) auf mindestens ein Wasserrad konnte dieses Problem überwunden werden. Diese Arbeiten wurden mit dem Begriff ‘Wassergebäu’ umschrieben.


Die Bestandteile des Schmelzhofes

Die Köhlerei

Zwar hatte Jehlin bei seiner Betriebskalkulation ursprünglich geplant, den Schmelzofen mit Kohle zu befeuern. Doch die Hinweise auf Holzkäufe im Marren und Albbuch in den Donzdorfer Amtsrechnungen sowie auch aus weiter entfernt gelegenen Wäldern um Straßdorf und Schwäbisch Gmünd lassen darauf schließen, dass er dieses Holz in Holzkohle umwandeln ließ und diese dann als Brennstoff verwendete. Die so gewonnene Holzkohle wurde im Kohlhaus gelagert. Das Simonsbachtal muss damals völlig verqualmt gewesen sein!

Das Pochwerk

Bevor das Erz aus dem Gestein geschmolzen werden konnte, mußten die Gesteinsbrocken zerkleinert werden - was aufgrund des Donzdorfer Sandsteins relativ leicht gelang. Dieser Arbeitsgang erfolgte im sogenannten Pochhaus durch mit Wasserkraft betriebenen Hämmern. Die Existenz eines solchen Pochwerks belegt die Amtsrechung von 1722. Das Wasser wurde dann auf ein Wasserrad geleitet, mit dessen Hilfe die Hämmer des Pochwerkes bewegt wurden. Diese zerkleinerten das erzhaltige Gestein, aus dem im anschließenden Schmelzwerk das Erz herausgeschmolzen wurde.
Das Werk wurde nicht direkt am vorbeifließenden Simonsbach - auch Schmelzofenbach genannt - errichtet, sondern über eine Wasserleitung versorgt. Jehlin hatte sich für diese Bauvariante entschieden, weil der Simonsbach immer wieder starkes Hochwasser führte.

Der Schmelzofen

Am 1. Oktober 1715 war Grundsteinlegung für den Schmelzofen - also vor 295 Jahren. Er war ein würfelförmiger Bau aus Stein mit einer Höhe, Breite und Länge von 24 Schuh (= ca. 8 Meter).
Jehlin war erleichtert, als er vor dem Bau feststellen konnte, daß am Schmelzhaus sich ein Steinbruch gezeigt, aus dem das Baumaterial entnommen werden konnte. Er wertete diesen Umstand als glückliche Fügung Gottes. Doch war sich Jehlin nicht sicher, ob der Bau noch in jenem Jahr 1715 abgeschlossen werden konnte. Auf alle Fälle hatte er bereits das herrschaftliche Wappen von einem Maler anfertigen lassen. Nach dieser Vorlage sollte ein Bildhauer die entsprechenden Formen herstellen, damit man später die Wappen gießen konnte.
Damit bei diesem Verfahren eine ausreichende Temperatur erreicht wurde, wurde über große, vom Wasser gleichmäßig bewegte Blasebalge Luft in das Feuer geblasen. Also auch hier wurde wiederum die Wasserkraft des Schmelzofenbachs benötigt und genutzt.  

Der Läuterofen

Zusächlich zum Schmelzofen hatte Jehlin einen Leuterofen geplant. Dort sollte das Roheisen noch einmal erhitzt werden. Bei diesem Arbeitsgang war eine noch höhere als beim ersten notwendig, denn nur so gelang es, die noch im Eisen enthaltenen Verunreinigungen entfernen zu können. Anschließend wurde das reine Eisen in Gewichte gegossen.
An dieser Stelle darf man durchaus die Vermutung äußern, dass die in den 1790er Jahren in Weißenstein unbrauchbar gewordenen Eisenkanonen vielleicht aus Donzdorfer Eisen hergestellt worden waren.  

Schlackestein vom Schmelzhof in Donzdorf - © GvT


Die Produktpalette

Das im Schmelzofen gewonnene Eisen fand bereits in Donzdorf seine Abnehmer. So erwarb 1722 die Herrschaft unterschiedliche Gewichte im Gesamtvolumen von 34 Pfund. Weiter wurden für das Schloss 4 eiserne Öfen, 1 Herd und 1 Ofenplatten erkhaufft. Das herrschaftliche Jägerhaus erhielt 1724 einen Höllofen und die neue Amtsküche zwei Herdplatten.   
Die Herrschaft scheint das Eisen als Spekulationsobjekt entdeckt zu haben, denn sie kaufte immer wieder Eisenbarren in größerer Stückzahl auf. 

Die Geschäftsentwicklung

Zunächst scheint das Unternehmen erfolgreich gewesen zu sein. Zwar sind keinerlei detaillierte Abrechnungen vom Schmelzofen vorhanden, doch anhand der Donzdorfer Amtsrechnungen erhält man Einblick in die Geschäfte der Schmelzhütte. Die erste im Vertrag vereinbarte Zahlung von 400 fl ist in der Rechnung von 1718 enthalten. Danach hat Jehlin seine erste Rate an Jakobi 1717 entrichtet. Ab 1721 stiegen die Raten - wie vertraglich 1716 vereinbart - auf 1000 fl an.

Die Wende

Die einstmals hochgesteckten Hoffnungen auf satte Gewinne begannen sich seit spätestens 1722 zu verflüchtigen. In jenem Jahr richteten mehrere Gläubiger ihren Forderungen an Graf Aloys Clemens, der daraufhin das Vermögen von Jehlin einfror. Der Gmünder Kaufmann Johann Eustach Jaufter und seine Schwäger hatten sich bereits dessen Schäferei übertragen lassen. Für Jehlin wurde es immer schwieriger, neues Kapital zu beschaffen. Im Jahre 1723 konnte der Schmelzofen gerade mal 15 Wochen im Jahr betrieben werden.
Doch es kam noch schlimmer. Nachdem es der württembergischen Landgräfin von Würben und Freudenthal nicht gelungen war, ihre Zinsforderungen gerichtlich einzutreiben, erschien sie persönlich im Januar 1724 in Donzdorf, um dort Fakten zu schaffen. Der damals kranke Jehlin musste ihr auf ihr Drängen 5500 Zentner Eisenbarren, jeder Zentner per 2 Gulden 5 Kreuzer käufflich überlassen, welches einer Summa von 11.458 Gulden 20 Kreuzern ausmachet und wird, weilen man das Eyßen hochnöthig, Freytag oder Samstag mit dem Transport der Anfang gemacht werden, und muessen die Württembergischen Underthanen in denen Ambtern Göppingen und Heydenheim solches in der Frohn auf Königsbronn füehren...
Als Graf Aloys Clemens von diesem Geschäft erfuhr, legte er sein Veto dagegen ein, weil er diesen unerwartet schnellen Abschluss als schalckhafftigen und dem Grafen höchstschädlichen Streich betrachtete. Seine Donzdorfer Beamten mussten nun den Abtransport blockieren, was wiederum den Ruf von Jehlin noch weiter schädigte, hatte dieser doch gehofft, mit den Einnahmen aus diesem Verkauf sämtliche Kreditgeber auszahlen zu können.
Johann Benedikt Jehlin wies den Grafen Aloys Clemens vergeblich darauf hin, dass er mehrfach versucht hatte, sein Eisen zu verkaufen, es in Ulm nicht an den Mann gebracht hatte, man ihm in Ellwagen nur 1 Gulden für den Zentner geboten hatte und so betrachtet die von der Landgräfin gebotenen 2 Gulden und 5 Kreuzer ein äußerst erfreuliches Angebot gewesen waren.
Als Jehlin im württembergischen Amt Göppingen die Vorgänge rund um die Donzdorfische Blockade erklären wollte, wurde er gefangen genommen, ins Gefängnis nach Schorndorf gebracht und dort mehrere Wochen festgehalten. Gleichzeitig wurde in den Wirtshäusern der Umgebung öffentlich verkündigt, dass wenn man Jehlin Geld leiht, man keinen Kreuzer mehr zurückbekommen würde - der Ruf war endgültig ruiniert. Die Versuche seiner Frau, Geld für sich und ihre 10 Kinder durch den Verkauf von Stroh zu erwirtschaften, wurden ihr verboten. Sie konnte auch kein Vieh verkaufen, es war ihr verboten, die Trescher zu bezahlen. Außerdem wurde Jehlin, der sich nie etwas bei der Verwaltung der Rechbergschen Herrschaft Donzdorf hatte zuschulden kommen lassen, seines Amtes enthoben und seine Familie musste schleunigst die Dienstwohnung und den angegliederten Bauernhof verlassen.  
Jehlin sah sich daher gezwungen, die im Vertrag von 1716 eingefügte Klausel, anzuwenden, wonach er sein Werk verkaufen muss, wenn er in finanzielle Schwierigkeiten gerät. Er bot es weit unter Wert dem Grafen Aloys Clemens als Gesamtpaket für 6.500 Gulden an.
Jehlins Frau Anna Maria versuchte, bei der Gräfin Marie Eleonore Verständnis für die Lage der Familie zu erreichen. Sie schildert ihren Mann als einen rechtschaffenen Beamten, der auch dann, als der Schlosshof vollständig überschwemmt und die Roggenernte vollkommen vernichtet gewesen war, seine Bestandsgelder für den Schlosshof in vollem Umfang, ohne Abzüge an die Herrschaft entrichtet hatte. Doch alle Fürsprachen halfen nichts. Ab 1726 werden die Donzdorfer Amtsrechnungen von einer neue Handschrift ausgeführt, d.h. dass Jehlin den Posten eines Donzdorfischen Obervogtes verloren hatte.
Was ist mit ihm passiert? Es scheint, als ob man Johann Benedikt Jehlin und seiner Familie den Schmelzofen überlassen hat. Dieser ist weiterhin in Betrieb und die Herrschaft wird noch 1727 mit der Lieferung von reinem Eisen und Abschlägen auf das Bestandsgeld befriedigt. 
Nachdem die extrem schwierigen Jahre 1724 und 1725 überstanden waren, scheint der Schmelzofen noch einige Jahre auf kleinem Niveau Bestand gehabt zu haben. Über sein endgültiges Ende gibt es keine Nachrichten. 


Fazit aus den Vorgängen zwischen 1715 und 1725

Johann Benedikt Jehlin war ein für seine Zeit genialer Mann gewesen. Er hatte die Möglichkeiten, die sich im Simonsbachtal geboten hatten, erkannt. Sein größtes Problem war nicht mangelndes technisches Verständnis, sondern das zu geringe Eigenkapital.
Aus diesem Grunde stürzte er, als es zu einer Absatzkrise für Eisen auf den umliegenden regionalen Märkten kam, in eine massive Schuldenkrise. Die einsetzende Teufelsspirale  tat ihr übriges: Die Verweigerung der Herrschaft, dem Verkaufs-Deal mit Württemberg zuzustimmen, verschärfte die Krise. Jehlins Festnahme und die öffentliche Verkündung seiner Zahlungsschwierigkeiten sowie der Entzug des Vertrauens durch die Herrschaft führte zu seinem wirtschaftlichen Niedergang. Jehlin hatte viel riskiert und viel verloren.


Was ist geblieben?

Außer dem Hausnamen ‘Schmelzhof’ und den Archivalien im Gräflich Rechbergschen Familienarchiv in Donzdorf gibt es kaum noch Überreste von der ältesten frühindustriellen Anlage in unserem Landkreis.
Schon im Württembergischen Urkataster finden sich keine Hinweise mehr auf die ehemaligen Anlagen. Das Areal wurde zu einem Bauernhof umgebaut, aus dem sich die Wohnhäuser zweier Familien samt Nebengebäuden entwickelt haben.
In diesen Familien ist die Kenntnis über die Lage der ehemaligen Schachteingänge noch lebendig. Außerdem findet man auf ihrem Gelände hin und wieder schwarz glänzende Schlackesteine, Überreste aus der Zeit des Schmelzofens.
Die Kenntnis über die Existenz von Eisenerz in unserer Heimat ist auch gegenwärtig den großen deutschen (ehemaligen) Montanunternehmen durchaus geläufig. Im Gingener Rathaus gibt es Karte, in der die Schürfrechte für das gesamte Gingener und Donzdorfer Marrengebiet samt dem Simonsbachtal eingetragen sind. Ob und wie lange diese Schürfrechte noch Bestand haben werden, muss ich bei Gelegenheit einmal recherchieren.

Quellen und Literatur

GRFAD - einschlägige Archivalien zum Donzdorfer Schmelzhof



Sonntag, 20. Mai 2018

Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 4.4: Hürbelsbach 1493-96 - Von der Pfarrkirche zur Grabkapelle

© Gabriele von Trauchburg

Nachdem die Hürbelsbacher Pfarrkirche zur Filialkirche degradiert worden war, wählte Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen sie zu seiner Grablege aus. Wer war dieser Mann?

Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg (✝ 1496) 

1462 kämpfte Ulrich II. während des bayerischen Krieges (1459-63) im Heer des Markgrafen Albrecht Achilles von Ansbach-Brandenburg gegen Herzog Ludwig den Reichen von Bayern-Landshut bei Giengen/Brenz und geriet dabei in bayerische Gefangenschaft. Ein Jahr später trat er in die Dienste des Herzogs.
Ulrich II. stand außerdem mit dem württembergischen Herzog Eberhard im Bart - derjenige aus der württembergischen Hymne - und Kaiser Maximilian in engem Kontakt. Mit dem Herzog und zwei seiner Vettern pilgerte Ulrich II. 1468 nach Jerusalem und wurde dort zum Ritter des Heiligen Kreuzes geschlagen. Zuhause organisierte er seine Herrschaften Hohenrechberg, Heuchlingen, Eschach und Wangen bei Gaildorf nach modernsten Gesichtspunkten. Zudem war Ulrich ein aktiver Patronatsherr. An der Finanzierung von zwei Dorfkirchen in seinen Herrschaftsgebieten war er aktiv beteiligt und auf dem Hohenrechberg errichtete er die erste Wallfahrtskapelle aus Stein. Ulrich II. starb 1496.
 

Die Entwicklung der Hürbelsbacher Kirche zur Grabkapelle

Nach wie vor ist unklar, auf welche Weise sich Ulrich II. die Hürbelsbacher Kirche als Grablege für sicherte. Bis zur Verlegung der Pfarrei 1493 war die Kirche Eigentum des Klosters Anhausen. Eine Urkunde, die die Nutzung der zur Kapelle umgewandelten Kirche regelt, ist nicht überliefert. Auch das Motiv, gerade an diesem Ort, wo Ulrich II. keinerlei Besitz- oder Herrschaftsrechte besaß, seine Grabkapelle einzurichten, ist bislang unklar. Man kann nur festhalten, dass 1493 plötzlich große Investitionen in das kleine Gotteshaus getätigt wurden.

Die Hürbelsbacher Kapelle - © GvT

Noch in das Jahr 1493 datiert die in Esslingen bei dem damals hochangesehenen Esslinger Glockengießer Pantaleon Sidler angefertigte Glocke. Sie kann nur nach dem Aufhebungsvertrag bezüglich der Pfarrei Hürbelsbach vom 14. Februar 1493 (vgl. Teil 4.3) entstanden sein, denn es macht keinen Sinn, eine finanziell ruinierte, gerade im Auflösen begriffene Pfarrkirche mit einer neuen Glocke auszustatten. Folglich kann nur Ulrich II. von Rechberg diese Glocke gestiftet haben. Und sie schlägt auch noch nach über 500 Jahren im Glockenturm. 
Wohl gleichzeitig gab Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg-Heuchlingen sein Epitaph in Auftrag. Er ließ ein bronzenes Halbrelief von einem überlebensgroßen Ritter in vollem Harnisch und auf einem Hund stehend anfertigen. Über den Künstler kann man nur spekulieren. Bisher hat man Nürnberger Meister in Betracht bezogen. Nachdem jedoch Sidler bereits die Glocke goss, könnte der Ritter im Harnisch durchaus auch in dessen Werkstatt angefertigt worden sein. Das Epitaph wurde noch zu Lebzeiten von Ulrich II. fertiggestellt. Heute befindet es sich in der Gruftkapelle der Grafen von Rechberg in der Donzdorfer St. Martinus-Kirche.

Epitaph des Ulrich II. von Rechberg-Hohenrechberg in St. Martinus Donzdorf - © GvT

Zwischen 1493 und 1496 entstand für die Hürbelsbacher Kapelle auch noch ein Altar, dessen Flügel Bartholomäus Zeitblom bemalte. Auch dieser Altar gehörte zu der neuen, von Ulrich II. von Rechberg gestifteten Ausstattung der Kapelle Hürbelsbach und wird anschließend noch genauer betrachtet.

Quellen und Literatur

http://www.inschriften.net/landkreis-goeppingen/inschrift/nr/di041-0125.html#content
Joseph Alois Rink, Familiengeschichte der Grafen und Herren von Rechberg und Rothenlöwen -
II. Theil: Geschichte der Hohenrechbergischen Hauptlinie, Manuskript 1821
https://de.wikipedia.org/wiki/Bayerischer_Krieg_(1459%E2%80%931463)

Freitag, 18. Mai 2018

Donzdorfer Kapellenweg - Teil 4.3: Von der Gründung der Pfarrei Hürbelsbach 1143 bis zu ihrem Ende

© Gabriele von Trauchburg

Mit der Herauslösung Hürbelsbachs aus dem Gingener Herrschaftsverband war auch gleichzeitig die Abtrennung von der Gingener Pfarrei verbunden gewesen. Das bedeutete ab 1106 konkret, dass die Bewohner von Hürbelsbach ohne geistlichen Beistand beim Gottesdienst, bei Heiraten, bei Taufen und bei Sterbefälle waren. Für die Menschen des Mittelalters war dies die schlimmste Vorstellung überhaupt. Deshalb besaß die Gründung der Pfarrei, sobald die Siedlung Hürbelsbach Bestandteil des neu gegründeten Klosters in Langenau 1125 oder spätestens 1143 in Anhausen gewesen war, für die Mönche des jungen Klosters oberste Priorität.
Die Existenz der Pfarrei bezeugt erstmals 1275 ein Zehntregister des Bistums Konstanz. Über den Umfang der neuen Pfarrei schweigen die Quellen zunächst. Erst 1464 und 1493 wird deutlich, dass zur Pfarrei Hürbelsbach ursprünglich auch die Siedlung Kleinsüßen mit ihrer Marienkapelle gehört hatte. Dieser Zusammenhang legt die Vermutung nahe, dass auch diese Siedlung ursprünglich einen Teil des Gingener Herrschaftsbereichs bildete.

Der Heilige Laurentius als Kirchenpatron von Hürbelsbach

Laurentius (dt. Lorenz) war bei Papst Sixtus II. (257-258) in Rom Erzdiakon gewesen. Der Legende nach verteilte er Kirchenvermögen an Arme, als die Enteignung der frühchristlichen Kirche durch die römische Staatsmacht drohte.
Zur Strafe wurde Laurentius gefoltert: man schlug ihn mit lebenden Skorpionen und drückte ihm glühende Eisenplatten auf die Hand. Beide Foltermethoden konnten Laurentius nichts anhaben, statt dessen traten mehrere Soldaten zum Christentum über. Dies verärgerte die römische Staatsmacht noch mehr, und sie ließ Laurentius deshalb auf einen glühenden Eisenrost legen und verbrennen. Er verstarb am 10. August 258.

Ausschnitt aus dem Zyklus zur Laurentius-Legende, Hürbelsbach - Ludwig Traub, 1884 - © GvT
Durch sein Martyrium ist der Heilige Laurentius der Schutzpatron aller Berufsgruppen, die mit Feuer zu tun haben, z.B. Bäcker, Bierbrauer, Köche, Wäscherinnen und Feuerwehrleuten. Wegen seiner Arbeit als Finanzverwalter des Papstes wird er von Archivaren und Bibliothekaren verehrt. In der Volksmedizin sprach man dem Heiligen Linderung bei Hexenschuss, Haut- und Ischiasproblemen zu. Sein Gedenktag ist der 10. August. In Donzdorf wird er jährlich mit einem Gottesdienst bei der Kapelle begangen.

 Heiliger Laurentius, um 1500 - © GvT


Kloster Anhausen als Patronatsherr von Hürbelsbach

Bis zur Auflösung der Pfarrei Hürbelsbach 1493 hatte das Kloster Anhausen das Patronat inne. Zu den Aufgaben eines Patronatsherren gehörte Errichtung, Ausstattung und Unterhalt der Kirche sowie der Wohnung des Pfarrers.
Ein Ausstattungsgegenstand der Kirche muss das bis heute erhaltene romanische Vortragekreuz gewesen sein, das in der Literatur als staufisches oder schwäbisches Vortragekreuz bezeichnet wird. Dieses Vortragekreuz aus Bronze wird in die 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts datiert und ist in seinem Erscheinungsbild einmalig. Es ist wohl eine Stiftung aus dem Umfeld der Pfalzgrafen oder Grafen von Dillingen, denn das junge Kloster Anhausen hatte sich eine derartige Arbeit wahrscheinlich nicht leisten können.


Replik des Hürbelsbacher Vortragekreuzes - © GvT
Doch von Anfang an gab es massive strukturelle Probleme in der Pfarrei Hürbelsbach. Im Gegensatz zu den benachbarten Pfarreien Gingen oder Donzdorf besaß Hürbelsbach zwar einen Widdumhof, jedoch kein Bevölkerung, die durch Zehnten zur Versorgung des Pfarrers beitrug. Zudem erhielt die junge Pfarrei auch keine große Unterstützung von dem ebenfalls ständig in wirtschaftlichen Schwierigkeiten gefangenen Kloster Anhausen.
Während des gesamten 15. Jahrhunderts scheint das Bistum Konstanz die Aufgaben eines Patronatsherrn übernommen zu haben, denn das Bistum Konstanz sorgte dafür, dass Geistliche aus umliegenden Gemeinden auch die seelsorgerische Arbeit von Hürbelsbach und Kleinsüßen übernahmen.

Ende der Pfarrei in Hürbelsbach

Am 14. Februar 1493 wurde die gesamte Pfarrei Hürbelsbach schließlich neu organisiert. In einem Vertrag wurde die Verlegung der Pfarrei von Hürbelsbach nach Kleinsüßen geregelt. Die Hürbelsbacher Kirche verlor ihren Status als Pfarrkirche. Im Kirchengebäude sollten künftig nur noch 1 Messe pro Woche und an besonderen, bis dahin üblichen Kirchenfesten Gottesdienste gefeiert werden: St. Laurentius, St. Stefan an Weihnachten, Ostermontag, an Pfingstmonstag, an Sonntag Laetare = Mittfasten und an Kirchweih. Das Kleinsüßener Patronat lag künftig - wie zuvor - beim Kloster Anhausen.
Da die bestehende Ausstattung nun in der neuen Pfarrkirche, der Marienkapelle in Kleinsüßen, benötigt wurde, leerte man wohl die alte Pfarrkirche und brachte alles notwendige nach Kleinsüßen. Auf diese Weise gelangte also das Vortragekreuz aus staufischer Zeit dorthin.

Quellen und Literatur

Wilhelm Volkert, Die Regesten der Bischofe und des Domkapitels von Augsburg, Bd. 1, Augsburg 1985, S. 300, Nr. 506
Ziegler Walter, Von Siezun bis Süßen - Ein Streifzug durch 900 Jahre, Süßen 1971, S. 33-41.
Die Zeit der Staufer, Bd. 1- Katalog, Stuttgart 1977, S. 510, Nr. 677a
Gabriele von Trauchburg, 1100 Jahre Gingen an der Fils, Gingen 2015

Donnerstag, 17. Mai 2018

Donzdorfer Kapellenweg - Teil 4.2: Ein Streit und seine Folgen - Das Schicksal von Hürbelsbach zwischen 1106-1143

© Gabriele von Trauchburg


Entweder im Jahre 1106 oder 1107 richteten die Lorscher Mönche gleichzeitig ein Schreiben an Papst Paschalis II. (1099–1118), dem Garanten ihres Klosters, und an den deutschen König Heinrich V. (1099–1125). Diese beiden Schreiben lenken den Blick auf Auseinandersetzungen zwischen den Lorscher Mönchen und namentlich nicht genannten Adeligen. Adelige hatten den Mönchen einen Teil ihres zu Gingen gehörenden Besitzes und damit ihre Einnahmen unrechtmäßig an sich gerissen. Zwar ist in den Schreiben nicht ausdrücklich von Hürbelsbach die Rede, doch die nachfolgenden Ereignisse von 1125 und 1143 lassen nur diesen einen Schluss zu. 
                               

Die allgemeine Lage um 1125

Pfalzgraf Manegold d.J. von Dillingen (um 1065 - nach 1143), der königliche Verwalter in Ulm von 1112-1125, gründete 1125 ein Kloster in Langenau. Diese Klostergründung erfolgte in einer politisch äußerst angespannten Lage.
Die 100jährige Herrschaft der Salier ging mit dem Tod Kaiser Heinrichs V. im Jahre 1125 zu Ende. Zwei Männer beanspruchten die Nachfolge für sich - der Sachse Lothar von Supplinburg und der Staufer Konrad III. Aus der Königswahl ging Supplinburg als Sieger hervor. Zur Sicherung seiner Machtbasis in Süddeutschland verlangte König Lothar die Herausgabe des gesamten Salierbesitzes. Dieses Vergehen war durchaus üblich.
Doch der Gegner des Königs, der Staufer Konrad III., war ein Enkel Kaiser Heinrichs IV. und beanspruchte das Eigengut der Salier für sich. Darüber entstanden juristische Unsichertheit und Streitigkeiten in Süddeutschland, in deren Verlauf die Stadt Augsburg 1132 von den Truppen Lothar von Supplinburgs komplett zerstört wurden.
Das neugegründete Kloster in Langenau lag in unmittelbarer Nachbarschaft zur Reichsstraße zwischen der Königspfalz Ulm und der Reichsstadt Augsburg und war damit in seinem Bestand gefährdet. Aufgrund dieser unsicheren Lage wurde die Langenauer Klosterneugründung letztendlich 1143 nach Anhausen bei Herbrechtingen - also ins Einflussgebiet der Grafen von Dillingen - verlegt. In der Anhauser Stiftungsurkunde von 1143 werden die 1125 gestifteten Klostergüter, darunter Hürbelsbach, ausdrücklich als Bestandteil der älteren Stiftung bestätigt. Diese Urkunde von 1143 enthält somit die erste datierte Nennung von Hürbelsbach.

Die Legalisierung eines Diebstahls

Nachdem in der Stiftungsurkunde des Klosters Anhausen Hürbelsbach auftaucht, ohne dass im Kloster Lorsch eine Verkaufsurkunde über den Ort existiert, muss man in Hürbelsbach den in den Briefen von 1106 unrechtmäßig entwendeten Lorscher Besitz erkennen.
Doch keine 20 Jahre später findet sich dieser ehemalige Lorscher Klosterbesitz plötzlich als Stiftungsgut bei der Neugründung des Langenauer Klosters wieder. Wie konnte es dazu kommen? Ein Blick in das Stammesgesetz der Alamannen hilft dabei weiter. Darin ist verankert, dass keiner von den Laien sich unterstehe, Kirchengut ohne Urkunde zu besitzen; wenn er keine Urkunde vorweist, dass er vom Hirten der Kirche erworben habe, stehe der Besitz der Kirche zu.
Eine schriftliche Rechtfertigung für den Stiftungsvorgang rund um Hürbelsbach gibt es nicht, doch man findet dazu eine durchaus plausible Erklärung. Die Kirche konnte keinen Krieg mit Waffen führen, dafür verfügte sie über ein äußerst wirksames Mittel, möglichen Räubern größten Respekt einzuflößen: Sie verwies auf das Jüngste Gericht und die Aussicht auf ein ewiges Fegefeuer. Dabei war nicht nur derjenige, der diesen Frevel begangen hatte, davon betroffen, sondern auch seine Nachfahren. Was lag also näher, als das geraubte geistliche Gut in ein neues Kloster einzubringen, das zudem unter der Kontrolle der Familie der Dillinger stand und von einem Bischof abgesegnet wurde, der rein zufällig zur eigenen Familie gehörte?

Das Interesse des Pfalzgrafen Manegold an Hürbelsbach

Pfalzgraf Manegold d.J. von Dillingen residierte als Vertreter des Königs in der Königspfalz in Ulm. Zu seinen Aufgaben gehörten Kontrollfunktionen und die Vertretung des Königs innerhalb des Stammesherzogtums. Das Interesse des Pfalzgrafen Manegold d.J. an Hürbelsbach lässt sich aus der einzigartigen geographischen Lage der Siedlung leicht erkennen. Auf einem Hügel des auslaufenden Marrens überwacht Hürbelsbach den Eingang in das Lautertal und das Filstal. Von Plochingen kommend verlief der direkte Weg zur Königspfalz Ulm durch das Filstal bis nach Geislingen. Damit wurde Hürbelsbach zum strategischen Vorposten von Ulm.

Blick von Hürbelsbach ins Filstal Richtung Göppingen - © GvT

Möglicherweise spielte die außerordentliche Lage von Hürbelsbach in den Auseinandersetzungen um die Herrschaft zwischen Kaiser Heinrich IV. und seinem Sohn Heinrich V. in den Jahren 1105 und 1106 eine entscheidende Rolle, so dass sich Pfalzgraf Manegold zu dieser Vorgehensweise genötigt  gesehen hatte.

Quellen und Literatur

- Schott, Clausdieter, Lex Alamannorum. Das Gesetz der Alemannen - Text, Übersetzung, Kommentar zum Faksimile aus der Wandelgarius-Handschrift Codex Sangallensis 731, Augsburg 1993, S. 95
- Volkert, Wilhelm, Die Regesten der Bischöfe und des Domkapitels von Augsburg, Bd. 1 - Von den Anfängen bis 1152, Augsburg 1985, S. 300f
- Geschichte der Stadt Augsburg, hrsg. v. Gunther Gottlieb u.a., Stuttgart 1984
- Gabriele von Trauchburg, 1100 Jahre Gingen an der Fils, Gingen/Fils 2015

Mittwoch, 16. Mai 2018

Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 4.1: Hürbelsbach - eine kleine Siedlung im Mittelalter

© Gabriele von Trauchburg


Die erste schriftliche Erwähnung dieser kleinen Siedlung zwischen Süßen, Donzdorf und Gingen/Fils im Landkreis Göppingen stammt aus dem Jahr 1143. Der Ort selbst ist jedoch erheblich älter.
Wenn man eine solche Behauptung aufstellt, sollte es doch möglich sein, noch tiefer in die Geschichte einzutauchen. Gute Dienste leistet dabei oftmals die Untersuchung des Ortsnamen.

Die Bedeutung des Ortsnamen

Der Ortsname Hürbelsbach gibt die Lage am gleichnamigen Bach, der weiter oberhalb am Marren entspringt, an. Die Bezeichnung kommt wohl aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet ‘schmutziger Bach’. Tatsächlich kann man beobachten, dass dieses Gewässer an manchen Stellen über einen rostrot gefärbten Untergrund läuft. Dieser rührt von dem aus dem örtlichen Sandstein ausgewaschenen Eisen her. Der von der Geographie beeinflusste Ortsname hilft uns also bei der Datierung von dessen Alter nicht weiter.
Die frühe Geschichte der Siedlung ist jedoch mit der des benachbarten Dorfes Gingen/Fils aufs engste verknüpft. Und diese Verbindung gilt es jetzt näher unter die Lupe zu nehmen.  

Das Geschenk der Königin Kunigunde von 915 an das Reichskloster Lorsch

Das Reichskloster Lorsch an der Bergstraße lag etwa 60 Kilometer von Mainz entfernt. Bis zu seiner Auflösung im Jahre 1234 war es eines der bedeutendsten Klöster des Mittelalters. Die deutsche Königin Kunigunde befürchtete Ende 914/Anfang 915 einen baldigen Tod. Aus diesem Grund wollte sie sicher sein, dass Mönche des Klosters Lorsch regelmäßig für ihr Seelenheil beten würden.

Gedenkplatte für die in der ehemaligen Klosterkirche Lorsch unter anderen begrabene deutsche Königin Kunigunde - © GvT

Zu diesem Zweck schenkte Königin Kunigunde am 8. Februar 915 den Lorscher Mönchen einen breiten Streifen Land. Die Einnahmen daraus sollten zum Unterhalt der Klosterbrüder beitragen. Die Mönche ihrerseits sicherten der Königin zu, dass sie nach ihrem Tode regelmäßige Gebete für die Königin übernehmen würden.

Die Torhalle aus der Karolingerära am Eingang zum ehemaligen Reichskloster Lorsch - © GvT

In der zugehörigen Urkunde der Königin ist allerdings nur von Gingen/Fils die Rede. Dass die Schenkung jedoch nicht nur Gingen umfasste, erfährt man aus einem weiteren Lorscher Dokument. Weil Klöster nur über rechtliche Auseinandersetzungen ihre Stellung und ihren Besitz wahren konnten, waren sie zur lückenlosen Dokumentation ihrer Rechte und Besitzungen gezwungen. Daher funkionierten ihre Verwaltungen vorbildlich. So verwundert es nicht, dass es für das Kloster Lorsch eine Besitzaufzeichnung inklusive der damit verbundenen Rechte gab - den sogenannten Codex Laureshamensis.
In dieser leider undatierten, aber wohl um 1000 entstandenen Aufzeichnung ist die Gruppe der zur Schenkung von Gingen gehörenden Orte erwähnt. Danach umfasste sie die Orte Grünenberg, Gingen, die verschwundene Siedlung Marrbach am Fuße des Marren, Hürbelsbach sowie die verschwundenen Siedlungen Birchwang, Winterswang und Richardsweiler, aus dem die Jackenhöfe im Ottenbacher Tal hervorgingen.

Karte der zur Gingener Schenkung  der Königin Kunigunde gehördenden Orte - © Entwurf: GvT

Nun können wir also den Umfang der Schenkung von Königin Kunigunde genau umreißen: deren Nordende lag auf dem Aasrücken zwischen Hohenstaufen und Hohenrechberg und der südlichste Punkt war die Siedlung Grünenberg bei Gingen. Die in der Besitzaufzeichnung genannten Orte besaßen die Form einer Sichel. Das gesamte Gebiet zwischen Grünenberg und den Jackenhöfen unterstand dem klösterlichen Verwaltungsverband mit Sitz in Gingen und dessen Pfarrei. Die Siedlung Hürbelsbach bestand im 10. und 11. Jahrhundert gerade einmal aus einem großen Gehöft, auf dem nach Schätzungen von Archäologen rund 30 Menschen lebten. Die Menschen bearbeiteten ihre Äcker und leisteten ihre Abgaben. Laut Besitzverzeichnis lieferten die Hürbelsbacher in erster Linie Kleie ins Kloster - das zugehörige Korn wurde auf dem Markt verkauft und die Geldeinnahmen nach Lorsch geschickt. Dieses langgestreckte Gebilde hatte bis kurz nach 1100 Bestand.


Quellen und Literatur

 Gabriele von Trauchburg, 1100 Jahre Gingen an der Fils, Gingen 2015

Dienstag, 15. Mai 2018

Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 3: Die Barbarakapelle

© Gabriele von Trauchburg


Teil 3: Die Barbarakapelle 

Es ist nicht das erste Mal, dass man versucht, Licht ins Dunkel um diese Kapelle zu bringen. Denn das größte Problem besteht darin, dass es nur sehr, sehr wenige Unterlagen zur Geschichte dieser Kapelle gibt. Aus dem Wenigen versuche ich nun dennoch eine einigermaßen fundierte Geschichte herauszuarbeiten.   


Die ältere Kapelle

Aus der Literatur ist bekannt, dass in den Jahren 1582 und 1583 der ursprünglich bei der Pfarrkirche St. Martinus gelegene Friedhof an seinen heutigen Standort verlegt wurde. Möglicherweise stand diese Maßnahme im Zusammenhang mit der Fertigstellung des Donzdorfer Schlosses von 1569 oder der Entstehung des sogenannten Oberdorfes in unmittelbarer Nähe der Kapelle. 

Gleich im Anschluss an die Verlegung wurde dort 1585 die Barbarakapelle gebaut. Sie besaß wahrscheinlich die gleiche Größe wie die heutige Kapelle. Über den Baustil weiß man nichts. Es ist jedoch durchaus wahrscheinlich, dass die Kapelle - wie auch das herrschaftliche Schloss im Dorfzentrum - bereits deutlich sichtbare Züge des Renaissance-Stils aufwies. 

Auch gibt es keine Unterlagen über die Ausstattung der Kapelle. Aufgrund der Wahl der Heiligen Barbara als Kapellenpatronin darf man vermuten, dass im  Chor ein Altar mit einer Figur oder einer Bildtafel der Heiligen Barbara gestanden hatte. 

 

Wer war der Bauherr der barocken Kapelle?

Bereits um 1700 brach man die baufällig gewordene Barbarakapelle ab. Es dauerte dann fast 40 Jahre, bis man einen Neubau ins Auge fasste. In der Zwischenzeit hatte es eine Reihe von herrschaftlichen Veränderungen in Donzdorf gegeben. Zwischen 1702 und 1704 kam es in unmittelbarer Umgebung von Donzdorf zu kriegerischen Auseinandersetzungen im Rahmen des Spanischen Erbfolgekrieges. Donzdorf war Auf- und Abmarschgebiet und hatte daher große finanzielle Belastungen zu tragen. 

Die wirtschaftliche prekäre Situation hielt weit über den bis 1715 andauernden Krieg an. Der Donzdorfer Obervogt Jehlin versuchte deshalb seit den 1720er Jahren durch die Investition in den Bau einer Schmelzhütte - nicht allzu weit von der Barbarakapelle entfernt - die schwierige Lage zu verbessern, scheiterte jedoch letztendlich.

Hinzu kam, dass der letzte Donzdorfer Herrschaftsinhaber aus der Linie Staufeneck im Jahre 1732 verstarb. Im Namen seiner Erbtöchter veräußerte Graf Paul Nikolaus Reich von Reichenstein 1735 den halben Rechbergschen Anteil der Herrschaft Donzdorf mit Gütern auf dem Scharfenberg und Wißgoldingen an Herzog Carl Alexander von Württemberg. 

Der Ritterkanton Kocher, zu dessen Organisation die Herrschaft Donzdorf gehörte, wandte sämtliche ihm zur Verfügung stehenden rechtlichen Mittel an, um diesen Verkauf zu verhindern. Denn Güter unter der Organisation eines Ritterkantons durften nicht ohne dessen Genehmigung verkauft werden. Er klagte deshalb vor dem Kaiser in Wien und erhielt Recht. Schließlich sah sich der württembergische Herzog 1737 gezwungen, die Herrschaft Donzdorf zum Kaufpreis von 1735 an den Ritterkanton zu übergeben. 

Der Ritterkanton hatte im Zusammenspiel mit dem Vertreter der letzten, noch verbliebenen Rechbergschen Linie, Johann Bero von Rechberg-Weißenstein, die Rückgewinnung von Donzdorf für den Ritterkanton und damit letztendlich für die Familie Rechberg betrieben. Dies bedeutete, dass ab 1737 ein Obervogt des Ritterkantons Kocher die Verwaltung des rechbergischen Teils von Donzdorf erledigte. Diese Erkenntnisse ist wichtig, um die folgenden Vorgänge zu verstehen.   

 

Der Bau der barocken Barbarakapelle

Der Ritterkanton Kocher als Patronatsherr der Donzdorfer Pfarrei St. Martinus begann 1738 mit den Planungen für eine neue Kapelle - also genau ein Jahr nach Abschluss des gewonnenen Prozesses gegen Württemberg. Das Motiv für den Neubau einer seit nahezu 40 Jahren nicht mehr vorhandenen Kapelle liegt nicht direkt auf der Hand.

Schon im Dezember 1739 war der Bau abgeschlossen, teilweise finanziert durch einen Kredit der Kapellenverwaltung Unterweckerstell (vgl. Teil 6.5 - Unterweckerstell, Label Unterweckerstell). Die gesamten Bauarbeiten leitete der damalige Donzdorfer Obervogt des Kanton Kochers, Merz. Dieser wandte sich nach Abschluss der Bauarbeiten an ein nicht namentlich genanntes männliches Mitglied des Hauses Rechberg, um an die finanzielle Zusage für den Kapellenbau zu erinnern. Merz erwähnte dabei, dass noch eine Differenz von 100 Gulden ausgeglichen werden musste. Aus diesem Schreiben geht hervor, dass die gräfliche Familie Rechberg über den Bau der Kapelle bestens informiert war - zudem hatte ein Untertan der Rechbergischen Herrschaft Weißenstein die Arbeiten des Baumeisters übernommen. Die Weihe der neuen Kapelle erfolgte dennoch erst 1748, also zu einem Zeitpunkt, als Donzdorf sich bereits wieder drei Jahre in der Hand der Familie Rechberg-Illereichen-Weißenstein befand.

Der lange Zeitraum zwischen Fertigstellung und Weihe hing möglicherweise auch mit dem Ausbruch des Österreichischen Erbfolgekrieges von 1740-1748 zusammen. Der bayerische Kurfürst Karl Albrecht hatte die Thronfolge der Habsburgerin Maria Theresia nicht anerkannt und sich zum deutschen Kaiser krönen lassen. Diese Haltung führte zwangsläufig zum Krieg und letztlich zur Niederlage von Karl Albrecht. In seinem Heer hatten die beiden einzigen waffenfähigen Rechberg, Johann Bero von Rechberg-Weißenstein und seine jüngerer Bruder Franz Xaver Leo gekämpft.

Die Barbarakapelle in Donzdorf, 1739 - © GvT

Baumeister war der Weißensteiner Maurermeister Philipp Spengler. Er schuf einen für die damalige Zeit hochmodernen Bau. Statt der alten strengen Sakralarchitektur mit rechteckigem Kapellenraum und angefügtem gerundetem Chor schuf er anstelle des harten, kantigen Übergangs von Kapellenraum und Chor eine sanfte, gerundete Übergangsform. In diesen  Übergängen wurden Nischen für Altäre eingerichtet. 
 

Der Innenraum der Barbarakapelle - © GvT

Die Kapelle ist der Heiligen Barbara geweiht. Sie ist eine der 14 Nothelfer. Man ruft sie insbesondere in den letzten Sekunden des Lebens an. Die Hinwendung zu dieser Heiligen ist für einen Sterbenden dann von größter Bedeutung, wenn für ihn keine andere Möglichkeit mehr auf den Erhalt des Sterbesakraments besteht.  

 

Die Ausstattung der Kapelle 

Das Innere der Barbarakapelle ist heute in schlichter Einfachheit gehalten. Im Chor steht ein triumphierender Auferstehungschristus. Im Kapellenraum kann man gotische, der Ulmer Schule zuzuordnende Heiligenfiguren bewundern. Auf der linken Seite steht eine spätgotische Marienfigur, die ursprünglich Teil einer Kreuzigungsgruppe gewesen war. In der linken ‘Seitenaltar’-Nische befindet sich eine Maria Magdalena, die den Deckel eines Salbgefäßes in einer Hand hält, das Gefäß selbst ist nicht mehr erhalten. Der Maria Magdalena gegenüber befindet sich in der rechten Nische eine Madonna mit Kind aus dem Umfeld des berühmten Ulmer Bildhauers Hans Multscher aus der Zeit um 1470. Zuletzt steht ganz rechts eine Anna Selbdritt - die Großmutter Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Enkel Jesus.
Zwischen den gotischen Figuren sticht eine 1780 eigens eingebaute Mauernische auf der linken Seite ins Auge. Darin fand ein so genannter Schulterwundenheiland seinen Platz. Diese Darstellung der Leiden Christi geht auf eine Vision der Mystikerin Crescentia von Kaufbeuren (1703-1744) zurück, die der Irseer Pater Magnus Remy in bildliche Form umsetzte. Auf dem Umweg über den kurfürstlichen Hof in München gelangte diese Verehrung auch in Rechbergische Herrschaften - 1779 in die Wallfahrtskirche auf dem Hohenrechberg, 1780 hier in die Barbarakapelle in Donzdorf und in die Alte Gottesacker-Kapelle von Illereichen.

Der Crescentianischer Kerkerchristus von 1780 - © GvT

 

Das Außergewöhnliche an der Kapelle

So klein die Kapelle auch ist, so besitzt sie unter den barocken Kirchen und Kapellen im Landkreis Göppingen dennoch ein außergewöhnliches Merkmal. Vergleicht man die barocken Kirchengebäude, so findet man die typischen barocken Elemente im Bereich der Ausstattung, d.h. in Form von Stuckaturen, Gemälden oder Bildnissen. Die Architektur der Kirchengebäude folgt der traditionellen Weise mit einem rechteckigen Langhaus und einem gerundeten Chor. Die einzige Ausnahme von diesem Schema, die ich im Landkreis kenne, ist die Donzdorfer Barbarakapelle. 

Von außen betrachtet folgt sie dem traditionellen Architekturschema. Doch im Inneren hält sie eine Überraschung bereit. Am Übergang vom Hauptraum zum Chor finden sich zu beiden Seiten zwei oval ausgeformte Nischen, in denen die Seitenaltäre untergebracht waren. 

Diese ovale Form im Übergang vom Hauptraum zum Chor ist ein architektonisches Element, das in Rom bereits in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eingeführt worden war. In Süddeutschland ist es vor allem Dominikus Zimmermann, der die Auflösung der traditionellen Raumstrukturen in kirchlichen Gebäuden vorantrieb - so 1728–1733 in der 'schönsten Dorfkirche der Welt' in Steinhausen, 1735–1740 in der Frauenkirche von Günzburg und 1745–1754 in der Wieskirche bei Steingaden. 

 

Die ganz eigene Führung des Lichts im Chorraum - © GvT

Der Weißensteiner Baumeister Philipp Spengler begnügte sich jedoch nicht nur mit der Nachahmung des Zimmermannschen Prinzips der Auflösung der alten Strukturen, sondern er nahm die neue ovale Gestaltungsform zu Hilfe, um somit die Aufmerksamkeit noch stärker auf den Chor zu lenken. Spengler verkleinerte mit Hilfe der ovalen Nischen den Choreingang. Auf diese Weise verschwinden für den Betrachter beinahe die beiden Chorseitenfenster. Hingegen reflektieren die eingezogenen Nischenmauern das Licht der Chorseitenfenster, so dass eine ganz eigene Atmosphäre im Chorraum entsteht.    

  

Quellen und Literatur

Hauptstaatsarchiv Stuttgart, A 224 Bü 196 und A 164 Bü 28, 6

GRFAD, RA 4471 - Akte zur Barbarakapelle Donzdorf, 1738

Josef Rink, Familien Geschichte der Rechberg - Teil 5, Manuskript 1821

Heribert Hummel, Donzdorf - Die Kirchen der Stadt Donzdorf, Weißenhorn  1995

https://www.augsburger-allgemeine.de/illertissen/Erinnerung-an-die-Leiden-Christi-id24625926.html

 

 

Montag, 14. Mai 2018

Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 1: Wie kommt man zu einem Kapellenweg?

© Gabriele von Trauchburg 

 

Teil 1: Wie kommt man zu einem Kapellenweg?

Vor ein paar Jahren kam dem langjährige 2. Vorsitzende des Kirchengemeinderates von St. Martinus Donzdorf, Bernhard Baum, bei einer Wanderung in den Salzburger Alpen die Idee, in seiner Heimatstadt ebenfalls einen Kapellenweg zu errichten.

Auf Donzdorfer Gemarkung stehen mehrere Kapellen. Allein südlich der Lauter gibt es die Hürbelsbacher Kapelle, die Barbarakapelle, die Unterweckersteller Kapelle, die Kapelle beim Scharfenhof und die kleine Kapelle beim Donzdorfer Flugplatz. Hinzu kommt noch die Kapelle St. Peter in Grünbach. Unweit davon entfernt liegt die Pietà-Kapelle von Lauterstein-Nenningen.

Als das Vorhaben erste konkrete Formen annahm, hatte gerade der Landkreis Göppingen seine Städte und Gemeinden dazu aufgerufen, eigene touristische Rundwege zu entwickeln. Nun galt es, zunächst die Kirchengemeinde Donzdorf ins Boot zu holen und anschließend auch die Stadtverwaltung Donzdorf. Beide Institutionen nahmen das Projekt mit Begeisterung auf.

Innerhalb kurzer Zeit konnte ein knapp 22 Kilometer langer, durch die schönsten Ecken der Donzdorfer Gemarkung führender Weg gefunden werden. 
© - Mit freundlicher Genehmigung der Stadt Donzdorf

 Auch ein Logo war schnell entwickelt.


© - Mit freundlicher Genehmigung der Stadt Donzdorf

Die Wegweiser für den neuen Kapellenweg wurde jetzt im Frühjahr 2018 aufgestellt.


© GvT
Was noch fehlte, war eine grundlegende Erforschung der einzelnen Kapellen. Noch nie hatte sich jemand daran gesetzt, die Geschichte und Kunstgeschichte der einzelnen Gebäude im Detail zu erfassen. Diese Arbeit nahm im gesamten Vorhaben den längsten Zeitraum ein. Doch das Ergebnis kann sich - wie man anhand der folgenden Einzelkapitel leicht erkennen kann - sehen lassen. Aufgrund der neuen Erkenntnisse werden jetzt für jede Kapelle passend zu ihrer Geschichte eine Fürbitte formuliert.

Das Ziel des gesamten Vorhabens ist, die Kapellen wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken, ihre vielfältigen Besonderheiten herauszuheben und ihre Geschichte offenzulegen. Die meisten Kapellen liegen an einer von uns heute als malerisch empfundenen Stelle, doch ihre vielen Besucher der vergangenen Jahrhunderte suchten hier Trost und göttlichen Beistand bei den vielfältigen Krankheiten und Gefahren, denen sie in ihrem Alltag gegenüberstanden. Heute mögen die Sorgen andere als früher sein, doch noch immer können die Kapellen ihren Besuchern als ein Ort der Einkehr und Hilfe bei der Bewältigung des Alltags dienen. 

Ich hoffe nun, dass Sie, liebe Leser, mir auf den neuen Donzdorfer Kapellenweg folgen werden.

Geschichte(n) von Gingen/Fils - Teil 1.3: Die erste bekannte Gingener Dorfherrschaft: Königin Kunigunde

© Gabriele von Trauchburg Als zweite Frau möchte ich Ihnen die deutsche Königin Kunigunde vorstellen. Sie ist diejenige Königin, die ih...