Montag, 14. Januar 2019

Der Donzdorfer Kapellenweg - Teil 6.1: Unterweckerstell - Kapelle am Talende

© Gabriele von Trauchburg


Die Anfänge der Kapelle St. Georg in Unterweckerstell

Wie so oft ist die ursprüngliche Stiftungsurkunde oder ein entsprechender Weihestein nicht überliefert. Eine exakte Aussage zur Entstehung der Kapelle ist damit nicht mehr möglich. Doch auch wenn es im vorliegenden Fall der Kapelle von Unterweckerstell keine schriftliche Quelle gibt, so hilft in diesem Fall die Architekturgeschichte des Gebäudes weiter.

Kapelle St. Georg in Donzdorf-Unterweckerstell - © GvT

Romanisches Fenster und Kreuzrippengewölbe

Die Kapelle besitzt bis heute ein romanisches Rundbogenfenster auf der Ostseite im Chor. Dieses Fenster ist trotz verschiedener Umbaumaßnahmen im Laufe der Jahrhunderte bis heute erhalten geblieben.

Romanisches Rundbogenfenster auf der Ostseite der Kapelle St. Georg - © GvT

Das Innere des Chors wird von einem mächtigen Kreuzgewölbe getragen. Dieses wird in die 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert.

Der Chor von St. Georg mit seinem Kreuzrippengewölbe und dem romanischen Fenster - © GvT
Romanisches Fenster und das Kreuzrippengewölbe aus der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts ersetzen also die schriftliche Überlieferung in Bezug auf die Entstehungszeit der Kapelle. Außerdem kann man aus dieser frühen Baugeschichte den Rückschluss ziehen, dass die Kapelle offensichtlich von Anfang an in Steinbauweise errichtet worden war.

Der Kapellenpatron

Seit dem Jahre 1407 weiß man definitiv, dass in der Kapelle von Unterweckerstell eine St. Georgsmesse gefeiert wird. Deshalb darf man auch vermuten, dass der Heilige Georg von Beginn an der Kapellenpatron gewesen ist. Wer war überhaupt dieser Heilige und lassen sich die Gründe für diese Wahl nachvollziehen?

Die Legende
Der Heilige Georg war wohl ein Märtyrer, der in der Zeit der Diokletianischen Christenverfolgung in der 1. Hälfte des 4. Jahrhunderts zu Tode kam. Die Legende von seinem Kampf gegen einen Drachen ist in der Legenda aurea von Jacobus de Voragine enthalten. Außerhalb der Stadt Silena (heute Shahhat) in Libyen hauste ein Drache, der mit seinem Gifthauch die Stadt verpestete. Täglich mussten ihm die Einwohner Opfertiere bringen, damit er friedlich gestimmt war. Als es keine Tiere mehr gab, forderte der Drache Menschenopfer. Irgendwann fiel das Los auf die Königstochter. Nach herzzerreisendem Abschied ging die junge Frau hinaus zum See. Da tauchte Georg auf. Als der Drache erschien, um sein Opfer zu holen, schwang Georg mit seiner Lanze das Zeichen des Kreuzes und durchbohrte dann die Bestie. Der Drache stürzte zu Boden.
Dann veranlasste Georg die Königtochter, ihren Gürtel um den Drachen zu legen und ihn in die Stadt zu ziehen. Dort wollten zuerst alle fliehen, doch Georg versprach den Bewohnern, dass er den Drachen töten würde, wenn sich alle zum Christentum bekehren würden. Georg erschlug den Drachen und vier Paar Ochsen schleppten anschließend das gewaltige Gewicht des Drachens aus der Stadt. Daraufhin ließen sich der König und das gesamte Volk taufen.

Heiliger Georg, Kapelle St. Georg Unterweckerstell, Glasmalerei von 1861 - © GvT


Der Kult um den Heiligen Georg

Die Legende des Heiligen Georg thematisiert ebenso wie diejenige der Heiligen Katharina von Alexandria das Thema von der christlichen Auferstehungshoffnung. Der Kult um Georg kam mit lateinischen Übersetzungen im 5. Jahrhundert in den Westen. An der Wende zum oder am Beginn des 11. Jahrhunderts fügte ein unbekannter Schreiber die althochdeutsche Dichtung des Georgsliedes in eine Handschrift des ersten namentlich bekannten althochdeutschen Dichters, Otfrid von Weißenburg (ca. 800 - nach 870), ein. Das Lied berichtet in 10 Strophen mit 57 Versen von der Bekehrung, der Verurteilung, dem Martyrium und den Wundern des kappadokischen Erzmärtyrers und Soldatenheiligen Georg.

Durch den Mainzer Erzbischof und Reichenauer Abt Hatto III. (891–913) gelangten Georgsreliquien nach Schwaben, u. a. das „Georgshaupt“ zur Georgskirche in Reichenau-Oberzell (896). Daraufhin entwickelte sich in der Folgezeit vom Bodenseekloster ausgehend in Schwaben und darüber hinaus eine intensive Georgsverehrung, die von der Reichenau bis zum Kloster St. Georgen im Schwarzwald (1084/1085) reicht.
Eine Entstehung des 'Georgsliedes' in Schwaben bzw. auf der Reichenau scheint aufgrund alemannischer und fränkischer Dialektmerkmale im Text nicht ausgeschlossen.
Die Taten des tapferen Helden Georg sprachen die Menschen im 12. Jahrhundert, dem Zeitalter der Kreuzzüge, in besonderem Maße an. Hinzu kommt, dass laut der Legenda Aurea der Heilige Georg den Kreuzrittern in weißer Rüstung vor Jerusalem erschienen war. Gott selbst hatte ihn zur Erde zurückgeschickt, um die christlichen Kämpfer zu unterstützen, die Sarazenen zu erschlagen und Jerusalem zu erobern. Diese Darstellung entwickelte sich zur Grundlage der Georgsritter-Bruderschaften.
Der bayerische Herzog Otto von Wittelsbach ließ um 1245 ein Epos als Ritterroman schreiben durch Reinbot, Kaiser Maximilian I. erklärte ihn zu seinem Haus- und Sippenheiligen.

Heiliger Georg in weißer Rüstung, ehem. Seitenflügel eines Altares, um 1500 - © GvT
Im 14. Jahrhundert wurden von der katholischen Kirche die ‘14 Nothelfer’ geschaffen. Sie sollten den Menschen bei sämtlichen Belangen ihres beschwerlichen Alltags während des Bürgerkrieges zwischen Kaiser Ludwig dem Bayern und dem Papst und später während der Pestepidemien Beistand leisten, wenn keine geregelten Gottesdienste möglich waren.
Der Heilige Georg, der bis dahin in erster Linie von Adeligen und Soldaten verehrt wurde, wurde ebenfalls in die Reihe der 14 Nothelfer aufgenommen und erlangte auf diese Weise eine große Popularität. Sein Gedenktag ist der 23. April, der sich zu einem wichtigen Tag im bäuerlichen Kalender entwickelte. Ab diesem Tag wurde das Betreten der Wiesen untersagt, Dienstboten konnten ihre Herrschaft wechseln, Abgaben und Zinsen für Krediten wurden zur Zahlung fällig, Pferde wurden an diesem Tag gesegnet, weshalb bis heute am Georgstag Pferdeumritte stattfinden. 

Lage der Kapelle

Die Kapelle St. Georg liegt in Unterweckerstell am Ende des Simonsbachtales bei Donzdorf. Der Weiler ist hufeisenförmig vom Albtrauf umgeben. Auf einem der vorgelagerten Berge liegt die Ruine der Burg Scharfenberg, umgangssprachlich auch Scharfenschloss genannt (Label: Scharfenberg ).
Turmspitze von St. Georg, Burgruine Scharfenberg auf dem Berg im Hintergrund - © GvT

Die Kapelle gehört zum kleinen Weiler Unterweckerstell. Von hier aus führte der mittelalterliche Weg hinauf auf die Alb nach Oberweckerstell, der in alten Karten als alte Donzdorfer Steige bezeichnet wurde. Dieser Albaufstieg wurde vor allem von Gefährten, die aus den Reichsstädten Schwäbisch Hall und Schwäbisch Gmünd kamen, zur Weiterfahrt nach in die Reichsstadt Ulm genutzt.


Alte Donzdorfer Steige bei Unterweckerstell - © GvT

Quellen und Literatur

- Heimatbuch Donzdorf, hrsg. v. Stadt Donzdorf, Donzdorf 1976
- Württembergisches Urkundenbuch, Band III., Nr. 562, Seite 11-12 (auch online): Urkunde des Königs Friedrich II. vom 23. Oktober 1214, ausgestellt in Speyer
- https://www.heiligenlexikon.de/BiographienG/Georg_der_Maertyrer.htm
- https://de.wikipedia.org/wiki/Georgslied


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